Mit ‘buchholz express’ getaggte Beiträge

dsc_9575Von xxx – Fortsetzung, zweiter Teil

Levin warf sich mit Schmackes auf einen Stuhl an dem Tisch im „Last Exit“, an dem Jasper bereits in Seelenruhe einen grünen Tee zu sich nahm. „Das ist ja ein Riesenknaller!“, platzte es aus ihm heraus. „Wir sind auf allen Sendern, auf allen Portalen. Wahnsinn!“

„Posaun‘ es doch noch lauter heraus, vielleicht hat es noch nicht jeder im Lokal mitbekommen“, zischte Jasper ihm zu. Levin duckte sich schuldbewusst. „Entschuldige, die Begeisterung hat mich davongetragen.“ Jasper beugte sich zu ihm vor. „Wenn du über die Angelegenheit reden willst, dann bitte erstens leiser und so unverbindlich, dass es auch um was ganz anderes gehen könnte, am besten in sprachlichen Bildern. Comprende?“

Levin nickte und sah sich um, als wollte er sich vergewissern, dass niemand hinter ihm saß oder stand. „Wie habt Ihr das hinbekommen: so viele Treffer in einem Spiel?“

„Ja, das ist die richtige Masche! Na ja, gute Vorbereitung, gutes Training, gute Mannschaftsaufstellung.“

„Ja, klar. Aber trotzdem Chapeau! Da scheint ja eine fitte Mannschaft auf dem Platz gestanden zu haben.“

„Kann man sagen. Und zwar gemischte Teams, wenn Du weißt, was ich meine. Die funktionieren sowieso meist besser. Das wissen sogar die Bullen.“

„Raffiniert! Aber der Sinn des Ganzen leuchtet mir nach wie vor nicht ein.“

„Kommt Zeit, kommt Aufklärung! Momentan will ich mehr nicht sagen, wir sind ja nicht unter uns. Nur soviel: Wir brauchen immer gute Leute und du kannst dabei sein. Eine Vergnügungsreise wird das natürlich nicht, um ein anderes Sprachbild zu gebrauchen, eher eine Expedition ins Unbekannte. Und auch nicht auf einem Kreuzfahrtschiff, sondern eher auf einem Schnellboot mit leichter Bewaffnung.“

„Bewaffnung?“ Levin sah ihn fragend an. Jasper grinste. „Rein metaphorisch gesprochen, vorerst.“

Er blickte sich nach der Bedienung um. „Ich glaube, heute ist mal wieder ein Tomatensaft fällig. Was Knallrotes!“ Levin lachte. „Also, ich halte mich an Kaffee, wobei das sicher nicht politisch gemeint ist.“

xxx

Levin hatte nicht übertrieben. Das Netz war voll von den Vorgängen, die sich in der Nacht auf Hamburgs Straßen zugetragen hatten. Jasper war zu Hause bewusst offline geblieben und hatte auch kein Radio angemacht. Im „Last Exit“ klappte er sein kleines Notebook auf und ging über das W-LAN des Lokals ins Netz.

Jasper war ein nüchtern denkender Mensch, aber angesichts dessen, was im Internet auf ihn zubrandete, konnte er ein Hochgefühl nicht unterdrücken. Mit vergleichsweise geringem Aufwand eine derartige Welle zu erzeugen, nicht übel!

„47 SUVs in einer Nacht demoliert – Vandalismus-Wahnsinn in Hamburg“, hieß die Zeile bei bild.de, Focus.de schrieb „47 SUVs geschrottet – Wer tut denn so etwas?“, Spiegel online vermeldete, gewohnt seriöser als die Boulevardkollegen: „Hamburg: 47 SUVs in einer Nacht beschädigt – Polizei steht vor einem Rätsel“.

In den Beiträgen herrschten die üblichen Floskeln vor, von einer „Spur der Zerstörung“, „sinnlosem Vandalismus“ oder „der Polizei, die im Dunkeln tappt“. Einige Medien drehten die Geschichte schon weiter, so fabulierte die Morgenpost von einer „SUV-Bande“, die in Hamburg ihr Unwesen getrieben habe.

