Mit ‘Kapitalismuskritik’ getaggte Beiträge

Von Kristian Stemmler

Immer ratloser stehen die Menschen vor den Ereignissen, die von der Medienmaschine im Sekundentakt ausgespuckt werden. Terror in Nizza, Putsch in der Türkei, tote Polizisten in den USA, ein Amokläufer in Würzburg etc. pp. Zugleich verfolgen so genannte „Transhumanisten“ die völlig verrückte Idee, unsterblich zu werden und menschliches Bewusstsein in eine „Cloud“ hochzuladen. Andere arbeiten an „selbstfahrenden Autos“ – eine praktische Erfindung, die auch Anschläge wie in Nizza für die Terroristen risikoärmer gestalten könnte…

Aber die Lage ist eigentlich viel zu ernst für Witze. Das ist auch eher Galgenhumor! Es lässt sich festhalten, dass die Verwirrung immer größer wird und immer weniger Leute durchblicken. Einer, der frühzeitig gewarnt hat, ist Götz Eisenberg, der im Gießener Erwachsenenvollzug gearbeitet und mehrere Bücher geschrieben hat.

Schon im Jahr 2000 konstatiert Eisenberg in seinem Buch „Amok – Kinder der Kälte“, wir seien gegenwärtig „Zeugen des Auseinanderfallens der Gesellschaft in vergleichültigte, kalte Selbstverwertungsnomaden einerseits und das völlig Abstrakte einer Weltgesellschaft andererseits“.

Der Psychologe erläutert: „Die immer weniger in wirkliche, an Personen gebundene Kommunikations- und Bearbeitungsprozesse eingehenden Antriebspotenziale der Subjekte gefährden den Fortbestand der Zivilisation, die ja als Bändigung des Archaischen zu fassen wäre.“

Man habe es nach Robert Kurz mit der „Durchsetzungsgeschichte“ des Kapitalismus zu tun, das eben nicht als fertig ausgebildetes System auf die Bühne getreten sei. Diese Produktionsweise werde vielmehr „erst heute zum totalen Weltverhältnis“.

Was das für uns alle bedeutet, analysiert Eisenberg ebenso nüchtern wie schonungslos. Er schreibt: „Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus. Sexuelle und aggressive Triebe halten sich immer weniger an Regeln, die Macht des Unbewussten wird gestärkt und bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben.“

Und: „Der vorherrschende Umgang mit den Dingen greift auf die menschlichen Beziehungen über, und die Kinder lernen heute beizeiten, dass es keinen Sinn hat, ihr Herz an irgend etwas oder irgend jemand zu hängen.“

Das ist eine schwer zu ertragende, aber notwendige Zustandsbeschreibung, ebenso wie diese Feststellung Eisenbergs: „Wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen Fremdzwängen und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will, worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet.“

Eisenberg bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ergreift klar Partei. „Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als loser, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als winner begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll.“

Und weiter: „Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt von Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken. Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jeder Art von moralischem Darwinismus“.

Eisenberg schließt: „Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen Friedens und der hedonistischen Spaßkulur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat… Die Hölle des neoliberalen Zeitalters erschließt sich uns als das Zugleich der verschiedenen, sich miteinander verschränkenden Ebenen von sozialer und psychischer Desintegration.“

Die Todesschüsse von Dallas sind ein Fanal! Die „Führungsmacht“ des globalen Kapitalismus explodiert. Die USA rutschen in einen unerklärten Bürgerkrieg ab. Es zeigt sich deutlicher als je zuvor, was der innerste Kern dieses Systems ist: Gewalt, Gewalt, Gewalt!

Von Kristian Stemmler

Das Unerträglichste an dem System, in dem wir alle leben müssen, ist vermutlich das ebenso ignorante wie endlose Geschwafel und Gelaber, mit dem in Medien und im Alltag jeder Ansatz von Klarheit erstickt wird. In Talkshows wie „Brei mit Illner“ (oder wie die heißt) wird ein Diskurs simuliert, aber tatsächlich geht es nur darum, die Zuschauer zu betäuben und zu verwirren. Nach diesem so genannten Supersonntag mit drei Landtagswahlen wird diese Maschinerie wieder auf Hochtouren laufen – AfD, Pegida, Flüchtlingskrise, bla, bla, bla.

Leute, kommt mal zu Euch! Was wir erleben, das sind alles Folgen eines entfesselten Kapitalismus, das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Manfred Sohn, früherer Landesvorsitzender der Partei Die Linke in Niedersachsen, hat das jetzt in der jungen welt hellsichtig analysiert. Er diagnostiziert eine finale Krise des kapitalistischen Systems und warnt vor der „abgeschmackten Fixierung auf Wahlzirkus, Parlamente und Regierungsbeteiligungen“. Erfrischend!

