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Posts Tagged ‘Wietze’

Von Kristian Stemmler

Endlich! Endlich legt sich die evangelische Kirche im Landkreis Harburg in einer wirklich brisanten gesellschaftspolitischen Frage ins Zeug, endlich kommt zündende Kritik von der Kanzel endlich legt sie sich mit einer Lobby wirklich an – mit der im Agrarland Niedersachsen mächtigen Lobby der Landwirte. Wie die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) in ihrer Ausgabe vom Freitag berichten, ist ein heftiger Streit zwischen dem Kirchenkreis Hittfeld und dem Landvolkverband über das Thema Massentierhaltung entbrannt. Der Landvolkverband ist die einflussreichste Interessenvertretung für die niedersächsischen Bauern und ihre Familien mit allein rund 2200 Mitgliedern im Landkreis.

In einem internen Schreiben, das den Grünen und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft zugespielt und von ihnen öffentlich gemacht wurde, fordert der Landvolkverband seine Mitglieder allen Ernstes auf, Geistliche zu melden, die sich kritisch zu den Methoden der Landwirtschaft äußern. Das ist, wie der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Christian Meyer, zutreffend feststellt, eine Aufforderung zur „Denunziation von Pastoren“, eine „unglaubliche Entgleisung“ und eine „Einschüchterung von Kirchenvertretern“. Mit anderen Worten: ein Skandal ersten Ranges!

Auslöser des internen Verbandsschreibens waren Predigten in Erntedankgottesdiensten (7. Oktober), in denen die industriellen Produktionsmethoden in der Landwirtschaft, speziell die Massentierhaltung, kritisiert worden waren. Der Verband empfand das als „unsachliche Kritik“. Der interne Denunziantenappell war ganz offenbar der unmoralische Versuch, der Kirche von Anfang an die Lust an der Debatte zu nehmen, und im Grunde auch eine versteckte Drohung, denn die Landwirte und alles was noch dran hängt, sind in vielen ländlichen Gemeinde eine echte Größe.

Die Reaktion des Kirchenkreises Hittfeld ließ dennoch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Wenn Pastorinnen und Pastoren aus der biblischen Botschaft heraus ethische Stellungnahmen ableiten, gehört dies zu ihrem Auftrag der Kommunikation des Evangeliums“, sagte Superintendent Dirk Jäger der HAN. Es sei unstrittig, dass Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft zahlreiche Probleme mit sich brächten. Und: Es müsse, „deutlich werden, dass auch Verbraucherwünsche nach billigen Lebensmitteln und Profitmaximierungen des Handels mitverantwortlich sind für Fehlentwicklungen in der Nahrungsmittelproduktion“.

Der Aufruf des Landvolkverbandes sei sicher „der falsche Weg“, so Jäger weiter, das Schreiben werde nach seiner Einschätzung auch von vielen Landwirten „als unglücklich und wenig hilfreich empfunden“. Anzustreben sei nicht eine Konfrontation, sondern ein breit angelegter Dialog zwischen Landwirten, Verbrauchern, ja der gesamten Bevölkerung über vertretbare Formen der Nutztierhaltung. Bettina Siegmund vom Kirchlichen Dienst auf dem Lande unterstützte den Superintendenten in der HAN mit dem Hinweis, dass Christen dazu aufgerufen seien, „die Welt verantwortlich zu gestalten, ohne uneingeschränkt über sie zu verfügen“.

Zu den Kriterien bei der Beurteilung von Tierhaltung, so Siegmund weiter, gehöre „auch die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, das heißt, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen“. Es müsse bezweifelt werden, „dass man in Großeinheiten und Großschlachtanlagen, wie sie heute bestehen oder geplant werden, dem Tierwohl und den sozialen und umweltethischen Anforderungen gerecht werden kann“. Dem ist nichts hinzuzufügen!

Mit einer weichgespülten Stellungnahme ruderte Werner Maß, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbandes Harburg in der HAN bereits zurück. Jeder Pastor habe selbstverständlich das Recht seine Meinung einzubringen (wie gnädig!), wird er zitiert. Der Verband fühle sich missverstanden und wolle die Aussprache mit der Kirche suchen. Maß behauptete allen Ernstes, dass Auswüchse der Massentierhaltung auch innerhalb der Landwirtschaft auf massive Kritik stießen. Das ist mir bisher nicht aufgefallen.

