Mit ‘Weißes Dinner’ getaggte Beiträge

Von Kristian Stemmler

Dass in diesem Land die sozialen Gegensätze größer werden, lässt sich wohl kaum übersehen. Für das Nordheide Wochenblatt ist das kein Grund, sich mit Kritik an der gesellschaftlichen Ungleichheit auseinander zu setzen. Man hält zu seinen Anzeigenkunden, zu den Geschäftsleuten, der Wirtschaft, den Besitzenden – und macht im Gegenzug Kritiker der bestehenden Verhältnisse nieder.

Der Beitrag über das Weiße und das Schwarze Dinner im Rathauspark in der Ausgabe vom Mittwoch ist da ein typisches Beispiel. Den Organisatoren des Weißen Dinners, denen das Wochenblatt näher steht, lobhudelt die Kollegin Katja Bendig im PR-Sprech, der in dieser Redaktion verbreitet ist. „Bei schönstem Sommerwetter“ habe man sich getroffen, „unter großen Bäumen gegessen und geplaudert“ und „zum stimmungsvollen Abschluss zündeten alle Gäste Wunderkerzen an und sangen gemeinsam“. Da geht einem doch das Herz auf, nicht wahr!

Die Organisatoren des Schwarzen Dinners werden dagegen mit Häme überzogen. „Ein versprengtes Grüppchen“ nennt die Kollegin die Teilnehmer, sie hätten vor allem „Spaß an Pöbelrufen“ gehabt und: „Ihre Hinterlassenschaften: ein Haufen leerer Bierdosen und ein Einkaufswagen samt Gartenstuhl“. So was nennt man Gossenjournalismus!

Organisator Uwe Schulze, Ex-Bürgermeisterkandidat, hat bereits eine Gegendarstellung ans Wochenblatt gerichtet. Darin weist er darauf hin, dass der Platz des Schwarzen Dinners sauber gewesen sei, als er die Veranstaltung kurz nach acht aufgelöst habe. Es ist davon auszugehen, dass die Kollegin um die Uhrzeit gar nicht mehr vor Ort war, sondern sich auf die Angaben des Organisators des Weißen Dinners, mit dem sie vermutlich hinterher telefoniert hat, verlassen hat.

Was die „Pöbelrufe“ angeht: Wie der buchholz express bereits berichtete, hat einer der Teilnehmer des Schwarzen Dinners in der Tat einige Male etwas zu den Teilnehmern des Weißen Dinners hinübergerufen. Dass die das weder akustisch noch inhaltlich verstehen konnten, davon kann man ausgehen. Aber es war eine Form des Protestes und hat zum Ausdruck gebracht, dass man die Teilnehmer des Weißen Dinners nicht ungestört schlemmen lassen wollte.

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Von Kristian Stemmler

Die türkische Familie staunt nicht schlecht. Aus Richtung Rathaus kommen sie in den Rathauspark und sehen als erstes eine Menge ganz in weiß gekleidete Menschen beim Essen und Trinken und als zweites, weiter hinten am Spielplatz, eine Gruppe ganz in schwarz gekleidete Leute mit Bierflaschen oder einem Pappteller Kartoffelsalat in der Hand. „Die spinnen, die Deutschen!“, dürften die türkischen Passanten in diesem Moment gedacht haben.

In Buchholz kam es am Sonnabendabend wieder zu einem deutschlandweit einmaligen Duell: Weißes Dinner gegen Schwarzes Dinner. Zum zweiten Mal hatten der Diplom-Controller Stephan Jockel und seine Frau Claudia ein Weißes Dinner organisiert, eine aus Frankreich eingeschleppte Unsitte, bei der sich Menschen ganz in Weiß an einem vereinbarten Ort zum Picknick treffen. Und ebenso zum zweiten Mal hatte Uwe Schulze, Betriebsrat, Blogger (gegengift.eu) und Ex-Bürgermeisterkandidat, zum Schwarzen Dinner eingeladen, als Gegenveranstaltung und Protest.

