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Von Kristian Stemmler

Rot ist die liturgische Farbe des Pfingstfestes. „Feurige Zungen“ hätten über den Köpfen der Anhänger Jesu getanzt, die sich zum jüdischen Schawuot, das unter anderem mit Erntedank zu tun hat, nach Aussage der Apostelgeschichte in Jerusalem versammelt hatten. Die Flammen symbolisieren hier den Heiligen Geist, der die Menge erfasst habe, sie seien so be-geistert gewesen, Feuer und Flamme für den neuen Glauben, dass sie sich aufmachten die erste von vielen Gemeinden zu gründen.

Soweit die alte Geschichte. Aber wie sieht es heute aus in und mit den Kirchen, die dieses Ereignis und damit das aus Schawuot hervorgegangene Pfingstfest gern als ihren Geburtstag begehen? Wo ist da noch Begeisterung zu spüren? Wo sind da noch Feuer und Flamme? Sehen wir nicht nur noch ein Häuflein Asche vor uns, in dem ganz tief unten ein wenig Glut ums Überleben kämpft?

Ja, gut, diakonisch, karitativ sind die beiden Amtskirchen noch präsent, kümmern sich um Obdachlose, Kranke, Alte, wobei das oft auch mehr wie ein professionell gemanagter Geschäftszweig wirkt. Politisch setzt man sich vor allem für die Flüchtlinge ein, was aller Ehren wert ist und wichtig angesichts der Hetze in weiten Teilen der Bevölkerung. Aber das reicht alles eben nicht.

Tatsächlich verfehlen die Kirchen ihre Aufgabe grandios und verraten ihre Botschaft nachhaltig. Sie schweigen weithin zum Skandal der sich immer mehr vertiefenden sozialen Spaltung in diesem Land und lassen ein System weithin gewähren, das alles abräumt, attackiert, zerstört, was wertvoll, tragend und heilig ist: Traditionen, Bräuche, das Bewusstsein von Geschichte, Heimat, Zugehörigkeit, zuletzt die menschlichen Bindungen, die Familie

Der Gefängnispsychologe und Buchautor Götz Eisenberg beschrieb diesen Prozess so:

„Die deregulierten Individuen sollen moralischen und psychischen Ballast abwerfen und sich in flexible und beschleunigsungsfähige Nomaden verwandeln, die jedwede Form der Bindung an Orte, Menschen und die eigene lebensgeschichtliche Vergangenheit und Prägung abgestreift haben. Die noch verwertbaren und für die Reproduktion des Kapitals benötigten Menschen werden dynamisiert und über Konsum- und Statusprämien ans System gebunden; über die anderen, die Entbehrlichen und Herausgefallenen, wird mehr und mehr der Polizeistaat kommen.“

Wo bitte stellen sich die Kirchen wirklich ernsthaft diesen Entwicklungen entgegen, ja, wo begreifen sie sie überhaupt? Man hat sich eingerichtet in dieser Gesellschaft. Wenn die Menschen zu Weihnachten in die Kirchen strömen, ist man stolz und froh: Da seht Ihr, dass die Kirchen doch noch ihre Bedeutung haben.

Ignoranter geht es nicht! Gerade der gesellschaftliche Umgang mit den Hochfesten ist ein eklatantes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus und Konsumismus alle Bastionen schleifen und alles für ihre Zwecke zurichten. Weihnachten ist nur noch Anlass für den größten Konsumrummel des Jahres, Ostern ein reines Sauf- und Fressfest. Wer sich darüber freut, dass zu diesen Festen mehr Leute in der Kirche sitzen, hat den Schuss nicht gehört.

Es ist traurig, aber wahr: Von diesen Kirchen sind wirklich wichtige Impulse für eine gesellschaftliche Erneuerung nicht zu erwarten. Feuer und Flamme sind woanders zu suchen. Vielleicht eines Tages bei einer neu politisierten Jugend, der es gelingt, die Waffen der Manipulation, die auf sie gerichtet sind, umzudrehen und gegen das System zu wenden. Das wäre ein Funke für kollektive Begeisterung wie damals zu Schawuot in Jerusalem!

