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Posts Tagged ‘Hamburg’

Der buchholz express ist wieder da. Nach einer schöpferischen Pause, in der das Redaktionskollektiv in sich ging, ob es unter erschwerten Bedingungen weitermacht oder doch das Handtuch wirft, ist die Entscheidung fürs Weitermachen gefallen. Gerade heute braucht die Medienwelt Stimmen, die nicht in den Chor der Schreibhuren einfallen.

Zur positiven Entscheidung hat beigetragen, dass nach dem Spendenaufruf des Redaktionskollektivs auf dem Konto des buchholz express Spenden eingegangen sind. Es sind nicht sehr viele, aber die Geste ist entscheidend – danke dafür!

Als Gegenleistung sozusagen beginnt der buchholz express seinen Neustart mit einer Rubrik, die es in dieser Form (jedenfalls durchgängig) im Blog noch nicht gegeben hat: einem aktuellen Fortsetzungsroman. Der Text soll unterhalten und aufklären zugleich, hat aber nicht den Anspruch zu missionieren, sondern will einfach nur beschreiben, was da ist.

Zugang zur Wirklichkeit einer Gesellschaft, und dies vor allem in einer Großstadt, die ja in gewisser Hinsicht die Avantgarde darstellt, ist nach Überzeugung des Kollektivs eher über solche fiktiven „Geschichten“ herzustellen, als über Analysen, Berichte, Nachrichten.

Einen Titel hat der Roman noch nicht, vielleicht gibt es den erst zum Schluss. Hier jedenfalls der erste Abschnitt (die weiteren folgen in unregelmäßigen Abständen). Der buchholz express wünscht geistigen und emotionalen Gewinn.

 

Von ***DSC_9575

Jasper trat mit voller Wucht gegen den Außenspiegel des SUV. Das Ding gab kurz nach und ploppte dann in seine Ausgangsstellung zurück. „Scheißplastikteil!“, fluchte Jasper. Beim zweiten Tritt holte er noch weiter aus. Der Spiegel flog samt Plastikummantelung meterweit durch die Luft und polterte über den Straßenbelag.

„Bist Du bescheuert! Willst du die Leute aufwecken?!“, zischte Levin, der ein paar Meter abseits Schmiere stand ihm zu. Jasper grinste nur. „In dieser scheintoten Gegend müsstest du schon ’ne Stinger abfeuern, um jemanden aus dem Schlaf zu holen. Ich bin im übrigen noch nicht fertig.“

Jasper holte ein Messer mit langer spitzer Klinge aus dem Gurt, den er unter seiner Jacke trug, ging ohne viel Federlesens einmal um den Wagen und stach kurz in jeden Reifen. Danach steckte er das Messer wieder weg und holte einen kleinen Schraubendreher aus demselben Gurt, umrundete den SUV ein zweites Mal, um diesmal eine umlaufende Schramme im Lack zu hinterlassen. Das erzeugte ein unangenehm schrilles, aber mäßig lautes Geräusch.

„Nun lass uns aber“, rief Levin ihm halblaut zu, aber Jasper schüttelte den Kopf. „Das Wichtigste kommt ja noch, oder kennst du einen Künstler, der sein Werk nicht signiert.“ Mit diesen Worten holte er eine Farbsprühdose unter seiner Jacke hervor, stellte sich vor die Motorhaube und sprühte schwungvoll die Buchstaben „SG“, ineinander verwoben, auf die Haube.

Er hielt noch kurz inne und betrachtete sein Werk, wandte sich dann abrupt Levin zu und meinte: „So gefällt mir die Karre erheblich besser.“ Levin lachte, dann verschwanden die beiden jungen Männer in der Dunkelheit.

*

Auf dem Weg in ihr Viertel versuchte Levin mehr aus Jasper herauszubekommen. „Einen SUV verschandeln, das ist sicher verdienstvoll“, eröffnete er seinen Versuch, „aber wozu das Ganze, wo liegt da der Sinn, die politische Botschaft?“

„Na ja“, erwiderte Jasper, „für eine gewisse Zeit bedeutet das, einen Spritfresser auf den Straßen weniger, das hilft dem Klima. Und optisch gewinnt das Stadtbild ja auch, wenn einer von den Panzern verschwindet.“

„Nein, im Ernst!“, versuchte Levin es erneut, „in Hamburg sind Tausende SUVs auf den Straßen und es werden täglich mehr. Was soll das bringen, einen SUV für ein paar Tage lahm zu legen. Soll das ein Zeichen sein? So eine Sachbeschädigung schafft es doch noch nicht mal in das Wochenblatt des Stadtteils.“

Jasper ließ sich nicht beirren. „Jedes Sandkorn im Getriebe ist ein Gewinn“, erklärte er stoisch.

