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Vor zwei Jahren wurden die Container an der Straße Am Langen Sal errichtet.

Von Kristian Stemmler

Das könnte Ärger geben. Auf einer Fläche an den Straßen Am Langen Sal/Fischbüttenweg in Buchholz soll die dort seit etwa zwei Jahren bestehende Containeranlage für Flüchtlinge um rund 80 auf insgesamt 120 Plätze aufgestockt werden. Als die Anlage genehmigt wurde, war den Anwohnern auf einer Informationsveranstaltung noch mitgeteilt worden, die Baugenehmigung sei auf zwei Jahre befristet, die Container würden dann wieder verschwinden. Angesichts der aktuellen Entwicklung lässt sich das nicht umsetzen.

Landkreis Harburg und Stadt haben die Anwohner bereits per Post über die Erweiterung der Anlage informiert und zu einer Informationsveranstaltung am kommenden Dienstag in der Aula der Waldschule (Beginn 19 Uhr) eingeladen. Dort könnte es hoch hergehen. Auf der anderen Seite schwappt derzeit eine Welle des Wohlwollens für Flüchtlinge durch die Öffentlichkeit – es wird sich zeigen, was die im Einzelfall wirklich wert ist.

Angesichts des weiteren Zustroms von Flüchtlingen in Deutschland hat der Landkreis keine andere Wahl, als jede Möglichkeit für die Unterbringung zu nutzen. „Dem Landkreis werden derzeit 50 bis 60 neue Flüchtlinge pro Woche zugewiesen, so dass wir dringend weiteren Wohnraum benötigen“, sagt Reiner Kaminski, Bereichsleiter Soziales beim Landkreis. Er wird sich am Dienstag den Bürgern stellen, zusammen mit seinem Abteilungsleiter für Migration Thorsten Völker, dem Kreis-Pressesprecher Johannes Freudewald, dem Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU) und Heinrich Helms vom Bündnis für Flüchtlinge.

Die Unterkunft am Langen Sal war mit 40 Plätzen eine der ersten Containeranlagen, die der Landkreis im Herbst 2013 eröffnet hat. In Buchholz sind derzeit rund 250 Asylbewerber an verschiedenen Standorten untergebracht. Als weitere Unterkunft ist eine Anlage mit 120 Plätzen auf einem Gelände am Boerns Soll in Vorbereitung, die voraussichtlich im Januar 2016 bezugsfertig sein wird.

Leider muss davon ausgegangen werden, dass die Neonazis der Aktionsgruppe (AG) Nordheide um den Ex-Soldaten Denny Reitzenstein die Erweiterung der Anlage Am Langen Sal zum Thema machen werden. Seit Monaten hetzt die AG Nordheide auf ihrer Homepage und ihrem Twitter-Account gegen Flüchtlinge, wobei es ihr vor allem darum geht, Flüchtlinge als kriminell und gefährlich darzustellen.

Unter der Überschrift „Buchholz: Brennpunkt Am Langen Sal“ hieß es vor einigen Tagen auf der Website der AG Nordheide: „Wie wir schon in einem Bericht erwähnt haben, häufen sich die Meldung über kriminelle Fachkräfte um die Unterkunft Am langen Sal.“ Es hätte am Abend des 28. August einen Einsatz mit mehren Streifenwagen an der Unterkunft gegeben, bei dem eine Person festgenommen worden sei. Der buchholz express wird die Meldung überprüfen.

Wie in der Propaganda der Nazis üblich, werden gern Anwohner/Bürger zitiert, um sich als deren Anwalt auszugeben. So heißt es auf der Homepage: „Die Anwohner der Straße berichten davon, dass selbst kleine Kinder, vor allem Mädchen, von den Bewohnern vermehrt angesprochen werden, selbstverständlich bleiben auch Frauen nicht verschont. Es geht nicht mehr um ein harmloses Gespräch, sondern es sind schon sexuelle Anmache, die von den Bewohnern ausgeht. Viele Frauen trauen sich mittlerweile Nachts nicht mehr alleine aus dem Haus, da sie Angst haben, dass es nicht nur bei diesen sexuellen Anspielungen bleibt.“