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OsterdekoVon Kristian Stemmler

Eigentlich sollte der Karfreitag eher Carfreitag geschrieben werden, wie Witzbolde meinen, weil sich so mancher an diesem Tag ins Auto setzt, um über die Festtage wegzufahren. Das allerdings ist ein Witz mit ernstem Hintergrund. Denn tatsächlich ist Ostern, das höchste Fest der Christenheit, schon längst völlig heruntergekommen. Für die große Mehrheit bedeutet Ostern nur noch vier freie Tage, die ein willkommener Anlass sind, einen drauf zu machen, zu fressen und zu saufen (wie Luther es nennen würde). Mehr nicht.

Geradezu rührend muten vor diesem Hintergrund die Bemühungen von Kirchen und manchen Medien an, den Menschen zumindest die Basics östlicher Inhalte und Traditionen zu vermitteln. In Gemeindebriefen und Zeitungen wird erklärt, was an Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag nach biblischer Überlieferung geschehen ist, woher die Begriffe kommen, welche Rituale an diesen Tagen üblich sind. Das Nordheide Wochenblatt schrieb in der Osterausgabe zum Beispiel sehr ausführlich auf den Seiten eins und drei über Antependien (Altarbehänge), über liturgische Farben und ihre Bedeutung.

So ehrenwert dies alles sein mag, es ist im Grunde so unsinnig, als wolle man in einer Sauna einen Schneeball formen. Die Beobachtung, dass das Wissen um christliche Inhalte und Traditionen und das Interesse an ihnen, rapide abnimmt und dass man da was tun muss, ist sicher richtig. Aber so lange man nicht bereit ist, die Ursachen und Zusammenhänge tiefer zu analysieren, sie beim Namen zu nennen und das Übel dann auch bei der Wurzel zu packen – so lange wird man nicht wirklich etwas erreichen und diese Entwicklung nicht aufhalten können.

Dazu sind aber nicht einmal die Kirchen, die es ja nun am meisten angeht, bereit oder in der Lage. Dabei muss man doch nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, um die Lage zu erkennen. Es ist überhaupt nicht zu übersehen, was unser Leben bis ins Kleinste und immer umfassender beherrscht und durchdringt. Das ist dieser außer Rand und Band geratene Turbokapitalismus oder sollte man eher von Konsumismus sprechen. Es gibt doch keinen Ort mehr, diesem durchgeknallten System zu entkommen.

Dass dieses System zu einer sozialen Spaltung führt, dass Arm und Reich immer mehr auseinanderdriften, ist ja nur die eine, gut sichtbare Seite. Schlimmer ist im Grunde, was kulturell passiert, was das System mit unserer Zivilisation macht. Es ist eine ungeheure Verrohung, die immer mehr voranschreitet und nicht aufzuhalten zu sein scheint. Die Gesellschaft wird emotional und kulturell entkernt, so dass am Ende nur eine Hülle übrig bleibt. Und konditionierte Konsumtenten, eine ideale Kundschaft.

Um uns dahin zu bringen, wird von Medien, Werbung und Unterhaltungsindustrie alles durch den Fleischwolf gedreht, dessen sie habhaft werden können. Sprache und Musik, Mythen und Geschichten, Traditionen und Rituale, die Schönheit der Natur, die Emotionalität menschlicher Beziehungen. Und natürlich bleibt die Religion nicht verschont, sondern wird als einer der stärksten Schwungräder benutzt. Das ist das Perverse: Werbung und Konsumindustrie wissen um die Kraft der großen christlichen Feste, die aus ihrer spirituellen Tiefe rührt, und beuten sie gnadenlos aus.

Bei diesem Prozess wird natürlich nur das benutzt, was für den Verkauf zu gebrauchen ist, alles andere wird ausgespieen. Von Ostern bleibt nur das Bunte, Niedliche, Fröhliche, die Eier und die Hasen und die ersten Narzissen. Das Sperrige, Traurige, Depressive, Dunkle, die Kreuzigung als Skandalon, als Ärgernis, hat da keinen Platz. In der schönen neuen Konsumwelt will man von Dergleichen nichts mehr wissen.