Gut eine Woche vor Beginn des neuen Kirchenjahres hat die evangelische Kirche im Landkreis mit der deutlichen Stellungnahme des Superintendenten in einer gesellschaftspolitisch brisanten Frage Flagge gezeigt. Es ist zu hoffen, dass dies die Diskussion über die skandalöse, tierquälerische Massentierhaltung weiter anfacht. Dass diese Kritik dazu beiträgt, die Sensibilität für das Thema in der Region weiter zu schärfen und dem geplanten Megaausbau etwa der Massentierhaltung von Hühnern einen Riegel vorzuschieben.

In Heidenau ist dies gelungen, jetzt muss auch der geplante zweite Hühnermaststall in Sprötze mit allen Mitteln verhindert werden. Nur wenn auf breiter Front der Bau von Hühnermastanlagen in der Region unterbunden wird, kann es gelingen, Europas größten Schlachthof für Hühner des Konzerns Rothkötter in Wietze bei Celle unrentabel zu machen. Rothkötters Massentötungsanlage, in der im Endausbau 2,4 Millionen Tier in der Woche exekutiert werden sollen, ist auf etwa 400 Zulieferern in einem Umkreis von 100 Kilometern angewiesen. Hier muss angesetzt werden!

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Von Kristian Stemmler

Leider ist der Naturschutzbund Nabu mit seiner Klage gegen Europas größten Schlachthof für Hühner in Wietze bei Celle vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg gescheitert. Das melden mehrere Medien. Das Gericht geht nicht davon aus, dass durch die Anlage unzumutbarer Lärm entsteht, die Grenzwerte für den Ammoniak- und Stickstoffausstoß würden nicht überschritten und die ausgestoßenden Bioaerosole durch eine Filteranlage gereinigt. Bei Lektüre der Begründung des Gerichts entsteht der Eindruck, dass zumindest die Belastung der Umgebung durch gefährliche Keime, vor der Experten warnen, nicht gesehen wird.

Der NABU hatte sich als Kläger gegen eine Genehmigung des Gewerbeaufsichtsamt für den Betreiber des Schlachthofs, den Rothkötter-Konzern, gewandt. Begründung: Die Immissionsprognose sei unzureichend in Bezug auf den Anlieferverkehr, aber auch in Bezug auf den Betrieb selbst. Mikroorganismen und Bioaerosole würden austreten und ein nicht hinnehmbares Gesundheitsrisiko für die Anwohner darstellen. Die Schlachtleistung des Betriebes soll im Endausbau bis zu 27.000 Hähnchen stündlich betragen oder 2,592 Millionen Tiere wöchentlich.

Das Gericht verwies darauf, dass laut Schallgutachten vom Januar 2010 der erhöhte Verkehr nicht zu einer Überschreitung der maßgeblichen Werte führe, auch der durch den Schlachthof selbst erzeugte Lärm liege unter den Werten für eine Wohnbebauung. Auch der von der Behörde begrenzte Ammoniak- und Stickstoffausstoß werde nach einem Immissionsgutachten nicht überschritten.

Die ausgestoßenen Bioaerosole, nämlich luftgetragene Schadstoffe wie Stäube, Pilzsporen, Mikroorganismen, die sich nachteilig auf die menschliche Gesundheit auswirken könnten, würden durch eine spezielle Abluftreinigung zurückgehalten. Medizinisch begründete Immissionsgrenzwerte für Bioaerosole existierten nicht. In Tierhaltungsanlagen werden die Bioaerosole bestimmt durch Futterart, Einstreu, Tieraktivität, längere Reinigungsabstände, in dem Schlachthof hingegen sind die zu erwartenden Immissionen weitaus geringer, zumal die Anlagenkomponenten täglich gereinigt werden. Für eine besondere Keimbelastung beim Tiertransport selbst außerhalb des Schlachtbetriebes gäbe es keine konkreten Anhaltspunkte.

