Mit ‘Reiner Kaminski’ getaggte Beiträge

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Vor zwei Jahren wurden die Container an der Straße Am Langen Sal errichtet.

Von Kristian Stemmler

Das könnte Ärger geben. Auf einer Fläche an den Straßen Am Langen Sal/Fischbüttenweg in Buchholz soll die dort seit etwa zwei Jahren bestehende Containeranlage für Flüchtlinge um rund 80 auf insgesamt 120 Plätze aufgestockt werden. Als die Anlage genehmigt wurde, war den Anwohnern auf einer Informationsveranstaltung noch mitgeteilt worden, die Baugenehmigung sei auf zwei Jahre befristet, die Container würden dann wieder verschwinden. Angesichts der aktuellen Entwicklung lässt sich das nicht umsetzen.

Landkreis Harburg und Stadt haben die Anwohner bereits per Post über die Erweiterung der Anlage informiert und zu einer Informationsveranstaltung am kommenden Dienstag in der Aula der Waldschule (Beginn 19 Uhr) eingeladen. Dort könnte es hoch hergehen. Auf der anderen Seite schwappt derzeit eine Welle des Wohlwollens für Flüchtlinge durch die Öffentlichkeit – es wird sich zeigen, was die im Einzelfall wirklich wert ist.

Angesichts des weiteren Zustroms von Flüchtlingen in Deutschland hat der Landkreis keine andere Wahl, als jede Möglichkeit für die Unterbringung zu nutzen. „Dem Landkreis werden derzeit 50 bis 60 neue Flüchtlinge pro Woche zugewiesen, so dass wir dringend weiteren Wohnraum benötigen“, sagt Reiner Kaminski, Bereichsleiter Soziales beim Landkreis. Er wird sich am Dienstag den Bürgern stellen, zusammen mit seinem Abteilungsleiter für Migration Thorsten Völker, dem Kreis-Pressesprecher Johannes Freudewald, dem Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU) und Heinrich Helms vom Bündnis für Flüchtlinge.

Die Unterkunft am Langen Sal war mit 40 Plätzen eine der ersten Containeranlagen, die der Landkreis im Herbst 2013 eröffnet hat. In Buchholz sind derzeit rund 250 Asylbewerber an verschiedenen Standorten untergebracht. Als weitere Unterkunft ist eine Anlage mit 120 Plätzen auf einem Gelände am Boerns Soll in Vorbereitung, die voraussichtlich im Januar 2016 bezugsfertig sein wird.

Leider muss davon ausgegangen werden, dass die Neonazis der Aktionsgruppe (AG) Nordheide um den Ex-Soldaten Denny Reitzenstein die Erweiterung der Anlage Am Langen Sal zum Thema machen werden. Seit Monaten hetzt die AG Nordheide auf ihrer Homepage und ihrem Twitter-Account gegen Flüchtlinge, wobei es ihr vor allem darum geht, Flüchtlinge als kriminell und gefährlich darzustellen.

Unter der Überschrift „Buchholz: Brennpunkt Am Langen Sal“ hieß es vor einigen Tagen auf der Website der AG Nordheide: „Wie wir schon in einem Bericht erwähnt haben, häufen sich die Meldung über kriminelle Fachkräfte um die Unterkunft Am langen Sal.“ Es hätte am Abend des 28. August einen Einsatz mit mehren Streifenwagen an der Unterkunft gegeben, bei dem eine Person festgenommen worden sei. Der buchholz express wird die Meldung überprüfen.

Wie in der Propaganda der Nazis üblich, werden gern Anwohner/Bürger zitiert, um sich als deren Anwalt auszugeben. So heißt es auf der Homepage: „Die Anwohner der Straße berichten davon, dass selbst kleine Kinder, vor allem Mädchen, von den Bewohnern vermehrt angesprochen werden, selbstverständlich bleiben auch Frauen nicht verschont. Es geht nicht mehr um ein harmloses Gespräch, sondern es sind schon sexuelle Anmache, die von den Bewohnern ausgeht. Viele Frauen trauen sich mittlerweile Nachts nicht mehr alleine aus dem Haus, da sie Angst haben, dass es nicht nur bei diesen sexuellen Anspielungen bleibt.“

Das ist das übliche rechte Gemisch von durch nichts belegten Gerüchten mit dreisten Lügen, die bei manchen vorhandene Ängste aufgreifen. Am Ende des Beitrags wird der Duktus drohend: „Aber das schön zureden hat langsam keinen Sinn mehr. Deshalb sollte sich die Politiker bewusst sein, dass der Unmut in der Bevölkerung auch in Buchholz wachsen wird und es irgendwann zu einem großen Knall kommt!“ Ob hier die Hunde nur bellen oder ob sie auch mal beißen werden, lässt sich schwer einschätzen. Die Polizei hat es bei ihrer Lagebeurteilung sicher nicht leicht.

Fakt ist, dass Reitzenstein und/oder seine Gruppe immer aktiver werden. Während in den letzten Jahren die Homepage der AG Nordheide manchmal wochenlang nicht aktualisiert wird, erscheinen dort derzeit im Abstand von Tagen hetzerische Beiträge. Auch der Twitter-Account wird fleißig bestückt. Zuletzt übernahm Reitzenstein die Homepage des Internetversandhandels „Street Wear Tostedt“, auf der vor allem Nazi-Musik, aber auch T-Shirts und dergleichen vertickt werden.

DSC_0707[1]Von Kristian Stemmler

Überraschend sachlich und friedlich ist am Donnerstag abend die Informations-veranstaltung zur geplanten Unterkunft für Asylbewerber An Boerns Soll im Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) verlaufen. Wie berichtet, sollen auf einem kreiseigenen Grundstück neben der Förderschule Boerns Soll eine Containeranlage für rund 120 Asylbewerber errichtet werden. Die Vorplanungen sollen in den nächsten Wochen beginnen, mit Fertigstellung und Bezug ist im Spätsommer zu rechnen.