Als Nachrichtenkern blieb, dass im gesamten Hamburger Stadtgebiet in der Nacht zum Donnerstag insgesamt 47 Fahrzeuge, alles hochwertige SUVs, die Mehrzahl deutscher Herkunft, also Mercedes, BMW, Porsche und Audi, aber auch einige Fahrzeuge ausländischer Herkunft wie Jeep oder Volvo massiv beschädigt worden waren. Die unbekannten Täter hatten alle in etwa zur selben Zeit zugeschlagen, die Vorgehensweise war fast überall dieselbe.

Es war sowohl der Polizei als auch den Medien klar, dass es sich um ein organisiertes Vorgehen einer Gruppe handeln musste, allein schon wegen der schieren Zahl von beschädigten SUVs in derselben Nacht. Und es musste sich um eine große Gruppe handeln, da die Tatorte relativ weit auseinander lagen.

Bei allen beschädigten Fahrzeugen war der Lack zerkratzt und die Reifen waren zerstochen worden. Auf allen Motorhauben waren, vermutlich die Signatur der Gruppe, in roter Farbe das Kürzel „SG“ gesprüht worden.

Die Polizei hatte keine Ahnung, was das Kürzel bedeuten konnte. Auch sonst war die Ermittlungslage dünn. Hier und da hatten Zeugen schwarz gekleidete und vermummte Gestalten davonlaufen sehen. An den Tatorten war bisher nichts gefunden worden: keine weggeworfene Kippe, Fingerabdrücke schon gar nicht, kein Fetzen von der Kleidung der Täter. Noch wurden die Tatorte aber untersucht.

Auch über die Frage, was das Ganze eigentlich sollte, konnten die Medien ebenso wie die Polizei nur spekulieren. So wurde die Frage aufgeworfen, ob es sich um eine Art „skurrilen Flashmob“ handelte oder eine ausgefallene Mutprobe. Eine Auseinandersetzung im Milieu hatte die Polizei bereits ausgeschlossen, da die Halter der Fahrzeuge nichts miteinander zu tun hatten und die Tatorte wahllos über das Stadtgebiet verstreut waren.

Der Pressesprecher der Hamburger Polizei konnte zu den Hintergründen nur eines sagen. „Wir haben es mit einem völlig neuen Phänomen zu tun, ein solches Vorgehen hatten wir noch nicht.“ Man habe bereits eine Ermittlungsgruppe gegründet.

Jasper klappte sein Notebook zu und pfiff leise durch die Zähne. „Gar nicht schlecht für den Anfang.“

(wird fortgesetzt)

 

 

 

 

Auch der buchholz express öffnet sich für die Buchholzer Geschäftswelt. Bisher haben vor allem technische Gegebenheiten dafür gesorgt, dass Beiträge über die Aktivitäten der hiesigen Betriebe weitgehend unterblieben, einfach weil das Einbetten von Anzeigen bei einem kostenlosen WordPress-Blog nicht möglich ist.

Darum hat der buchholz express einen neuen Weg gefunden. In der Rubrik „Buchholz Business“ sollen ab sofort in unregelmäßigen Abständen kreative und belebende Unternehmen der Region vorgestellt werden. Das kann das neu eröffnete Blumengeschäft an der Ecke ebenso sein wie ein ausgefallener Modeladen, ein angesagtes Restaurant ebenso wie ein Tierpark oder Museum.

Wie es für den buchholz express schon Tradition ist, werden sich die Beiträge dabei wohltuend von dem PR-Geseire abheben, das die Titel des Wochenblatt-Verlages ihren Lesern zumuten. Die lieblos hingehauenen Texte in den so genannten Kollektiven (Seiten, die über Betriebe mit Anzeigen und redaktionellen Texten berichten) werden vom Leser kaum wahr genommen, ebenso wie die fantasielosen Fotos in einem langweiligen Layout.

Die Rubrik „Buchholz Business“ soll ganz anders sein. Die journalistischen Fähigkeiten und Erfahrungen des Chefredakteurs Kristian Stemmler garantieren ein hohes Niveau, Originalität und Witz. Dass es bisher kaum Beiträge über die Geschäftswelt von Buchholz im buchholz express gegeben hat, dürfte, zumindest anfangs, für besondere Aufmerksamkeit sorgen.

