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Posts Tagged ‘Critical Mast Fahrradtour’

Von Kristian Stemmler

Zwischen Penny und Bahnhof regiert die Hektik. Ab und an trinken Leute auf dem eher unwirtlichen Platz am Kabenhof ihr Bier, ansonsten geht es hier nur darum, den Zug zu kriegen oder schnell noch was einzukaufen. Seit vergangenem Mittwoch lohnt es sich aber wirklich, auf diesem Platz zu verweilen – seitdem steht hier nämlich das Zelt der Critical Mast Fahrradtour und das bietet viel: eine geballte Ladung linke Politik, Analyse und Kritik, Vorträge, Workshops, Aktionen, Diskussionen und eine Gruppe von 15 bis 20 Tierbefreiungsaktivisten aus ganz Deutschland, die versuchen herrschaftsfrei miteinander umzugehen und Herrschaftsmechanismen zu hinterfragen. Ihr Motto: „Get a bike and join the resistance!“

Aufhänger, Kernthema und strategisches Kampfziel (wenn man so will) der Tour ist die größte Hühnerschlachtfabrik Europas des Konzerns Rothkötter in Wietze bei Celle. In dieser wie ein Hochsicherheitstrakt gesicherten Anlage sollen bei voller Auslastung sieben bis acht Tiere pro Sekunde getötet werden, das wären 2,6 Millionen pro Woche. Doch seit der Eröffnung der Fabrik im August 2011 läuft sie auf Teilbetrieb, weil von den benötigten etwa 420 Zulieferbetrieben, sprich: Mastställen, im Umkreis von rund 150 Kilometern dank wachsenden Widerstands erst etwa 20 existieren.

In den zurückliegenden zwei Jahren brachten Mahnwachen, Demos, Besetzungen, Brandanschläge das Thema immer wieder in die Medien. Wo immer Landwirte Hühnermastställe bauen wollen, stoßen sie inzwischen auf Widerstand, so aktuell in Sprötze, Heidenau und Fintel. Der Clou: Geht Rothkötters Schlachtfabrik nicht bis Ende des Jahres in Vollbetrieb, muss der Konzern 6,5 Millionen Euro Subventionen an das Land Niedersachsen zurückzahlen. Die Aktivisten von der Critical Mast Fahrradtour wollen diesen wunden Punkt angreifen und eine Plattform schaffen für einen aktionsreichen Sommer 2012, in dem der Druck nicht nachlässt, sondern größer wird.

Gestartet ist die Fahrradtour in Königshorst im Wendland, wo im nahen Teblingen gegen erbitterten Widerstand ein Maststall gebaut wurde. Aktivistin Alissa aus dem Raum Stuttgart war bei der Besetzung des Bauplatzes dabei. Sie berichtet: „Die Bauern haben den Platz mit dem Einsatz von Reizgas und Knüppeln geräumt und sind mit Treckern über Zelte gefahren, ohne sich darum zu kümmern, ob da eventuell Leute drin sind.“ Auch diesmal seien die Bauern wieder sehr aggressiv gewesen, „wenn wir dem Maststall nahe kamen“. Auch die Polizei zeigte Präsenz: „Manchmal waren mehr Polizeifahrzeuge da als Aktivisten.“

Von Buchholz aus sind die jungen Leute bereits mit dem Rad nach Fintel gefahren, haben sich den Bauplatz angeguckt und sich mit Leuten von der Bürgerinitiative ausgetauscht. Vor dem Edeka-Markt von Fintel gab es „Mast TV“: Ein als Alien verkleideter Aktivist berichtet von der Erde für seine Heimat, den Mars, und bat die Bürger zum Beispiel, ihm mal genau zu erklären, warum Menschen Tiere essen. Am Abend gab es auf einem Hof eines Mitglieds der BI ein Konzert mit dem politischem Punkliedermacher FaulenzA inklusive Lagerfeuer.

Auch die Hühnermastanlage der Landwirtsfamilie Eickhoff in Sprötze mit dem Bauplatz für den zweiten Maststall direkt daneben bekommt noch Besuch von der Critical Mast Fahrradtour. Für den morgigen Sonntag steht ferner ein Workshop mit der spannenden Überschrift „Jung, weiß, hetero, Aktivist: Warum wir so viel gemeinsam haben und wie wir das ändern können“ auf dem Programm, ein Vortrag „Was sind Human-Animal-Studies?“, die Vorführung des Films „If a Tree falls: A Story of the Earth Liberation Front“ und eine Gesprächsrunde mit einem Mann, der sich seit 20 Jahren vegetarisch, seit 17 Jahren vegan und seit 15 Jahren fast ausschließlich von Rohkost ernährt. Am Montag geht es zum Abschluss der Station Buchholz um das brisante Thema „Ein Brandanschlag auf eine Hühnermastanlage in Sprötze – die Ermittlungen und Repression sowie die Arbeit und Reflektion der Soligruppe“ (Näheres unter www.criticalmast.blogsport.de)

Das Programm der Critical Mast ist sehr weitgespannt, sehr politisch, viel hilfreiche Theorie, aber auch praktische Tipps und Übungen. Um nur einige Punkte zu nennen: „Training: kreativer Polizeikontakt“ – „Monsanto auf Deutsch – Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen“ – „Rechte Ökologie“ – „Undercover-Recherche in Tierfabriken“ – „Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf – Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung auf dem Sprung zur antikapitalistischen Praxis“.

Selbst organisiert und herrschschaftskritisch sind wichtige Stichworte für die Aktivisten. „Die Critical Mast soll eine Bewegung schaffen, die kein Führungspersonal braucht“, heißt es im Flyer der Aktivisten: „An die Stelle von konsumierbarem Programm und vorgefertigten Aktionen soll Selbstorganisation treten.“ Und im Programm der Tour wird gefragt, wie eine herrschaftsfreie Welt aussehen kann, und postuliert, „dass es ein Leben jenseits des Kapitalismus und all der anderen Herrschaftsstrukturen, die Gesellschaft und Alltag durchziehen, gibt und geben muss.“

Zwischen Penny und Bahnhof macht insofern ein Stück gelebte Utopie Station – es lohnt sich, dahin zu gehen. Wir alle können davon lernen!

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