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Posts Tagged ‘Amoklauf’

Dass der parteilose Buchholzer Ratsherr Hans-Wilhelm Stehnken nicht alle Latten am Zaun hat, sollte in der Nordheidestadt allmählich bekannt sein. Da sich aber offenbar immer noch kein Veterinär gefunden hat, der ihn für unzurechnungsfähig erklärt, kann der Quartalsquerulant, der es geschafft hat, sogar in der intrigenverwöhnten AfD rauszufliegen, sich in Reichsbürgermanier weiter in der Kommunalpolitik austoben.

Jetzt sind die Pferde offenbar völlig mit ihm durchgegangen. Laut Hamburger Abendblatt vom 2. November fordert Stehnken die schnellstmögliche Aufstellung einer Buchholzer Bürgerwehr. Seine groteske Begründung: „Die aktuellen Beschädigungen und Zerstörungen von Autos haben ein erschreckendes Ausmaß angenommen.“ Er gehe davon aus, „dass es eine ausreichende Anzahl von Mitbürgern gibt, die nach vereinbarten Regeln Streife gehen und damit für Sicherheit und Abschreckung sorgen“.

Zumindest mit dieser Vermutung dürfte der Mann richtig legen. Gibt es doch genug Wichtigtuer wie ihn, die nichts lieber täten, als in irgendeiner Pseudouniform als Möchtegern-Sheriff durch die Gegend zu laufen und Wildpinkler oder Alkis am Bahnhof zu falten. Ob die Buchholzer Polizei sich aber darüber freuen würde..?

Dass die Nordheidemetropole ein besonderer Kriminalitätsschwerpunkt ist, das ist der Redaktion dieses Blogs allerdings noch nicht aufgefallen. Wohnungseinbrüche hier und da, mal eine Sachbeschädigung, ein wenig Vandalismus und dergleichen – wo gibt es das heute nicht?! Angesichts des Wohlstandsgefälle erhebt sich doch eher die Frage, warum nicht viel mehr von diesen klimazerstörenden SUVs, in denen scheintote Rentner zum Shoppen fahren, zerkratzt oder gleich der segensreichen Kraft des Feuers übergeben werden.

Immer noch gilt: Ob im Osten, ob im Westen, ein Mercedes brennt am besten!

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Von Kristian Stemmler

Würzburg, München, Ansbach… welcher Ortsnamen wird folgen? Wir stehen erst ganz am Anfang, liebe Leute, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Denn die einmal begonnene Reihe großartiger Importe von jenseits des Großen Teiches, die wir hier einfach mal mit „Coca-Cola, Kaugummi, Cheeseburger, Two and a half Man, Internet, selbstfahrende Autos, Amokläufe“ zusammenfassen, kann noch beliebig verlängert werden. Es stehen noch weitere großartige Entwicklungen zur Markteinführung in Europa bereit. Going postal zum Beispiel (bei Wikipedia mehr dazu!).

Mancher meint jetzt ja tatsächlich, Amokläufe seien ein Import aus islamisch geprägten Weltgegenden. So ganz falsch ist das nicht, denn ursprünglich bezeichnet Amok eine kriegerische Aktion im malaiisch-indonesischen Kulturraum, war dort aber keine Tat eines Einzelnen und hatte auch gar keine negative Konnotation – ganz im Gegenteil: Der Begriff bezeichnete eine Aktion, bei der einige wenige Krieger eine Schlacht dadurch zu wenden versuchten, indem sie ohne jegliche Rücksicht auf Gefahr den Feind blindwütig attackierten, wie Wikipedia das beschreibt.

Das ist doch, richtig verstanden, eine äußerst heldenhafte und selbstlose Tat. Aber wie so oft in der Geschichte hat die westliche „Zivilisation“ erst den Vorgang völlig falsch verstanden, dann den Begriff pervertiert und schließlich ihn für eines der vielen Symptome der eigenen moralischen Verfallenheit verwendet. So war schon für Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 der Amoklauf nur noch eine „barbarische Sitte“ im Zustand des Vollrausches. Das Lexikon schrieb:

„Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan.Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei Berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.“

Nun gut, heute sind wir dank des galoppierenden Fortschritts in der westlichen „Zivilisation“ wesentlich weiter. Opium oder andere Rauschmittel werden nicht benötigt, um Amok zu laufen, es genügt ein nettes Computerspiel und natürlich verwendet man dabei nicht etwas so Albernes wie einen Dolch, sondern eine oder mehrere Schusswaffen mit reichlich Munition oder baut sich ein Bömbchen. Nobel geht die Welt zugrunde, möchte ich hier kalauern.