Schulze war hocherfreut über den wachsenden Zuspruch. Während beim Weißen Dinner erheblich weniger Teilnehmer zu verzeichnen sind, nämlich nur noch etwa 60 statt der 100 im Vorjahr, hat sich die Teilnehmerzahl des Schwarzen Dinners verdreifacht, von vier auf 15, darunter erfreulicherweise junge Aktivisten. „Wenn wir so weitermachen haben wir das Weiße Dinner in zwei Jahren überholt“, scherzt Schulze.

Aber auch wenn sein Protest nach einer kabarettistischen Spontiaktion aussieht, es ist ihm ernst damit. „Wir empfinden dieses Weiße Dinner als ein dekadentes Event, als rücksichtsloses Verhalten gegenüber sozialen Minderheiten“, sagt er. Gerade der Rathauspark sei ein Ort für die Allgemeinheit, in dem sich auch Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose aufhalten dürfen. Da sei es völlig deplatziert, wenn sich Besserverdienende breit machen und Luxus zelebrieren.

Natürlich weisen die Veranstalter und Teilnehmer von Weißen Dinnern gern darauf hin, dass die Veranstaltungen für alle offen sind und die Teilnehmer keineswegs alle steinreich seien. Das hat auch keiner behauptet. Aber es ist offensichtlich, dass die Teilnehmer vom Habitus und Auftreten her alle der Mittel- und Oberschicht zuzuordnen sind, im Endeffekt bleibt man unter sich. Und das Weiß wirkt nun mal edel und ausgrenzend.

Auf welcher Seite es an diesem Abend ausgelassener und ungezwungener zugeht, ist jedenfalls klar. Während die Menschen in Weiß gesittet an ihren Tischen sitzen, Sekt schlürfen und Konversation machen, tobt beim Schwarzen Dinner das Leben. Die Teilnehmer haben sich auf Decken oder auf dem Rasen niedergelassen, trinken Astra oder Apfelschorle, lassen sich Billigwürstchen vom Lidl und Kartoffelsalat schmecken, es wird gescherzt und gelacht.

Für besondere Stimmung sorgt das enfant terrible der Gruppe. Der temperamentvolle Karim, der ein T-Shirt mit der heute besonders beziehungsreichen Aufschrift „Good night white pride“ trägt, legt sich gern mit den „Weißen“ an. „Smash capitalism!“, grölt er in deren Richtung oder „Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland!“ Als die Teilnehmer des Weißen Dinners mit weißen Taschentüchern winken, winkt er mit einem schwarzen Tuch zurück und freut sich: „Die winken mir ja zu!“

Das dürfte aber unwahrscheinlich sein, denn die weiß gekleideten Herrschaften meiden ganz offensichtlich alle Außenkontakte. Das kann man durchaus als symptomatisch verstehen, denn auch gesamtgesellschaftlich wird das Bürgertum ja angesichts zunehmender sozialer Erosion immer autistischer, schottet sich vor allem nach unten ab. Bloß nicht zuviel Kontakt zu den Habenichtsen, nachher ist das noch ansteckend und man landet bald selbst beim Jobcenter!

Genau diese gesellschaftlichen Hintergründe sind es auf die Uwe Schulze mit dem Schwarzen Dinner hinweisen will. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt er. An diesem Abend ist ihm das gelungen. Kurz nach acht Uhr beendet er das Schwarze Dinner, die Weißen können also noch ein bisschen ungestört weiter dinieren. „Aber im nächsten Jahr sind wir wieder da“, verspricht Schulze.

 

„Eine Seuche unserer durchgeknallten Eventgesellschaft hat jetzt auch den Landkreis Harburg erreicht: das Weiße Dinner oder Dîner en blanc.“ – So begann vor etwa einem Jahr einen Beitrag, in dem auf eine neue Veranstaltung im Rathauspark hingewiesen wurde. Der Unternehmensberater Stephan Jockel organisierte das erste Weiße Dinner in Buchholz, eine aus Frankreich eingeschleppte Veranstaltung, bei der sich Menschen ganz in Weiß zum Picknick treffen.

„Eine nutzlose Demonstration der Dekadenz“, schrieb der buchholz express, damals noch buchholzblog, aus diesem Anlass und lud zusammen mit dem späteren Bürgermeisterkandidaten Uwe Schulz zu einer Gegenveranstaltung: dem Schwarzen Dinner, bei dem man schwarz gekleidet ist und nur Billigfood von Aldi & Co. zu sich nimmt.