Dass die Info-Veranstaltung im AEG, zu der Landkreis und Stadt eingeladen hatten, so weitgehend reibungslos verlief, lag zum einen sicher an der ruhigen Art des Vortrags der Verantwortlichen und der unaufgeregten Moderation der Diskussion. Vor allem aber lag es aber wohl daran, dass sich die Kritiker der Unterkunft in der mit rund 300 Menschen voll besetzten Aula klar in der Minderheit befanden – etwa ein Drittel zu zwei Drittel – und auch argumentativ schnell in der Defensive waren.

So kam eine aggressive Hetzstimmung, wie es sie bei solchen Abenden schon gegeben hat, gar nicht erst zustande. Bei Betrachtung der Wortmeldungen und des Beifalls zu bestimmten Äußerungen ließ sich relativ gut abschätzen, wie die Gegner und Befürworter verteilt waren. Die Gegner kommen offenbar vor allem aus der eher kleinbürgerlichen Siedlung rund um die Marienstraße südlich des Schulgeländes. Die Befürworter eher aus der Märchensiedlung, deren Bewohner in der Mehrheit vermutlich grün-alternativ geprägt oder zumindest toleranter sind.

Störungen von Seiten der Buchholzer Neonazis, die über den Twitter-Account ihrer Aktionsgruppe Nordheide zur Teilnahme an der Veranstaltung aufgerufen hatten, gab es keine. Allerdings war die Polizei auch vorbereitet und wollte polizeibekannte Kader gar nicht erst in die Aula lassen. Der Chef der Polizeiinspektion Harburg, Uwe Lehne, war selbst vor Ort, auch zivile Beamten des Staatsschutzes. Mit der Präsenz Uniformierter hielt man sich aber zurück.

Auch die örtliche Antifa war anwesend und zeigte Flagge. Offenbar gelang es der AG Nordheide aber dennoch, jemanden in den Saal zu schmuggeln, denn schon während der Veranstaltung wurden fleißig Infos über den Verlauf getwittert. Diese Mitteilungen waren natürlich höchst tendenziös und verfälschend. So wurden Einzelstatements zur Meinung der Gesamtheit hochstilisiert. „Die Bevölkerung hat Angst vor den großen Männergruppen!!“, hieß es da etwa.

Tatsächlich gab es die üblichen Einwände gegen die Unterkunft, wie sie die Verantwortlichen des Landkreises bereits auf etlichen ähnlichen Veranstaltungen gehört haben. Ganz vorn dabei sind immer die angeblich sinkenden Grundstückspreise. So meldete sich gleich zu Anfang ein Anwohner der Marienstraße, der um den Wert seiner Immobilie fürchtet und behauptete, „da wo das Geld ist“, würden keine Flüchtlingsunterkünfte errichtet, nur in Wohngebieten der Mittelschicht.

Ein anderer Bürger bekannte er gehöre nicht „zum rechten Pack“, sei aber gegen die Unterkunft. Das Ganze sei undemokratisch beschlossen worden, viele Asylbewerber seien doch nur „Wirtschaftsflüchtlinge“. Er habe vor fünf, sechs Jahren gebaut und würde jetzt am liebsten wegziehen. Aber man wisse ja gar nicht mehr wohin, weil die Flüchtlinge quasi überall seien.

Dass die Anwohner nicht rechtzeitig informiert worden seien, kam mehrfach. Kritisiert wurde auch, dass die Unterkunft direkt neben einem Schulzentrum erbaut wird. Und natürlich durfte auch die besorgte Mutter nicht fehlen, deren Tochter das AEG besucht, und die danach fragt, ob man denn wenigstens dafür sorgen könne, dass nicht nur junge Männer in der Unterkunft einziehen.

Die Verantwortlichen von Landkreis und Stadt setzten den Vorurteilen sachliche Information entgegen. Auf dem Podium hatten der Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU), Reiner Kaminski, Dezernatsleiter Soziales des Landkreises, Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises, Thorsten Völker, Koordinator für die Flüchtlingsunterbringung, und Heinrich Helms, Pressesprecher der Stadt und Vertreter des „Bündnis für Flüchtlinge Buchholz“, Platz genommen.

Kaminski wies in seinem Eingangsstatement darauf hin, dass andere Länder wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen müssten als Deutschland. So würde der Libanon von Flüchtlingen aus dem benachbaren Syrien überschwemmt. Eine Bevölkerung von nur vier Millionen Euro sieht sich dort mehr als einer Million Flüchtlinge gegenüber. In Deutschland, so der Dezernent, seien 2014 rund 200.000 Asylbewerber aufgenommen worden, in diesem Jahr wird mit 300.000 bis 400.000 gerechnet. Kaminski verwies auf die aktuellen Tragödien im Mittelmeer, die deutlich machten, dass diese Menschen oft Leib und Leben riskierten, um Not und Verfolgung zu entkommen.

Es sei eine gesellschaftliche Verpflichtung, diesen Menschen Schutz zukommen zu lassen, so der Redner weiter. Das „Recht auf Asyl“ im Grundgesetz und entsprechende Passagen in der Genfer Konvention seien die rechtlichen Grundlagen. Er habe dafür Verständnis, dass Anwohner von geplanten Unterkünften sich fragten, was auf sie zukommt, „weil es da viele Ängste gibt“. In Buchholz habe man bisher gute Erfahrung gemacht, vor allem auch bei der Zusammenarbeit mit dem Bündnis.

