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Posts Tagged ‘Bild-Zeitung’

Von Kristian Stemmler

Einmal mehr quillt schwarz-rot-goldene Scheiße aus allen Briefkästen! Weil vor 25 Jahren die BRD den ziemlich maroden anderen Teil Deutschlands in ihren Einkaufswagen packte, wird dieser Tage auf Weisung gefeiert und gejubelt und die „Bild“-Zeitung beglückt die Bevölkerung mit einer Gratis-Ausgabe in einer Auflage von 42 Millionen Exemplaren. Eigentlich sollte man den Dreck gleich rückstandslos entsorgen, aber andererseits ist die Lektüre recht aufschlussreich.

Schon auf der ersten Seite wird ganz klar, wer die Sieger der „Wiedervereinigung“ sind, wobei die unfreiwillige Komik nicht zu übersehen ist. Unter dem „Bild“-Logo prangt das Logo des VW-Konzern mit der Unterschrift: „Danke für 25 Jahre Treue“. Jawohl, Sie haben richtig gelesen: der Konzern, der gerade wegen seiner Betrügereien in den USA in den Schlagzeilen ist! Und unten auf der ersten Seite steht eine Anzeige der Deutschen Bank, die nicht weniger kriminell ist! Das also ist Deutschland…

VW hat sich nicht lumpen lassen und auch die Seiten 3 und 5 ganzseitig belegt, was einiges gekostet haben dürfte. Dass man sich das jetzt noch leisten kann. Auf Seite 7 kommt dann übrigens Siemens, ein anderer deutscher Konzern, der nicht immer ganz sauber arbeitet (Korruption!). Weiter hinten dürfen natürlich Lidl und Media Markt nicht fehlen, die hier stellvertretend für all die Läden stehen, in denen der deutsche Konsumidiot seine Erfüllung findet.

Auch die redaktionellen Inhalte sind recht interessant. Auf Seite eins ein harmloses Foto, das es in 25 Variationen gibt, die alle „besonders schöne Flecken“ zeigen, die hier untersuchte Ausgabe zeigt das Foto einer Windmühle. Auf Seite zwei geht „Bild“ dann in die Vollen. Ein gewisser Ralf Schuler (50), Leiter der Parlaments-Redaktion, aus der DDR und – man glaubt es nicht! – Theodor-Wolff-Preisträger, darf harfen, was das Zeug hält.

Was singt er für ein Lied? Dreimal dürfen Sie raten! Natürlich eines von einem geläuterten Deutschland, dass seine neu gewonnene Stärke nutzt, um in der Welt Gutes zu tun, zum Beispiel Flüchtlingen zu helfen.

Ich zitiere einmal wörtlich, obwohl sich mir dabei der Magen umdreht: „Deutschland wird nicht auf Dauer alle Wünsche und Hoffnungen der Welt erfüllen können. Aber Deutschland hilft, packt an, spendet, krempelt die Ärmel hoch, gibt Boom-Milliarden aus dem Haushalt für den besten Zweck aus, den man sich denken kann: Menschlichkeit.“

Ekelhaft! Ich möchte die Lage etwas anders beschreiben: Deutschland überfährt zum Nutzen seiner eigenen Konzerte wie eine Dampframme das südliche Europa, macht andere Länder wie Griechenland zu Kolonien, beteiligt sich als Anhängsel der USA überall auf der Welt von Afghanistan über Somalia und Libyen bis Syrien an einer Politik der Chaotisierung. Herr Schuler, schreiben Sie doch zum Beispiel mal was über die unglaubliche Zunahme der deutschen Waffenexporte!

Bebildert ist der Beitrag des Schreiberlings natürlich mit dem Foto eines niedlichen syrischen Jungen, der ein Pappschild in Händen hält, auf dem eine schwarz-rot-gelbe Flagge und die Worte „Thank Germany“ aufgemalt wurden. Da könnte sich „Der Stürmer“ noch eine Scheibe von abschneiden!

Auf Seite 4 wird unserer Finanzminister gefeiert, also die schlimmste Hackfresse des Kabinetts. Er darf sich auf der Seite bis zum Erbrechen ausmären, 25 Dinge nennen, die ihm Freude machen, wenn er an Deutschland denkt. Diese 25 Punkte sind in ihrem strunzdummen Durchschnitt bezeichnend für den Mann und das Land, dessen Zuchtmeister er ist.

Unter Punkt 2 steht: das Luftbrückendenkmal – „Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifahre, denke ich daran, wie dankbar wir für die deutsch-amerikanische Freundschaft sein dürfen.“ Kotz, kotz, kotz! Punkt 3 ist die Berliner Philharmonie, denn auch Protofaschisten haben Kultur… Punkt 4 ist die Frankfurter Paulskirche, dann kommt das Grundgesetz, dann die Dresdner Frauenkirche und der Aachener Dom. Gähn!!

