Archiv für die Kategorie ‘Hintergründe’

Von Kristian Stemmler

Es reicht ihnen nicht, dass sie wohlhabend oder zumindest finanziell abgesichert sind – nein, man bedient sich auch noch nach Lust und Laune in den kommunalen Etats. Das Wochenblatt hat, vermutlich ohne es zu merken, wieder einmal klar gemacht, wie der Hase in diesem Kaff namens Buchholz und dem dazugehörigen Landkreis läuft. Die herrschenden Kreise lassen sich auf Staatskosten nette Einrichtungen für sich selbst und ihre Brut zimmern – und der Rest kann sehen, wo er bleibt.

Für Personal in den Hallen- und Freibädern ist keine Geld da, wie der Quasi-Monopolist in der hiesigen Medienlandschaft kürzlich berichtete Da kann zum Beispiel das beliebte Waldbad Sieversen wegen Personalmangels vorerst nicht öffnen. Woanders sieht es auch nicht viel besser aus. In Tostedt wird das Freibad saniert, das dauert natürlich. Und in Buchholz steht zwar ein durchaus vorzeigbares Freibad, aber man macht es einfach nicht auf, da kann die Sonne draußen noch so knallen – Termin ist 26. Mai, der Chef verkündet gnädig, wenn es vorher wirklich heiß ist, wolle man mal gucken…

Soweit die Situation bei den Bädern, Vergnügungsstätten für alle, besonders für Leute mit eher wenig Kohle, weil der Eintritt günstig ist. Für die Kommunen aber oft ein Zuschussgeschäft, da verdient man nix mit und steckt sein Geld halt lieber in Glasfaser… Oder man bezuschusst Sportvereine, in denen sich haufenweise Leute tummeln, die vor Geld nur so stinken. In Buchholz zum Beispiel die Vereine Blau-Weiß und Buchholzer FC.

Vor kurzem war die Grundsteinlegung für die neue Sporthalle von Blau-Weiß. Jawoll! Ist da nicht erst vor nicht allzu langer Zeit eine Halle namens Nordheidehalle und dann noch ein Kletterturm gebaut worden..? Egal, wir wollen noch eine Halle, sagt der Herr Reglitzky, der Arno, und der Stadtrat liefert. 330.000 Euro Zuschuss gibt es von der Stadt laut Wochenblatt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!

Wir haben es hier mit einem Verein zu tun, in dem Ober- und Mittelschichtler aller Gehaltsstufen und ihre Gören ihren Hobbys nachgehen, Leute, die sich locker zwei bis drei Fernreisen im Jahr leisten können oder auch mehr. Und denen werden über 300.000 Euro nachgeschmissen! Ich glaub, mein Hamster bohnert. Bezahlt Eure Scheißhalle gefälligst selbst, Ihr asoziales Pack!

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Von Kristian Stemmler

Sicher. Es gibt immer noch schöne Stellen in Hamburg. Aber alles in allem fällt mir zu Hamburg heute nur noch Eines sein – mit Verlaub: Hamburg, du kotzt mich an! Was haben sie aus dir gemacht!

Eigentlich ist die Stadt überhaupt nur noch da erträglich, wo das große Geld mangels Renditeaussichten nicht seine unappetitliche Pranke draufgelegt hat. Also in den Vierteln, die sich gar nicht oder nur leicht entwickelt haben. Also Stadtteile, deren Bewohner eher „einkommensschwach“ sind, wie man das heute nennt: Barmbek-Süd, Jenfeld, Eißendorf, Wilhelmsburg oder Billstedt.

Schön sind die nicht unbedingt, aber dafür authentisch. Wer in diesen Vierteln in den Lidl geht, der sieht Leute deren Gesichter vom Leben gezeichnet sind – auf ihre Kosten lebt der große Rest. Und der lebt gut. In Eimsbüttel und Eppendorf, an der Sternschanze und in Volksdorf.

Die Quartiere, in denen das reiche Pack sich ausgebreitet hat, kann man sowieso vergessen, die sind verloren, also Harvestehude, Blankenese, Ohlstedt und Rissen. Der Protz der Villen, das Durchgestylte der Gärten, das bornierte Gehabe der Einwohner ist obszön und abstoßend.

Diese Viertel sind nur noch für komplette Planierung geeignet. Umgraben und Kartoffelfelder drauf anlegen, die natürlich von den ehemaligen Bewohnern bestellt werden müssen. Dann hat man da wenigstens eine Monokultur, die fruchtbar ist.