Thorsten Völker gab einen Einblick in die aktuellen Zahlen und Fakten zum Thema. Derzeit seien 1649 Personen im Landkreis aufgenommen. Im Jahr 2014 wurden 784 Asylbewerber aufgenommen, in diesem Jahr waren es bis Mitte April bereits 446. Rund 1500 Asylbewerber, so die Schätzung, würden dem Landkreis in diesem Jahr noch zugewiesen, so dass der Landkreis in summa in diesem Jahr dann rund 2000 Flüchtlinge aufgenommen hätte. Das wären immer noch weniger als 1992, so Völker, zur Zeit der Balkankrise. Der Landkreis stelle aktuell 1671 Plätze in 58 Unterkünften bereit.

Die Flüchtlinge würden nach der Einwohnerzahl auf die Landkreises verteilt, seit August 2014 sei die Zuweisungspraxis „sehr stringent“. Aktuell würden 35 bis 40 Asylbewerber pro Woche zugewiesen, Absprachen seien nicht möglich. So würden Namen, Geschlecht, Nationalität und Religionszugehörigkeit erst drei bis sieben Tage vor Ankunft der Flüchtlinge mitgeteilt. Für 795 Flüchtlinge seien Unterkünfte in Planung oder in Bau, für 705 müssten in diesem Jahr noch Unterkünfte gefunden werden.

Angesicht der steigenden Zahlen von Zuweisungen habe man sich gezwungen gesehen, von Unterkünften für 30 bis 40 Asylbewerbern wegzukommen und Unterkünfte für bis 120 Personen anzustreben. Die Anwohner geplanter Unterkünfte würden so früh wie möglich informiert. Freudewald wies die Kritik zurück, in reicheren Kommunen würden keine Flüchtlinge untergebracht. So gäbe es in Jesteburg allein zehn Standorte.

Bürgermeister Röhse ging auf die Frage ein, warum die Unterkunft neben einem Schulzentrum errichtet werde. Das sei in keiner Weise ein Problem, betonte er. Er habe selbst eine 15 Jahre alte Tochter am AEG, sein neun Jahre alter Sohn werde die Schule demnächst besuchen. Was die Flüchtlinge angeht, mache er sich überhaupt keine Sorgen, so der Bürgermeister: „Dann habe ich schon eher Angst, dass ihnen auf dem Weg zur Schule was passiert…“

Erfrischend und erfreulich waren an diesem Abend die Statements von Bürgern, die nicht nur den verbreiteten Ängsten entgegen traten, sondern das Positive hervorhoben. So stand eine Mutter aus der Märchensiedlung auf und rief unter Beifall, sie freue sich richtig auf die Ankunft der Flüchtlinge. „In der Siedlung sind alle mehr so unter sich, wir kommen aus einer ähnlichen Wohlstandsschicht. Unsere Kinder kennen gar nichts anderes“, sagte sie, „da ist es toll, dass sie die Flüchtlinge kennen lernen können.“

Eine andere Mutter aus der Märchensiedlung meinte angesichts der von Zuhörern geäußerten Befürchtungen: „Es handelt sich um Menschen, nicht um Ungeheuer.“ Dass einigen zu den Flüchtlingen nur einfalle, dass der Marktwert ihrer Immobilie sinken könne, mache sie sprachlos. Eine junge Frau vom „Bündnis für Flüchtlinge“ erklärte, sie habe kein Verständnis dafür, dass einige Angst davor hätten, dass nur junge Männer in der Unterkunft wohnen könnten: „Hier in der Aula sind bestimmt auch mindestens 50 Prozent Männer – und ich habe auch keine Angst.“

Unterstützung für den Landkreis und die Stadt kam auch von den anwesenden Schulleitern. Aufgabe einer Schule sei es auch, „Begegnung zuzulassen und Verantwortung zu übernehmen“, erklärte der Leiter des AEG, Hans-Ludwig Hennig, „und genau das werden wir auch tun.“ Holger Blenck von der Schulleitung der IGS Buchholz lobte, die Verantwortlichen für die Unterbringung würden sehr professionell arbeiten. Man werde abwarten, wer komme, und dann überlegen, wo man helfen könne.

Der Pressesprecher der Stadt, Heinrich Helms, der die Diskussion moderierte, stellte kurz das Bündnis für Flüchtlinge vor. 2013 gegründet habe man inzwischen rund 140 Mitstreiter. In mehreren Gruppen würde Sprachunterricht für Flüchtlinge angeboten. Alle sechs bis acht Wochen organisiere man einen Tag der Begegnung. Als nächstes wolle das Bündnis an der Bremer Straße in einem Container eine Fahrradwerkstatt einrichten, um dort Fahrräder für die Flüchtlinge gemeinsam mit den Betroffenen instand zu setzen (Näheres zum Bündnis unter http://www.buendnis-buchholz.de).

Buchholz (ein/kst) – Die Tragödie im Mittelmeer zeigt aufs Neue, welche dramatischen Dimensionen die Flüchtlingsproblematik angenommen hat. Angesichts der vom Westen verursachten Krise und Kriege im Mittleren Osten, Afrika und anderswo kommen weiterhin tausende Flüchtlinge nach Deutschland. Davon ist auch der Landkreis Harburg betroffen. Buchholz will jetzt weitere 120 Asylbewerber aufnehmen und zwar am Boerns Soll.

Nach Gesprächen mit der Stadt und den Schulleitern der benachbarten Schulen habe der Landkreis entschieden, auf dem kreiseigenen Gelände An Boerns Soll eine neue Unterkunft für 120 Flüchtlinge in Modulbauweise zu errichten, meldet die Verwaltung. Die Vorplanungen für den Bau der neuen Anlage sollen in den nächsten Wochen beginnen, mit einer Fertigstellung und dem Bezug sei voraussichtlich im Spätsommer zu rechnen.