Wer an den Tagen vor dem Osterfest, ebenso wie an den Tagen vor Weihnachten, in eine beliebige Innenstadt zum Einkaufen geht, wird die große Hektik registrieren, die dort immer wieder herrscht, die Gereiztheit vieler Menschen. Diese Hektik hat im Grunde wenig damit zu tun, dass vielleicht noch so viel zu erledigen ist vor dem Fest und schon gar nicht damit, dass die Geschäfte mal zwei oder drei Tage lang hintereinander dicht sind. Man kann vielmehr vermuten, dass sich hier ein tiefes Unbehagen Bahn bricht, das nicht in Worte gefasst werden kann, und sich daher um so aggressiver und destruktiver äußert.

Kurz vor den Festen lässt sich, ob man nun Christ ist oder nicht, nur mit Mühe das Gefühl unterdrücken, wie flach und hohl dieses ganze Konsumieren, dieses ständige Gefeiere und Geschlemme in Wirklichkeit ist. Angesichts der unauslotbaren Tiefe dieser christlichen Hochfeste, die einmal den Tod und einmal die Geburt zum Mittelpunkt haben, angesichts ihrer spirituellen Dimension und ihres hohen Anspruchs kann diese Gesellschaft ihre ganze Oberflächlichkeit, Doppelbödigkeit und Orientierungslosigkeit eigentlich kaum mehr übersehen. Sie will sie aber übersehen, sie lässt sich das Feiern nicht verbieten.

Wenn die Kirchen ihre Botschaft ernst nehmen würden, müssten sie angesichts dieser Entwicklung auf allen Kanzeln die Sturmglocke läuten. Sie beschränken sich aber auf den Versuch, letzte Bastionen wie den Sonntag zu halten, und machen ansonsten mehr oder weniger murrend das Spiel mit. Man bietet den Leuten eine Church light, ein spirituelles Wellnesscenter, im besten Fall einen Rückzugsraum. Die Kirchen teilen offenbar die allgemeine Verwirrung. Sie halten einen Kompass in den Händen, den sie immer weniger lesen können.

Zum Beispiel die biblischen Propheten. Wenn man die aufschlägt, könnte man manches Mal meinen, sie hätten die heutige Situation im Auge. Natürlich mutet die Sprache vielen heute altertümlich an, aber sie ist kraftvoll und direkt. Erfrischend direkt. Deshalb kann man auch zu Ostern, auch wenn die Fastenzeit vorbei ist, gut einen Propheten lesen. Das hilft vielleicht doch ab und zu, die galoppierende kulturelle Erosion und die Blindheit der Menschen zu ertragen. Also, hier ein paar Sätze Micha:

„Ach, es geht mir wie einem, der im Weinberge nachliest, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben. Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut; ein jeglicher jagt den andern, daß er ihn verderbe, und meinen, sie tun wohl daran, wenn sie Böses tun. Was der Fürst will, das spricht der Richter, daß er ihm wieder einen Dienst tun soll. Die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen, Schaden zu tun, und drehen’s wie sie wollen. Der Beste unter ihnen ist wie ein Dorn und der Redlichste wie eine Hecke. Aber wenn der Tag deiner Prediger kommen wird, wenn du heimgesucht sollst werden, da werden sie dann weder ein noch aus wissen.“

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Von Kristian Stemmler

Wenn man in den letzten Tagen einen dieser durchformatierten Sabbelsender wie ffn anmachte, dann hörte man ständig Bemerkungen darüber, wie unglaublich wunderbar es ist, dass drei freie Tage anstehen. Dass wir uns alle so doll freuen aufs Grillen, Baden gehen, Saufen und Abfeiern. Und das bringt die Sache ja durchaus auf den Punkt. Darum geht es Pfingsten genauso wie an allen anderen christlichen Festtagen: abfeiern, fressen, saufen, um es mal in der deftigen Sprache auszudrücken, die schließlich auch ein Martin Luther pflegte.

