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Von Kristian Stemmler

Die Massentierhaltung stößt in der Region zunehmend auf Widerstand. Gut eine Woche nach der Fahrraddemo gegen den zweiten Hühnermaststall in Sprötze kochte der Protest in Heidenau hoch. Auch dort ist der Bau einer Hühnermastanlage (39.800 Tiere) geplant. Bei einer Podiumsdiskussion im „Heidenauer Hof“ kamen rund 170 Bürger zusammen und machten ihrem Unmut Luft. Vorbildlich: Der Gemeinderat hatte zu der Veranstaltung eingeladen. Von solcher Transparenz und Informationspolitik ist man in Buchholz weit entfernt, und die Sprötzer Bevölkerung nimmt den zweiten Stall offenbar lammfromm hin.

Die Stimmung im Saal war an diesem Abend eindeutig. Nur eine Minderheit von vielleicht zehn Prozent schien den geplanten Stall zu befürworten, traute sich aber angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht, die Stimme zu erheben. Auch auf dem Podium waren die Befürworter des Projektes in der Defensive, nicht weil sie zahlenmäßig unterlegen waren, sondern weil ihre Argumentation durchweg blass blieb. Vor allem Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft brachte die Vertreter von Landwirtschaftskammer und Landvolk in Bedrängnis, Mit seinen stringenten, detailreichen und rhetorisch exzellenten Ausführungen überzeugte er das Publikum.

Zu den katastrophalen Haltungsbedingungen der Hühner (von denen im Blog bereits mehrfach die Rede war) erklärte Niemann, sie seien „einer Kulturnation nicht würdig“. 20 oder mehr Tiere vegetierten auf einem Quadratmeter dahin, die ganzen 35 bis 42 Tage der Kurzmast stünden sie in ihrem Kot. Schmerzhafte Fußballenentzündungen bei bis zu 90 Prozent des Bestandes seien die Folge, die auf Brustzuwachs gezüchteten Tiere seien generell sehr anfällig. Darum würden in so gut wie jedem Mastdurchgang Antibiotika zugefüttert. Niemann „Das ganze System beruht auf der Antibiotika-Zufütterung!“

In diesem Zusammenhang sieht der engagierte Tierschützer eine neue Bedrohung auf die Bevölkerung zukommen. Seit zehn Jahren entwickelten sich in der Massentierhaltung Keime „und zwar in Richtung Aggressivität“. Es sei zu befürchten, dass diese Keime eine Verbindung mit den ebenfalls brandgefährlichen Krankenhauskeimen eingingen. Durch die Zwangsbelüftung der Hühnermastställe würden die Keime in die Umgebung geblasen. Im Umkreis von etwa einem Kilometer um den Stall habe man eine höhere Konzentration von Keimen und die Häufung bestimmter Erkrankungen nachgewiesen.

Niemann hatte noch weitere Argumente parat. Die Maststall-Projekte schädigten den Ruf der anderen Landwirte und „reißen Gräben in den Dörfern auf“. Nach seinen Informationen seien in Deutschland bereits rund 2000 Hühnermastställe mit der ominösen Zahl von knapp unter 40.000 Plätzen errichtet worden, derzeit seien weitere 900 in Bau oder in Planung. Das sei auch deshalb idiotisch, weil an dieser Form von Massentierhaltung „kein Landwirt auch nur einen Cent verdient“. Im Gegenteil, in der Regel sei das ein Minusgeschäft.

Angesichts dieser Fakten müsse es darum gehen, den Bau neuer Anlagen unbedingt zu verhindern, verkündete Niemann. Ein Argument dabei seien die von den Mastanlagen ausgehenden Geruchsemissionen, ein anderes könne eine mangelhafte Zuwegung für den Lkw-Verkehr sein. Auch der Brandschutz könne ein Hebel zur Verhinderung einer Anlage sein. Laut Brandschutzverordnung müssten die Tiere innerhalb von 30 Minuten gerettet werden können. Das sei bei derartigen Anlagen praktisch unmöglich. Indem man beim Bau die Verwendung von feuerfestem Material, eine mit der Feuerwehr verbundene Meldeanlage und einen Pferch außerhalb zum Auffangen der Tiere im Brandfall vorschreibe, könne ein solches Projekt unrentabel gemacht werden.

Die offiziösen Vertreter der Landwirtschaft hatten Niemanns Argumentationsfeuerwerk wenig bis nichts entgegenzusetzen. Andreas Scholvin von der Landwirtschaftskammer zog sich in seinen kurzen Statements auf formale Hinweise zum Verfahren zurück und konnte wenig zur Erhellung beitragen. Mit seiner Bemerkung, das Ausbringen des Hühnermistes auf Heidenauer Ackerflächen werde zu einer bestimmten Zeit im Frühjahr stattfinden und bedeute „nur eine kurzzeitige Belastung“, sorgte er für Murren im Publikum.