„Als größte Stadt im Landkreis Harburg nehmen wir unsere Verantwortung wahr, weitere Flüchtlinge in unserer Mitte aufzunehmen“, sagte Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU). „Dabei sind wir auch weiterhin auf die ehrenamtliche Unterstützung und Erfahrung von Bürgerinnen und Bürgern angewiesen, die sich im Buchholzer Bündnis für Flüchtlinge engagieren können.“ In der Stadt Buchholz sind bereits rund 250 Asylbewerber an neun Standorten untergebracht.

Die Anwohner und Nachbarn des ausgewählten Geländes wurden bereits mit einem gemeinsamen Brief des Landkreises und der Stadt Buchholz über das Vorhaben informiert und zu einer Bürgerinformationsveranstaltung eingeladen, die am Donnerstag, 19.30 Uhr, in der Aula des Albert Einstein Gymnasiums stattfindet. Dazu wurden auch alle Eltern von Schülerinnen und Schülern, die die benachbarten Schulen besuchen, mit ähnlichen Schreiben der Schulleiter eingeladen.

Auf der öffentlichen Veranstaltung wird Röhse gemeinsam mit dem Bereichsleiter Soziales des Landkreises, Reiner Kaminski, über die aktuelle Flüchtlingssituation im Landkreis, den Stand der Planungen und das Betreuungskonzept informieren und sich den Fragen des Publikums stellen. Mit dabei sind auch Heinrich Helms, Pressesprecher der Stadt Buchholz und im Buchholzer Bündnis für Flüchtlinge aktiv, und Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises Harburg, sowie die Schulleiter der benachbarten Schulen.

Die Polizei bereitet sich offenbar auch auf die Veranstaltung vor, um mögliche Störungen schon im Vorfeld zu ersticken. Jedenfalls meldet die Nazi-Gruppierung Aktionsgruppe (AG) Nordheide auf ihrem Twitter-Account, die ersten „Nationalisten“ hätten wegen der Veranstaltung am Donnerstag im AEG „Besuch von der Staatsmacht“ bekommen.

Es ist also davon auszugehen, dass die Polizei im Zuge so genannter Gefährderansprachen die Buchholzer Nazis vorwarnt und ihnen deutlich macht, dass sie sie im Blick hat. Die AG Nordheide hetzt seit Monaten auf ihrem vermutlich vom Führungskader Denny Reitzenstein betriebenen Twitter-Account und auf ihrer Homepage gegen Flüchtlinge.

Willkommen auf Deutsch Plakat IIVon Kristian Stemmler

Hartmut Prahm nimmt den Zuschauer mit in sein Dorf. „In das noch beschauliche Appel“, wie er erklärt, während er die Hauptstraße entlang geht, die Kamera im Schlepptau. Fachwerkhäuser gibt es da, viel Grün, Weideland, gelbgeklinkerte, efeubewachsene Eigenheime. Niedersächsische Idylle eben. Aber diese Idylle ist gefährdet, jedenfalls wenn man Prahm glauben will. „53 ist ein Problem“, raunt er vielsagend.

So ruhig und unspektakulär beginnt der Film „Willkommen auf Deutsch“ der Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler und ihrer Firma Pier 53. Und so ruhig und unspektakulär bleibt er bis zum Schluss. Keine Nazis in Springerstiefeln, keine Fahnen schwenkenden Pegida-Anhänger, keine Politologen, die Statements von sich geben. Der Film konzentriert sich auf einzelne Menschen und ihren Alltag, geht ganz nah an sie heran und arbeitet dabei das Exemplarische heraus.

Für ihr Projekt haben Rau und Wendler den gutbürgerlichen Landkreis Harburg im Speckgürtel Hamburgs ausgesucht, stellvertretend für die insgesamt 295 deutschen Landkreise, die in Sachen Migration ja mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Fast ein Jahr lang begleiteten sie 2013 im Landkreis Flüchtlinge, Anwohner und Vertreter der Kreisverwaltung. Dabei ist ein ebenso eindrucksvoller wie mutmachender Film herausgekommen, den man mindestens zweimal sehen sollte.

Angesichts der weiter steigender Zahlen von Asylbewerbern und der aufgeregten Diskussion um die Pegida-Bewegung könnte dieser Film (bundesweiter Kinostart: 12. März) nicht aktueller sein, gerade auch wegen seiner besonderen Perspektive. „Willkommen auf Deutsch“ ist ein unaufgeregter und weiter führender Debattenbeitrag, weil er den Ursachen für die Ablehnung von Flüchtlingen auf den Grund geht und zugleich Ansätze für ihre Überwindung zeigt (geplant sind auch Vorführungen im Landkreis, so in Buchholz).

Der Film konzentriert sich auf zwei Orte, auf Appel in der Samtgemeinde Hollenstedt und auf die Gemeinde Tespe in der Elbmarsch. In Appel werden die Proteste gegen die (letztlich gescheiterte) Unterbringung von 53 Afrikanern in einem früheren Altenheim beleuchtet, die 2013 für Schlagzeilen sorgten. In Tespe begleitete das Filmteam eine tschetschenische Familie und ein Paar aus Pakistan, die in einer ehemaligen Sparkasse untergekommen sind. Diese Menschen und ihre Helfer sind die eigentlichen Hauptdarsteller des Films.

Vor allem das Gesicht von Larisa bleibt dem Zuschauer in Erinnerung. Die 21 Jahre alte Asylbewerberin ist aus Tschetschenien mit ihrer Mutter und fünf Brüdern nach Deutschland gekommen. Es geht im Film nicht um das Schicksal der Familie im Heimatland, es geht um ihren Alltag in Tespe, um ihre Sorgen und Ängste. Larisa wird gezeigt beim Staubsaugen, beim Kochen, wie sie ihren kleinen Bruder in der Badewanne wäscht.

