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Posts Tagged ‘Götz Eisenberg’

DSC_0548Von Kristian Stemmler

Ein Mann kommt mit einem Colt in die Stadt und versetzt alle in Aufruhr… Klingt nach einem Western mit Gary Cooper, ist aber keiner. Natürlich ist die Lage zu ernst für Witze, aber das soll auch keiner sein, sondern eine Assoziation, die vielleicht sich der Unwirklichkeit des gegenwärtigen Geschehens ein wenig annähert. Das Wort Hysterie ist ja noch viel zu schwach um wiederzugeben, was in diesen Tagen in diesem Land, in dieser westlichen Zivilisation aktuell vor sich geht.

Hat schon mal jemand bedacht, dass die Hysterie (um doch bei dem Begriff zu bleiben) und der Hype eine Eigendynamik in sich tragen, die bestimmte Taten erst erzeugt? Wirkt die überbordende Berichterstattung und die sich auch über das kollektive Unterbewusste fortpflanzende Atmosphäre nicht wie ein Weckruf auf bestimmte Menschen, wie ein Wegweiser: Da ist endlich das Ventil für deine Wut! Haben wir es vielleicht mit einer Art Fanalexplosion zu tun, die aus genau diesem kollektiven Unterbewussten gespeist wird?

Der querschläger hat am Freitagvormittag einen Beitrag veröffentlicht, in dem er erneut auf das Buch des früheren Gießener Gefängnispsychologen Götz Eisenberg „Amok – Kinder der Kälte“ aufmerksam macht. Im Jahr 2000, kurz nachdem es auch in Deutschland erste Amokläufe gegeben hatte, hat Eisenberg ein fulminantes Essay vorgelegt, das sich angesichts der momentanen Ereignisse prophetisch liest. Er hat sich nicht gescheut, die systemischen Ursachen für das exponentielle Anwachsen von Hass und Gewalt in der Gesellschaft beim Namen zu nennen.

Es ist fast egal, welche Stelle des Buches man aufschlägt – so gut wie alles liest sich wie ein Kommentar zu den Vorgängen von heute. Hier drei Absätze, die zum Verständnis der Ereignisse von München, Würzburg und anderswo sicher mehr beitragen als das Gedröhne der „Experten“ in den „Leitmedien“:

In manchen Aspekten erinnert die Gegenwart der zerfallenden Arbeitsgesellschaften an die Aufstiegsphase des Kapitalismus, als Massen von Menschen aus ständischen Strukturen freigesetzt wurden und vagabundierend und marodierend durch die Lande zogen, bis die industrielle Revolution sie aufsog und in Lohnarbeiter verwandelte. Soziale Desintegration und Anomie waren und sind der beste Nährboden für Massenkriminalität und Bandenbildung, aber auch für individuelle Verzweiflungstaten.

Und bezugnehmend auf die Amokläufe in den USA, von denen 2000 noch viel die Rede war:

Die amerikanischen Zustände demonstrieren, dass eine sich ausbreitende „Kultur des Hasses“ (Eric Hobsbawm)in einer Kultur, die es mit dem Tötungstabu nie sehr streng gehalten hat, einen erschreckenden Anstieg des Gewaltpegels nach sich ziehen kann. Die „Kultur des Hasses“ schließt für Hobsbawm die Praxis der neoliberalen Deregulierer ein, die ihrem gesellschaftlichem Amoklauf ein Klima der Angst, Orientierungslosigkeit und des Sozialdarwinismus haben entstehen lassen, das die Gewalt treibhausmäßig züchtet.

Und zu den Verheerungen, die das System in der Psyche der Einzelnen erzeugt:

Die im Namen neoliberaler Theorien, die die Mechanismen des so genannten freien Marktes in den Stand einer neuen Religion erheben, betriebene Deregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft planiert nicht nur den Sozialstaat und viele seiner Errungenschaften, sie reißt auch die Subjekte in einen Strudel der Beschleunigung hinein, der jene psychischen Strukturen mit sich reißt, die bislang al libidinöser Kitt der Klassengesellschaft funktionierten. (…)

Durch die rasanten Beschleunigungsprozesse, die der Übergang von der industriellen zu informationellen Produktionsweise mit sich gebracht hat, werden die bisher der Verzahnung von Individuum und Gesellschaft dienenden psychischen Instanzen gleichsam im Stich gelassen und gehen in einen unaufhaltsam scheinenden Erosionsprozess über. Die Deregulierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zieht als ungewollte Nebenfolge die Deregulierung der psychischen Strukturen nach sich, was weitere ungeahnte „Kollateralschäden“ verursacht, die unter anderem die Form des Amoklaufs annehmen. Ein berühmtes Diktum Max Horckheimers abwandelnd, könnte man sagen: Wer von Neoliberalismus und Deregulierung vom „Terror der Ökonomie“ (Vivian Forrester) nicht reden will, sollte auch vom Amoklauf schweigen!