Auch wenn der buchholz express, seiner inhaltlichen Agenda folgend, die Aktivitäten von Unternehmen bisher eher kritisch begleitet hat, so sieht er doch gerade den Erfolg lokaler Geschäftsleute als substanziell an. Er ist Voraussetzung dafür, dass die Stadt nicht einem Einerlei von immer denselben Läden großer Ketten geopfert wird.

Natürlich hat der buchholz express nach wie vor Vorbehalte gegen bestimmte unternehmerische Aktivitäten, so etwa die der Banken, oder der Betriebe, die für einen besonderen Luxus und damit auch für die gesellschaftliche Spaltung stehen, also etwa Mercedes-Benz. In diesem Punkt wird der Blog keine Kompromisse machen.

Der buchholz express ist seit Ende 2011 als lokaler journalistischer Blog in Buchholz und im Landkreis aktiv, anfangs unter dem Namen Buchholzblog. Er berichtet auf hohem journalistischem Niveau über Vorgänge in der Region. Der buchholz expres hat eine relativ überschaubare, aber, soweit erkennbar, sehr qualifizierte Leserschaft.

Im vergangenen Jahr verzeichnete der buchholz express rund 80.000 Zugriffe. Das sind 220 pro Tag im Schnitt. Für einen lokalen Blog in einer Stadt mit rund 40.000 Einwohnern ist das ein guter Wert. In diesem Jahr lag der Durchschnittswert pro Tag bisher sogar noch ein wenig höher, bei derzeit 236 Zugriffen.

Wer seinen Betrieb, seinen Laden, sein Projekt in der neuen Rubrik „Buchholz Business“ wiederfinden möchte, der wende sich bitte an Chefredakteur Kristian Stemmler unter Kristian.Stemmler@web.de

Der buchholz express ist wieder da. Nach einer schöpferischen Pause, in der das Redaktionskollektiv in sich ging, ob es unter erschwerten Bedingungen weitermacht oder doch das Handtuch wirft, ist die Entscheidung fürs Weitermachen gefallen. Gerade heute braucht die Medienwelt Stimmen, die nicht in den Chor der Schreibhuren einfallen.

Zur positiven Entscheidung hat beigetragen, dass nach dem Spendenaufruf des Redaktionskollektivs auf dem Konto des buchholz express Spenden eingegangen sind. Es sind nicht sehr viele, aber die Geste ist entscheidend – danke dafür!

Als Gegenleistung sozusagen beginnt der buchholz express seinen Neustart mit einer Rubrik, die es in dieser Form (jedenfalls durchgängig) im Blog noch nicht gegeben hat: einem aktuellen Fortsetzungsroman. Der Text soll unterhalten und aufklären zugleich, hat aber nicht den Anspruch zu missionieren, sondern will einfach nur beschreiben, was da ist.

Zugang zur Wirklichkeit einer Gesellschaft, und dies vor allem in einer Großstadt, die ja in gewisser Hinsicht die Avantgarde darstellt, ist nach Überzeugung des Kollektivs eher über solche fiktiven „Geschichten“ herzustellen, als über Analysen, Berichte, Nachrichten.

Einen Titel hat der Roman noch nicht, vielleicht gibt es den erst zum Schluss. Hier jedenfalls der erste Abschnitt (die weiteren folgen in unregelmäßigen Abständen). Der buchholz express wünscht geistigen und emotionalen Gewinn.

 

Von ***DSC_9575

Jasper trat mit voller Wucht gegen den Außenspiegel des SUV. Das Ding gab kurz nach und ploppte dann in seine Ausgangsstellung zurück. „Scheißplastikteil!“, fluchte Jasper. Beim zweiten Tritt holte er noch weiter aus. Der Spiegel flog samt Plastikummantelung meterweit durch die Luft und polterte über den Straßenbelag.