Die Mutter ist im Krankenhaus, weil die Sorge um die Zukunft sie krank gemacht hat. „Wir haben Post bekommen, in der stand, dass wir abgeschoben werden sollen“, erklärt Larisa. Die Familie ist über Polen nach Deutschland gereist, nach EU-Recht müsste sie dorthin abgeschoben werden, denn zuständig ist immer das Land der Erstaufnahme. Sie hätten immer Angst davor, dass das passiert, sagt die junge Frau: „Es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst.“

Von Tespe geht es wieder zurück nach Appel. Hartmut Prahm, Mitgründer der Bürgerinitiative gegen die Unterbringung der 53 Asylbewerber, sitzt mit dem Bürgermeister des Dorfes, Reinhard Kolkmann (SPD) in dessen Büro, mit am Tisch sind noch zwei Mütter aus dem Dorf. Man ist sich einig, dass die Unterbringung von 53 Flüchtlingen im Dorf „nicht sozialverträglich“ wäre. Mütter fürchteten, ihre jugendlichen Töchter dann abends nicht mehr auf die Straße lassen zu können, heißt es da.

Ähnliches ist Ende Oktober 2013 auf einer Informationsveranstaltung im „Deutschen Haus“ in Appel zu hören, auf der es um die geplante Unterkunft für Asylbewerber geht. Mehr als 200 Bürger haben sich versammelt, meist gut situierte Mittelschichtler, die Stimmung ist aggressiv und feindselig. Natürlich wissen die Leute, was man in der Öffentlichkeit sagen darf und was nicht. Die rhetorische Linie wird auch in den Statements von Prahm und seinen Mitstreitern deutlich: Man habe ja nichts gegen Ausländer, aber müssen es gleich so viele sein?!

Reinhard Kolkmann steht im Film exemplarisch für diejenigen Kommunalpolitiker, die dem Volk oder was sie dafür halten nach dem Munde reden statt aufzuklären und gegenzuhalten. So benutzt er ohne jede Einordnung den NS-Begriff „Überfremdung“ und sagt Sätze wie: „Es gibt immer dann keine Vorbehalte gegen Ausländer, wenn ich sie kenne, wenn ich mit den Kindern vielleicht Kontakt habe oder so. Aber wenn 53 Schwarzafrikaner nach Appel kommen, gibt es garantiert große Vorbehalte.“

Im Film bleiben all diese Äußerungen wie alle anderen unkommentiert, aber Rau und Wendler haben dazu nach den Dreharbeiten klar Stellung bezogen. Zu Recht fragen sie: „Wie passt es zusammen, dass Menschen beteuern, sie hätten nichts gegen Ausländer, kurz darauf aber Bürgerinitiativen gründen, weil sie angesichts eines neuen Asylbewerberheims um die körperliche Unversehrtheit ihrer Töchter oder den Marktwert ihrer Eigenheime fürchten?“

Reiner Kaminski steht für eine andere Haltung. Im Film ist der Fachbereichleiter Soziales der Kreisverwaltung in Winsen so etwas wie ein verbindendes Element. Er ist beim Landkreis unter anderem für die Unterbringung der Asylbewerber zuständig und stellt sich an den dafür vorgesehenen Standorten, gemeinsam mit dem Pressesprecher des Landkreises, Johannes Freudewald, den Anwohnern. Ein Job, für den man ein dickes Fell braucht.

Dass für ihn die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge mehr ist als eine lästige Pflicht, macht Kaminski gleich zu Beginn des Films deutlich. Er plädiert für den Aufbau einer „Willkommenskultur“ und nimmt klar Partei für die Asylbewerber. „Wir nehmen Menschen aus Notlagen auf, die einiges auf sich genommen haben, ihr Leben zu retten“, sagt er. „Und von daher stehe ich auch persönlich voll dahinter, dass unsere Gesellschaft diese Menschen auch positiv aufnimmt.“

Wie das funktionieren kann, dafür liefert „Willkommen auf Deutsch“ einige Beispiele. Der Film nimmt den Zuschauer mit zu einem „Internationalen Café“ in einer Kirchengemeinde in Winsen, wo die Asylbewerber sich untereinander austauschen können, aber auch deutsche Ansprechpartner kennen lernen. Vorgestellt werden auch engagierte Helfer der Flüchtlinge wie die Rentnerin Ingeborg Neupert, die sich mit großer Tatkraft um die tscheschenische Familie in Tespe kümmert.

Den Dokumentarfilmern ist das Kunststück gelungen, mit ihrem Film ein klares Statement für eine offene Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland abzuliefern, ohne dass sie in den 89 Minuten einen einzigen Kommentar abgeben. Sie schaffen das vor allem mit der Wahl der Perspektive, mit der Auswahl der Szenen und dem Schnitt und mit einer sehr eindringlichen Bildersprache. Dass der Film hervorragend fotografiert ist, ist mehr als ein formaler Pluspunkt, weil die Ästhetik sich immer in den Dienst der Botschaft stellt.

„Willkommen auf Deutsch“ hat große Momente. So die Szene, in der das pakistanische Paar auf der Bank einer Bushaltestelle sitzt und der Mann in seiner Sprache ein Lied über das Leid singt. Oder die Szene, in der Hartmut Prahm in seinem Wohnzimmer steht und über die schönen großen Bäume im Garten spricht, die dazu beigetragen hätten, dass er nach Appel zieht. Oder das Statement von Evelin Schätzle, sie habe im Zweiten Weltkrieg selbst Flucht und Vertreibung und die Ablehnung der Einheimischen erlebt, darum helfe sie der tschetschenischen Familie in Tespe.