Am 19. Juli findet nun das zweite Weiße Dinner im Rathauspark statt – und damit auch das zweite Schwarze Dinner (Beginn in beiden Fällen 17.30 Uhr). Aus diesem Anlass wiederholen wir hier einen Bericht, der vor einem Jahr auf der Homepage von Uwe Schulze, gegengift.eu, erschienen ist:

 

Das dekadente Protz-Event, zu dem der Unternehmensberater Stephan Jockel und seine Frau Claudia aufgerufen haben, stößt nicht nur uns sauer auf. Der Rathauspark, in dem dieses Event stattgefunden hat, wird oft von Menschen in Buchholz genutzt, die viele als Migranten, Asylanten, Sozialhilfeempfänger, Hartz IV-Empfänger oder Penner bezeichnen. Das man diesen sozialen Minderheiten, wenn es denn noch Minderheiten sind, gegenüber seinen Reichtum so heftig präsentiert und sie damit weiter an den Rand einer Gesellschaft drückt, ist für uns der Anlass gewesen diese kleine aber wirkungsvolle Aktion durchzuführen.

Was aber verbinden wir eigentlich mit der Farbe Weiß? Physikalisch ist Weiß die Summe aller Farben. Weiß hat keinen negativen Zusammenhang, so ist sie die vollkommenste Farbe. Weiß symbolisiert: Licht, Glaube, das Ideale, das Gute, der Anfang, das Neue, Sauberkeit, Unschuld, Bescheidenheit, Wahrheit, die Klugheit, die Wissenschaft, die Genauigkeit. Alles was hygienisch sein soll, ist weiß, Weiß verbinden wir Menschen mit purer Reinheit.

Die Bedeutung der Farbe Weiß in Kultur und Religion Am Anfang war das Nichts, aus ihm gebar sich alles, sagen die heiligen Bücher der Asiaten. »Gott sprach: Es werde Licht« sagt die Bibel. Weiß ist das Gegenteil von Schwarz, dem Nichts, dem Chaos, das auf ordnende Gestaltung wartet, durch das Licht der Erleuchtung.

Was haben wir das gestern im Rathauspark erlebt, die Geburt einer neuen Sekte? In unregelmäßigen Abständen wedelte sich die Weiß-Dinner-Gesellschaft mit ihren weißen Servietten gegenseitig zu, dass man an der Stelle an eine Sekte denkt, ist also nicht verwunderlich. Den gnadenlosen Schnitt zwischen Arm und Reich, Gut und Böse, Sein und Nichtsein?

Wir stellen fest, Buchholz entwickelt sich mehr und mehr zu einer Stadt, die minderbemittelten Menschen keine Heimat mehr sein will, die es zulässt, dass immer mehr Luxuswohnungen, Residenzen, gebaut werden statt sich mehr um den sozialen Wohnungsbau zu kümmern. Dazu kommen die Konsumtempel, die uns überlegen lassen warum man nur für die reiche Klientel sorgt, aberdas Aldi-, Lidl-, Penny-Pack mitsamt den dazugehörigen Geschäften versucht aus dem Stadtbild zu entfernen.

Eines sollte doch allen klar sein, die Klassengesellschaft wird wieder bevorzugt, und den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des gestrigen Weißen Dinners, sollte klar sein dass Sie den Klassenerhalt mit ihrem protzigen Verhalten in ein solides Fundament gebettet haben. Wir werden jedenfalls weiterhin öffentlich zeigen, dass wir Buchholzer Bürger so etwas nicht brauchen. Ein soziales Miteinander ist es, was wir einfordern.

Noch etwas zu unserer Aktion: Unsere kleine Protest- und Kunstaktion hat einige der in weiß gekleideten Menschen dazu bewegt, unseren mit reichlich Speisen der Aldi- und Lidl-Klasse bedeckten Tisch aufzusuchen. Es kamen nachdenkliche sowie auch kritische Dialoge von schwarzer und weißer Seite auf den Tisch, aber es war insgesamt alle in allem ein konstruktiver Austausch, und vor allem friedlich. Wir befürchteten erst, dass man uns nicht wahrnehmen will, aber da lagen wir völlig falsch.