„Bist Du bescheuert! Willst du die Leute aufwecken?!“, zischte Levin, der ein paar Meter abseits Schmiere stand ihm zu. Jasper grinste nur. „In dieser scheintoten Gegend müsstest du schon ’ne Stinger abfeuern, um jemanden aus dem Schlaf zu holen. Ich bin im übrigen noch nicht fertig.“

Jasper holte ein Messer mit langer spitzer Klinge aus dem Gurt, den er unter seiner Jacke trug, ging ohne viel Federlesens einmal um den Wagen und stach kurz in jeden Reifen. Danach steckte er das Messer wieder weg und holte einen kleinen Schraubendreher aus demselben Gurt, umrundete den SUV ein zweites Mal, um diesmal eine umlaufende Schramme im Lack zu hinterlassen. Das erzeugte ein unangenehm schrilles, aber mäßig lautes Geräusch.

„Nun lass uns aber“, rief Levin ihm halblaut zu, aber Jasper schüttelte den Kopf. „Das Wichtigste kommt ja noch, oder kennst du einen Künstler, der sein Werk nicht signiert.“ Mit diesen Worten holte er eine Farbsprühdose unter seiner Jacke hervor, stellte sich vor die Motorhaube und sprühte schwungvoll die Buchstaben „SG“, ineinander verwoben, auf die Haube.

Er hielt noch kurz inne und betrachtete sein Werk, wandte sich dann abrupt Levin zu und meinte: „So gefällt mir die Karre erheblich besser.“ Levin lachte, dann verschwanden die beiden jungen Männer in der Dunkelheit.

*

Auf dem Weg in ihr Viertel versuchte Levin mehr aus Jasper herauszubekommen. „Einen SUV verschandeln, das ist sicher verdienstvoll“, eröffnete er seinen Versuch, „aber wozu das Ganze, wo liegt da der Sinn, die politische Botschaft?“

„Na ja“, erwiderte Jasper, „für eine gewisse Zeit bedeutet das, einen Spritfresser auf den Straßen weniger, das hilft dem Klima. Und optisch gewinnt das Stadtbild ja auch, wenn einer von den Panzern verschwindet.“

„Nein, im Ernst!“, versuchte Levin es erneut, „in Hamburg sind Tausende SUVs auf den Straßen und es werden täglich mehr. Was soll das bringen, einen SUV für ein paar Tage lahm zu legen. Soll das ein Zeichen sein? So eine Sachbeschädigung schafft es doch noch nicht mal in das Wochenblatt des Stadtteils.“

Jasper ließ sich nicht beirren. „Jedes Sandkorn im Getriebe ist ein Gewinn“, erklärte er stoisch.

„Na, das ist aber ein sehr kleines Sandkorn in einem sehr großen Getriebe.“

„Nun warte doch einfach mal ab“, schloss Jasper die Debatte und grinste spitzbübisch, „schau morgen in die Nachrichtenportale im Netz oder hör mal wieder Radio,“

Sie waren in ihrem Viertel angekommen, an der Peripherie der Stadt, das Viertel, in dem sie aufgewachsen waren und heute noch lebten. Es war ziemlich frisch jetzt, morgens gegen vier. Der Nachtbus fuhr vorbei, sie freuten sich aufs Bett.

(wird fortgesetzt)

Das Redaktionskollektiv des buchholz express grüßt die Antifa – viel Erfolg für morgen!

Von Kristian Stemmler

Der Wind dreht sich. Der Ton wird rauer. An allen Ecken und Enden ist mit Händen zu greifen, dass wir in einen Strudel gerissen werden, dass grundstürzende Ereignisse und Prozesse bevorstehen oder schon im Gange sind, von deren Ausmaßen wir uns keinen Begriff machen. Wenn die Zeichen nicht täuschen, stehten wir vor einem Zivilisationsbruch, einer Barbarisierung ungeheuren Ausmaßes – oder sind sogar schon mittendrin.

Es ist sicher kein Zufall, dass es ein Gefängnispsychologe war, der schon vor Jahren in sonst kaum erreichter analytischer Tiefe diese Prozesse und Phänomene gesehen, vorausgeahnt, ihre Ausprägung und ihre Wurzeln beschrieben hat: Götz Eisenberg, der im Gießener Erwachsenenvollzug gearbeitet und Bücher geschrieben hat.