Erst im Kontrast wird vieles deutlich. Etwa wenn der feindseligen Atmosphäre in Appel die Offenheit der Helfer gegenübergestellt wird. Es wird deutlich, wie irrational, ja schäbig und beschämend die abweisende Haltung der Anwohner in Appel ist, die sich genauso ja in vielen anderen Orten findet. Die Flüchtlinge im Film kommen mit wenig Ansprüchen und großen Hoffnungen nach Deutschland, sie wirken wehrlos und bescheiden. Sie freuen sich über spartanische Unterkünfte in einem Container oder einer Pension, aus denen die meisten Deutschen nach einer Nacht flüchten würden.

Seit zehn Jahren befassen sich Rau und Wendler mit dem Thema Flucht und Migration, ihr Film „Wadim“ erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde auf Festivals im In- und Ausland gezeigt. Für ihre Filme begleitete das Duo immer wieder Flüchtlinge, die unter „erschütternden Umständen“ in Deutschland leben. Die öffentliche Reaktion darauf sei von Empörung und Empathie geprägt gewesen, aber geändert habe sich wenig. Darum habe man für „Willkommen auf Deutsch“ die Perspektive geändert, auch die deutschen Nachbarn einbezogen.

In begleitenden Statements stellen die Filmer ihr Projekt in einen größeren Kontext. Weltweit seien derzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Vertreibung, erklärt Hauke Wendler. Das seien die höchsten Zahlen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In Deutschland lande nur ein Bruchteil dieser Flüchtlinge, 2014 gab es rund 200.000 neue Asylbewerber. Wendler: „Das muss ein Land wie Deutschland bewältigen können.“

Und Rau ergänzt: „Ich glaube, es wäre utopisch davon auszugehen, dass jeder der 82 Millionen Deutschen, sich wahnsinnig freut, wenn fremde Kulturen, fremdes Essen und fremde Sprachen in der Nachbarschaft einziehen. Das kann man nicht erwarten.“ Aber, und das hätten die Dreharbeiten zum Film ganz klar gezeigt: „Da wo Kontakte entstehen zwischen Asylbewerbern und den deutschen Anwohnern, da erledigen sich viele Vorurteile von selbst. Die Probleme entstehen immer da, wo nicht geredet wird.”

Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.

Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.

Von Kristian Stemmler

Nach den Anschlägen von Paris und angesichts der Diskussion um die Pegida-Bewegung werden die Ressentiments gegen Asylbewerber vermutlich nicht weniger – auch im Landkreis Harburg. Das bedeutet für die Verwaltung des Landkreises, dass sie nicht nur mit der Unterbringung von Flüchtlingen viel Arbeit hat, sondern auch mit der Durchsetzung von Unterkünften. Und diese Arbeit, die viel Geduld und starke Nerven erfordert, wird in diesem Jahr nicht weniger.

Die Zahl der vom Landkreis aufzunehmenden Flüchtlinge wird sich nämlich voraussichtlich mehr als verdoppeln. Derzeit sind im Landkreis rund 1300 Asylbewerber untergebracht, von denen rund 120 einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Bis Ende 2015, so sagte Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises, dem buchholz express, müsse man etwa 1850 weitere Flüchtlinge aufnehmen. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurden 784 Flüchtlinge neu aufgenommen.

Wie im vergangenen Jahr wird Freudewald darum auch 2015 viel mit Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales des Landkreises, unterwegs sein, um für Akzeptanz zu werben. Um zu informieren, aufzuklären, Vorurteile und Bedenken abzubauen. Wo immer Asylbewerber untergebracht werden sollen, stellen die beiden sich schon im Vorfeld bei Informationsveranstaltungen den Anwohnern.

Am Mittwochabend traten Kaminski und Freudewald in Tostedt an. Dort soll demnächst die dritte Containeranlage für Asylbewerber im Ort aufgestellt werden, auf einer rund 6500 Quadratmeter Fläche an der Todtglüsinger Straße, in Nachbarschaft zu Feuerwehr und zum Christus Centrum Tostedt (CCT). Rund 120 Flüchtlinge sollen dort unterkommen. Die Anlage soll Anfang Mai bezugsfertig sein, neben der Anlage soll ein Bolzplatz angelegt werden.

Bei einer Veranstaltung im CCT, zu der mehr als 200 Anwohner kamen, informierten Kaminski und Freudewald gemeinsam mit dem grünen Tostedter Bürgermeister Peter Dörsam über das Vorhaben. Zu den befürchteten Protesten von Neonazis kam es nicht. Anders als vor einem Jahr, als etwa 35 Nazis eine Informationsveranstaltung im Rathaus zur Errichtung der ersten beiden Containeranlagen in Tostedt stören wollten, tauchten diesmal nur ein, zwei polizeibekannte Rechte auf. Sie wurden aber abgewiesen, da es sich um eine geschlossene Veranstaltung für die Anwohner handelte. Die Polizei war vor Ort, musste aber nicht groß eingreifen.

Proteste gab es aber dann im Saal. Wobei der Unmut sich weitgehend in derselben Weise äußerte, die Kaminski und Freudewald von vielen ähnlichen Veranstaltungen im vergangenen Jahr kennen. Da gab es die üblichen Befürchtungen, dass man auf der Straße abends nicht mehr sicher sei, wenn die Unterkunft erst eröffnet wurde, dass die Grundstückspreise sinken könnten und dergleichen mehr. Natürlich durfte auch der Hinweis nicht fehlen, dass 120 Flüchtlinge zu viel für den Standort seien.