Das zu den Ursachen. Die Folgen sind nicht absehbar. Aber der querschläger hat schon vor Wochen gewarnt, dass der Polizeistaat über uns kommt. Für Linke kann das nur heißen, jetzt darüber nachzudenken, was es heute bedeuten kann, „in den Untergrund zu gehen“, wie eine „Widerstandsbewegung“ angesichts des aufkommenden neuen Faschismus‘ aussehen kann und ob es nicht Zeit ist für die Bildung einer Guerilla – auch wenn es vorerst nur eine Kommunikationsguerilla sein könnte.

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Von Kristian Stemmler

Immer ratloser stehen die Menschen vor den Ereignissen, die von der Medienmaschine im Sekundentakt ausgespuckt werden. Terror in Nizza, Putsch in der Türkei, tote Polizisten in den USA, ein Amokläufer in Würzburg etc. pp. Zugleich verfolgen so genannte „Transhumanisten“ die völlig verrückte Idee, unsterblich zu werden und menschliches Bewusstsein in eine „Cloud“ hochzuladen. Andere arbeiten an „selbstfahrenden Autos“ – eine praktische Erfindung, die auch Anschläge wie in Nizza für die Terroristen risikoärmer gestalten könnte…

Aber die Lage ist eigentlich viel zu ernst für Witze. Das ist auch eher Galgenhumor! Es lässt sich festhalten, dass die Verwirrung immer größer wird und immer weniger Leute durchblicken. Einer, der frühzeitig gewarnt hat, ist Götz Eisenberg, der im Gießener Erwachsenenvollzug gearbeitet und mehrere Bücher geschrieben hat.

Schon im Jahr 2000 konstatiert Eisenberg in seinem Buch „Amok – Kinder der Kälte“, wir seien gegenwärtig „Zeugen des Auseinanderfallens der Gesellschaft in vergleichültigte, kalte Selbstverwertungsnomaden einerseits und das völlig Abstrakte einer Weltgesellschaft andererseits“.

Der Psychologe erläutert: „Die immer weniger in wirkliche, an Personen gebundene Kommunikations- und Bearbeitungsprozesse eingehenden Antriebspotenziale der Subjekte gefährden den Fortbestand der Zivilisation, die ja als Bändigung des Archaischen zu fassen wäre.“

Man habe es nach Robert Kurz mit der „Durchsetzungsgeschichte“ des Kapitalismus zu tun, das eben nicht als fertig ausgebildetes System auf die Bühne getreten sei. Diese Produktionsweise werde vielmehr „erst heute zum totalen Weltverhältnis“.

Was das für uns alle bedeutet, analysiert Eisenberg ebenso nüchtern wie schonungslos. Er schreibt: „Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus. Sexuelle und aggressive Triebe halten sich immer weniger an Regeln, die Macht des Unbewussten wird gestärkt und bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben.“

Und: „Der vorherrschende Umgang mit den Dingen greift auf die menschlichen Beziehungen über, und die Kinder lernen heute beizeiten, dass es keinen Sinn hat, ihr Herz an irgend etwas oder irgend jemand zu hängen.“

Das ist eine schwer zu ertragende, aber notwendige Zustandsbeschreibung, ebenso wie diese Feststellung Eisenbergs: „Wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen Fremdzwängen und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will, worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet.“

Eisenberg bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ergreift klar Partei. „Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als loser, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als winner begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll.“

Und weiter: „Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt von Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken. Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jeder Art von moralischem Darwinismus“.

Eisenberg schließt: „Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen Friedens und der hedonistischen Spaßkulur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat… Die Hölle des neoliberalen Zeitalters erschließt sich uns als das Zugleich der verschiedenen, sich miteinander verschränkenden Ebenen von sozialer und psychischer Desintegration.“

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Von Kristian Stemmler

Endlich, endlich! Darauf haben die neuen und alten Nazis des Landes gewartet. Die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten scheinen das wahr gemacht zu haben, was sie bislang mühsam herbeifantasieren mussten: Ein entfesselter Mob von Afrikanern und Arabern zieht raubend und vergewaltigend durch die Stadt. Besser konnte das Jahr für Pegida, AfD und Co. gar nicht anfangen!