Schon im Jahr 2000 konstatiert Eisenberg in seinem Buch „Amok – Kinder der Kälte“, wir seien gegenwärtig „Zeugen des Auseinanderfallens der Gesellschaft in vergleichültigte, kalte Selbstverwertungsnomaden einerseits und das völlig Abstrakte einer Weltgesellschaft andererseits“. Der Psychologe erläutert: „Die immer weniger in wirkliche, an Personen gebundene Kommunikations- und Bearbeitungsprozesse eingehenden Antriebspotenziale der Subjekte gefährden den Fortbestand der Zivilisation, die ja als Bändigung des Archaischen zu fassen wäre.“

Man habe es nach Robert Kurz mit der „Durchsetzungsgeschichte“ des Kapitalismus zu tun, das eben nicht als fertig ausgebildetes System auf die Bühne getreten sei. Diese Produktionsweise werde vielmehr „erst heute zum totalen Weltverhältnis“.

Was das für uns alle bedeutet, analysiert Eisenberg ebenso nüchtern wie schonungslos. Er schreibt: „Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus. Sexuelle und aggressive Triebe halten sich immer weniger an Regeln, die Macht des Unbewussten wird gestärkt und bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben.“

Und: „Der vorherrschende Umgang mit den Dingen greift auf die menschlichen Beziehungen über, und die Kinder lernen heute beizeiten, dass es keinen Sinn hat, ihr Herz an irgend etwas oder irgend jemand zu hängen.“

Das ist eine schwer zu ertragende, aber notwendige Zustandsbeschreibung, ebenso wie diese Feststellung Eisenbergs: „Wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen Fremdzwängen und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will, worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet.“

Eisenberg bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ergreift klar Partei. „Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als loser, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als winner begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll.“

Und weiter: „Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt von Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken. Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jeder Art von moralischem Darwinismus“.

Eisenberg schließt: „Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen Friedens und der hedonistischen Spaßkulur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat… Die Hölle des neoliberalen Zeitalters erschließt sich uns als das Zugleich der verschiedenen, sich miteinander verschränkenden Ebenen von sozialer und psychischer Desintegrtion.“

Es ist auch eineinhalb Jahrzehnte nach Erscheinen dieser Analyse im Grunde kaum möglich, ihre Tragweite zu begreifen, noch weniger die Folgen der beschriebenen Phänomene und Prozesse jetzt schon durchzubuchstabieren. Aber es führt kein Weg daran vorbei, es zumindest zu versuchen, wenn man, wie der Autor dieses Vorwortes, von der Wahrheit der Eisenbergschen Analyse zutiefst überzeugt ist.

Dann aber führt auch kein Weg daran vorbei, alle intellektuellen und sprachlichen Mittel dafür einzusetzen, das Gesehene und als wahr Erkannte zu beschreiben und anderen mitzuteilen, dem Diktum von Hugo von Hofmannsthal folgend: „Wuchs dir die Sprache im Mund, so wuchs in die Hand dir die Kette. Zieh nun das Weltall zu dir! Ziehe! Sonst wirst du geschleift.“

Geradezu elektrisierend hat da auf den Autor dieses Vorworts ein Appell des Politologen Ingar Solty und des Schriftstellers Enno Stahl gewirkt. Solty und Stahl hatten Mitte April zu einer Konferenz „Richtige Literatur im Falschen“ nach Berlin eingeladen, um ihr Konzept für eine Literatur zu diskutieren, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wid. In der Tageszeitung junge welt war danach zu lesen, eine „Gruppe 15“ schicke sich an, in die Fußstapfen der „Gruppe 47“ zu treten. Hier bahnt sich offenbar etwas an.