„Wertbildend ist in dieser Gesellschaftsordnung nur die Ware Arbeitskraft“, schreibt Sohn im Rückgriff auf Marx, „Sie aber wird, getrieben durch die Peitsche der Konkurrenz, beständig aus dem Produktionsprozess herausrationalisiert.“

Sohn schlussfolgert: „Das, was uns als Flüchtlingskrise verkauft wird, ist die Konkretisierung dieser Dynamik, ist der an den Flüchtlingen exekutierte Beginn der finalen Krise des kapitalistischen Systems. Sie ist Teil der Kapitalismuskrise, die unser aller Leben in den nächsten Jahrzehnten immer mehr bestimmen wird.“ Das ist ebenso klar formuliert wie einleuchtend.

Manfred Sohn führt weiter aus: „Die sich vor unseren Augen immer raumgreifender entfaltenden Kriegs- und Krisenphänomene, die der Kapitalismus hervorbringt, konnten bisher innerhalb deutscher Grenzen gebannten werden, kommen aber jetzt gewissermaßen »heim ins Reich«. Das gilt für diese jetzige Flüchtlingsbewegung wie für weitere sich am Horizont bereits abzeichnende aufgrund klimatischer Veränderungen.“

Und weiter: „Den letzten Anstoß für die millionenfache Wanderung, die jetzt einsetzt, geben die militärischen Konflikte. Aber sie entfalten sich auf der Basis ökonomischer Zerrüttung ganzer Weltregionen. Die Staaten Westeuropas haben Nordafrika mit Billigfleisch und Waffen bombardiert und erhalten als Antwort die erwerbslos gemachten und in ihrem Leben bedrohten Menschen zurück.“

Dass in vielen europäischen Ländern rechtspopulistische Bewegungen immer stärker werden, jetzt mit der AfD auch in Deutschland, liegt da auf der Hand. Sohn macht klar, dass diese Entwicklung sich nicht aufhalten lässt durch moralische Appelle und auch nicht durch ein paar politische Korrekturen, durch ein bisschen Integrationspolitik hier, ein Wohnungsbauprogramm dort. Er schreibt:

„Die damit zwangsläufig einhergehende nächste Völkerwanderung und die angesichts der kapitalistischen Krise auch in den Zielländern dieser Wanderung ebenfalls absehbaren Abwehrreaktionen werden die politischen Verhältnisse solange nach rechts verschieben, wie es nicht gelingt, den Kern dieser Probleme – das kapitalistische Prinzip, Geld und seine Vermehrung zum weltweit alles niederzuwalzenden Selbstzweck zu erheben – zum Gegenstand der Debatten zu machen.“

Sohn erteilt allen Illusionen eine Absage, wie sie leider auch von vielen Linken noch gehegt werden: „Strategisch ist es vielleicht an der Zeit, die Schlussfolgerung aus der Tatsache zu ziehen, dass die lange Serie von Versuchen, durch Erklimmen von Positionen in bürgerlichen Staatsapparaten dem Systembruch näherzukommen, mit schöner Regelmäßigkeit – wie zuletzt im kurzen Frühling von Syriza – in Abstürzen endet.“

Und weiter: „Die abgeschmackte Fixierung auf Wahlzirkus, Parlamente und Regierungsbeteiligungen sollte in Frage gestellt und von einer Orientierung auf das Ertrotzen realer alternativer Lebensstrukturen jenseits der Sphäre von Warenproduktion und der sie schützenden Staatsmaschine abgelöst werden – und zwar nicht erst als Notlösung in sich auflösenden Staatsstrukturen des Südens, sondern auch in den Zentren der kapitalistischen Maschine selbst.“

All das sollte sich auch die Partei Die Linke mal hinter die Ohren schreiben, statt, wie es etwa Sarah Wagenknecht aktuell getan hat, den Rechten nach dem Munde zu reden. Es ist leider zu befürchten, dass diese Partei denselben Weg geht, den einst die Grünen gegangen sind, und jede fundamentale Kritik am Ende opfert, um beim Regieren mitmischen zu dürfen.

Von Kristian Stemmler

Oft frage ich mich, ob die Fähigkeit, viel Geld zu machen, Intelligenz voraussetzt oder ob zu viel Intelligenz dabei nicht eher hinderlich ist. Ob es da nicht viel mehr auf Skrupellosigkeit und Scheuklappenmentalität ankommt. Aktuell dachte ich über diese Frage wieder nach, als ich vom Weltwirtschaftsforum in Davos las, zu dem sich von Donnerstag bis zum heutigen Sonnabend rund 2500 Vertreter des Establishments trafen.

Offenbar gilt für die Herren und Damen Kapitalisten, dass sie tatsächlich die Zusammenhänge gar nicht begreifen oder begreifen wollen, frei nach der Devise: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Kollege Simon Zeise hat das in der Tageszeitung junge welt gut auf den Punkt gebracht. Er verweist auf den am Donnerstag in London von den Veranstaltern des Forums vorgestellten Welt-Risiko-Bericht, für den 750 Manager und Wirtschaftswissenschaftler befragt wurden.

Die Studie spricht für das vergangene Jahr von „gestiegenen Risiken in allen Bereichen“, was recht scharfsinnig ist. Noch nie in der elfjährigen Geschichte der Erhebung habe es eine „so breit gefächerte Risikolandschaft“ gegeben. „Durch Ereignisse wie die Flüchtlingskrise und Terroranschläge in Europa ist die globale politische Instabilität so hoch wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr“, heißt es da.