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Von Kristian Stemmler

Zwischen Penny und Bahnhof regiert die Hektik. Ab und an trinken Leute auf dem eher unwirtlichen Platz am Kabenhof ihr Bier, ansonsten geht es hier nur darum, den Zug zu kriegen oder schnell noch was einzukaufen. Seit vergangenem Mittwoch lohnt es sich aber wirklich, auf diesem Platz zu verweilen – seitdem steht hier nämlich das Zelt der Critical Mast Fahrradtour und das bietet viel: eine geballte Ladung linke Politik, Analyse und Kritik, Vorträge, Workshops, Aktionen, Diskussionen und eine Gruppe von 15 bis 20 Tierbefreiungsaktivisten aus ganz Deutschland, die versuchen herrschaftsfrei miteinander umzugehen und Herrschaftsmechanismen zu hinterfragen. Ihr Motto: „Get a bike and join the resistance!“

Aufhänger, Kernthema und strategisches Kampfziel (wenn man so will) der Tour ist die größte Hühnerschlachtfabrik Europas des Konzerns Rothkötter in Wietze bei Celle. In dieser wie ein Hochsicherheitstrakt gesicherten Anlage sollen bei voller Auslastung sieben bis acht Tiere pro Sekunde getötet werden, das wären 2,6 Millionen pro Woche. Doch seit der Eröffnung der Fabrik im August 2011 läuft sie auf Teilbetrieb, weil von den benötigten etwa 420 Zulieferbetrieben, sprich: Mastställen, im Umkreis von rund 150 Kilometern dank wachsenden Widerstands erst etwa 20 existieren.

In den zurückliegenden zwei Jahren brachten Mahnwachen, Demos, Besetzungen, Brandanschläge das Thema immer wieder in die Medien. Wo immer Landwirte Hühnermastställe bauen wollen, stoßen sie inzwischen auf Widerstand, so aktuell in Sprötze, Heidenau und Fintel. Der Clou: Geht Rothkötters Schlachtfabrik nicht bis Ende des Jahres in Vollbetrieb, muss der Konzern 6,5 Millionen Euro Subventionen an das Land Niedersachsen zurückzahlen. Die Aktivisten von der Critical Mast Fahrradtour wollen diesen wunden Punkt angreifen und eine Plattform schaffen für einen aktionsreichen Sommer 2012, in dem der Druck nicht nachlässt, sondern größer wird.

Gestartet ist die Fahrradtour in Königshorst im Wendland, wo im nahen Teblingen gegen erbitterten Widerstand ein Maststall gebaut wurde. Aktivistin Alissa aus dem Raum Stuttgart war bei der Besetzung des Bauplatzes dabei. Sie berichtet: „Die Bauern haben den Platz mit dem Einsatz von Reizgas und Knüppeln geräumt und sind mit Treckern über Zelte gefahren, ohne sich darum zu kümmern, ob da eventuell Leute drin sind.“ Auch diesmal seien die Bauern wieder sehr aggressiv gewesen, „wenn wir dem Maststall nahe kamen“. Auch die Polizei zeigte Präsenz: „Manchmal waren mehr Polizeifahrzeuge da als Aktivisten.“

Von Buchholz aus sind die jungen Leute bereits mit dem Rad nach Fintel gefahren, haben sich den Bauplatz angeguckt und sich mit Leuten von der Bürgerinitiative ausgetauscht. Vor dem Edeka-Markt von Fintel gab es „Mast TV“: Ein als Alien verkleideter Aktivist berichtet von der Erde für seine Heimat, den Mars, und bat die Bürger zum Beispiel, ihm mal genau zu erklären, warum Menschen Tiere essen. Am Abend gab es auf einem Hof eines Mitglieds der BI ein Konzert mit dem politischem Punkliedermacher FaulenzA inklusive Lagerfeuer.

Auch die Hühnermastanlage der Landwirtsfamilie Eickhoff in Sprötze mit dem Bauplatz für den zweiten Maststall direkt daneben bekommt noch Besuch von der Critical Mast Fahrradtour. Für den morgigen Sonntag steht ferner ein Workshop mit der spannenden Überschrift „Jung, weiß, hetero, Aktivist: Warum wir so viel gemeinsam haben und wie wir das ändern können“ auf dem Programm, ein Vortrag „Was sind Human-Animal-Studies?“, die Vorführung des Films „If a Tree falls: A Story of the Earth Liberation Front“ und eine Gesprächsrunde mit einem Mann, der sich seit 20 Jahren vegetarisch, seit 17 Jahren vegan und seit 15 Jahren fast ausschließlich von Rohkost ernährt. Am Montag geht es zum Abschluss der Station Buchholz um das brisante Thema „Ein Brandanschlag auf eine Hühnermastanlage in Sprötze – die Ermittlungen und Repression sowie die Arbeit und Reflektion der Soligruppe“ (Näheres unter www.criticalmast.blogsport.de)

Das Programm der Critical Mast ist sehr weitgespannt, sehr politisch, viel hilfreiche Theorie, aber auch praktische Tipps und Übungen. Um nur einige Punkte zu nennen: „Training: kreativer Polizeikontakt“ – „Monsanto auf Deutsch – Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen“ – „Rechte Ökologie“ – „Undercover-Recherche in Tierfabriken“ – „Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf – Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung auf dem Sprung zur antikapitalistischen Praxis“.