Trotz der geringen Anzahl an Teilnehmern am Schwarzen Dinner, haben wir ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Buchholz immer weiter auseinander, und darauf muss man aufmerksam machen.

Erstaunt waren wir das zwei Ratsherren der Stadt Buchholz ebenfalls an dem umstrittenen Weißen Dinner teilnahmen, und von beiden hätten wir es nicht erwartet. Einziger Trost dabei, beide waren an unserem Tisch und zeigten somit wenigstens etwas Solidarität in dem sie den Dialog mit uns suchten. Richtig genial fanden wir allerdings die Jugendlichen, die uns geradezu umschwärmten und uns für unseren Einsatz für die sozialen Minderheiten in Buchholz dankten. Wir führten mit ihnen wirklich tolle Gespräche bei Wasser und Brot, und es lässt uns hoffen, dass wir auch bei der jungen Generation mit unserer Aktion eine Lunte entzündet haben, eine Lunte die zu mehr Miteinander führt und mit hilft die Schere wieder zusammenzudrücken.

Erstaunlich war, dass wir vom Schwarzen Dinner als Infomationsstand des Weißen Dinners fungierten, denn zu den weißen Herrschaften traute sich niemand zu gehen, um an Informationen zu kommen.

 

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Von Kristian Stemmler

„Was ist denn da los? Ist das eine Hochzeit?“ Die Jugendlichen, die wie jeden Abend vor dem Jugendzentrum toben, sind leicht irritiert. Im Rathauspark geht etwas Ungewöhnliches vor sich. Dort haben sich eine Menge Leute versammelt, die alle ganz in weiß gekleidet sind. Sie haben auf mitgebrachten Stühlen an ebenfalls weiß eingekleideten Tischen Platz genommen, trinken und essen, unterhalten sich. Nein, das ist keine Hochzeit, es ist auch nicht die „Weiße Wölfe Terrorcrew“ – hier wird der diskrete Charme der Buchholzer Bourgeoisie zelebriert: das erste Weiße Dinner der Stadt.

In der Nordheide hat es schon einige Aufführungen dieses Dîner en blanc gegeben, ein aus Frankreich importiertes Event (der blog berichtete), in anderen deutschen Städten wird bereits seit Jahren weiß diniert. In Hamburg findet an diesem Abend schon das vierte Weiße Dinner statt, und zwar in der Hafencity, der Veranstalter spricht von rund 6500 Teilnehmern. Etwas ist in Buchholz an diesem Abend allerdings anders: Hier findet, soweit sich das im Internet feststellen lässt, der erste politische Protest gegen ein Weißes Dinner statt, ein Schwarzes Dinner.

Die Idee dazu hatten der Blogger und Betriebsrat Uwe Schulze (www.gegengift.eu, dort gibt es auch einen weiteren Bericht zum Thema) und seine Mitstreiter Bärbel Liehr und Andreas. Angeregt von meinem Beitrag im buchholzblog, in dem ich das Weiße Dinner als „nutzlose Demonstration der Dekadenz“ bezeichnet hatte, formulierten sie in ihrem blog einen Aufruf, in dem es heißt: „Wir empfinden dieses Dinner als ein dekadentes Event, als rücksichtsloses Verhalten gegenüber sozialen Minderheiten“, gegenüber Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben oder für Dumpinglöhne schuften müssen.

Wie das Weiße Dinner fängt auch das Schwarze Dinner klein an. Da der Aufruf aus taktischen Gründen erst einige Stunden vor Beginn der Veranstaltung im Netz erscheint, sind an diesem Abend erst mal nur vier Personen ganz in schwarz erschienen: die drei Initiatoren und der Autor als Unterstützer. Wir nehmen auf Campingstühlen am Rande des Parks Platz. Auf dem mit einem schwarzen Tuch verhüllten Tapeziertisch haben wir unser eigenes kleines Stillleben komponiert. Kein kaltes Drei-Gänge-Menü wie bei den Weißen, sondern Butterbrote, Mineralwasser von Aldi und billige Würstchen von Lidl. Aldi-Tüten als Symbol von Armut und Segregation komplettieren das Bild.