Solty und Stahl beschreiben die aktuelle Misere des deutschsprachigen Romans, „der aufgehört hat zu träumen“. Und weiter: „Wenn er nicht ohnehin dem Eskapismus frönt, sondern sich überhaupt einmal der scheinbar unbezwingbaren Stabilität kapitalistischer Vergesellschaftsformen widmet, dann verdoppelt er allzu oft deren totalen Herrschaftsanspruch, indem er – etwa als Literatur des Abstiegs und der Abgestiegenen – zwar durch schonunglose Offenlegung dessen, was ist, das kritische Bewusstsein mit der Kraft der Negation befreit, zugleich aber die Gefangenschaft erneuert durch die Verhüllung dessen, was sein könnte. Dabei: Wer könnte träumen und die Rezipientinnen und Rezipienten mitträumen lassen, wenn nicht sie, die Literatur?“

Folgerichtig fragen Solty und Stahl weiter: „Wie also könnte Literatur zu den gesellschaftlichen Kämpfen der heutigen Zeit mittragen?“ und beantworten die Frage selbst: „Zunächst einmal einfach dadurch, dass sie die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht länger ausblendet. Dass sie sich statt mit rein persönlichen Befindlichkeiten, mit Liebe, Unterhaltung, rein historisierenden Stoffen eher mit brennenden aktuellen Fragen und Figuren befasst“.

Das ist ebenso treffend wie ermutigend formuliert. Es müssten, so heißt es im Text weiter, „neue ästhetische Formen entwickelt werden, die sich dazu eignen, die Veränderungen des Kapitalismus seit der neoliberalen Wende und in der Krise analytisch und mit sozialpsychologischem Gespür in ihrer Verdichtung im Einzelexemplar und seinen Verstrickungsverhältnissen zu entlarven“.

Und weiter: „Die sozialen und ökonomischen Dissonanzen müssen sich in der Literatur niederschlagen, die monströse Asymmetrie des Lebens, Momente der Schönheit neben Ausbrüchen atavistischer Grausamkeit, die Verstrickungen des einzelnen im großen Ganzen, gerade wenn er oder sie sich herauszuhalten sucht. Die Literatur muss sagen, was Sache ist, muss dokumentieren, nachhaltig aufbewahren und damit anklagen, welche Verheerungen sich ereignet haben und wer die Verursacher sind.“

Und schließlich: „Damit nicht genug muss die Literatur Menschen zeigen, die dagegen angehen, die das alles nicht mehr mit sich machen lassen, die ihre Würde bewahren und sich dem scheinbar Unaufhaltsamen entgegenstellen, die ihre persönlichen Fluchtwege finden und damit Beispiele geben mögen für viele andere. Solche, die das Spiel nicht mehr mitspielen, die … vorziehen, es nicht zu tun – in aller Höflichkeit und mit gelassener Bescheidenheit. Die statt dessen etwas ganz anderes anfangen oder gar nichts mehr tun, die, grinsend wie Idioten, aus dem Laufrad heraustreten, das da heißt Arbeiten! Kaufen! Sterben! oder gar die Existenz des Laufrads schlichtweg leugnen. Die ihr Geld nicht in Aktien anlegen, von der neuesten Mode keine Ahnung haben und Einkaufsstraßen meiden. Und auch immer wieder Menschen, die ihre eigene Kraft erkennen, wenn sie sich auf den schwierigen Weg machen, sich zusammenzuschließen, die aufhören zu fliehen und anfangen, gemeinsam zu kämpfen.“

Das Alles ist wunderbar gesagt! Und es trifft sich mit den Überlegungen und Ideen, die den Autor dieses Vorworts schon seit langem intensiv und immer wieder beschäftigen und nicht loslassen, in geradezu unheimlicher Weise. Darum fühlt er sich ermutig und aufgefordert, den Versuch zu wagen, einen Text zu schreiben, der den Forderungen des Solty-Stahl-Konzeptes zumindest nahe kommt.

Vom morgigen Montag an erscheint in diesem Blog dieser Text in loser Folge in Form eines Romanprojekts. Ob der Text am Ende wirklich ein Roman wird, sei dahin gestellt, denn eigentlich müssen neue Gattungsbegriffe für das gefunden werden, was der kritische Leser heute braucht. Texte, die nicht zerstreuen, sondern fokussieren, nicht ablenken, sondern hinführen, nicht verschleiern, sondern aufdecken, nicht unterhalten, sondern erfreuen – nämlich durch die Wucht ihrer Sprache, die Exaktheit der Beobachtung, das Treffende und Enthüllende der Schilderung, das Mutmachende und Befreiende ihrer Utopien.