Natürlich weiß Schäuble auch, was er der momentanen Lage schuldet. Punkt 8 ist das Traumazentrum der Caritas in Köln, das auch Flüchtlinge behandelt, Punkt 10 „Moscheen“, denn „der Islam ist ein Teil von Deutschland geworden“. Oho! Den Rest möchte ich Ihnen ersparen liebe Leser, ich erwähne nur noch Fritz Walter, Tatort, Lessings „Nathan, der Weise“ und die Schlosskirche zu Wittenberg (Luther!).

Wie kleinkariert, staatstragend und verlogen ist diese Zusammenstellung! Da lobe ich mir die Witze, die auf der übernächsten Seite von 25 deutschen Comedians erzählt werden. Die sind zwar in der Mehrheit grottendoof und unter der Gürtellinie (was sonst!), aber es sind auch einige Gute dabei. Ich nehme mal den: „Ich hätte gern Milch zum Kaffee“ – „Ich hab Fettarme“ – Ja, das sieht wirklich nicht schön aus. Könnte ich trotzdem jetzt bitte etwas Milch bekommen?“

Wer steht sonst noch für Deutschland aus Sicht von „Bild“? Veronica Ferres und Maria Furtwängler natürlich, die in allen möglichen Schmonzetten über „heimatvertriebene“ oder von der deutschen Teilung fies betroffene Leidensmütter ihr Gesicht in die Kamera halten. Udo Lindenberg neben Jogi Löw, „zwei deutsche Helden“ und Dirk Nowitzki. Auf einer Seite dürfen schließlich noch weitere Promis ihren Lieblingsort verraten, von Dieter Bohlen über Johannes B. Kerner bis Ursula von der Leyen.

So, das reicht jetzt aber, ich will Sie nicht überfordern. Wir fassen zusammen: Deutschland ist ein wunderbares Land, ein Hort des Friedens und Fortschritts, an dessen Wesen die ganze Welt bald genesen wird. Jeder kann sich ja täglich in den Nachrichten davon überzeugen, wie friedlich die Welt um uns herum 25 Jahre später geworden ist…

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Logo BildVon Kristian Stemmler

Wie der buchholz express aus gut unterrichteten Quellen erfuhr, will die Bild-Gruppe der Axel Springer AG den Wochenblatt-Verlag kaufen. „Die Wochenblätter des Hauses Schrader passen bestens zu unserem Image und unseren Inhalten“, sagte Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung. Wie der buchholz express weiter erfuhr, soll das Nordheide Wochenblatt in Nordheide-BILD umbenannt werden. Diekmann äußerte Respekt und Bewunderung für die Leistung der Wochenblätter. „Die machen uns noch was vor. Wie da Leute ohne Rücksicht auf ihre Persönlichkeitsrechte vorgeführt und niedergemacht werden – dagegen sind wir Waisenknaben!“, so der erfahrene Zeitungsmann. Auch die Machtfülle des Wochenblatt-Verlages nötigt Diekmann Respekt ab: „Die bestimmen ja, wer in Buchholz Bürgermeister wird und wer nicht. Das schaffen wir in Hamburg nicht, da brauchen wir immer noch das Hamburger Abendblatt.“

Layouttechnisch will die Bild-Gruppe nach der Übernahme die Wochenblätter noch etwas aufpeppen. „Das ist schon nicht schlecht, aber noch zu sehr Kraut und Rüben“, sagte Diekmann dem buchholz express. „Das Rot muss noch knalliger kommen und die Überschriften sind viel zu klein.“ Auch müssten die Mitarbeiter geschult werden, noch boulevardesker rüberzukommen. „Mal abgesehen von zwei, drei Ausnahmen sind die noch viel zu objektiv“, so der Chefredakteur.

Für den jetzigen Chefredakteur, Reinhard Schrader, hat Diekmann dagegen nur Lob übrig: „Wie der draufhaut und das oft ohne jede Rücksicht auf die Fakten – alle Achtung!“ Dass Schrader in diesem Jahr in Rente gehe, sei ein herber Verlust. Man werde wohl jemanden mit Bild-Erfahrung für den Job des Chefredakteurs auswählen, um die Blätter weiter auf Kurs zu bringen.