Bürgerliche Medien und Politiker reagieren wie angestochene Hühner. Minister aller Coleur, ja gar die Kanzlerin eilen in die Bütt. Aufgeregt werden die Ereignisse durchgehechelt, Kriminologen und Sozialwissenschaftler vor die Kamera gezerrt. Der unvermeidliche Rainer Wendt, Chef der rechtslastigen Deutschen Polizeigewerkschaft, darf seine Propaganda auf allen Kanälen verbreiten.

Wie immer geht die Diskussion völlig am Kern vorbei. Lang und breit wird darüber geredet, was die Sache mit dem Thema Flüchtlinge und/oder Migration zu tun hat oder auch nicht, ob die Polizei Fehler gemacht hat und dergleichen mehr. Was das Ganze mit sozialen Zerfallsprozessen zu tun hat, wo systemische Ursachen zu finden sind – das darf wie immer nicht thematisiert wird, diese Fragen sind tabu.

Dass alkoholisierte junge Männer in einer Art Kettenreaktion wie auf Verabredung plötzlich völlig entfesselt agieren, gewalttätig und übergriffig werden, ist in der Tat erschreckend. Aber es ist total egal, ob die Täter Nordafrikaner, Deutsche, Araber oder Eskimos waren. Wenige Tage vor Silvester hat ein Mob von rund 1200 (hauptsächlich deutschen) Fans des FC Hansa Rostock in der Hansestadt randaliert. Das lief sicher anders als in Köln, aber es wurden auch in Rostock massenhaft Straftaten begangen.

Diese Entwicklung kann klar denkende Menschen nicht überraschen, denn die Verrohung weiter Schichten der Bevölkerung, vor allem im unteren Drittel, wird seit Jahren von kritisch denkenden Soziologen gesehen. Sie ist das Ergebnis einer zunehmenden Erosion der Gesellschaft, dessen Motor ein entfesselter Kapitalismus ist. Wer das nicht sehen will, stolpert blind in eine düstere Zukunft.

Die nackte Gewalt wohnt dem herrschenden System inne. Es ist doch überhaupt kein Zufall, dass solche Ereignisse quasi zeitgleich geschehen mit einer fortschreitenden, um nicht zu sagen: galoppierenden, Militarisierung der deutschen Politik, Stichwort: Syrien und Mali. Die kapitalistischen Mächte tragen die Gewalt nach Afrika und in den Mittleren Osten, von dort schlägt sie in unsere Metropolen zurück.

Man schaue sich nur mal die Texte der bei der Jugend so angesagten Rapper an, sehe sich die TV-Serien und Filme an, die Jugendliche und junge Erwachsene sich reinziehen, beschäftige sich mit den Inhalten der angesagten Computerballerspiele – die Gewalt ist überall so präsent, dass es kaum noch auffällt.

Der Autor und Gefängnispsychologe Götz Eisenberg schreibt in seinem neuen Buch „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“: „Gegenwärtig wächst eine Generation heran, die schon in der Wolle mit Sozialdarwinismus eingefärbt ist. Die hinter uns liegenden, von der Praxis des Neoliberalismus geprägten eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen. Sie können gar nicht anders, als diese Kälte weiterzugeben und auf ihre Umgebung abzustrahlen.“

Zweifellos kippt der entfesselte Turbokapitalismus mit zunehmenden Tempo in Anarchie um. Das war nicht anders zu erwarten. Und natürlich reagiert vor allem die zunehmend verrohende Mittelschicht wie gehabt: Man steckt den Kopf in den Sand oder keilt nach unten aus. Wie ich bereits zum Jahresanfang geschrieben habe: In Doppelhaushälften und in den Siedlungen an der Peripherie geht die Angst um, den eigenen kleinen Wohlstand zu verlieren, Häuschen, Job, den SUV vor der Tür.

Der buchholz express weist immer wieder darauf hin: So lange die systemischen Ursachen der aktuellen Entwicklungen nicht endlich gesehen und analysiert werden, zerfällt diese Gesellschaft immer weiter. Aufwachen Leute!

