Mit ‘Advent’ getaggte Beiträge

Der querschläger hat sich entschieden, diesen am vergangenen Wochenende vor den Ereignissen in Berlin entstandenen Text, heute zu veröffentlichen. Er ist ein klares Kontra zu dem mit hohlen Pathos von Politikern aller Couleur jetzt vorgetragenen Behauptung, „unsere Lebensweise“ werde angegriffen, „christliche Werte“ seien in Gefahr.

Von Kristian Stemmler

Jauchzet! Frohlocket! Fröhlich soll die Kasse klingeln! Der Einzelhandel jubelt. Neue Umsatzrekorde im Weihnachtsgeschäft. Die Leute kaufen wie blöd. Gib mir Flachbildschirme, gib mir Spielekonsolen, gib mir Smartphones! In Shopping Malls und Einkaufsstraßen steigt der Stresspegel. Wolken von Aggression wabern durch die lichtergeschmückten Innenstädte. Gehupe und Geschrei auf allen Zufahrtsstraßen. Bis aufs Blut wird um jeden freien Parkplatz und die Pole Position an der Kasse gekämpft. Und auf dem Weihnachtsmarkt gibt man sich nach dem Shoppen erschöpft die Kante. Glühwein bis der Arzt kommt!

Was aber hat dieses ganze Treiben wirklich mit Advent und Weihnachten zu tun? Nicht das Geringste. Man glaubt es kaum, aber wenn man der christlichen Überlieferung folgen will, ist der Advent wie das Pendant im Frühjahr, die Wochen vor Ostern, eigentlich eine Fastenzeit. Eine Zeit, die der Besinnung auf das Fest und dessen Inhalten vorbehalten sein soll, eine Zeit des Verzichts und der inneren Einkehr. Zu Bachs Zeiten als Thomaskantor in Leipzig wusste man das übrigens noch, da gab es nur am ersten Advent eine festliche Kantate, an den anderen Adventssonntagen nicht.

Wer nichts mit Religion am Hut hat, dem kann das völlig egal sein. Aber in diesem Land beschwören im Zeichen der Flüchtlingsdiskussion schließlich immer mehr „die christlichen Werte“. AfD, Pegida, CSU und CDU faseln in schöner Eintracht von „Leitkultur“, in die sich die Flüchtlinge zu integrieren hätten. Was ist denn das aber bitte für eine Leitkultur, was sollen das für Werte sein? Das Recht, in Elektronikmärkten zwischen 200 Flachbildfernsehern zu wählen? Das „1-Click-Bestellen“ im Internet? Der Laptop für 1200 Tacken auf dem Gabentisch?

Nicht nur die Einzelhandelsumsätze, auch die bürgerliche Heuchelei, Doppelmoral und Verlogenheit erreichen im Advent 2016 neue Rekordwerte. Weihnachten ist verkommen zu einer Materialschlacht ohne Gleichen, einem einzigen Gesaufe und Gefresse, um die handfeste Sprache Luthers zu benutzen. Was aber tun die großen Kirchen, die Sturm läuten und von allen Kanzeln gegen den Zinnober predigen müssten, der ihr zweitwichtigstes Hochfestes nach Ostern vollständig überlagert? Sie erheben hier und da zaghaft den Zeigefinger nach dem Motto „Treibt es aber nicht zu doll!“, nehmen den Konsumkirmes aber ansonsten nicht nur hin, sondern dienen sich vielerorts noch als Gleitmittel an.

Gemeinden in den Innenstädten öffnen ihre Kirchen, damit die geschlauchten Konsumenten verschnaufen können, bevor sie sich wieder ins Getümmel werfen. Kirchenchöre laden an verkaufsoffenen Adventssonntagen zum „Flashmob“ ins Einkaufszentrum, wo man mit dem Volk „O du fröhliche!“ singt. Und am Heiligabend freut sich die Geistlichkeit, dass mal wieder die Bude voll ist. Und da sitzen auch AfD- und Pegida-Dumpfbacken in den Kirchenbänken, diese aufrechten Verteidiger des „christlichen Ablandes“, klammern sich noch beim einfachsten Weihnachtslied an die Liederzettel und stammeln Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Man hat alles vergessen, man hat keine Ahnung von christlichen Traditionen und Inhalten, aber man ist halt Christ. Hosianna!

Noch verlogener, grotesker und verdrehter geht es kaum, sollte man meinen – aber da ist noch eine Drehung möglich. Es sind tatsächlich genau diese Leute, die die „christlichen Werte“ auf der einen Seite bis zum Erbrechen beschwören, die nicht nur zugleich alle Traditionen und Bräuche ihrer eigenen Religion mit Füßen treten – sie glauben auch noch, wie Umfragen zeigen, allen Ernstes, das Land würde vom Islam unterwandert! Paranoia hoch drei.