Dass die Führungsmacht des Westens, der Schrittmacher der Zivilisation, das Land der begrenzten Unmöglichkeiten, den Amoklauf in dem beschriebenen pervertierten Sinne schon vor Jahrzehnten zu neuer Geltung verholfen hat, ja zur Vollendung geführt, das sollte niemanden überraschen. Und wie alles andere aus den USA, kam auch dieses „Kulturgut“ eines Tages bei uns an – etwa um die Jahrtausendwende. Bad Reichenhall, Koblenz, Meißen gehörten zu den ersten Tatorten. Haben Sie sicher schon vergessen, lieber Leser

Momentan sind wir Zeugen einer ebenso grotesken wie ungeheuerlichen Umdeutung der wahren Zusammenhänge – die Täter zeigen auf die Opfer! Der Westen mit der USA an der Spitze hat ganze Weltregionen in Chaos und Elend gestürzt, jetzt kommt die Gewalt von dort wieder zurück dahin, wo sie hergekommen ist: in die westlichen Metropolen. Aber nein: Wir waschen unsere Hände in Unschuld, wir haben nichts damit zu tun, dass zum Beispiel Kinder in Afrika zu Killermaschinen ausgebildet werden oder im Irak die Muslime aufeinander gehetzt wurden…

Aber was rege ich mich auf, diese „Zivilisation“ ist dem Untergang geweiht. Es sind einfach zu viele Manipulateure und Profiteure in Gesellschaft, Politik und Medien unterwegs, skrupellose Konzernlenker, zynische Lohnschreiber, korrupte Parlamentarier. Das Einzige, was uns jetzt noch retten kann, ist der Umstand, dass die Kinder revoltieren werden und müssen, früher oder später. Es ist ihre Zukunft, ihre Erde, die wir gerade zerstören!

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DSC_0548Von Kristian Stemmler

Ein Mann kommt mit einem Colt in die Stadt und versetzt alle in Aufruhr… Klingt nach einem Western mit Gary Cooper, ist aber keiner. Natürlich ist die Lage zu ernst für Witze, aber das soll auch keiner sein, sondern eine Assoziation, die vielleicht sich der Unwirklichkeit des gegenwärtigen Geschehens ein wenig annähert. Das Wort Hysterie ist ja noch viel zu schwach um wiederzugeben, was in diesen Tagen in diesem Land, in dieser westlichen Zivilisation aktuell vor sich geht.

Hat schon mal jemand bedacht, dass die Hysterie (um doch bei dem Begriff zu bleiben) und der Hype eine Eigendynamik in sich tragen, die bestimmte Taten erst erzeugt? Wirkt die überbordende Berichterstattung und die sich auch über das kollektive Unterbewusste fortpflanzende Atmosphäre nicht wie ein Weckruf auf bestimmte Menschen, wie ein Wegweiser: Da ist endlich das Ventil für deine Wut! Haben wir es vielleicht mit einer Art Fanalexplosion zu tun, die aus genau diesem kollektiven Unterbewussten gespeist wird?

Der querschläger hat am Freitagvormittag einen Beitrag veröffentlicht, in dem er erneut auf das Buch des früheren Gießener Gefängnispsychologen Götz Eisenberg „Amok – Kinder der Kälte“ aufmerksam macht. Im Jahr 2000, kurz nachdem es auch in Deutschland erste Amokläufe gegeben hatte, hat Eisenberg ein fulminantes Essay vorgelegt, das sich angesichts der momentanen Ereignisse prophetisch liest. Er hat sich nicht gescheut, die systemischen Ursachen für das exponentielle Anwachsen von Hass und Gewalt in der Gesellschaft beim Namen zu nennen.

Es ist fast egal, welche Stelle des Buches man aufschlägt – so gut wie alles liest sich wie ein Kommentar zu den Vorgängen von heute. Hier drei Absätze, die zum Verständnis der Ereignisse von München, Würzburg und anderswo sicher mehr beitragen als das Gedröhne der „Experten“ in den „Leitmedien“:

In manchen Aspekten erinnert die Gegenwart der zerfallenden Arbeitsgesellschaften an die Aufstiegsphase des Kapitalismus, als Massen von Menschen aus ständischen Strukturen freigesetzt wurden und vagabundierend und marodierend durch die Lande zogen, bis die industrielle Revolution sie aufsog und in Lohnarbeiter verwandelte. Soziale Desintegration und Anomie waren und sind der beste Nährboden für Massenkriminalität und Bandenbildung, aber auch für individuelle Verzweiflungstaten.

Und bezugnehmend auf die Amokläufe in den USA, von denen 2000 noch viel die Rede war:

Die amerikanischen Zustände demonstrieren, dass eine sich ausbreitende „Kultur des Hasses“ (Eric Hobsbawm)in einer Kultur, die es mit dem Tötungstabu nie sehr streng gehalten hat, einen erschreckenden Anstieg des Gewaltpegels nach sich ziehen kann. Die „Kultur des Hasses“ schließt für Hobsbawm die Praxis der neoliberalen Deregulierer ein, die ihrem gesellschaftlichem Amoklauf ein Klima der Angst, Orientierungslosigkeit und des Sozialdarwinismus haben entstehen lassen, das die Gewalt treibhausmäßig züchtet.