Trotz unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit ist die Aufmerksamkeit der weißen Fraktion, die fast 100 Leute zusammenbekommen hat, uns dennoch gewiss – zumal ein improvisiertes Pappschild mit der Aufschrift „Hartz-IV-Empfänger HIER“ die Blicke auf das Schwarze Dinner zieht. Immerhin, diverse Teilnehmer des Weißen Dinner scheuen nicht den Kontakt. Ein Mann mittleren Alters lichtet uns mit dem Handy ab, eine ältere Dame mit Rollator will uns Lebensmittel spenden und zwei andere Damen erkundigen sich freundlich nach unseren Motiven.

Auch die Medien, genauer gesagt: ein Medium, und die politische Prominenz kommen zu Besuch. Kollege Oliver Sander vom Nordheide Wochenblatt macht, nachdem er Organisator Stephan Jockel (ein diplomierter Controller, was immer das ist) interviewt hat, einen Abstecher an den „Katzentisch“. Wir erklären ihm wie auch den anderen Besuchern, dass wir das Weiße Dinner nicht stören wollen und jeder sich vergnügen möge, wie er lustig ist, auch wenn wir selbst dieses Event dekadent finden. Dass es uns darum geht, ein Zeichen zu setzen, aufmerksam zu machen auf das Wohlstandsgefälle hierzulande und auch in Buchholz.

Auch zwei Ratskollegen, die ich überraschend in weiß erblicke, schauen vorbei. Joachim Zinnecker, Fraktionschef der Grünen im Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister, hat sich mit seiner Frau zur Teilnahme entschlossen. Er denkt da eher staatstragend, sieht das Event als Aufwertung für die Stadt. Für unseren kritischen Einspruch zeigt er aber durchaus Verständnis. Ebenso wie Arne Ludwig, der für die Piraten im Rat sitzt. Er wechselt sogar mit seinem Stuhl für einige Minuten von der weißen Fraktion an unseren Tisch und bekundet Sympathie für unser Aktion. Auch weiß er zu berichten, dass einige Teilnehmer des Weißen Dinners leicht empört sind: Sie seien keineswegs so steinreich, wie das von uns offenbar angenommen werde.

Das ist allerdings auch nicht der Punkt. Aber es zeigt sich doch auch hier, dass die Teilnehmer vom Habitus und ihrem Auftreten her so gut wie alle der Mittel- und Oberschicht zuzuordnen sind. Selbst wenn man theoretisch offen ist für alle, so kommt auch an diesem Abend wohl kein Hartz-IV-Empfänger auf die Idee, sich dem Weißen Dinner anzuschließen. Allein die Optik dürfte da eher abschreckend sein: Auch wenn das einheitliche Weiß – rein formal gesehen – durchaus ästhetisch wirkt, so ist die Anmutung dennoch edel und abgehoben. Meine Welt ist das nicht!

Die der Jugendlichen vom JUZ offenbar auch nicht. Nach einer Weile kommen sie neugierig an unseren Tisch und wollen wissen, was wir da machen: „Sind Sie Hartz-IV-Empfänger?“ Uwe Schulze verneint das: „Wir stehen hier für diese Menschen“, erklärt er, „wir wollen zeigen, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht soviel leisten können.“ Das findet das Mädchen gut: „Da würde ich mich auf jeden Fall eher zu Ihnen setzen!“

Das begrüßen wir einhellig, müssen aber jetzt aufbrechen. „Wir haben unser Ziel erreicht, ein Zeichen gesetzt“, sagt Uwe Schulze. Das erste Schwarze Dinner deutschlandweit hat für Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt. Sicher auch für Amüsement, was ja ebenfalls nicht verkehrt ist, denn ein gewisser satirischer Einschlag war durchaus eingeplant. Auch wenn es letztlich um eine ernste Sache und einen anhaltenden Kampf geht – denn die soziale Erosion wird wohl auch nach der Bundestagswahl im September weitergehen.