Aber es gibt auch noch Quartiere, die noch nicht ganz verloren sind, aber schon die Hitliste des Ekels anführen. Quartiere, die bei politisch denkenden und fühlenden Menschen nichts als Brechreiz auslösen sollten, genau die, auf die Standortpolitiker vom Schlage König Olafs am stolzesten sind. All die schon gentrifizierten oder noch im Prozess der Gentrifizierung befindlichen Viertel: Ottensen, Sternschanze, Eimsbüttel in Teilen, Altona in Teilen, St. Georg.

Eimsbüttel galt als Hochburg der Kommunisten, das „rote Eimsbüttel“. Was ist daraus geworden? Chichi-Läden an jeder zweite Ecke mit irgendwelchem Krempel, den kein Mensch braucht, Tierarztpraxen nur für Katzen, „Brasilian Waxing“ und Läden für Babboe-Lastenräder, Gefährte für vierstellige Beträge. Mit denen kutschiert die Familie des Hipsters seinen Nachwuchs herum.

Aber nicht nur auf den Straßen Eimsbüttels laufen Typen herum, die ich als „die neuen Herrenmenschen“ bezeichnen würde. Ihnen gehört die Welt, sie sind die Sieger. Das Schicksal der Marginalisierten geht ihnen im Großen und Ganzen am Arsch vorbei. Vor sich selbst und anderen gibt man sich aber durchaus liberal und sozial. Die leergetrunkene Flasche Beck’s stellt man selbstverständlich neben den Mülleimer, um den Flaschensammlern die Arbeit zu erleichtern.

Im Schanzenviertel laufen fast dieselben Leute rum, wobei die Durchmischung dort noch größer ist, also auch ne Menge „Normalos“ und andere unterwegs sind. Aber die Ladenzeilen sind schon so gut wie durchgentrifiziert. Man sieht den üblichen Krempel (siehe oben), die Läden haben lustige Namen, und alternative Kneipen und türkische Gemüseläden werden nur noch für den exotischen Flair benötigt.

Ganz schlimm ist St. Georg. Hier hat zwar noch so etwas wie eine (linke) Stadtteilarbeit überlebt, aber das Angebot und das Publikum sind unterirdisch, etwa an der Langen Reihe. Am Ende dieser einst so bunten Straße stehen heute statt „1000 Töpfe“ Schickimicki-Bars wie das „Neumann’s“ und „Peter Pane“, ein Burgergrill fürs gehobene Publikum. Schräg gegenüber ist ein neuer Edeka-Markt, dem man gesehen haben muss! Einen so luxuriösen Supermarkt habe ich persönlich noch nicht erlebt.

Soweit, so schlecht! Dass einkommensstarke Bevölkerungskreise ärmere Schichten aus innerstädtischen und innenstadtnahen Lagen verdrängen und Letztere immer weiter an die Peripherie abgedrängt werden, an den Rand (im doppelten Sinn), das ist nichts Neues. Ein viel untersuchter, viel beschriebener, viel kritisierter Prozess. Aber alle Studien, alle Kritik haben überhaupt nichts geändert, dieser zerstörerische Prozess hat sich in Großstädten eher noch beschleunigt – das muss man sich immer wieder bewusst machen!

Die niedlichen Chichi-Läden in Eimsbüttel und anderswo sind nur eine kitschige Fassade, die brutale Spaltungsprozesse verdeckt. Was diese soziale Spaltung, die sich immer mehr vertieft, wirklich bedeutet, kann man in Vierteln wie Billstedt, Wilhelmsburg und Jenfeld fast physisch erfahren. Die Gesichter der Leute im Lidl in diesen Vierteln, sie sind gezeichnet von den Anstrengungen des Alltags, von Mühe und Depression.

Aber so depressiv die Atmosphäre in diesen Discountern auch sein mag – ich fühl mich da hundertmal wohler als in den Einkaufsstraßen von Volksdorf und Eppendorf. Die Verlogenheit und Borniertheit in diesen Vierteln der Wohlhabenden ist unerträglich und ekelhaft. Hier führen die Profiteure der turbokapitalistischen Beschleunigungsprozesse ihre Markenjacken spazieren – leider oft viel zu ungestört.

