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Posts Tagged ‘Benimmregeln für Flüchtlinge’

Buchholz (be) – Für großes Aufsehen hat der Antrag des Buchholzer Ratsherren Kristian Stemmler (Die PARTEI) gesorgt, Benimmregeln für Flüchtlinge aufzustellen und diese als Flyer in deren Unterkünften zu verteilen. Seit Veröffentlichung am Sonnabend ist der entsprechende Beitrag im buchholz express vielfach aufgerufen worden. Es gab kritische Kommentare und Beiträge auf Nazi-Seiten. Im buchholz express nimmt Stemmler exklusiv Stellung zu seinem umstrittenen Antrag.

buchholz express: Herr Stemmler, Sie sind ja schon mehrfach mit skurrilen Anträgen im Stadtrat aufgefallen, zum Beispiel als Sie ein Alkoholverbot im Ratshauspark beantragten oder Heizpilze verbieten wollten. Aber sind Sie jetzt nicht ein bisschen weit gegangen?

Kristian Stemmler: Wieso?

Benimmregeln für Flüchtlinge, das ist ja keine abwegige Idee. Aber was Sie da empfehlen, ist doch kompletter Unsinn.

Das sehe ich anders. Meine Benimmregeln knüpfen an Benimmregeln für Flüchtlinge an, wie sie von Kommunen bereits aufgestellt wurden. Mit dem Unterschied, dass ich versucht habe, den Flüchtlingen zu erklären, wie es in Deutschland wirklich läuft.

Ja, dass Umweltverschmutzung hierzulande industriell organisiert sei und das Berauben Bankern und Maklern überlassen sei. Das ist starker Tobak!

Aber so ist es doch! Das ist doch die Realität hinter der Fassade! Lesen Sie mal dagegen nach, was die Gemeinde Hardberg im Odenwald in ihre Benimmregeln für Flüchtlinge hineingeschrieben hat. Zum Beispiel: „In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört“. Das ist doch unglaublicher Tinnef!

Finden Sie?

Ja, oder das hier: „In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für Toilettenspülungen benutzt.“ Oder: „Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.“ Geht’s noch! Also, meine Benimmregeln nehmen die Flüchtlinge weitaus ernster und zeichnen ein zutreffenderes Bild vom Land.

Dass es praktisch keinen Bereich mehr gibt, in dem man sich noch mit Respekt behandelt, wie Sie indirekt formulieren – das halten Sie für zutreffend?

Na gut, da habe ich vielleicht ein wenig überzeichnet. Aber ich bin ja nicht der einzige, der darauf hinweist, dass überall, sei es im Supermarkt, auf der Autobahn oder am Arbeitsplatz die Rücksicht auf den anderen schwindet und die Menschen zunehmend auf ihren eigenen Vorteil aus sind.

Der internetaffine Buchholzer Nazikader Denny Reitzenstein von der AG Nordheide hat Ihre Benimmregeln begierig aufgegriffen und sie auf seiner Nazi-Seite und der Nazi-Internetseite „Preußischer Anzeiger“ kritisiert. Er wirft Ihnen unter anderem vor, die Opfer von Köln zu verhöhnen, in dem Sie das Thema „sexuelle Belästigungen“ ins Lächerliche ziehen.

Ich ziehe da nichts ins Lächerliche, sondern weise mit Mitteln der Satire darauf hin, was für Dimensionen das Thema hat und dass die Diskussion, ob „der arabische Mann“ oder ein Muslim quasi von Natur aus ein Chauvi und Belästiger ist, völlig absurd ist. Lesen Sie mal, was der Schriftsteller Navid Kermani im Spiegel zum Thema gesagt hat. Der weist endlich mal auf soziale Hintergründe hin.

Aber mal Hand aufs Herz, Herr Stemmler! Der Antrag ist doch Satire.

Was heißt das schon?! Die Grenzen sind da heute doch mehr als fließend. Die Benimmregeln von Hardheim lesen sich doch auch wie eine gut gemachte Satire. Der römische Dichter Juvenal schrieb einst: „Difficile est saturam non scribere“ – da fällt es schwer, keine Satire zu schreiben. Wenn das damals schon galt, um wie viel mehr heute.

Könnte Ihr Übertritt zur Spaßpartei „Die PARTEI“ hier eine Rolle spielen?

Die PARTEI ist keine Spaßpartei, ich verbitte mir das! Da gibt es andere, die FDP zum Beispiel.

Aber es nimmt Sie in der Buchholzer Kommunalpolitik doch langsam keiner mehr ernst.

Meinen Sie? Also, meine letzten Anträge sind teilweise noch nicht einmal richtig diskutiert wurden. Wenn ernstgemeinte Anträge nicht ernst genommen werden, dann vielleicht nicht so ernst gemeinte…

Glauben Sie denn, dass das intellektuelle Niveau in der Kleinstadt Buchholz ausreicht, um eine solche Satire nachvollziehen zu können.

Nein.

Wir danken für das Gespräch.

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