Schwarz gegen Weiß im Rathauspark: In der zentralen Buchholzer Grünanlage fand heute abend das erste Weiße Dinner statt – und parallel auch das erste Schwarze Dinner der Stadtgeschichte, ja vermutlich sogar das erste Schwarze Dinner deutschlandweit. Was das Zahlenverhältnis angeht, lag das Weiße Dinner vorn: Rund 90 Menschen dinierten ganz in Weiß gekleidet an weiß gedeckten Tischen, während sich am Rande vier Personen zum Protestdinner ganz in Schwarz einfanden. Moralisch aber ging (jedenfalls aus meiner Sicht) das Schwarze Dinner als Sieger vom Platz!

Wie berichtet, hatten der Unternehmensberater Stephan Jockel und seine Frau Claudia zur Teilnahme am Weißen Dinner aufgerufen, einem aus Frankreich importierten Event, bei dem sich Menschen in weißer Kleidung zu einem Picknick an einem öffentlichen Platz treffen. Blogger Uwe Schulze und seine Mitstreiter Bärbel Liehr und Andreas hatten daraufhin aus Protest gegen die Veranstaltung, die sie als dekadent empfinden, zu einem Schwarzen Dinner eingeladen. Zu den dreien gesellte sich heute abend der Autor in seiner Funktion als Ratsherr und Blogger.

Bei einem reellen Butterbrot, Billigwürstchen und Mineralwasser von Aldi sahen wir uns das Treiben der weißen Partei an, die den halben Park mit Beschlag belegt hatte. Unser Auftauchen wurde dort mit einer Mischung aus Irritation, Amüsiertheit und Empörung verfolgt. Immerhin nahmen diverse Teilnehmer des Weißen Dinners Kontakt auf und zeigten sich dialogbereit. „Wir haben ein Zeichen gesetzt, und darauf kam es an“, bilanzierte Uwe Schulze.

Ein ausführlicher Bericht folgt demnächst. (kst)

Von Kristian Stemmler

Doppelte Premiere in Buchholz: Heute soll in der Nordheidestadt nicht nur das erste Weiße Dinner stattfinden (sofern das Wetter sich hält), sondern auch das erste Schwarze Dinner! Als Kontrapunkt zum Upper-Class-Picknick, bei dem sich alle Teilnehmer ganz in weiß einfinden, wollen sich Buchholzer ganz in schwarz im Park versammeln – nicht um das Weiße Dinner zu stören, sondern um auf soziale Gegensätze aufmerksam zu machen.

„Wir empfinden dieses Dinner als ein dekadentes Event, als rücksichtsloses Verhalten gegenüber sozialen Minderheiten“, heißt es in der Erklärung, mit der der Blogger Uwe Schulze (gegengift.eu) und seine Mitstreiter Bärbel Liehr und Andreas zum Schwarzen Dinner aufrufen. Das Weiße Dinner sei „eine Veranstaltung die von Prunk und Protz geprägt ist – und das, obwohl auch in Buchholz Menschen leben die nicht wissen, was und ob sie am nächsten Tag noch etwas zu essen oder zu trinken haben. Menschen die kein Dach über dem Kopf haben oder … Menschen die als Lohnsklaven für Dumpinglöhne ausgebeutet werden.“

Schulze und seine Mitstreiter rufen dazu auf, einfache Speisen mitzubringen, „Brot und Wasser von Aldi oder Lidl, jeder einen Stuhl“. Herzlich willkommen seien auch die Menschen, „für die wir an diesem Tag dort stehen“. Vorsorglich weisen sie darauf hin, „dass wir in keinem Fall das Weiße Dinner stören oder attackieren wollen, davon distanzieren wir uns. Wer sich uns also anschließen möchte, der macht dass in jedem Fall friedlich.“

Wie ich in diesem blog bereits geschrieben habe, halte ich das Weiße Dinner für eine Demonstration der Dekadenz und werde mich daher heute dem Protest anschließen. Natürlich ist es das gute Recht jedes Buchholzers am Weißen Dinner teilzunehmen und sich dort zu vergnügen – aber ebenso ist es mein gutes Recht, darauf aufmerksam zu machen, dass es hierzulande ein großes Wohlstandsgefälle gibt. Die Wohlhabenden machen sich immer mehr in den Innenstädten breit und tragen ihren Reichtum zur Schau, deshalb ist es wichtig, dass auch immer wieder auf die Armut in dieser Gesellschaft hingewiesen wird! Und das in aller Öffentlichkeit!