Wie groß die Begriffsverwirrung bei manchem bereits ist, zeigte die Äußerung eines Anwohners, der über eine mögliche Gefährdung durch Islamisten in Tostedt delirierte. Die hysterische Berichterstattung in den Medien in letzten Wochen ist da sicher nicht ganz unschuldig. Andere Anwohner fühlten sich bei der Planung der Anlage übergangen, so wurde beklagt, dass die nicht früher öffentlich gemacht wurde. Dazu Freudewald: „Wir machen diese Veranstaltungen mit den Anwohnern ja auch deshalb, damit die nicht sagen: Warum erfahren wir davon aus der Zeitung?!“

„Tostedt leistet angesichts der weiter steigenden Zahl von Flüchtlingen seinen Beitrag, um den zu uns kommenden Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten geeignete Unterkünfte bereitzustellen“, sagte Dörsam. „Ich appelliere an die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde, offen auf ihre neuen Nachbarn zuzugehen.“ Der Landkreis betreibt in Tostedt mit der Firma Human Care bereits zwei Wohnanlagen für 116 Flüchtlinge am Helferichheim und am Elsterbogen.

In Tostedt sind bereits viele Menschen ehrenamtlich aktiv, die sich um die Betreuung der Flüchtlinge kümmern, Spenden sammeln und Möglichkeiten zur Begegnung schaffen. Mit dabei sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde, der katholischen Kirchengemeinde Heilig Herz Jesu und des Tostedter Forums für Zivilcourage. „Über diese ehrenamtliche Unterstützung sind wir sehr glücklich und hoffen, dass sich weitere Bürgerinnen und Bürger daran beteiligen“, betonte Dörsam.

Auch die Gemeinde des Christus Centrums wird ihren Beitrag leisten. So könnten im CCT Sprachkurse stattfinden, dort könnte auch ein Internationales Café eröffnet werden. Diese Cafés haben sich andernorts bereits als Anlaufpunkt für die Flüchtlinge bewährt. Auf Seiten der Samtgemeinde ist Ewald Wehkamp Ansprechpartner für ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer (Telefon 04182-298254). Eine Unterbringung von 120 Asylbewerbern in Containern hat den Vorteil, dass die Flüchtlinge von einem Heimleiter und Sozialarbeitern professionell betreut werden können.

Mit dem Schicksal von Flüchtlingen im Landkreis Harburg befasst sich ein Dokumentarfilm, der am 12. März unter dem Titel „Willkommen auf Deutsch“ in die Kinos kommen wird. Die Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler haben fast ein Jahr lang, Asylbewerber und Anwohner im Landkreis begleitet. Auch die Bemühungen von Kaminski und Freudewald werden in dem Film gezeigt. Der buchholz express wird in den nächsten Tagen eine ausführliche Filmkritik veröffentlichen.

Der Landkreis hat alle Bürgermeister der Städte, Samtgemeinden und Einheitsgemeinden zu einem Gespräch mit dem Verwaltungsvorstand ins Kreishaus geladen und sie dringend gebeten, kurzfristig freie Grundstücke und Gebäude für Asylbewerberunterkünfte zu melden. Anlass ist die steigende Zahl von Flüchtlingen, die sich in den letzten Wochen fast verdoppelt hat. „Seit Mitte August weist uns die Niedersächsische Landesaufnahmebehörde wöchentlich 35 bis 40 Asylbewerber zu, die wir in den Gemeinden unterbringen müssen“, sagte Erster Kreisrat Rainer Rempe der Bürgermeisterrunde.

„Die drei niedersächsischen Landesaufnahmestellen für die Erstaufnahme in Braunschweig, Bramsche und Friedland sind überfüllt. Darum müssen wir davon ausgehen, dass sich diese erhöhte Quote auf absehbare Zeit nicht verringern wird“, ergänzte Reiner Kaminski, Bereichsleiter Soziales für den Landkreis. Insgesamt rechnet er bis Ende 2015 mit mehr als 2000 neuen Flüchtlingen, die in den 42 Gemeinden des Landkreises untergebracht werden müssen.

„Wenn wir in den nächsten Wochen keine kurzfristig nutzbaren Unterkünfte für jeweils mindestens 30 bis 120 Flüchtlinge finden, sind unsere Platzkapazitäten bereits in vier Wochen, also Anfang Oktober, komplett ausgeschöpft“, rechnete Kaminski vor. Die Planung und Errichtung neuer Containerwohnanlagen dauere bis zu sechs Monaten, feste Neubauten haben mindestens ein Jahr Vorlaufzeit.

Mitte September eröffnet der Landkreis für rund 90 Flüchtlinge in Salzhausen und Jesteburg zwei Containerwohnanlagen, die bereits im Frühjahr geplant wurden. Weitere Unterkünfte mit insgesamt rund 120 Plätzen entstehen bis Ende 2014 in den Gemeinden Hollenstedt, Hanstedt und Jesteburg. Seit Anfang 2013 hat der Landkreis insgesamt 40 neue Unterkünfte mit fast 900 Plätzen geschaffen. Doch das reicht für die steigenden Zuweisungen nicht aus, betonte Kaminski.

„Bei der dramatisch wachsenden Zahl an Flüchtlingen müssen wir auch größere Einrichtungen mit mehr als 100 Plätzen sowie Notunterkünfte einplanen“, räumt Reiner Rempe ein. Bislang hatte der Landkreis 58 bis 60 Plätze als Obergrenze für Unterkünfte festgelegt. Doch jetzt werden in allen 42 Gemeinden des Landkreises auch Turnhallen, Gasthöfe oder Schützensäle sowie geeignete Gelände für Zeltlager geprüft, um sie kurzfristig als Notunterkünfte zu nutzen.

