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139Von Kristian Stemmler

Vor dem Rathaus von Buchholz wehten die Flaggen auf halbmast. Ein Zeichen des Respekts am Tage des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, der seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag ist. Er wurde auf den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 gelegt. 2005 wurde der 27. Januar von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts erklärt.

Am Abend gedachten rund 80 Menschen, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, darunter die örtliche Antifa, bei einer Mahnwache auf dem Marktplatz vor dem Emporeteich der NS-Opfer. Am Ende der Veranstaltung wurden Kerzen entzündet. Ein Teil der jungen Leute nahm danach an der offiziellen Veranstaltung des Tages in der Empore teil, die in diesem Jahr die Ausrichtung der Gedenkveranstaltung übernommen hatte. Insgesamt kamen rund 200 Zuhörer. Dem Veranstaltungsort angemessen näherte man sich dem Thema mit künstlerischen Mitteln, hatte eine Multimedia-Lesung der a.gon Theaterproduktion aus München ausgesucht.

Unter der Überschrift „Als bliebe ich am Leben“ lasen die Schauspieler Stefan Zimmermann und Jenny-Joy Kreindl (Tochter von Werner Kreindl) aus dem Briefwechsel von Helmuth James Graf von Moltke und seiner Frau Freya. Der Cellist Eugen Bazijan begleitete Filmszenen, unter anderem mit Bildern aus dem Leben der Protagonisten. Durch die Reduzierung auf das Wesentliche rührte dieser intime Dialog zwischen zwei Liebenden im Schatten des Todes unmittelbar an.

Der Jurist Helmuth James Graf von Moltke leistete Widerstand gegen das NS-Regime, gründete den „Kreisauer Kreis“ und wurde dafür am 23. Januar 1945 in Plötzensee erhängt. Im Gefängnis Berlin Tegel wartete er im Herbst 1944 auf seinen Prozess vor dem Volksgerichtshof und auf die sicher scheinende Hinrichtung, wechselt täglich Briefe mit seiner Frau, die vom Gefängnispfarrer Harald Poelchau unter Lebensgefahr herausgeschleust wurden. Wie durch ein Wunder blieben die Briefe erhalten und wurden 2011, ein Jahr nach dem Tod der Ehefrau veröffentlicht.

Vor der Lesung hielt Bürgermeister Wilfried Geiger eine Ansprache, in der er die barbarischen Verbrechen des NS-Regimes verurteilte. In diesem Jahr ging er bemerkenswerterweise auch auf aktuelle Ereignisse ein, über die bisher nur der buchholzblog berichtet hat – und zwar auf den Auftritt Buchholzer Neonazis in der Silvesternacht auf dem Marktplatz und vor dem Rathaus. Und Geiger erwähnte auch die Razzia im Sommer gegen Neonazis, die verdächtigt wurden, eine Terrorismusorganisation nach Muster der NS-Organisation „Werwolf“ anzustreben. Einer der Verdächtigten, der Nazikader Denny Reitzenstein, lebt in Buchholz, seine Wohnung wurde durchsucht.

„Natürlich müssen wir solche Aktivitäten ernst nehmen, auch wenn es nur wenige sind“, sagte Geiger. Der Staatsschutz der Polizei habe die Neonazis im Auge, besonders wichtig sei aber auch, dass sich in Buchholz ein „Bündnis für Flüchtlinge“ gegründet habe mit fast 100 Buchholzern. Sie kümmerten sich ehrenamtlich um die ankommenden Asylbewerber, sorgten dafür, dass sich eine „Willkommenskultur“ etabliere. Damit, so der Bürgermeister, stellten sie sich der Verantwortung, die uns die Geschichte auferlege.

Ob das alles nur Lippenbekenntnisse sind, wird sich herausstellen. Gestern hat der Autor in seiner Funktion als parteiloser Ratsherr die Errichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Marktplatz von Buchholz beantragt. Sowohl die Verwaltung als auch die im Rat vertretenen Parteien können jetzt zeigen, wie ernst sie es mit der Bewältigung der braunen Vergangenheit meinen.

Die Gedenkstätte soll vor allem an die Tausenden von KZ-Häftlingen erinnern, die auf der Strecke der Heidebahn in Güterwaggons unter grauenvollen Bedingungen von einem KZ zum anderen transportiert wurden. Die Züge fuhren auch durch Buchholz, hielten hier auch teilweise. Manche Wagen hatten kein Dach, von den Brücken konnten alle sehen, was da passierte. Die Gedenkstätte soll im Zentrum von Buchholz, direkt neben dem Gedenkstein für die in den beiden Weltkriegen gestorbenen deutschen Soldaten errichtet werden, also in derselben Grünanlage, in der ausreichend Platz ist.

Hier der Antrag im Wortlaut:

Der Rat der Stadt möge beschließen:

Die Verwaltung der Stadt Buchholz erarbeitet, mit eigenen Mitteln und/oder externer Hilfe, ein Konzept für eine Gedenkstätte, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, insbesondere an die KZ-Häftlinge, die auf der Strecke der heutigen Heidebahn auch durch Buchholz transportiert wurden, teilweise in offenen Wagen, die für jeden einsehbar waren. Die Gedenkstätte wird direkt neben dem Gedenkstein für die in den Weltkriegen gestorbenen deutschen Soldaten und in ähnlicher Größe auf dem Mittelpunkt des Marktplatzes der Stadt eingerichtet.“

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