Selbst organisiert und herrschschaftskritisch sind wichtige Stichworte für die Aktivisten. „Die Critical Mast soll eine Bewegung schaffen, die kein Führungspersonal braucht“, heißt es im Flyer der Aktivisten: „An die Stelle von konsumierbarem Programm und vorgefertigten Aktionen soll Selbstorganisation treten.“ Und im Programm der Tour wird gefragt, wie eine herrschaftsfreie Welt aussehen kann, und postuliert, „dass es ein Leben jenseits des Kapitalismus und all der anderen Herrschaftsstrukturen, die Gesellschaft und Alltag durchziehen, gibt und geben muss.“

Zwischen Penny und Bahnhof macht insofern ein Stück gelebte Utopie Station – es lohnt sich, dahin zu gehen. Wir alle können davon lernen!

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Liebe Tierfreunde,

mein Name ist Kristian Stemmler. Ich bin Mitglied im Stadtrat von Buchholz für die Partei DIE LINKE und Mitglied des Runden Tisches Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz, der diese Demo organisiert hat.

Wir sind vorhin in Sprötze an einem von außen ganz unspektakulär wirkenden Gebäude vorbeigefahren – am Hühnermaststall der Familie Eickhoff. Wie wir gesehen haben, ist das ein langgestreckter fensterloser Bau mit einem Erdwall drumherum, ohne jede Beschilderung, ohne jeden Hinweis darauf, was dort geschieht. Aber was in den Mauern dieses Gebäudes passiert, ist in Wahrheit mehr als spektakulär – es ist furchtbar, verantwortungslos, fast möchte ich sagen verbrecherisch!

In diesem Maststall wie in vielen anderen in der Region wird tausendfaches Tierleid produziert. Hier vegetieren lebendige Geschöpfe vor sich hin, die nur noch als Ware behandelt werden. Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit den Bedingungen der so genannten Kurz- oder Turbomast befasst, kann gar nicht anders, als diese Bedingungen als Tierquälerei zu bezeichnen. Ich will hier nur einige Fakten über die Hühnermast benennen:

  • Masthühner werden meist in fensterlosen, klimatisierten Hallen in Gruppen von 10.000 und mehr Tieren gehalten. In einem relativ kurzen Zeitraum von vier bis sechs Wochen erreichen sie ihr Schlachtgewicht von 1,4 bis 1,6 kg. Durch die Überzüchtung der Tiere sind Gewichtszunahmen von 55 bis 60 Gramm pro Tag die Regel. Für ein Kind, das 30 Kilogramm wiegt, würde das eine tägliche Gewichtszunahme von zwei Kilogramm bedeuten. Kein Wunder also, dass die Hühner buchstäblich unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen!

  • Bis zu 26 Tiere müssen sich in der Regel einen Quadratmeter teilen. Das entspricht weniger als zwei Drittel eines DIN-A4-Blattes pro Huhn.

  • Die Masthühner erhalten ausschließlich industriell aufbereitetes Kraftfutter mit hohem Energie- und Proteingehalt. Dadurch wird die Zeit für die Nahrungsaufnahme stark verkürzt, und das arteigene Bedürfnis, nach Nahrungsteilen zu suchen und diese zu bearbeiten, wird frustriert. Eine typische Ersatzhandlung ist das verstärkte Federpicken.

  • An den Futtertrögen wird jedem Masthuhn zwei bis drei Zentimeter Platz zugestanden. Ungestörtes, gleichzeitiges Fressen ist somit unmöglich. Als Folge klettern die Tiere am Trog übereinander und verletzen sich gegenseitig – Todesfälle sind nicht selten.

  • Platzmangel und fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten führen zu Dauerstress für die Tiere. Gelegenheit zum Ruhen haben die Tiere dabei fast gar nicht, wie Untersuchungen belegen.