Der Autor dieses Vorworts ist zutiefst davon überzeugt, dass Beobachtungen im alltäglichen Leben mehr über gesellschaftliche Umbrüche aussagen können als die Betrachtung der großen Politik oder das Debattieren theoretischer Diagnosen. Die Wiedergabe der Hohlheit einer TV-Kochshow, der Blick auf einen von schwarzen, weißem und silbermetallicfarbenen Blech dominierten deutschen Parkplatz, das Einfangen der postmodernen Kälte zeitgenössischer Architektur, das Sezieren des Verhaltens eines Kunden im Elektronikmarkt lassen mehr von den aktuellen Verheerungen erahnen als das Studium von zehn Tageszeitungen oder kluge Diskussionen über gesellschaftliche Zustände und Veränderungen.

Der hier angekündigte Text, beschäftigt sich in besonderem Maße mit dem „verrohenden Bürgertum“ und seinen Opfern. In Zeiten, in denen der Kampf um einen Platz an den Futtertrögen härter wird, reicht es der Mittelschicht nicht mehr, sich in ihre Doppelhausghettos zurückzuziehen, den Rasen auf ihren Handtuchgrundstücken regelmäßig zu mähen und ihr Leben zu leben. Sie wird rabiat, sie keilt aus. Natürlich nach unten.

Zielscheibe ihrer Aggressionen sind zunehmend die Marginalisierten und Abgehängten, das Prekariat, die Hartz-IV-Empfänger, Leiharbeiter und Aufstocker. Sie sind die neue Kaste der Unberührbaren. Wer zu engen Umgang mit ihnen pflegt, steckt sich schnell an.

Die Abgehängten werden an das Sanktionsregime der Jobcenter, Jugendämter und Justizbehörden delegiert, die sie an die Kandarre nehmen, sie zugleich kontrollieren und auf Trab halten sollen. Wer Glück hat, gerät an wohlmeinende Sachbearbeiter und bekommt noch irgendwie die Kurve, der Rest, kann sehen wo er bleibt. Für viele, die den Leistungsdruck, die Jagd nach dem Erfolg, das tagtägliche Mobben und Intrigieren nicht aushalten, heißt die Endstation oft genug Knast oder Klapsmühle.

Angesichts der Lage kann eine „Gruppe 15“, so sie entsteht, nur ein Anfang sein, und mein Text mit Glück nicht mehr als ein bescheidener Beitrag zu diesem Anfang. In einem Lied des englischen Musikers Joe Jackson heißt es:

There’s a country that’s tired of war
There’s a country that’s scared inside
But the bank is open and you can draw
For guns to fight in their backyard
I could go on but what’s the use
You can’t fight them with songs
But think of this as just
Another tiny blow against the Empire
Another blow against the Evil Empire
Just another blow against the Evil Empire.

Widerstand ist zwecklos, aber sinnvoll. Wer jetzt die Hände in den Schoß legt, kann sie später nicht in Unschuld waschen – und er oder sie versündigt sich an unseren Kindern, deren Zukunft wir gerade zerstören.

Buchholz, 31. Mai 2015

CityCenter

 

Von Kristian Stemmler

Wie mehrfach berichtet, gibt es im City Center Buchholz immer mehr Leerstände. Auch der bauliche Zustand lässt zu wünschen übrig. So werden bei Regenwetter Wassereimer in den Gängen bereitgestellt, weil es offenbar durch das Dach regnet. In meiner Eigenschaft als Ratsherr habe ich die Buchholzer Verwaltung gefragt, ob sie da einschreiten kann oder sogar muss. Diese offizielle Anfrage habe ich im Wortlaut vor einigen Tagen in diesen Blog eingestellt, sie ist also öffentlich. Das ist natürlich für das Nordheide Wochenblatt kein Grund über diese Anfrage oder zumindest über die Wassereimer im City Center zu berichten. Abgesehen davon, dass ich in dem Blatt totgeschwiegen werde, tritt man dort Anzeigenkunden ohnehin so gut wie nie auf die Füße.