Heiterkeit löste dagegen Scholvins Einlassung aus, die Landwirte würden beim Umstieg auf die Hühnermast in einem dreitägigen Intensivkurs qualifiziert. Die Dimension des Problems versuchte er mit dem Hinweis kleinzureden, die Zahl von 40.000 Hühner komme einem viel vor, tatsächlich sei das aber „kein monströs großer Bestand“, sondern vergleichbar mit einem Bestand von 50 Kühen. An dieser Stelle ging Eckehard Niemann hoch. Die Haltung von Kühen und die Massentierhaltung von Hühnern sei in keinster Weise vergleichbar.

Rudolf Meyer vom Landvolkverband flüchtete sich in Verweise auf die Gesetzeslage und versuchte vor allem, allerdings mit wenig stichhaltigen Begründungen, die Plausibilität von Niemanns Argumentation zu erschüttern. Er würde selbst keinen Hühnermaststall betreiben, bekannte Meyer, befürworte aber solche Anlagen, „wenn sie sich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bewegen“. Wenn Niemann mit seiner Kritik wirklich recht hätte, „müssten alle Ställe geschlossen werden“. Aber er solle nicht so tun, als ob Deutschland eine Bananenrepublik sei, in der wenige Konzerne das Sagen hätten.

Zum Thema Brandschutz fiel dem Landvolk-Vertreter lediglich ein, dass Niemanns Einlassungen vor dem Hintergrund des Brandanschlags auf den Rohbau des ersten Maststalls der Familie Eickhoff in Sprötze „fast zynisch“ seien. Auch den Hinweis auf die potenzielle Bedrohung durch Keime versuchte Meyer vom Tisch zu wischen. Er warne davor, hier eine neue Katastrophe heraufzubeschwören, offenbar sei dies ein Fall von „German Angst“.

An die Podiumsdiskussion schloss sich eine Fragerunde an, an der sich die Zuhörer rege beteiligten, so gut wie alle mit kritischen Beiträgen zum Stallprojekt. „Was kann so ein Ort ertragen?“ fragte ein Heidenauer und eine Anwohnern drohte gar damit wegzuziehen, wenn die Gemeinde sich so weiter entwickele. CDU-Ratsfrau Anette Randt versuchte, die Stimmung zu drehen, indem sie darauf hinwies, dass das billige Geflügelfleisch im Supermarkt schließlich gekauft würde „und zwar von uns allen“, worauf ihr ein vielstimmiges „Nein! Nicht von uns!“ entgegenschallte.

Widerstand im Publikum gab es auch, als Rudolf Meyer auf den „gläsernen Stall“ der Familie Eickhoff in Sprötze verwies – als Beleg dafür, dass die Bedingungen der Hühnerhaltung ja wohl nicht so schlimm sein könnten wie behauptet. Elisabeth Bischoff und Sabine Brauer vom Runden Tisch Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz erklärten daraufhin, dass die Eickhoffs die Vertreter des Runden Tisches bisher nur in den Stall gelassen hätten, so lange die Hühner wenige Tage alt, also noch Küken gewesen seien. Daher könne nicht gesagt werden, wie es am Ende eines Mastdurchgangs im Stall wirklich aussehe.

Peter Dörsam von der SPD/UWG-Gruppe kündigte eine Sondersitzung des Gemeinderates für den 3. Mai an, in der darüber entschieden werde, ob das Einvernehmen verweigert oder erteilt werde. Er persönlich sei der Ansicht, die Haltung der Hühner in solchen Anlage habe „mit artgerechter Haltung nichts zu tun“. Wenn die Gemeinde das Einvernehmen verweigere, könne der Landkreis dies herstellen. Dagegen, so Dörsam, könne aber die Gemeinde wiederum klagen. Heidenaus Bürgermeister Reinhard Riepshoff (SPD) erklärte, die Gemeinde könne ihr Einvernehmen nur verweigern, wenn Baurecht berührt sei. In diesem Zusammenhang könne die Zuwegung ein kritischer Punkt sein.

Jetzt ist vor allem der Landkreis am Zug. Angesichts des wachsenden Widerstands gegen Hühnermastställe kann die zuständige Abteilung jedenfalls nicht mehr nach der Devise verfahren „Das haben wir immer so gemacht“ und die Anträge einfach durchwinken!

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