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Von Kristian Stemmler

In unserer Zeit des schönen Scheins, der glänzenden Fassaden, der galoppierenden Euphemismen kommt es vor allem auf die Verpackung an. Ein Projekt muss einen wohlklingenden Namen tragen, das ist die halbe Miete. Mit der Bezeichnung „Zukunftswerkstatt“ ist man da natürlich ganz weit vorn, das klingt visionär, optimistisch, kreativ. Wer könnte ernsthaft etwas vorbringen gegen ein Projekt mit einem solchen Namen, oder etwa doch?

Tatsächlich muss man schon genau hingucken und auch genau formulieren, um klar zu kriegen und klar zu machen, was an der Zukunftswerkstatt Buchholz, die am Sprötzer Weg unweit des Gymnasiums am Kattenberge entstehen soll, kritikwürdig ist. Was bisher über das Projekt, für das am Mittwoch mit großem Trara der Erste Spatenstich gefeiert wurde, verbreitet wurde, klingt jedenfalls erst mal harmlos und auf den ersten Blick durchweg positiv.

„Die Zukunftswerkstatt Buchholz will Kinder und Jugendliche zusätzlich zum Schulunterricht an naturwissenschaftliche und technische Themen heranführen und hierfür begeistern“, heißt es etwa in einer Präsentation des Projektes selbst. So solle „die Lern- und Forschungsfreude bei Kindern und Jugendlichen geweckt und so der Mehrwert von Bildung vermittelt werden.“ Dagegen kann ja wohl niemand etwas haben!

Auch ein Beitrag im Magazin der Stadtwerke Buchholz, die im Förderverein der Zukunftswerkstatt mitmischen, weiß nur Gutes über das Projekt zu vermelden. Mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche im Landkreis Harburg könnten von der Zukunftswerkstatt erreicht werden. Sie sollen dort frühzeitig an die so genannten MINT-Fächer, also an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, herangeführt werden. Vormittags könnten Klassen in den „hellen Laborräumen“ experimentieren, nachmittags könnten Jugendliche unter pädagogischer Betreuung Projekte entwickeln.

Landrat Joachim Bordt ist da natürlich ganz von den Socken. „Der Landkreis Harburg macht weiter Schule“, jubelt er in dem Magazin und begründet mit wohlgesetzten Worten, warum die Zukunftswerkstatt so wichtig ist. Im Elternhaus fehle „der spielerische Zugang zur Technik“, die Schule könne dieses Defizit nicht ausgleichen. „Wenn wir also Schüler und Schülerinnen neugierig machen wollen auf Naturwissenschaft und Technik, spielt ein möglichst früher Praxisbezug ohne Leistungsdruck, aber mit gezielter Förderung eine eminent wichtige Rolle – Kinder müssen tüfteln können“, so der Landrat.

Klar, dass auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), der zum Ersten Spatenstich nach Buchholz kam, die Zukunftswerkstatt knorke findet. „Sie ist ein Leuchtturm für das Land“, derilierte er vor den 200 Gästen. Er hoffe, dass das Projekt junge Menschen begeistere, denn Niedersachsen brauche kluge Köpfe. Das Land Niedersachsen fördert die Zukunftswerkstatt immerhin mit knapp 1,3 Millionen Euro, von der Stadt Buchholz komen 100.000 Euro, vom Landkreis und der Metropolregion Hamburg jeweils 200.000 Euro. Förderer sind unter anderem die EWE-Stiftung, die Stadtwerke Buchholz und die Volksbank Lüneburger Heide.

Das klingt doch nach einer Win-Win-Situation. Die Schüler haben was davon, die Schulen auch und die Wirtschaft sowieso – wer könnte da meckern? Aber es tut mir leid: Das Projekt belegt vor allem, dass die Wirtschaft den Bildungsbereich immer mehr nach ihren Vorstellungen formt, dass sie die Schulen nur noch als Institute betrachtet, die passenden Nachwuchs zu züchten haben. Dabei geht die kritische Distanz der Schulen zur Wirtschaft und zur herrschenden Ordnung verloren. Es geht immer weniger darum, aus den Schülern kritische Menschen zu machen, und immer mehr darum, sie zu ehrgeizigen Karrieristen zu erziehen.

Diese Absicht wird auch nicht verschwiegen, denn man findet ja nichts dabei. „Ein Beitrag zur Verringerung des Fachkräftemangels“ solle geleistet werden, heißt es in der Präsentation der Zukunftswerkstatt. Von der „Rekrutierung von Nachwuchskräften“ ist die Rede. Althusmann erklärte, es gehe um die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Damit meint er nur eines: Die Wirtschaft muss florieren, der Kessel muss rauchen, der Rubel muss rollen. Wie die Gesellschaft der Zukunft genau aussehen soll, was sie lebenswert macht, danach fragt er nicht.

Dabei wäre dies genau die Frage, die eine Zukunftswerkstatt thematisieren sollte, wenn sie ihren Namen wirklich verdienen will. Statt die Freude der Schüler am Tüfteln für die Nachwuchszüchtung zu missbrauchen, sollte die Begeisterung der Jugend für soziale Themen und umweltpolitische Fragen genutzt werden. Für Leute wie Bordt und Althusmann klingt das sicher abwegig: Aber ich stelle mir vor, dass in einer solchen Werkstatt Kinder und Jugendliche zusammenkommen, um Visionen zu entwickeln und wirklich wichtige gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. Wie, mit welchen Techniken wenden wir die Umweltkatastrophe ab, wie kommen wir zu einer gerechteren Verteilung der Mittel, wie kommen wir weg von der Fixierung auf den Konsum – um nur mal drei Bereiche anzureißen.

Es ist traurig, wie sich die Schulen offenbar immer mehr den Direktiven der Wirtschaft unterwerfen, wie sie sich zunehmend vom Ideal einer ganzheitlichen Bildung entfernen. Natürlich ist der Schulleiter des Gymnasiums am Kattenberge, Armin May, in der Stiftung, die zusammen mit dem Förderverein die Zukunftswerkstatt trägt, ganz vorn mit dabei. Wie, so frage ich, soll an einer Schule, die von einem solchen Schulleiter geführt wird, ein kritischer Geist entstehen? Aber das ist auch wohl gar nicht beabsichtigt.

In der hermetischen Gedankenwelt von Leuten wie Althusmann, Bordt und May oder den zahlreichen Beteiligten aus der hiesigen Wirtschaft kommen Zweifel an der geltenden Ordnung ja überhaupt nicht vor. Dass es auch anders und besser gehen könnte, allein die Möglichkeit erscheint undenkbar. Alles ist gut so, kann aber immer noch optimiert werden. Und das ist auch das unausgesprochene Motto der Zukunftswerkstatt: höher, schneller, weiter! Wohin die Reise geht, wen interessiert das! Armes Deutschland!

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