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Der Eingang der Schule am Düvelshöpen

Von Anna Lüse

Freundlich lächelt das Kollegium den Betrachter an, entspannt steht die Schülerschaft vor ihrer Schule. Mit solchen Bildern empfängt das Gymnasium Tostedt auf seiner Homepage den User. Eine gut gemachte Seite mit flotten Design, schönen Fotos, schönen Schriften, vielen Informationen. Die Homepage bietet Wissenswertes über die Schule gleich in sechs Sprachen, darunter sogar polnisch und ungarisch.

Ganz anders begrüßt die Schule am Düvelshöpen den Internetsurfer. Stümperhaft und lieblos designt mit einem schlechten Foto des Schulgebäudes im oberen Teil, darunter die blassen Wappen der Kommunen im Einzugsgebiet wie Otter, Welle, Königsmoor, links Buttons in kackbraun. Die Informationen auf der Seite sind spärlich bis nichtssagend.

Was hier auf den ersten Blick nur Äußerlichkeiten sind, das ist tatsächlich Ausdruck der tiefen Spaltung im deutschen Bildungssystem, das sich am Beispiel der drei eng beieinander liegenden Schulen von Tostedt sehr gut illustrieren lässt. Bei allen Versuchen, das Bildungssystem zu reformieren, zeigt sich hier, dass es vielerorts die gesellschaftlichen Erosions- und Entsolidarisierungsprozesse nicht bekämpft oder wenigstens abfedert, sondern sogar zementiert: Man kann ohne Übertreibung von Bildungsrassismus sprechen.

Den Gymnasiasten, die es meistens ohnehin schon besser getroffen haben, wird der rote Teppich ausgerollt, die Hauptschüler können sehen, wo sie bleiben – auch in Tostedt. Schon auf der Startseite des Gymnasiums Tostedt im Internet wird das deutlich. Da stehen rechts die Sponsoren der Schule: die TU Harburg, die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU im Landkreis Harburg, die Irene und Friedrich Vorwerk Stiftung und die Sparkasse Harburg-Buxtehude. Auf der Website der Schule am Düvelshöpen sucht man vergebens nach Unterstützern. Warum soll man auch in Hauptschüler investieren?!

Auch sonst kann das Gymnasium einiges aufbieten. In der länglichen Vorstellung der Schule heißt es: „Über den eigentlichen Unterricht hinaus werden Arbeitsgemeinschaften, Projekte, Betriebspraktika, Austauschprogramme, Exkursionen und Klassenfahrten, Nachhilfestunden für Schüler u. a. angeboten.“ Na, das ist doch schon was!

Unterrichtsfächer hat man selbstverständlich in Hülle und Fülle im Angebot. „Neben den so genannten Langfächern (erhöhte Stundenzahl) Deutsch, Englisch, einer weiteren Fremdsprache wie Französisch, Latein oder Spanisch und Mathematik werden folgende Kurzfächer (verminderte Stundenzahl) unterrichtet: Kunst und Musik/Erdkunde, Geschichte, Politik, Religion, Werte und Normen / Biologie, Chemie, Physik / Sport.“

Die Schule am Düvelshöpen kann da nicht ganz mithalten. Unter dem Stichwort „Leitbild“ sind lediglich einige Allgemeinplätze abgelegt wie „Bei uns ist jeder willkommen!“ oder „Jeder wird in seiner Individualität wahrgenommen“. Weiter heißt es: „Wir geben Zeit und Raum zur Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung.“ Das ist ja großartig!

Was da an der Hauptschule so unterrichtet und angeboten wird, ist auf der Seite nicht so ohne weiteres in Erfahrung zu bringen, vermutlich gibt es darüber nichts zu sagen. Dafür erfährt der Leser, das es Projekte zur Integration und zum „sozialen Lernen“ und „Powerkurse“, in denen Defizite ausgeglichen werden sollen. Merke: Der Hauptschüler hat vor allem Defizite!

Die „besonderen Angebote“ des Gymnasiums Tostedt aufzuzählen, fehlt hier der Platz. Erwähnt seien hier nur beispielsweise Schulpartnerschaften mit Schulen aus vier Ländern, Theater-AGs und eine Kooperation mit der TU Harburg. Keine Frage, dass das Gymnasium einen Computerraum mit 33 Arbeitsplätzen und eine Medienbibliothek mit 27 Computern, die in der Pause „immer umlagert“ sind, ihr eigen nennt.

Auf der Homepage der Hauptschule findet man nichts über internationale Partnerschaften, komisch eigentlich. Aber man hat immerhin diverse Arbeitsgemeinschaften, zum Beispiel Jazzdance, Werken und Fußball, man hat eine Schulband und einen Schulgarten. Man trägt die Titel „Sportfreundliche Schule“ und „Schule ohne Rassismus“, was ja schon besser ist als nichts.

Der Eindruck von den Schulen im wirklichen Leben bestätigt den aus dem Internet in vollem Umfang. Das Gymnasium empfängt den Besucher vorn an der Straße geradezu protzig, mit hellen, großzügigen Backsteingebäuden – die Hauptschule liegt hinten irgendwo hinterm Sportplatz, flach und düster mit ihren schwarzen Holzbalken. Im Inneren sieht es auch nicht besser aus.

Während das Gymnasium schön hell ist, ist die Hauptschule innen so düster wie die Aussichten vieler ihrer Schüler. Dafür sorgen etwa die rotbraunen Fliesen in der Aula. „Aber die Cafeteria ist das Schlimmste“, berichtet ein Schüler. Alte Röhrenfernseher und Billardtische mit zerfranstem Bezug zeugen davon, dass man in diese Schule nicht unbedingt Geld investieren möchte.

Ebenso symptomatisch ist die Verpflegung der Schüler. Für die Hauptschüler gibt es von Schülern belegte Brötchen, von denen meist nach der Hälfte der Pause schon alle weg sind. Die Realschule nebenan hat eine von Eltern geführte Cafeteria, die mehrmals in der Woche mit warmen Snacks aufwartet. Und das Gymnasium hat eine hauseigene Filiale der Bäckerei-Kette Elmers und einen Snackautomaten. Noch Fragen?

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