Von Kristian Stemmler

Eine Seuche unserer durchgeknallten Eventgesellschaft hat jetzt auch den Landkreis Harburg erreicht: das Weiße Dinner oder Dîner en blanc. In immer mehr Gemeinden wird diese aus Frankreich eingeschleppte Veranstaltung organisiert, bei der sich Menschen ganz in weiß zum Picknick treffen. Hanstedt, Tostedt und Handeloh zum Beispiel haben es schon hinter sich, in Buchholz will man am 17. August den Rathauspark heimsuchen. Der buchholzblog meint: Dieses Event ist überflüssig wie ein Kropf!

Als Ursprungort des Weißen Dinners wird Paris genannt, wo im Sommer 1988 ein gewisser Francois Pasquier seine überfüllte private Gartenparty spontan in den Bois de Boulogne verlegt haben soll, wie bei Wikipedia nachzulesen ist. In der Folge habe man sich jeden Juni zu einem gemeinsamen Picknick an einem bis zuletzt geheim gehaltenen Ort in der Öffentlichkeit verabredet. Die Grundregel: Alle Teilnehmer müssen von Kopf bis Fuß weiß gekleidet sein. Mitgebrachte Tische und Stühle werden zu langen Tafeln gruppiert, die Teilnehmer bringen ein dreigängiges kaltes Menü und Getränke mit.

In unserer amüsierwütigen Gesellschaft breitete sich die Idee natürlich schnell aus, inzwischen gibt es Weiße Dinner in vielen deutschen Städten, teilweise mit mehreren hundert Teilnehmern. Lange Zeit galt das Dîner en blanc als exklusives Oberschicht-Event ohne kommerziellen oder politischen Hintergrund. Inzwischen legen die Veranstalter, meist Privatleute, Wert darauf, dass man alle Gesellschaftsschichten anspreche.

Genau das aber ist natürlich dummes Zeug. Das Weiße Dinner ist in meinen Augen eine ziemlich dekadente Veranstaltung. Schon von der Optik her. Man schaue sich mal einige der vielen Fotos von Weißen Dinnern im Internet an. Das wirkt doch alles ziemlich edel und abgehoben. Natürlich steht da auch kein Faber-Sekt auf dem Tisch, sondern gern mal ein guter Champagner und ein teures Mineralwasser. Denn selbst wenn die Veranstaltung erst mal für alle offen ist – natürlich kommen überwiegend Leute aus der Ober- und der Mittelschicht. Hartz-IV-Empfänger wird man da eher nicht antreffen.

Selbstverständlich sind auch die Veranstalter eher in gehobenen Kreisen zu finden. Das Weiße Dinner im Buchholzer Rathauspark wird von einem gewissen Stephan Jockel organisiert, ein Unternehmensberater, der eine geräumige Stadtvilla am Wilfried-Wroost-Weg bewohnt, eine der teursten Straßen der Stadt. Ich will dem Mann nicht absprechen, dass er ehrlich von der Idee des Weißen Dinner begeistert ist, aber es zeigt eben doch, dass dieses Event einen bestimmten sozialen Hintergrund hat.

Daran ändert auch nichts, dass Jockel auf der Homepage für das Weiße Dinner in Buchholz schreibt: „Hier sind nicht Anwälte, Ärzte, Polizisten oder Handwerker. Hier sind nur Menschen mit einer liberalen und humanistischen Lebenshaltung. Dabei lieben wir Höflichkeit, Achtung und einen gewissen Stil. Der Mensch neben uns verdienst immer unseren vollen Respekt. Wir zeigen dabei, dass ein gepflegtes Miteinander wenig mit materiellen Gütern zu tun hat, sondern viel mit Charakter.“

Das hört sich auf den ersten Blick gut (wenn auch ziemlich pathetisch) an, aber tatsächlich bleibt man doch auch in Buchholz, wie überall, meist unter sich – ob man sich im viel fein auf einen Cappuccino trifft, im Cantinella Mittag isst oder eben zum Weißen Dinner zusammenkommt. Diese Veranstaltung ist eine Demonstration der Dekadenz und darum ebenso überflüssig wie nutzlos! Was meinen Sie?