  • Die Hallen werden während der Mast nicht gereinigt – auf deutsch: Die Hühner stehen in ihrer eigenen Scheiße! Oder vornehmer ausgedrückt: Es kommt zu hohen Ammoniakbelastungen. Bis zu einem Drittel aller Tiere erleiden durch das Liegen auf durchfeuchteter Einstreu Verätzungen.

  • Schon bei Besatzdichten von mehr als zehn Tieren pro Quadratmeter steigt – bedingt durch die Konkurrenz um die Futterstellen und das Fehlen von Sitzstangen und anderen Ausweich- und Rückzugsmöglichkeiten – die Anzahl aggressiver Auseinandersetzungen. Um die Aggressionen halbwegs im Griff zu behalten, werden die Masthühner in Dämmerlicht gehalten.

  • Obwohl Masthühner in der Regel noch nicht einmal sechs Wochen alt werden, leiden die Tiere zum Schlachttermin regelmäßig an zahlreichen schmerzhaften Krankheiten. Besonders häufig sind: Abgleiten der Achillessehne vom Sprunggelenk, Wirbelsäulenverkrümmungen durch Verengungen des Rückenmarks, abnormales Knorpelwachstum, Knochenmarkentzündungen, Verätzungen, Muskelkrankheiten, Herz-Kreislauf-Versagen, Fettleber-Nieren-Syndrom.

  • Diese Krankheiten tragen dazu bei, dass schon nach 30 bis 35 Tagen sechs bis sieben Prozent der Tiere gestorben sind. Eine erschreckende Quote, die sich bei einer längeren Mast noch deutlich erhöhen würde. Ursachen sind einerseits die Zucht auf extrem schnelles Körperwachstum und die so genannte Qualzucht – also die Ausbildung großer Muskelpartien an Brust und Schenkel, andererseits auch die mangelnde Bewegung, und fehlende Erkundungs- und Beschäftigungsanreize. Diese Bedingungen müssen in der EU jedes Jahr über fünf Milliarden Tiere über sich ergehen lassen – so hoch sind die Schlachtzahlen!

Wenn Ihnen jetzt angesichts dieser Fakten der Appetit vergangen ist, dann hätte ich mein Ziel erreicht. Wobei ich davon ausgehe, dass die meisten Teilnehmer dieser Demonstration sich ohnehin schon bewusst ernähren.

Das sind die Fakten und wenn ich mir das Alles vor Augen führe, dann habe ich wenig Verständnis für die Entschuldigungen und Ausreden, die ich immer wieder höre. Die Eickhoffs seien ja so nett und die Familie sei fest im Ort verankert und integriert, heißt es da, oder: dass sie ja nicht anders könnten, weil der wirtschaftliche Druck in der Landwirtschaft so hoch ist.

Da kann ich nur sagen: Jeder Landwirt ist für die Tiere, die er hält, verantwortlich und die Eickhoffs sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, was mit den Tieren passiert und wie sich die Haltungsbedingungen auswirken. Aber was heißt hier Landwirt! Es tut mir leid: Aber jemand, der in die Massentierhaltung einsteigt, der sich vertraglich an einen Konzern wie Rothkötter bindet, der ist für mich kein Landwirt mehr – das ist keine Landwirtschaft, die hier betrieben wird, das ist Agrarindustrie!

Ich halte diesen Punkt für enorm wichtig: Wir haben es hier mit einem Industriesystem zu tun! Ich kann nur jedem empfehlen, mal nach Wietze bei Celle zu fahren und sich Europas größten Schlachthof für Hühner anzusehen, den der Rothkötter-Konzern gegen erheblichen Widerstand dort hochgezogen hat – wobei ich mit ansehen meine, von außen ansehen. Da kommt nämlich keiner rein. Wenn man davorsteht, hat man das Gefühl man ist in Stuttgart-Stammheim – ein massiver Metallzaun, NATO-Draht, Kameras, Security-Leute.

Dem Schlachthof in Wietze verdanken wir, dass jetzt in einem großen Umkreis ein Maststall nach dem anderen hochgezogen worden ist und noch werden soll. Aktuell zum Beispiel auch in Fintel. Die Rede ist von insgesamt rund 400 Ställen, die Wietze benötigt, um die Schlachtstraßen auszulasten. Dort sollen im Endausbau etwa 2,5 Millionen Hühner in der Woche geschlachtet werden. Ich wiederhole: 2,5 Millionen Hühner pro Woche!!