Dass wir es bei Pfingsten mit einem hohen christlichen Feiertag zu tun haben, interessiert im Grunde keine Sau oder höchstens noch eine kleine Minderheit passionierter Kirchgänger. Ok, Pfingsten ist auch ein ziemlich sperriges Fest. Ausgießung des Heiligen Geistes – wie sich das schon anhört. Wenn man den Leuten die Bedeutung des Vorgangs, von dem die Apostelgeschichte berichtet, nahe bringen will, sollte man das Ereignis vielleicht so beschreiben: Die Jünger Jesu, die nach seiner Auferstehung am jüdischen Schawuot-Fest in Jerusalem zusammenkamen, waren offenbar voll bis obenhin oder total stoned!

Das gehört sich für Apostel natürlich nicht, und die Bibel behauptet daher einfach, es wäre ein „Brausen vom Himmel“ gekommen und hätte das ganze Haus erfüllt: „Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Na, das kennen wir doch alle, dass wir andere zulabern, wenn wir dicht sind. Wie auch immer, jedenfalls gilt Pfingsten als Geburtstag der Kirche, weil sich an diesem Tag laut Bibel 3000 Männer und Frauen taufen ließen.

Zu Pfingsten reden die Geistlichen in den Kirchen logischerweise viel vom Heiligen Geist, von Begeisterung und vom Geist, „der weht, wo er will“ (Jesus-Wort aus dem Johannes-Evangelium). Die Kirche stellt sich als lebendig, modern, weltoffen dar, als wichtige gesellschaftliche Kraft – aber ich fürchte, dass sie da einer gewaltigen Selbsttäuschung unterliegt! Beide großen Kirchen haben längst mutwillig ihren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse abgegeben, sie haben sich in den letzten Jahren ohne Not selbst marginalisiert.

Ein prophetischer Impuls ist nicht erkennbar, man äußert sich höchstens noch politisch korrekt zu Fragen, bei denen ohnehin von einem gesellschaftlichen Konsens auszugehen ist, also etwa gegen die Nutzung der Atomkraft oder gegen das Auftreten und die Ideologie der Neonazis. Zu der zentralen gesellschaftlichen Frage, zur Frage der Verteilungsgerechtigkeit, zur zunehmenden sozialen Erosion, fällt den Kirchen so gut wie nichts ein. Daher wären sie von ihrem biblischen Auftrag her bei dieser Frage, wie bei keiner anderen, in der Pflicht, Alarm zu schlagen! Aber sie delegieren das Thema an Diakonie und Caritas und geben ihre Rolle als Anwalt der Schwachen, der sich in Öffentlichkeit und Politik vor die Marginalisierten stellt, weitgehend auf.

Es ermüdet mich, das Folgende seit Jahren immer wieder schreiben zu müssen, aber es hat sich ja auch nichts gebessert: Die Kirchen reduzieren damit ihre Funktion, aller wertvollen Basisarbeit in den Gemeinden, die es natürlich auch gibt, zum Trotz, auf die eines geistlichen Fitnessstudios für gestresste Mittelschichtler. Sie liefern die schönen Locations für Familienfeiern und Konzerte, eine Ahnung von der spirituellen Tiefe unserer Existenz (aber bitte nicht zu viel davon!) und vermitteln der sie tragenden Mittelschicht das Gefühl von Nestwärme.

Dabei hätte die christliche Geistlichkeit wie kaum eine andere gesellschaftliche Kraft die verdammte Pflicht, der Mittelschicht ins Gewissen zu reden: Es ist nicht gut und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass Ihr Euch zunehmend einigelt und Euer Ding macht, dass es Euch ziemlich egal ist, dass die Ausgrenzung voranschreitet, wie Niedriglöhner und Arbeitslosen im täglichen Existenzkampf kaputt gehen. Die Geistlichkeit hat im Grunde durchaus das intellektuelle Format und das theologische Rüstzeug sowieso, um gesellschaftliche Prozesse zu deuten, aber sie tut es nicht. Sie redet gern vom „Skandalon des Kreuzes“, aber sie will keinen Skandal machen!

Nicht einmal zur anderen großen Gefahr für unsere Gesellschaft, dem alles durchdringenden Konsumismus, der schließlich auch die christlichen Feste aushöhlt, fällt den Kirchen viel ein. In Predigten wird gern darauf verwiesen, dass Shoppen gehen und Party machen nicht alles im Leben ist, aber die Dimension der Bedrohung wird in keinster Weise gesehen. Die Kirchen machen das Spiel mit.