Aber erst mal gelte es im Sommer den Bürgermeister von Buchholz zu machen. „Ich habe mit den Schraders geredet“, sagte Diekmann, „Dieser Grüne da ist ja ganz pfiffig, aber ein Grüner in so einer wichtigen Position – ich weiß nicht. Und der Jurist von der CDU soll doch etwa zu liberale Tendenzen haben. Ich denke, wir werden uns für den Makler Ronald Bohn entscheiden.“

Auf diese Weise könne man Buchholz zu einer Art Versuchsgebiet machen – eine Kleinstadt, die von Investoren, Einzelhandel, Wirtschaft und einem Verlag regiert werde. Diekmann: „So etwas gibt es in ganz Deutschland noch nicht.“

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Von Kristian Stemmler

Eigentlich ist es nicht üblich, dass Journalisten über Interna von Redaktionen schreiben, denen sie angehören oder angehört haben. Das wird gern als Nestbeschmutzung hingestellt. Dennoch möchte ich aus gegebenem Anlass mit dieser Regel brechen und am Beispiel zweier bürgerlicher Blätter, die dem Axel Springer Verlag (ASV) gehören bzw. von ihm beeinflusst sind, darlegen, wie der mächtigste Zeitungsverlag der Republik die öffentliche Meinung manipuliert: Diese Blätter sind das „Hamburger Abendblatt“ (HA) und die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ (HAN) – im Kern geht es aber um ein anderes Springer-Blatt, dessen dubiose Rolle bei der Meinungsbildung dieses Landes hinlänglich bekannt ist, dessen Strategien und Mechanismen aber immer wieder analysiert werden sollten: die „Bild“-Zeitung.

Um das aufschlussreiche Fazit vorwegzunehmen Bei den HAN wird derzeit dasselbe Manöver gefahren, das das HA schon hinter sich hat. Angesichts sinkender Auflage wird ein neuer Chefredakteur installiert, der das Blatt auf Boulevardkurs bringt. Für die Redakteure und Redakteurinnen hat das in der Regel zur Folge, dass sie sich entweder anpassen oder gemobbt werden. Der Erfolg dieser Maßnahme ist allerdings mehr als zweifelhaft. Beim Abendblatt jedenfalls ist der Verlag später zurückgerudert. Inzwischen ist dort mit Lars Haider wieder ein Mann Chefredakteur, der selbst beim HA volontiert hat und meines Wissens nie für „Bild“-Produkte gearbeitet hat.

Aber der Reihe nach. Die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ sind kein sehr großes, aber ein traditionsreiches Blatt. Die im Oktober 1844 gegründete Zeitung wurde wenig später vom Geheimen Kommerzienrat Georg Lühmann übernommen und machte sich einen Namen als „Die Lühmannsche“. Noch heute heißt der Verlag Lühmanndruck. Unter der Regie der Familie Schröter wurde die Auflage stark gesteigert und hielt u. a. Einzug in den Landkreis Harburg. Zu den Kolumnisten der HAN gehörte immerhin Herbert Wehner.

Seit Jahren jedoch kämpft das Blatt um seine Existenz. Von 1998 bis 2009 hat die HAN laut Wikipedia ein Drittel ihrer Auflage eingebüßt und liegt jetzt bei einer verkauften Auflage von rund 13.000 Exemplaren, erreicht damit täglich etwa 56.000 Leser. Der ASV hält an dem Unternehmen eine Minderheitsbeteiligung von 24,8 Prozent. Die HAN berichten aus dem Bezirk Harburg und aus dem Landkreis Harburg. Die Mantelredaktion wurde 2004 aufgelöst, der Mantel kommt seitdem vom Abendblatt.

Trotz des Misserfolgs mit der Boulevardisierung des Abendblattes wird dasselbe unverdrossen bei der HAN versucht. Mit Joachim Peters wurde ein neuer Redaktionsleiter inthronisiert, der einen Boulevardkurs fährt, der bisherige Chef Thomas Oldach wurde degradiert. Wie in solchen Fällen üblich wurde im Impressum so getan, als hätte sich wenig geändert: Beide firmieren als Redaktionsleitung, Peters mit dem entscheidenden Zusatz: (verantwortlich). Tatsächlich ist er, wie zu hören ist, eindeutig der starke Mann in der Redaktion. Die Folgen sind, wie damals beim HA, deutlich zu erkennen. Die Boulevardisierung läuft vor allem über die reißerische Aufmachung und die Zeilen, zum Beispiel „Ashausen: Polizei fasst Feuerteufel“.

Was bei der HAN durchexerziert wird, wurde beim großen Bruder HA schon um die Jahrtausendwende herum ausprobiert. Da ich damals als Redakteur mit einem befristeten Vertrag in der Lokalredaktion des Abendblattes gearbeitet habe, habe ich das Alles aus der Nähe erleben dürfen.