Das ist das übliche rechte Gemisch von durch nichts belegten Gerüchten mit dreisten Lügen, die bei manchen vorhandene Ängste aufgreifen. Am Ende des Beitrags wird der Duktus drohend: „Aber das schön zureden hat langsam keinen Sinn mehr. Deshalb sollte sich die Politiker bewusst sein, dass der Unmut in der Bevölkerung auch in Buchholz wachsen wird und es irgendwann zu einem großen Knall kommt!“ Ob hier die Hunde nur bellen oder ob sie auch mal beißen werden, lässt sich schwer einschätzen. Die Polizei hat es bei ihrer Lagebeurteilung sicher nicht leicht.

Fakt ist, dass Reitzenstein und/oder seine Gruppe immer aktiver werden. Während in den letzten Jahren die Homepage der AG Nordheide manchmal wochenlang nicht aktualisiert wird, erscheinen dort derzeit im Abstand von Tagen hetzerische Beiträge. Auch der Twitter-Account wird fleißig bestückt. Zuletzt übernahm Reitzenstein die Homepage des Internetversandhandels „Street Wear Tostedt“, auf der vor allem Nazi-Musik, aber auch T-Shirts und dergleichen vertickt werden.

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DSC_0707[1]Von Kristian Stemmler

Überraschend sachlich und friedlich ist am Donnerstag abend die Informations-veranstaltung zur geplanten Unterkunft für Asylbewerber An Boerns Soll im Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) verlaufen. Wie berichtet, sollen auf einem kreiseigenen Grundstück neben der Förderschule Boerns Soll eine Containeranlage für rund 120 Asylbewerber errichtet werden. Die Vorplanungen sollen in den nächsten Wochen beginnen, mit Fertigstellung und Bezug ist im Spätsommer zu rechnen.

Dass die Info-Veranstaltung im AEG, zu der Landkreis und Stadt eingeladen hatten, so weitgehend reibungslos verlief, lag zum einen sicher an der ruhigen Art des Vortrags der Verantwortlichen und der unaufgeregten Moderation der Diskussion. Vor allem aber lag es aber wohl daran, dass sich die Kritiker der Unterkunft in der mit rund 300 Menschen voll besetzten Aula klar in der Minderheit befanden – etwa ein Drittel zu zwei Drittel – und auch argumentativ schnell in der Defensive waren.

So kam eine aggressive Hetzstimmung, wie es sie bei solchen Abenden schon gegeben hat, gar nicht erst zustande. Bei Betrachtung der Wortmeldungen und des Beifalls zu bestimmten Äußerungen ließ sich relativ gut abschätzen, wie die Gegner und Befürworter verteilt waren. Die Gegner kommen offenbar vor allem aus der eher kleinbürgerlichen Siedlung rund um die Marienstraße südlich des Schulgeländes. Die Befürworter eher aus der Märchensiedlung, deren Bewohner in der Mehrheit vermutlich grün-alternativ geprägt oder zumindest toleranter sind.

Störungen von Seiten der Buchholzer Neonazis, die über den Twitter-Account ihrer Aktionsgruppe Nordheide zur Teilnahme an der Veranstaltung aufgerufen hatten, gab es keine. Allerdings war die Polizei auch vorbereitet und wollte polizeibekannte Kader gar nicht erst in die Aula lassen. Der Chef der Polizeiinspektion Harburg, Uwe Lehne, war selbst vor Ort, auch zivile Beamten des Staatsschutzes. Mit der Präsenz Uniformierter hielt man sich aber zurück.

Auch die örtliche Antifa war anwesend und zeigte Flagge. Offenbar gelang es der AG Nordheide aber dennoch, jemanden in den Saal zu schmuggeln, denn schon während der Veranstaltung wurden fleißig Infos über den Verlauf getwittert. Diese Mitteilungen waren natürlich höchst tendenziös und verfälschend. So wurden Einzelstatements zur Meinung der Gesamtheit hochstilisiert. „Die Bevölkerung hat Angst vor den großen Männergruppen!!“, hieß es da etwa.