Dafür berichtet das Wochenblatt aber, dass jetzt der Buchholzer Makler René Borkenhagen die Vermarktung freier Flächen in dem Einkaufszentrum übernommen hat und verbreitet grundlosen Optimismus. Borkenhagen hat natürlich schon tolle Ideen, wer da alles einziehen könnte. Der buchholz express will da nicht abseits stehen und greift dem Makler mit der improvisierten Anzeige, die oben zu lesen ist, ein wenig unter die Arme. Man will den Interessenten ja nichts vormachen…

Von Kristian Stemmler

Auch im ablaufenden Jahr ist der buchholz express, vormals: buchholzblog, wieder gewachsen und gewinnt zunehmend an Reichweite und Profil. Fast 110.000 Zugriffe sind in 2014 zu verzeichnen, im Vorjahr waren es rund 68.700, in 2012 rund 34.800. Beim Tagesdurchschnitt wurde mit 298 Zugriffen die 300 nur knapp verfehlt. Diese Zahlen sind für einen lokalen Blog in einer Stadt mit und 40.000 Einwohnern nicht schlecht und unterstreichen, dass ein Gegengewicht zum Quasi-Monopolisten in Buchholz und im Landkreis Harburg, dem Nordheide Wochenblatt, benötigt und gesucht wird.

Vor gut drei Jahren habe ich diesen Blog, kurz nach meiner Wahl in den Rat der Stadt Buchholz, ins Leben gerufen. Als erfahrener Lokaljournalist, der 15 Jahre für die Lokalredaktion des Hamburger Abendblattes geschrieben hat, beherrsche ich das Instrumentarium des Gewerbes und kenne das lokale Leben und die lokale Politik in allen Facetten. Vor allem habe ich beim Abendblatt miterleben müssen, wie der Leser manipuliert und gelenkt werden kann – und kann das daher aufdecken und kritisieren.

Natürlich führt das dazu, dass viele Beiträge in diesem Blog im Kommentarstil geschrieben sind, oft auch polemisch rüberkommen. Das ist aber Absicht, entspricht dem Wesen eines Blogs und ich halte nicht damit hinter dem Berg, dass Polemik, Analyse und pointierte Kritik zu meinen bevorzugten Stilmitteln gehört. Im Gegensatz zu vielen Kollegen der bürgerlichen Presse gebe ich gar nicht erst vor, objektiv zu sein. Dass die Polemik manchen bürgerlichen Leser, der so etwas nicht gewohnt ist, eher abschreckt, ist mir dabei durchaus klar.

So oder so, der buchholz express wird sicher auch im neuen Jahr seine Berechtigung haben – vermutlich sogar noch mehr als in diesem Jahr. Denn ich fürchte, dass wir uns auch in Buchholz und im Landkreis mit der schwelenden und immer mehr aufflammenden Fremdenfeindlichkeit auseinander setzen müssen. Die AfD des Landkreises hat sich ja in einer Erklärung schon überdeutlich auf die Seite von PEGIDA gestellt. Das kann noch heiter werden…

Aber der buchholz express will zum Ende des Jahres nicht nur über Probleme reden, sondern auch über erfreuliche Aussichten. Darum schicke ich hiermit einen Gruß nach Griechenland! Dort wird ja vermutlich bald neu gewählt, und die Linke hat alle Chancen, die Wahl zu gewinnen. Dann macht hoffentlich endlich ein Land Schluss mit der verdammten Austeritätspolitik der Merkel-EU, entwindet sich dem Griff der Troika und nimmt das Schicksal in die eigene Hand.

Dass in Brüssel und Berlin das große Zittern begonnen hat, haben ja schon die ersten Kommentare der Mainstreammedien und die Drohungen Richtung Griechenland bewiesen. Ich rechne zwar nicht damit, dass viele Griechen diesen Blog lesen, möchte aber dennoch mit diesem Lichtblick das Jahr 2014 beschließen. Also Griechen, wählt Syriza! Für Euch und für die Völker Europas!