Mein Bild von Kirche ist jedenfalls ein anderes. Für mich sind die Worte der Propheten wie Jesaja und Micha prägend und richtungsweisend. Sicher, vieles klingt da sehr zornig, wenig ausgewogen, übertrieben, oft pathetisch. Aber es ist ein starkes Gefühl spürbar, der Willen, sich nicht abzufinden. Darum sei hier noch mal der Anfang vom 7. Kapitel des Buches Micha zitiert. Der alte Text trifft. Ich empfinde ihn als passende Zustandsbeschreibung unserer Mobbing- und Konkurrenzgesellschaft:

„Ach, es geht mir wie einem, der im Weinberge nachliest, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben. Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut; ein jeglicher jagt den andern, dass er ihn verderbe, und meinen, sie tun wohl daran, wenn sie Böses tun.“

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OsterdekoDieser Beitrag ist im buchholzblog vor zwei Jahren erschienen. Da er eher aktueller geworden ist (von Details abgesehen, die ich aber stehen gelassen habe), wiederhole ich ihn an dieser Stelle:

 

Von Kristian Stemmler

Zu Ostern zeigt sich wieder einmal, was diese Gesellschaft am besten kann: Konsumieren auf Teufel komm raus! Der Einzelhandel schießt in diesen Wochen aus allen Rohren. Osterhasen und Ostereier in allen Formen und Farben in den Schaufenstern, die Einkaufszentren ersticken in Osterklimbim, in den Discountern wird man von Türmen von Ostersüßigkeiten erschlagen. Keiner entgeht dem österlichen Overkill! Das höchste Fest der Christenheit verkommt immer mehr zu einem Konsumrausch ohne Beispiel und einer Fressorgie sondergleichen. Den Vogel hat der Discounter Lidl abgeschossen, der unter der angesichts der Kundschaft dieser Kette mehr als zynischen Überschrift „Luxus für alle!“ in Prospekten Garnelen, südamerikanisches Roastbeef, Hirsch-Edelgulasch und ähnliches anbietet. Dieser Auftritt zeigt beispielhaft, worum es der großen Mehrheit geht: Ostern ist für sie nur noch ein Anlass zum Abfeiern.

Es zeigt sich, was das Gerede von der christlichen Leitkultur wirklich wert ist, und daran ändert die Tatsache, dass ein protestantischer Pfarrer ins höchste Staatsamt gewählt wurde, nicht das Geringste. Mit dem theologischen Inhalt des Osterfestes können immer weniger wirklich etwas anfangen. Auferstehung, was soll das?! In einer Gesellschaft, der ein entfesselter Kapitalismus gerade die Lebensgrundlage entzieht, in der die Familie, menschliche Beziehungen insgesamt im Kern attackiert werden, in dem immer mehr Menschen in einen hohlen Hedonismus fliehen, hat der Glaube ausgespielt.

Sagen wir es offen: Der Kapitalismus ist ein durch und durch materialistisches, auf den privaten Profit ausgerichtetes System, das alles angreift, was uns vom Arbeiten und Konsumieren ablenkt. Die Kirche hat mit ihren (noch) kostenlosen Angeboten und einer auf Metaphysisches zielenden Lehre, in Wirklichkeit in einem solchen System keinen Platz – es sei denn, sie passt sich an, was ja in Teilen der Kirche, vor allem der evangelischen, durchaus als gangbarer Weg gesehen wird.

Wenn die Kirchen aber ihren Auftrag ernst nehmen wollen, und dafür ist das Bibelwort „Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon“ zentral, dann müssen sie die Kräfte beim Namen nennen, die das Osterfest und die anderen christlichen Feste zerlegen und als Schmiermittel für den Konsum benutzen. Dann müssen sie die Konsumgüterindustrie und die ihr den Weg ebnenden Werber, ja unsere Form des Wirtschaftens insgesamt endlich als Gegner begreifen – eine friedliche Koexistenz kann es nicht geben!

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