„Na, das ist aber ein sehr kleines Sandkorn in einem sehr großen Getriebe.“

„Nun warte doch einfach mal ab“, schloss Jasper die Debatte und grinste spitzbübisch, „schau morgen in die Nachrichtenportale im Netz oder hör mal wieder Radio,“

Sie waren in ihrem Viertel angekommen, an der Peripherie der Stadt, das Viertel, in dem sie aufgewachsen waren und heute noch lebten. Es war ziemlich frisch jetzt, morgens gegen vier. Der Nachtbus fuhr vorbei, sie freuten sich aufs Bett.

(wird fortgesetzt)

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Von Kristian Stemmler

Divide et impera, teile und herrsche – das war schon immer die Devise der Herrschenden, um das Volk im Griff zu behalten und Widerstand im Keim zu ersticken. Nach dieser Maxime handeln auch die Medien, wenn es darum geht, die Aktivitäten von Linken oder vermeintlich Linken in ein schiefes Licht zu rücken. Die Berichterstattung über die Aktivitäten am 2. Juni in den bürgerlichen Medien ist dafür ein Musterbeispiel. Auch wenn es schon ein paar Tage zurückliegt, lohnt sich ein Blick auf das Presseecho.

Exemplarisch für die bürgerliche Perspektive war das Vorgehen des Hamburger Abendblattes in seiner Montagausgabe. Auch wenn in den Texten selbst durchaus differenziert wurde und zumindest nicht alles über einen Kamm geschoren wurde, so war die Botschaft der Aufmachung und der Zeilen doch glasklar.

„Hier Protest, dort Gewalt“ lautete die Überschrift auf der Eins des Abendblattes, Unterzeile: „Mehr als 10.000 Menschen demonstrieren vor dem Rathaus friedlich gegen Neonazis. Schwere Krawalle in Wandsbek“. Darunter waren nebeneinander zwei gleich große Fotos zu sehen. Auf dem einen halten die Demonstranten auf dem Rathausmarkt die bunten Karten hoch, die zeigen sollten, dass Hamburg nicht braun ist. Auf dem anderen Fotos sind brennende Barrikaden und Polizisten in Kampfmontur zu sehen. Im Lokalteil wird diese Zweiteilung dann noch mal wiederholt, damit es auch alle merken. So einfach kann man es sich machen!

Angesichts dieser medialen Spaltungsstrategie muss ich doch noch ein paar Worte über die Kundgebung auf dem Rathausmarkt sagen. Bunte Karten in die Höhe zu halten ist, ehrlich gesagt, an Harmlosigkeit nicht zu überbieten! Unpolitischer geht‛s nicht! Das ist aber offensichtlich kennzeichnend für den Protest vor dem Rathaus. Von politischer Analyse, von Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge keine Spur. Es wurden Sonntagsreden gehalten mit wohlfeilen Distanzierungen – Nazis sind igitt, so lässt sich die Botschaft zusammenfassen.

Mich stört vor allem, dass in diesen Reden so getan wird, als seien die Nazis ein Auswuchs einer ansonsten gesunden Gesellschaft, ein Krebsgeschwür, und wenn das erst ausgemerzt ist, dann wird alles gut. Hier wird einfach nicht begriffen, dass nicht allein die relativ geringe Zahl von Nazis das Problem ist, sondern auch das Umfeld ihrer Sympathisanten und die wachsenden rechtspopulistischen Tendenzen. Dass die etablierten Parteien mit dem von ihnen betriebenem Sozialabbau, mit ihrer Politik der sozialen Spaltung den Nährboden für Nazis und Rechtspopulismus bereiten.

Und vor diesem Hintergrund könnte ich kotzen, wenn ich miterleben muss, wie ein Olaf Scholz sich auf den Rathausmarkt stellt und seine Abscheu vor den Nazis bekundet. Olaf Scholz, einer der Architekten der Agenda 2010, ein brutaler Vertreter von Sozialabbau und Law and Order. Gerade lässt er seinen Kettenhund Detlef Scheele von der Leine, damit der in Hamburg Kürzungen im Jugendbereich durchprügelt – einem Bereich also, in dem vorbeugende Arbeit für das Abrutschen Jugendlicher, auch in politischer Hinsicht, im besonderen Maße geleistet wird.

Auch wenn ich der Mehrzahl der Demonstranten am 2. Juni auf dem Rathausmarkt den guten Willen nicht absprechen möchte, so muss ich doch konstatierten: Diese Kundgebung war harm- und wirkungslos, in Teilen verlogen und darum letztlich kontraproduktiv. Sinnvoll und wirkungsvoll waren allein die Demonstrationen und Aktionen in Eilbek und Wandsbek, allerdings auch mit Gefahr für Leib und Leben verbunden.

Wenn Sie wirklich so gegen Nazis sind, Herr Scholz, dann erklären sie den Einsatzleitern ihrer Polizei doch das nächste Mal, dass sie die Nazis nach Hause schicken statt ihren Marsch durchzuprügeln und bürgerkriegsähnliche Zustände zu provozieren. Aber vielleicht brauchen Sie diese Bilder ja auch, um den linken Protest zu diffamieren und zu kriminalisieren… divide et impera!

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