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Posts Tagged ‘Gedenkfeier’

Liebe Freunde,

ich weiß nicht, wie es Euch und Ihnen geht – aber wenn ich die Berichte von damals über die Ereignisse vom 8. und 9. April 1945 höre, dann bin ich genauso erschüttert, als wäre es gestern geschehen. Ich kann das alles nicht so ohne weiteres abschütteln – offenbar ganz im Unterschied zu einer wachsenden Zahl von Menschen hierzulande, die sich auf den Standpunkt stellen: Lass mich in Ruhe mit den alten Geschichten! Nach über 60 Jahren muss mal Schluss sein!

So einfach ist das eben nicht.

  • Wenn es nach dem Krieg tatsächlich eine Aufarbeitung der Ereignisse in der Nazizeit gegeben hätte, die ihren Namen verdient.
  • Wenn erkennbar wäre, dass das Ungeheuerliche, was in den Jahren zuvor geschehen war, analytisch durchdrungen worden wäre.
  • Wenn man verstanden hätte, wie und warum die Nazis an die Macht gekommen sind.
  • Wenn man nicht heute noch tabuisieren würde, welche Rolle wirtschaftlich mächtige Personen und Unternehmen im In- und Ausland dabei gespielt haben

ja dann könnte man vielleicht irgendwann sagen: Wir schließen das Kapitel, wir betrachten es von Ferne, aber wir haben daraus gelernt und machen es heute anders und besser! Aber davon kann allen Sonntagsreden zum Trotz nicht die Rede sein.

Sicher, es wurde und wird viel Erinnerungsarbeit geleistet. Aber nach wie vor haben wir doch nicht wirklich verstanden, wie es dazu kommen konnte, dass Millionen von Menschen wie Tiere behandelt und abgeschlachtet wurden. Sicher, es gibt Forschungen dazu, wie man einen Menschen dazu bekommt, den anderen als Objekt zu betrachten, das ausgemerzt werden muss – aber die Ergebnisse dieser Forschungen bleiben doch meist im kleinen Kreis und entfalten keine Breitenwirkung!

So lange wir aber das Geschehene nicht wirklich verstehen, so lange sind wir nicht gefeit vor einer Rückkehr des Faschismus in neuem Gewande. Gottseidank sind wir davon noch ein gutes Stück entfernt, aber es gibt Grund zur Besorgnis!

Dabei denke ich gar nicht in erster Linie an die vergleichsweise geringe Zahl von Neonazis, auch wenn die Zahl der Opfer rechter Gewalt – über 180 Tote seit der Wende 1990 – allein schon mehr als besorgniserregend ist. Ich denke noch eher an die vielen Menschen, die anfällig sind für rechtspopulistische Parolen. Die vielzitierten Erhebungen des Bielefelder Sozialforschers Wilhelm eitmeyer zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zeigen alarmierende Befunde – Rassismus, Antisemitismus, die Verachtung von Minderheiten, von Menschen, die man für schwach hält, sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wenn ich höre, dass Obdachlose von Jugendlichen „nur so aus Spaß“ bespuckt werden, dass sie in ihren Schlafsäcken angezündet werden, wenn ich sehen muss, wie sich die Mittelschicht zunehmend nach unten abgrenzt, wenn ich erlebe, wie Mobben und Ausgrenzen in unserer Casting-Gesellschaft immer mehr zum Volkssport werden – dann kann ich nur sagen: Wir befinden uns auf einer ganz schiefen Ebene.

Wenn die etablierten Parteien, die intellektuellen Teile des Mittelstands nicht endlich aufwachen, gehen wir – so fürchte ich – dunklen Zeiten entgegen. Ich will aber an diesem schönen Ostertag nicht nur Pessimismus verbreiten – große Hoffnung setze ich in Teile der Jugend. Auch wenn sie mit Konsum und Infotainment zugeschüttet werden, glaube ich, dass es viele gibt, die die Dinge klarer sehen als die meisten älteren Erwachsenen, und ich hoffe doch, dass sie die richtigen Konsequenzen ziehen.

In diesem Sinne danke ich für Eure und Ihre Aufmerksamkeit!

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