Süffisant merkt Zeise dazu an: „Dabei scheinen die in den Schweizer Bergen vereinigten Kapitalisten aller Länder Ursache und Wirkung verwechselt zu haben. Deren globaler Siegeszug hat die Welt nach 1990 in ein Trümmerfeld verwandelt.“ Das ist ebenso bündig wie zutreffend.

Der Kollege benennt auch Ross und Reiter: „Die Strategie neokonservativer Hardliner in Washington ist aufgegangen, denn im Nahen und Mittleren Osten tobt ein Flächenbrand, Russland wird isoliert, China geopolitisch umzingelt. Auch Krieg auf dem europäischen Kontinent wird seit dem NATO-Angriff auf Jugoslawien und dem Aggressionskurs in der Ukraine nach der neoliberalen Wende billigend in Kauf genommen.“

Und weiter: „Wer sorgt also für globale Instabilität? Flüchtlinge, die Opfer imperialistischer Kriege und Ausbeutung, sollen Rechenschaft darüber ablegen, dass sie sich erdreisten wollen zu überleben? Ihnen soll es gelingen die Herrschaft der Bourgeoisie zu sprengen? Kommen die Bolschewiken übers Mittelmeer? Vielleicht sind es aber auch die Damen und Herren, die in der Schweiz konferieren.

Aus ihrer Strategie machen sie kein Geheimnis. Diejenigen, die nichts anderes als ihre eigene Haut zu verkaufen haben, sind ihnen keinen Pfifferling wert. Innenpolitisch werden Investitionen in Infrastruktur und Löhnen, von denen Familien leben können, eine Absage erteilt. Es ist ja kein Geld da, wegen der kommenden Ausgaben für die Flüchtlinge.

Damit das System weiter funktionieren kann, wird die Spekulation bedient. Die steigenden Mieten werden dazu führen, dass man in den Innenstädten Berlins, Münchens und Frankfurts bald keine Hartz-IV-Empfänger mehr zu Gesicht bekommt. Und auch das Finanzmarktvolumen hat wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

So hält das Kapital den Laden am Laufen. Die deutsche Kanzlerin lehnt sich zurück und faltet ihre Hände zur Raute. Das Exportmodell floriert, die heimischen Banken lassen sich vom Süden Europas ausbezahlen, und die Bevölkerung wird schleichend an mehr Militär gewöhnt. Kämpfen muss man nur im Windschatten Frankreichs – »wir« eilen »zu Hilfe« in Syrien und Mali.“

Und Zeises Fazit: „Es ist eine Risikoversammlung, die in den Schweizer Bergen tagt. Sie bedroht die Menschheit und vor ihren Taten fliehen Millionen.“ Das bringt es endlich mal auf den Punkt!

Von Anna Lüse

Endlich!! Endlich hat mal einer dieser Dreckschweine aus den Vorstandsetagen der europäischen Konzerne, einer dieser Herrenmenschen neuen Typs, die mit einem Federstrich Hunderte von Familien ins Unglück stürzen, die Folgen seines Handelns zu spüren bekommen. Und wo ist das gestern geschehen? Natürlich in Frankreich, denn die französischen Arbeitnehmer sind bekanntlich kampfbereiter, da brennen auch schon mal Autoreifen auf der Autobahn.

Die Bilder liefen gestern in den Nachrichten, und es war sicher für manchen eine Freude, dieses Pack mal in Panik zu sehen. Passiert war folgendes: Aufgebrachte Mitarbeiter der Fluggesellschaft Air France hatten in Paris ein Treffen von Konzernleitung und dem Betriebsrat gestürmt, bei dem über einen neuen Sparplan beraten werden sollte, der rund 2900 Arbeitsplätze bedroht. In ihrer Wut attackierten die Demonstranten Manager des Unternehmens.

Air-France-Personalchef Xavier Broseta wurde bei dem Tumult das Hemd abgerissen, er musste von Security-Leuten in Sicherheit gebracht werden. Auch das Hemd und der Maßanzug des Managers Pierre Plissonnier wurden zerrissen. Er musste bei seiner Flucht über einen Zaun klettern. Bei den Zusammenstößen wurden nach Angaben von Air France sieben Menschen verletzt, ein Wachmann habe schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Über die Verletzten kann sich sicher keiner freuen, aber für einen Wachmann ist das Berufsrisiko. Grundsätzlich ist es verwunderlich, dass solche Tumulte nicht viel öfter passieren, dass Europas Arbeiter so vieles widerstandslos schlucken. Die Herrenmenschen aus den Vorstandsetagen steigen abends ungestört in ihre panzergleichen SUVs, ziehen sich in ihre geräumigen Villen zurück oder fressen in ihren Luxusrestaurants, bis der Arzt kommt. Keiner zieht sie zur Verantwortung.

(Hinweis: Der o. a. Beitrag ist eine Zuschrift und gibt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.)

+++ Obama trinkt ein Weißbier +++ Obama sagt „Grüß Gott!“ +++ Papst Franziskus sagt: „Größte Blasphemie aller Zeiten!“ +++