Angesichts dieser Tatsachen finde ich es erschütternd, wie wenig die Kommunalpolitiker offenbar gegen die Mastställe ausrichten können. Ich versuche derzeit als Mitglied im Stadtrat von Buchholz, die Aufstellung eines Bebauungsplans für das fragliche Gelände in Sprötze zu erreichen, aber erfahrene Kollegen haben mir mitgeteilt, dass ein solcher B-Plan vor Gericht keinen Bestand hätte, weil er nur der Verhinderung des Vorhabens dienen würde.

Das ist für mich schwer nachvollziehbar: Hier soll mal eben die Zahl der gehaltenen Tiere von 36.800 auf 80.000 erhöht werden, und die zuständige Verwaltung muss das offenbar durchwinken. Über jede Regenrinne wird in den Gremien mehr diskutiert. Ich hoffe, dass es nächste Woche im Stadtplanungsausschuss und am 26. im Verwaltungsausschuss zumindest noch mal zu ernsthaften Nachfragen meiner Kollegen von SPD, Grünen und Buchholzer Liste kommt.

Die politische Schiene ist das Eine. Das Umdenken muss aber auf allen Ebenen stattfinden und dafür müssen wir den öffentlichen Druck erhöhen. Die Menschen müssen in ihrer Eigenschaft als Konsumenten zu bewussterem Einkaufen gebracht werden – dass sie nicht mehr automatisch im Supermarkt nach der unverschämt billigen eingeschweißten Hühnerbrust greifen.

Und in ihre Eigenschaft als Bürger und Wähler müssen die Menschen auf die Politik Druck machen. Jede Partei, die Massentierhaltung auch nur ansatzweise vertritt, muss unwählbar werden. Das gilt in besonderem Maße für eine Partei, die das Wort christlich in ihrem Namen führt, aber für die Tiere offenbar keine Geschöpfe Gottes sind, sondern nur noch ein Wirtschaftfaktor. Vor allem der hemmungslosen Parteinahme der CDU und FDP für die Agrarlobby müssen wir den Kampf ansagen!

Ich danken Euch und Ihnen!

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Von Kristian Stemmler

Der Widerstand gegen den geplanten zweiten Hühnermaststall in Sprötze kommt ins Rollen. Das kann man wörtlich nehmen: Am Sonnabend kamen knapp 100 Tierfreunde zusammen, um mit einer Fahrraddemo gegen das von der Familie Eickhoff beantragte Bauvorhaben zu protestieren. Auch wenn die Sprötzer der Demo leider bis auf wenige Ausnahmen fern blieben, ist das ein beeindruckendes Signal!

Bei der Abschlusskundgebung vor dem Buchholzer Rathaus trafen neben Tier- und Umweltschützern auch Kommunalpoltiker von SPD, Grünen, Buchholzer Liste, Piraten und DIE LINKE aufeinander. Dabei wurde klar: Der Zug ist noch nicht abgefahren – auch wenn die Verwaltung das Vorhaben offenbar durchwinken will und Bürgermeister Wilfried Geiger in der Presse schlankerhand bekundet hat, er sehe keine negativen Auswirkungen, gibt es noch Möglichkeiten für den Rat, dem Projekt Steine in den Weg zu legen.

Die Demo war ebenso locker und bunt wie friedlich. Das NDR Fernsehen drehte reichlich Material für einen Bericht in der Sendung „Hallo Niedersachsen“ (Sonnabend 19.30 Uhr, N 3), Kollege Oliver Sander vom Wochenblatt fotografierte und notierte, und die vielen Polizisten, die zum Schutz des Eickhoffschen Anlagen und zur Verkehrslenkung aufgeboten worden waren, erlebten einen entspannten Einsatz ohne Zwischenfälle. Nur das Kamerateam musste einmal zurückgepfiffen werden, weil es mit seinem VW Bus – aus dem geöffneten Dach filmend – am Korso vorbeipreschte und dabei in den Gegenverkehr fuhr.

Am bewegendsten war für die Teilnehmer sicherlich die Schweigeminute am Stall, die den hinter den Mauern des fensterlosen Baus zusammengepferchten Geschöpfen galt. Das Fernsehen drehte hier fleißig und hielt den Zug etwas auf, weil O-Töne eingefangen werden mussten. Das störte aber bei strahlenden Sonnenschein keinen. Aufgenommen wurden die Demonstranten übrigens auch von einem Security-Mann auf der anderen Seite des Zauns, der mit seinem Vollbart und einer Sonnenbrille doch recht martialisch aussah. Vermutlich kein Veganer.