Tatsächlich gab es die üblichen Einwände gegen die Unterkunft, wie sie die Verantwortlichen des Landkreises bereits auf etlichen ähnlichen Veranstaltungen gehört haben. Ganz vorn dabei sind immer die angeblich sinkenden Grundstückspreise. So meldete sich gleich zu Anfang ein Anwohner der Marienstraße, der um den Wert seiner Immobilie fürchtet und behauptete, „da wo das Geld ist“, würden keine Flüchtlingsunterkünfte errichtet, nur in Wohngebieten der Mittelschicht.

Ein anderer Bürger bekannte er gehöre nicht „zum rechten Pack“, sei aber gegen die Unterkunft. Das Ganze sei undemokratisch beschlossen worden, viele Asylbewerber seien doch nur „Wirtschaftsflüchtlinge“. Er habe vor fünf, sechs Jahren gebaut und würde jetzt am liebsten wegziehen. Aber man wisse ja gar nicht mehr wohin, weil die Flüchtlinge quasi überall seien.

Dass die Anwohner nicht rechtzeitig informiert worden seien, kam mehrfach. Kritisiert wurde auch, dass die Unterkunft direkt neben einem Schulzentrum erbaut wird. Und natürlich durfte auch die besorgte Mutter nicht fehlen, deren Tochter das AEG besucht, und die danach fragt, ob man denn wenigstens dafür sorgen könne, dass nicht nur junge Männer in der Unterkunft einziehen.

Die Verantwortlichen von Landkreis und Stadt setzten den Vorurteilen sachliche Information entgegen. Auf dem Podium hatten der Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU), Reiner Kaminski, Dezernatsleiter Soziales des Landkreises, Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises, Thorsten Völker, Koordinator für die Flüchtlingsunterbringung, und Heinrich Helms, Pressesprecher der Stadt und Vertreter des „Bündnis für Flüchtlinge Buchholz“, Platz genommen.

Kaminski wies in seinem Eingangsstatement darauf hin, dass andere Länder wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen müssten als Deutschland. So würde der Libanon von Flüchtlingen aus dem benachbaren Syrien überschwemmt. Eine Bevölkerung von nur vier Millionen Euro sieht sich dort mehr als einer Million Flüchtlinge gegenüber. In Deutschland, so der Dezernent, seien 2014 rund 200.000 Asylbewerber aufgenommen worden, in diesem Jahr wird mit 300.000 bis 400.000 gerechnet. Kaminski verwies auf die aktuellen Tragödien im Mittelmeer, die deutlich machten, dass diese Menschen oft Leib und Leben riskierten, um Not und Verfolgung zu entkommen.

Es sei eine gesellschaftliche Verpflichtung, diesen Menschen Schutz zukommen zu lassen, so der Redner weiter. Das „Recht auf Asyl“ im Grundgesetz und entsprechende Passagen in der Genfer Konvention seien die rechtlichen Grundlagen. Er habe dafür Verständnis, dass Anwohner von geplanten Unterkünften sich fragten, was auf sie zukommt, „weil es da viele Ängste gibt“. In Buchholz habe man bisher gute Erfahrung gemacht, vor allem auch bei der Zusammenarbeit mit dem Bündnis.

Thorsten Völker gab einen Einblick in die aktuellen Zahlen und Fakten zum Thema. Derzeit seien 1649 Personen im Landkreis aufgenommen. Im Jahr 2014 wurden 784 Asylbewerber aufgenommen, in diesem Jahr waren es bis Mitte April bereits 446. Rund 1500 Asylbewerber, so die Schätzung, würden dem Landkreis in diesem Jahr noch zugewiesen, so dass der Landkreis in summa in diesem Jahr dann rund 2000 Flüchtlinge aufgenommen hätte. Das wären immer noch weniger als 1992, so Völker, zur Zeit der Balkankrise. Der Landkreis stelle aktuell 1671 Plätze in 58 Unterkünften bereit.