In den 90ern war mit Peter Kruse ein vergleichsweise liberaler Mann Chefredakteur des HA geworden. Das Abendblatt galt im Spektrum der Springer-Blätter ohnehin als eher links (relativ gesehen), woran ich damals einen gewissen Anteil hatte. So stoppte das HA maßgeblich das so genannte „Betterpapier“, den Versuch des damaligen Bürgermeisters Henning Voscherau (SPD), die Bettler mit rüden Methoden aus der Innenstadt zu vertreiben. Auch sonst war es damals möglich, auf kritische Weise soziale Themen zu beleuchten, etwa den Umgang mit den Junkies vom Hauptbahnhof und das Aufkommen der Fixerräume, und auch die Stadtentwicklung kritisch zu reflektieren. So habe ich selbst in zahlreichen Beiträgen über die Gentrifizierung von Stadtteilen wie Ottensen und dem Schanzenviertel geschrieben.

Offenbar stieß den Verlagsoberen diese Liberalität sauer auf. Jedenfalls wurde Kruse 2001 kurzerhand abgelöst und durch einen „Bild“-Mann abgelöst: Menso Heyl. Der war zuvor seit 1998 schon als Lokalchef gegen Kruse aufgebaut worden, wo ich ihm in der zweiten Hälfte der 80er zum ersten Mal begegnet bin. Davor war er sechs Jahre lang Redaktionsleiter von „Bild Hamburg“ gewesen, hatte sich da die nötige Boulevarderfahrung geholt. Interessanterweise hat er bei der HAN volontiert.

Heyl war kein schlechter Journalist, aber er hatte persönlich eine kalte Ausstrahlung und es ging ihm letztlich nur darum, seine Linie durchzusetzen und zu liefern (also denen im Verlag und außerhalb, denen er sich verpflichtet fühlte). Ein beinharter Law-and-Order-Mann war er ohnehin. Heyl spielt eine Schlüsselrolle in der Kampagne für Ronald Schill, die dem verrückten Richter bei der Hamburg-Wahl 2001 fast 20 Prozent brachte, und den Wechsel in meiner Heimatstadt, die Übernahme des Senats durch Ole von Beust überhaupt erst ermöglichte. Ich gehe soweit zu behaupten, dass ohne die Kursänderung beim HA, von Beust nie Bürgermeister geworden wäre.

Fortsetzung folgt

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Von Kristian Stemmler

Die „Bild-Zeitung“ wird gern als das Blatt der „kleinen Leute“ bezeichnet. Und auch wenn kaum jemand gern zugibt, Deutschlands auflagenstärkste Zeitung zu lesen, so sind es sicher überdurchschnittlich viele Angehörige der unteren Einkommensschichten, die das Revolverblatt goutieren. Darunter sind natürlich auch eine Menge ALG-II-Empfänger, was „Bild“ bekanntlich nicht daran hindert, diese Personengruppe gern in Bausch und Bogen als Schmarotzer hinzustellen. In ihrer Weihnachtsausgabe verarscht sie die ALG-II-Empfänger allerdings auf eine wesentlich subtilere Weise (und darum hat das Springer-Blatt die Ehre der Erste in der neuen blog-Rubrik „Verarscher des Tages“ zu sein).

Nur gute Nachrichten bringe man heute, schreibt das Boulevardorgan auf der Titelseite seiner Weihnachtsausgabe und listet darunter schon mal vier angeblich gute Nachrichten auf. Dass das Baby von Kate und William Diana heißen soll, wollten wir alle sicher unbedingt wissen. Auch dass der Tumor von Jan Fedder weg ist (was ihm persönlich zu gönnen ist). Und dann dürfen im Frontblatt „Bild“ natürlich die „Soldatengrüße aus Afghanistan“ nicht fehlen. Aber den Vogel schießt die Zeitung ab mit der Zeile „GELD 2013 Löhne, Renten und Hartz IV steigen“.

Das ist im Ergebnis eine zynische Verhöhnung aller ALG-II-Empfänger! Denn worüber wir reden, ist eine Erhöhung um ein paar Euros, die nichts besser macht und im Gegenteil den Betroffenen noch mal in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass man mit dem Regelsatz in keinster Weise auskommt. Angesichts des Zynismus, mit der die Ausgrenzung großer Bevölkerungsschichten vollzogen wird, kann man nur hoffen, dass im kommenden Jahr erst in diesem Bundesland und dann im Bund ein Politikwechsel stattfindet. Ob mit einem Kanzler Steinbrück mehr Gerechtigkeit einzieht, muss aber derzeit noch dahin gestellt sein.

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