Über die Buchholzer Straße ging es dann, mit Versammlungsleiter Wolfgang Gerull, einem erfahrenen Rattouren-Leiter, an der Spitze, in Richtung Nordheide-Metropole. Der Zug nahm eine Hälfte der Fahrbahn ein, der Gegenverkehr wurde vorn von der Polizei gebremst und passierte den Verband in langsamen Tempo. Hinten sorgten weitere Fahrzeuge der Polizei dafür, das Ende des Zuges zu markieren und die im Stau steckenden Autofahrer von Überholmanövern abzuhalten. Die Polizei hatte ferner Motorräder im Einsatz, um die Straßeneinmündungen, die der Demonstrationszug passierte, zu sperren. In Buchholz standen an den größeren Kreuzungen auch schon Beamten parat, um den Verkehr kurzfristig zu stoppen.

Das klappte alles vorzüglich! Darum ein ausdrücklicher Dank an dieser Stelle an die Polizeiinspektion Harburg für die gute Zusammenarbeit (das muss man auch als Linker ja mal sagen dürfen).

Wohlbehalten kamen alle gegen halb zwölf vor dem Buchholzer Rathaus an. Dort gab es zahlreiche Redebeiträge. Der Autor dieses Beitrags hielt eine Rede, die noch im blog eingestellt wird. Eckard Wendt von der Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung, ein ausgewiesener Experte, warnte davor, die Eickhoffs als Tierquäler zu bezeichnen: „Sie nehmen Tierquälerei billigend in Kauf“, sagte er. Ein Tierquäler sei jemand, der Freude an den Qualen der Tiere habe. Wendt appellierte an die Verbraucher, weniger Fleisch zu essen (wobei ihm von den Veganern und Vegetariern entgegenschallte: „Kein Fleisch!“). Statt siebenmal in der Woche Fleisch zu essen, könne man das auf ein-, zweimal reduzieren – und dann Fleisch von Tieren essen, „die nicht die Hölle auf Erden erlebt haben“.

Sabine Eisermann vom Runden Tisch Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz, der die Demo organisiert hatte, stellte die Arbeit des Runden Tisches vor und machte klar: „Auch Tiere haben Rechte!“ Dem schloss sich Felicitas Gerull vom Runden Tisch an. Jeder solle doch mal in sich gehen und darüber nachdenken, was das Elend der Tier bei ihm oder ihr an Gefühlen auslöse. Auch Tierschützer Lucas Reents setze sich in seinem emotionalen Beitrag entschieden für die Rechte der Tiere ein.

Elisabeth Bischoff, für die Grünen im Kreistag und außerdem aktiv für den BUND, hob die negativen Auswirkungen hervor, die die Verwendung von Futter auf der Grundlage von Rohstoffen aus Südamerika dort vor Ort hat. Sie wolle die Familie Eickhoff nicht verdammen, es müsse darum gehen, ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und auf Landes- und Bundesebene die Regelungen für die Massentierhaltung zu verändern. Arne Ludwig, im Stadtrat für die Piraten, verwies auf den massiven Einsatz von Antibiotika in der Hühnermast und die dadurch entstehende Gefahr durch resistente Keime. Er betonte, der Stadtrat von Buchholz müsse alles Mögliche tun, um das Vorhaben in Sprötze zu verhindern, und kündigte an, es werde eventuell ein Gutachter beauftragt, die Auswirkungen der Erhöhung der Mastplätze zu untersuchen.

Martin Dieckmann von der Buchholzer Liste, ein Kenner der juristischen Materie, machte den anwesenden Tierfreunden Hoffnung. So machtlos, wie das gesagt worden sei, seien die Kommunalpolitiker in der Sache nicht: „Niemand kann im Moment sagen, dass das Vorhaben rechtmäßig ist!“ Das nach dem Bundesemissionsschutzgesetz vorgeschriebene Verfahren sei langwierig, man sei da erst ganz am Anfang. Auch sei nicht nachvollziehbar, dass die Stadt Buchholz schon jetzt ihr Einvernehmen erklären wolle, da anscheinend noch nicht einmal alle Antragsanlagen beim Landkreis vorlägen. Dieckmann fasste zusammen: „Wir können noch einiges tun.“

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