„Natürlich wollen wir möglichst keine Turn- oder Schützenhallen, schon gar nicht Zeltlager mit Flüchtlingen belegen“, sagte Rolf Roth, Bürgermeister der Samtgemeinde Elbmarsch, als Sprecher der Bürgermeister des Landkreises. „Aber wenn wir in unseren Ortsgemeinden keine geeigneten Grundstücke oder Immobilien zur Verfügung stellen können, müssen wir auf solche Notunterkünfte zurückgreifen.“ Alle Bürgermeister und die Landkreisführung waren sich einig, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Sie betonten, dass die Maßnahmen im vollen Umfang von allen Bürgermeistern mitgetragen und unterstützt werden.

Alle Ortsgemeinden sind aufgefordert, dem Landkreis bis zum 10. September geeignete Flächen und Immobilien sowie Schützen- oder Sporthallen zu melden, die als Notunterkünfte in Frage kommen. „Alle Gemeinden des Landkreises sind gefordert, in dieser schwierigen Situation daran mitzuwirken, kurzfristig Lösungen für die Unterbringung von Flüchtlingen zu finden“, sagte Erster Kreisrat Rempe.

Bürger können ihre Vorschläge für mögliche Geländeflächen oder Immobilien in ihrer Ortsgemeinde melden oder sich damit direkt an den Landkreis wenden. Sobald neue Standorte nach einer zügigen Klärung aller Konditionen mit Vermieter, Gemeinde und Landkreis feststehen, werden Anwohner und Öffentlichkeit möglichst zeitnah durch Landkreis und Gemeinde informiert. (ein)

Screenshot Petition TostedtVon Kristian Stemmler

Der Landkreis hat lange gewartet, bis er Asylbewerber in Tostedt untergebracht hat. Offenbar aus gutem Grund, wie sich jetzt zeigt. In der immer wieder durch Aktivitäten von Neonazis aufgefallen Samtgemeinde hat sich bereits am gestrigen Donnerstag Widerstand gegen den Bau von zwei neuen Unterkünften zur Unterbringung von 116 Flüchtlingen formiert – am selbem Tag, an dem der Landkreis Harburg den Plan zum Bau der Containerdörfer veröffentlicht hat.

Auf einer Internetplattform der US-Organisation Avaaz, auf der User weltweit Petitionen starten können, ist gestern eine Petition „Landkreis Harburg – keine Containerdörfer für Tostedt“ eingestellt worden. Als Absenderin ist eine „Stephanie Daniela D. Deutschland“ genannt. Zur Begründung reichen zwei karge Sätze: „Tostedt verfügt nicht über die notwendige Infrastruktur, um Asylbewerbern gerecht zu werden. Kitaplätze, Kinderärzte, Ärzte sind längst schon ausgelastet.“

In Tostedt sollen, wie der Landkreis am Donnerstag meldete, zwei neue Unterkünfte für insgesamt 116 Asylbewerber gebaut werden, auf dem Gelände Am Helferichheim und einem Areal an Wellerstraße/Elsterbogen. „Bereits im Herbst des letzten Jahres haben wir dem Landkreis eine Reihe von Immobilien und Grundstücken für Asylbewerber-Unterkünfte benannt“, wird Tostedt Samtgemeindebürgermeister Dirk Bostelmann (CDU) zitiert. „Wir kommen damit unserer im Grundgesetz verankerten Verpflichtung nach, Asyl suchenden Menschen während ihres Asylverfahrens Hilfe und Schutz zu bieten.“

Die Anwohner Am Helferichheim und Elsterbogen würden zurzeit über die Bauvorhaben informiert, so der Landkreis weiter. Gleichzeitig sprächen Landkreis und Samtgemeinde mit Unterstützergruppen, Kirchenvertretern und Initiativen wie dem Tostedter Forum für Zivilcourage über Möglichkeiten zur Vorbereitung auf die Ankunft der neuen Nachbarn. Die beiden Anlagen bieten jeweils 58 Personen eine Unterkunft auf Zeit. Sie sollen von einem Betreiber mit Heimleiter und Sozialarbeiter betreut werden, dazu laufen derzeit Ausschreibungen für geeignete Partner.

„Wir sind bei der Suche nach Asylunterkünften im ganzen Landkreis angewiesen auf die enge Kooperation mit den Städten und Gemeinden ebenso wie auf das bürgerschaftliche Engagement der Bevölkerung“,wird Reiner Kaminski, Bereichsleiter Soziales von der Kreisverwaltung, in der Pressemitteilung zitiert. „Ich hoffe sehr, dass auch die Bürgerinnen und Bürger der Samtgemeinde Tostedt die neuen Nachbarn mit offenen Armen empfangen werden“ – diese Hoffnung scheint sich, zumindest teilweise nicht zu erfüllen.

Angesichts der anhaltend hohen Zahl von Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland kommen, weist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) dem Landkreis Harburg seit dem letzten Sommer wöchentlich 15 bis 20 Asylsuchende zu, für die Wohnraum geschaffen werden muss. Im Jahr 2013 wurden rund 450 Flüchtlinge im Landkreis aufgenommen, dafür wurden 22 Unterkünfte neu geschaffen. Für das Jahr 2014 werden erneut mehr als 400 Flüchtlinge erwartet.

Avaaz ist eine 2007 gegründete Organisation mit Sitz in New York, die über ihre Internetplattform weltweit politische Kampagnen, vorwiegend der Themenkreise Klimawandel, Menschenrechte, Tierschutz, Korruption, Armut und Konflikte organisiert, wie es bei wikipedia heißt. Online-Petitionen sind eine der Aktionsformen. Avaaz (persisch für die Stimme) arbeite auf 15 Sprachen, habe nach eigenen Angaben fast 25 Millionen Mitglieder in 194 Ländern. Laut wikipedia ist Avaaz eher linksliberal ausgerichtet.