Die Flüchtlinge würden nach der Einwohnerzahl auf die Landkreises verteilt, seit August 2014 sei die Zuweisungspraxis „sehr stringent“. Aktuell würden 35 bis 40 Asylbewerber pro Woche zugewiesen, Absprachen seien nicht möglich. So würden Namen, Geschlecht, Nationalität und Religionszugehörigkeit erst drei bis sieben Tage vor Ankunft der Flüchtlinge mitgeteilt. Für 795 Flüchtlinge seien Unterkünfte in Planung oder in Bau, für 705 müssten in diesem Jahr noch Unterkünfte gefunden werden.

Angesicht der steigenden Zahlen von Zuweisungen habe man sich gezwungen gesehen, von Unterkünften für 30 bis 40 Asylbewerbern wegzukommen und Unterkünfte für bis 120 Personen anzustreben. Die Anwohner geplanter Unterkünfte würden so früh wie möglich informiert. Freudewald wies die Kritik zurück, in reicheren Kommunen würden keine Flüchtlinge untergebracht. So gäbe es in Jesteburg allein zehn Standorte.

Bürgermeister Röhse ging auf die Frage ein, warum die Unterkunft neben einem Schulzentrum errichtet werde. Das sei in keiner Weise ein Problem, betonte er. Er habe selbst eine 15 Jahre alte Tochter am AEG, sein neun Jahre alter Sohn werde die Schule demnächst besuchen. Was die Flüchtlinge angeht, mache er sich überhaupt keine Sorgen, so der Bürgermeister: „Dann habe ich schon eher Angst, dass ihnen auf dem Weg zur Schule was passiert…“

Erfrischend und erfreulich waren an diesem Abend die Statements von Bürgern, die nicht nur den verbreiteten Ängsten entgegen traten, sondern das Positive hervorhoben. So stand eine Mutter aus der Märchensiedlung auf und rief unter Beifall, sie freue sich richtig auf die Ankunft der Flüchtlinge. „In der Siedlung sind alle mehr so unter sich, wir kommen aus einer ähnlichen Wohlstandsschicht. Unsere Kinder kennen gar nichts anderes“, sagte sie, „da ist es toll, dass sie die Flüchtlinge kennen lernen können.“

Eine andere Mutter aus der Märchensiedlung meinte angesichts der von Zuhörern geäußerten Befürchtungen: „Es handelt sich um Menschen, nicht um Ungeheuer.“ Dass einigen zu den Flüchtlingen nur einfalle, dass der Marktwert ihrer Immobilie sinken könne, mache sie sprachlos. Eine junge Frau vom „Bündnis für Flüchtlinge“ erklärte, sie habe kein Verständnis dafür, dass einige Angst davor hätten, dass nur junge Männer in der Unterkunft wohnen könnten: „Hier in der Aula sind bestimmt auch mindestens 50 Prozent Männer – und ich habe auch keine Angst.“

Unterstützung für den Landkreis und die Stadt kam auch von den anwesenden Schulleitern. Aufgabe einer Schule sei es auch, „Begegnung zuzulassen und Verantwortung zu übernehmen“, erklärte der Leiter des AEG, Hans-Ludwig Hennig, „und genau das werden wir auch tun.“ Holger Blenck von der Schulleitung der IGS Buchholz lobte, die Verantwortlichen für die Unterbringung würden sehr professionell arbeiten. Man werde abwarten, wer komme, und dann überlegen, wo man helfen könne.

Der Pressesprecher der Stadt, Heinrich Helms, der die Diskussion moderierte, stellte kurz das Bündnis für Flüchtlinge vor. 2013 gegründet habe man inzwischen rund 140 Mitstreiter. In mehreren Gruppen würde Sprachunterricht für Flüchtlinge angeboten. Alle sechs bis acht Wochen organisiere man einen Tag der Begegnung. Als nächstes wolle das Bündnis an der Bremer Straße in einem Container eine Fahrradwerkstatt einrichten, um dort Fahrräder für die Flüchtlinge gemeinsam mit den Betroffenen instand zu setzen (Näheres zum Bündnis unter http://www.buendnis-buchholz.de).

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