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Gegenwärtig werden die Subjekte als leere Behälter begriffen, in die nach Belieben gesellschaftlich funktionale Reaktionsweisen plaziert werden können. Sie sind nicht länger relativ autonome Integrationszentren von divergierenden Interessen, die eigene Balance zwischen ihrer inneren Triebökonomie und den Imperativen der äußeren Ökonomie herstellen, sondern bloße Empfänger von Signalen, die der Markt aussendet. Integriert wird lediglich noch im Interesse des Funktionierens des Ganzen, während der Bereich der Affekte, sofern er nicht durch Kauf und Genuss von Waren und Dienstleistungen abgesättigt wird, unintegriert bleibt und eine zunehmend gespenstische und sich jedem steuernden Zugriff entziehende Eigendynamik entfaltet. Die Gesellschaft des losgelassenen Markes pulverisiert im Namen von Mobilität und Flexibilität verinnerlichte „Selbstzwänge“ und Disziplinierungen und versucht diese durch verstärkte äußere Kontrollen und eine perverse Lust am Funktionieren und Mitmachen zu ersetzen.

Der von Elias beschriebene „Prozess der Zivilisation“ wird teilweise rückgängig gemacht, und wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen „Fremdzwängen“ und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will,worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet. Die sich ausbreitende „Spaßkultur“ ist insofern fragwürdig, als sie gegen Sinn und Vernunft gut abisoliert ist und von politischer Ohnmacht zeugt. Es scheint, also sei das bloße Funktionieren der Gesellschaft für viele eine hinreichende Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Loyalität, die sie auch dann nicht in Frage stellen, wenn das System an den Rändern immer unverhüllter Gewalt und Unterdrückung praktiziert.

Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als „loser“, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als „winner“ begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll: „Eure Armut kotzt mich an“, ist auf Aufklebern zu lesen, die an Jeeps oder Cabriolets kleben. Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt der Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken.

Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jener Art von moralischem Darwinismus, „der mit dem Kult des winner, einer Mischung aus höherer Mathematik und Tiefsprung am Gummiseil, den Kampf eines jeden gegen jeden un den normativen Zynismus all seiner Praktiken“ ins Recht setzt. Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen „Friedens“ und der hedonistischen Spaßkultur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat.

 Götz Eisenberg, Amok – Kinder der Kälte

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Dieser Beitrag ist der 150. Beitrag, der im buchholzblog seit dem Start Anfang Januar erscheint. Zur Feier des Tages will ich diesmal nicht selbst etwas schreiben, sondern den Gießener Gefängnispsychologen und Autor Götz Eisenberg aus seinem aufschlussreichen Buch „Amok – Kinder der Kälte“ zitieren. Eisenberg formuliert hier eine, wie ich finde, hervorragende Charakterisierung unserer Zeit, bezugnehmend auf den britischen Schriftsteller und Maler John Berger. Da dieser blog den Anspruch hat, neben der Berichterstattung und Kommentierung lokaler Ereignisse auch politische Analysen zu bringen und eine tiefgehende Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zu transportieren, halte ich diesen Beitrag zum Jubiläum des blogs für angemessen – auch um einmal deutlich zu machen, aus welchem grundsätzlichen Gesellschaftsbild sich meine kritische Einstellung zu vielen Vorgängen speist. Hier also Eisenberg:

Die Welt, die wir kennen gerät aus den Fugen. John Berger sieht in einem berühmten Triptychon von Hieronymus Bosch, genauer, in dessen „Hölle“ betitelten rechten Teil, eine merkwürdige Prophetie des geistigen und kulturellen Klimas, „das sich dank der Globalisierung und der neuen ökonomischen Ordnung am Ende des Jahrhunderts über unser Welt stülpt“. Prophetisch sei dieses Bild nicht so sehr wegen der verwendeten Symbole und der vielen Details – so quälend und grotesk sie auch sein mögen -, sondern „wegen des Raumes seiner Hölle. Wir finden in ihr keinen Horizont. Es gibt keine Kontinuität zwischen den Handlungen, keine Pausen, keine Wege, keine Muster, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Überall Überraschungen und Übersteigerungen, aber sie führen zu nichts. Nichts fließt, alles stockt. Als befände sich der Raum im Delirium“. Die Welt, wie die Nachrichten, die uns die Medien über sie vermitteln, verwandelt sich in ein Puzzle, dessen gestauchte Teile sich nicht ineinander fügen. „Jede der Figuren sichert ihr Überleben, indem sie sich auf ihre engsten Bedürfnisse konzentriert. Die Platzangst entsteht nicht durch Überbevölkerung. sondern weil zwischen einer und der nächsten Handlung nichts steht, das, beide berührend, eine Kontinuität herstellen kann. Und das ist die Hölle. Unsere Kultur ist vielleicht die Klaustrophobischste, die je existierte, es ist die Kultur der Globalisierung, die wie Boschs Hölle keinen Blick auf ein Anderswo oder Anderswie zulässt. Das Vorhandene“, sagt Berger am Ende seiner Interpretation, „schließt sich zum Gefängnis.“

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