Die Politik wird sie in diesem Wahn sicher weiter bestärken. Denn sie braucht „den Flüchtling“, „den Muslimen“ als Bedrohung „unserer Werte“. Und vor allem zur Vollverschleierung der Kräfte, die uns alle tatsächlich bedrohen. Wenn irgendetwas dieses Land fest im Griff hat, wenn irgendetwas die Bindung an Bleibendes, überlieferte Bräuche und Traditionen, seien sie christlicher oder anderer Herkunft, platt macht – dann ist das der Konsum, der Kommerz, die turbokapitalistische „Ordnung“, die alles durch den Fleischwolf dreht, und nur verwertet, was sich für die Zurichtung der Menschen zu Konsumjunkies verwenden lässt. Denn nur das verspricht Profit. Frohes Fest!

http://www.audiyou.de/beitrag/supermarkt2a3.html

Von Kristian Stemmler

Nicht dass es irgendjemanden noch interessiert, aber es ist vielleicht nötig, daran zu erinnern, dass die Adventszeit von ihrem Ursprung her eine Fastenzeit ist. Eine Zeit, die dem Verzicht und der Besinnung vorbehalten sein sollte, um schließlich in die Weihnachtszeit als eine Zeit der Feier und der Erfüllung zu münden. Dieser traditionelle und natürliche Rhythmus ist dank der Direktiven des Konsums heute praktisch auf den Kopf gestellt.

Von Besinnung ist kaum etwas zu merken in diesen Tagen. Der Advent ist für die Mehrzahl der Menschen inzwischen eher die stressigste Zeit des Jahres. Mit dem Termin 24. Dezember im Nacken hetzen die Leute von Besorgung zu Besorgung. Es müssen noch Geschenke gekauft werden, ein Tannenbaum muss her, Geschenkpapier, Kerzen, Karpfen und und und. Auf Weihnachtsmärkten und Betriebsweihnachtsfeiern gibt man sich die Kante. Keine Spur von Fasten – es ist ein Gesaufe und Gefresse!

Stress auf der ganzen Linie, wobei die vielen Besorgungen, der Termindruck nur eine Ursache sind. Der eigentliche, tieferwurzelnde Stress ist ein anderer. In den Wochen vor dem Fest werden wir auf allen Kanälen rund um die Uhr mit Werbebotschaften beschossen. Im TV, im Radio, im Internet und im öffentlichen Raum, überall weihnachtet es auf Teufel komm raus. Überall Tannenbäume und Lichterketten, glänzende Kugeln, Rauscheengeln und strahlende Sterne!

Dem Weihnachtsfuror entgeht keiner. Dabei geht es nicht im Geringsten um die Botschaft dieses christlichen Hochfestes, es geht nur darum, den Konsum anzukurbeln. Wir sollen kaufen, kaufen, kaufen! Die weihnachtlichen Symbole sind nur Vehikel, nur Beiwerk.

Natürlich hat Besinnlichkeit und Verzicht da keinen Platz, denn wir sollen ja in Bewegung gehalten werden. Wir sollen in die Läden laufen, wir sollen ständig das Gefühl haben, dass wir noch etwas vergessen haben, dass wir noch los müssen. So wird eine kollektive Hektik erzeugt, eine tiefgehende Nervosität, die schnell in Gereiztheit und Aggressivität umschlägt. In den verbliebenen Tagen bis zum 25. Dezember werden wir uns alle davon noch im Straßenverkehr und in den Einkaufszonen überzeugen können…

Das aber ist kein bedauerlicher Nebeneffekt, sondern ein unvermeidbarer Kolleratalschaden in der Konsumgesellschaft! Wie Schleusenwärter den Wasserstand eines Flusses regulieren, so sorgt die Konsumgüterindustrie dafür, dass die Betriebstemperatur in der Adventszeit steigt. Das ist ein Frontalangriff!

Folgerichtig daher die Idee des Amazon-Gründers Jeff Bezos, die Pakete demnächst mit Drohnen auszuliefern. Unsere Weihnachtsgeschenke würden dann von einem Gerät gebracht, das den Amerikanern als Waffe dient, um überall auf der Welt Menschen ohne Gerichtsverhandlung hinzurichten. Eine konsequente Vermischung, denn wie Marshall McLuhan schon vor längerer Zeit feststellte, kennt der nächste Weltkrieg keinen Unterschied zwischen militärischem und zivilem Personal. Frohes Fest!