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DSC_1790Von Kristian Stemmler

„Wie schön das glitzert!“, sagt das blonde Mädchen zu ihrem älteren Bruder und zeigt auf die Dekosterne, die auf dem Verkaufstisch ausgebreitet sind. Auf einem der Verkaufstische von Depot, dem unangefochtenen Zentrum des überflüssigen Tinnefs in der Buchholz Galerie. Ungewollt hat das Kind das heimliche Motto des Sonntags ausgesprochen.

„Wie schön das glitzert!“ – Vom Glitzern der schönen neuen Konsumwelt ließen sich Tausende am vierten verkaufsoffenen Sonntag des Jahres in die Buchholzer Innenstadt locken. In der Buchholz Galerie, auf dem Marktplatz, der Breiten Straße, bei Woolworth und im City Center traten sich die Kunden zeitweise fast tot. Es wurde gekauft auf Teufel komm raus!

Vielleicht gibt es keinen besseren Tag als einen solchen verkaufsoffenen Sonntag, um zu erkennen, wie krank diese Gesellschaft schon ist. Obwohl die Geschäfte an sechs Tagen in der Woche vom frühen Morgen bis zum Abend geöffnet haben, obwohl die Nachlässe an einem verkaufsoffenen Sonntag nicht wirklich bedeutend sind, stürmen die Leute die Läden, als gäbe es kein Morgen. Der Konsumrummel ist nicht nur höchst irrational, er ist auch hohl, dumpf und besinnungslos.

Es geht ja längst nicht mehr nur darum, dass wir uns um unsere Versorgung kümmern oder etwas Schönes kaufen. Es geht um das „Erlebnis Konsum“, das mit einem spirituellen Mehrwert aufgeladen ist. Das profane Kaufen wird fast zu einem heiligen Ritual, zu einer Ersatzdroge, jederzeit verfügbar, um uns Widrigkeiten des Alltags schnell vergessen zu lassen, um uns zu betäuben.

Wer von all denen, die von Laden zu Laden hasten, lustvoll in der Ware wühlen und schließlich mit vollen Einkaufstüten nach Hause eilen, um die Beute in Sicherheit zu bringen, wer von denen hat das Recht, über den Alki vorm Supermarkt oder den Junkie am Bahnhof die Nase zu rümpfen? All diese Konsumidioten sind doch in Wahrheit nicht weniger ferngesteuert, nicht weniger süchtig. Sie brauchen und suchen ihn immer wieder diesen Kick, den Konsumkick.

So etwas zu behaupten, ist natürlich unerhört, denn wir alle haben ja schon längst gelernt, dass der Rubel rollen muss. Die Geschäfte müssen Umsatz machen, das weiß doch jedes Kind. Wer den Konsum grundsätzlich kritisiert, ist in den 70ern steckengeblieben, ein unverbesserlicher Kulturpessimist oder ein linker Träumer. So jemanden kann man doch nicht ernst nehmen!

Heerscharen von Werbern, Designern, Grafikern, Filmern, Journalisten und so weiter sind ständig damit befasst, das System der Manipulation zu perfektionieren, noch subtiler und umfassender zu gestalten. Wir können gar nicht anders mehr, wir begreifen diese Konsumwelt quasi als gottgegeben. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, wie und dass es anders sein könnte. Ein Leben ohne Smartphone, wie soll das denn gehen?

Verfehlen wir aber nicht das Eigentliche im Leben, wenn wir uns so sehr auf das Materielle fokussieren? Ist das nicht eine legitime Frage? –

Ach ja. Hier noch eine Nachricht für alle, die eine Informationsgewinn aus diesem Beitrag mitnehmen möchten: Der Erbauer der Buchholz Galerie, die DC Commercial (DCC), hat den Schuppen an die Real I. S. verscheuert, eine Immobilientochter der Bayern LB. Wie die Immobilien-Zeitung, Fachblatt der Immobilienwirtschaft, meldet, erwarb das Unternehmen das 12.000 Quadratmeter große Center für den „institutionellen Spezialfonds BGV V1“ (was immer das ist!).

Dazu teilt ein gewisser Joachim M. Fritz, Mitglied der Geschäftsleitung und Investmentstrukturierung bei Real I. S. mit, er erkenne in dem „Invest“ eine „vielversprechende Renditeperspektive. Die Buchholz Galerie passt perfekt in die Fondsstrategie des Käufers, eines regulierten institutionellen Immobilienspezialfonds mit Fokus auf Core-Immobilienobjekte mit entsprechend nachhaltiger Ertragsperspektive“.

Jetzt wissen wir wenigstens, für wen wir heute in der Galerie eingekauft haben. Ist das nicht schön?!

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