Und zu den Verheerungen, die das System in der Psyche der Einzelnen erzeugt:

Die im Namen neoliberaler Theorien, die die Mechanismen des so genannten freien Marktes in den Stand einer neuen Religion erheben, betriebene Deregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft planiert nicht nur den Sozialstaat und viele seiner Errungenschaften, sie reißt auch die Subjekte in einen Strudel der Beschleunigung hinein, der jene psychischen Strukturen mit sich reißt, die bislang al libidinöser Kitt der Klassengesellschaft funktionierten. (…)

Durch die rasanten Beschleunigungsprozesse, die der Übergang von der industriellen zu informationellen Produktionsweise mit sich gebracht hat, werden die bisher der Verzahnung von Individuum und Gesellschaft dienenden psychischen Instanzen gleichsam im Stich gelassen und gehen in einen unaufhaltsam scheinenden Erosionsprozess über. Die Deregulierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zieht als ungewollte Nebenfolge die Deregulierung der psychischen Strukturen nach sich, was weitere ungeahnte „Kollateralschäden“ verursacht, die unter anderem die Form des Amoklaufs annehmen. Ein berühmtes Diktum Max Horckheimers abwandelnd, könnte man sagen: Wer von Neoliberalismus und Deregulierung vom „Terror der Ökonomie“ (Vivian Forrester) nicht reden will, sollte auch vom Amoklauf schweigen!

Das zu den Ursachen. Die Folgen sind nicht absehbar. Aber der querschläger hat schon vor Wochen gewarnt, dass der Polizeistaat über uns kommt. Für Linke kann das nur heißen, jetzt darüber nachzudenken, was es heute bedeuten kann, „in den Untergrund zu gehen“, wie eine „Widerstandsbewegung“ angesichts des aufkommenden neuen Faschismus‘ aussehen kann und ob es nicht Zeit ist für die Bildung einer Guerilla – auch wenn es vorerst nur eine Kommunikationsguerilla sein könnte.

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Von Kristian Stemmler

Immer ratloser stehen die Menschen vor den Ereignissen, die von der Medienmaschine im Sekundentakt ausgespuckt werden. Terror in Nizza, Putsch in der Türkei, tote Polizisten in den USA, ein Amokläufer in Würzburg etc. pp. Zugleich verfolgen so genannte „Transhumanisten“ die völlig verrückte Idee, unsterblich zu werden und menschliches Bewusstsein in eine „Cloud“ hochzuladen. Andere arbeiten an „selbstfahrenden Autos“ – eine praktische Erfindung, die auch Anschläge wie in Nizza für die Terroristen risikoärmer gestalten könnte…

Aber die Lage ist eigentlich viel zu ernst für Witze. Das ist auch eher Galgenhumor! Es lässt sich festhalten, dass die Verwirrung immer größer wird und immer weniger Leute durchblicken. Einer, der frühzeitig gewarnt hat, ist Götz Eisenberg, der im Gießener Erwachsenenvollzug gearbeitet und mehrere Bücher geschrieben hat.

Schon im Jahr 2000 konstatiert Eisenberg in seinem Buch „Amok – Kinder der Kälte“, wir seien gegenwärtig „Zeugen des Auseinanderfallens der Gesellschaft in vergleichültigte, kalte Selbstverwertungsnomaden einerseits und das völlig Abstrakte einer Weltgesellschaft andererseits“.

Der Psychologe erläutert: „Die immer weniger in wirkliche, an Personen gebundene Kommunikations- und Bearbeitungsprozesse eingehenden Antriebspotenziale der Subjekte gefährden den Fortbestand der Zivilisation, die ja als Bändigung des Archaischen zu fassen wäre.“

Man habe es nach Robert Kurz mit der „Durchsetzungsgeschichte“ des Kapitalismus zu tun, das eben nicht als fertig ausgebildetes System auf die Bühne getreten sei. Diese Produktionsweise werde vielmehr „erst heute zum totalen Weltverhältnis“.

Was das für uns alle bedeutet, analysiert Eisenberg ebenso nüchtern wie schonungslos. Er schreibt: „Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus. Sexuelle und aggressive Triebe halten sich immer weniger an Regeln, die Macht des Unbewussten wird gestärkt und bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben.“

Und: „Der vorherrschende Umgang mit den Dingen greift auf die menschlichen Beziehungen über, und die Kinder lernen heute beizeiten, dass es keinen Sinn hat, ihr Herz an irgend etwas oder irgend jemand zu hängen.“

Das ist eine schwer zu ertragende, aber notwendige Zustandsbeschreibung, ebenso wie diese Feststellung Eisenbergs: „Wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen Fremdzwängen und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will, worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet.“

Eisenberg bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ergreift klar Partei. „Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als loser, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als winner begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll.“

Und weiter: „Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt von Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken. Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jeder Art von moralischem Darwinismus“.

Eisenberg schließt: „Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen Friedens und der hedonistischen Spaßkulur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat… Die Hölle des neoliberalen Zeitalters erschließt sich uns als das Zugleich der verschiedenen, sich miteinander verschränkenden Ebenen von sozialer und psychischer Desintegration.“

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