Nach der Bundestagswahl wurde die Frage, ob die bürgerlichen Medien zum Aufstieg der AfD beigetragen haben, heiß diskutiert. Dabei ist es doch völlig unzweifelhaft, dass das braune Gesindel nur dank der zahlreichen Auftritte in TV-Talks wie „Brei mit Illner“ oder wie heißt sowie der überbordenden Berichterstattung bei jedem kleinen Tabubruch von rechts so präsent geworden ist. Bekanntermaßen auch in Buchholz und im Landkreis Harburg – wo das Nordheide Wochenblatt fleißig mithilft, die rechten Hetzer hoffähig zu machen.

Jüngstes Beispiel: Ein reaktionärer Polizeireporter des Wochenblattes namens Thomas Lipinski nimmt das Nazipack in einer Polizeimeldung in Schutz, die in der Ausgabe von Mittwoch erschienen ist. Konkret geht es dabei um Uta Ogilvie, die für die Anmeldung der „Merkel muss weg!“-Demo am Montag am Hamburger Jungfernstieg verantwortlich war. Es handelt sich da um den Versuch, nach Vorbild von Pegida ein wöchentliche „Montagsdemo“ in der Hansestadt zu etablieren.

In der Meldung im Wochenblatt geht es um eine Farbattacke auf das Haus der Ogilvies in Maschen. Lipinski verharmlost in dem Beitrag die Protofaschistin doch allen Ernstes als „Polit-Aktivistin“ und erwähnt mit keinem Wort, wes Geistes Kind die Dame ist und wer sich so alles auf der Demo am Montag herumgetrieben hat, von einschlägig bekannten Neonazis bis zum durchgeknallten Ex-Spiegel-Mann Matthias Mattusek, der von der epidemischen rechten Massenpsychose befallen ist.

Dann zitiert er auch noch einen nicht namentlich genannten Polizisten, der gesagt habe: „Der Anschlag trägt deutlich die Handschrift der linken Gruppen, die bereits beim G-20-Gipfel in Hamburg gezeigt haben, welches Gefahrenpotential in ihnen steckt.“ Wenn das Zitat so stimmt, zeigt es nur, wie sehr ein Teil der Polizei auch in der Region offenbar schon bereit ist, Nazis in Schutz zu nehmen und nur gegen links auszuteilen. Und es lenkt davon ab, dass es bei G 20 vor allem die Polizei war, die gezeigt hat, welches Gewaltpotenzial in ihr steckt – durch maßloses Drauflosprügeln und sinnloses Auflösen von Demos.

Was das Wochenblatt versäumt hat, holt der medienlotse hier nach: die Hintergründe der von Uta Ogilvie angemeldeten Demo zu benennen. Wir veröffentlichen hier in voller Länge einen Beitrag des antifaschistischen Exif-Recherchekollektivs:

Am Montag den 5. Februar 2018 meldete Uta Ogilvie eine Demonstration unter dem Motto „Merkel muss weg“ auf dem Hamburger Jungfernstieg an. Gefolgt sind dem Aufruf Neonazis, rechte Schlägerjungs der 80er Jahre und Menschen in Pelz und Perlenkette. Die Gruppe umfasste fast 60 Rechte aus Hamburg. Bis dato sind alle Aufmarschversuche einen Pegida-Ableger in Hamburg zu etablieren fehlgeschlagen, auch wegen der starken Gegenproteste. Trotz einer vergleichsweise geringen Zahl an Teilnehmenden, zeigte sich am letzten Montag in Hamburg eine äußerst heterogene Zusammensetzung auf der Straße.

Die Anmelderin Uta Ogilvie äußert sich in sozialen Medien mit Sätzen wie: „Ich will mein Land zurück“, teilt Beiträge von der rechten Zeitung «Junge Freiheit» oder​ Akif Pirinçci​​​​​​​. Am 20. September 2017 verfasste sie für das Neu-Rechte Medium «Tichys Einblick» einen Artikel, in dem sie Donald Trumps Klimapolitik befürwortet und sich das politische Ende der „Grünen“ in Deutschland erhofft. Passenderweise ist sie bei dem Hamburger Energie-Dienstleister «EnVersum» angestellt, bei dem ihr Mann Erich Ogilvie die Geschäftsführung inne hat. Auch dieser mobilisierte für die Demonstration am Montag. Er sympathisiert mit der AfD, folgt in sozialen Netzwerken dem Faschisten Heinz-Christian Strache und AfD Politiker Jörg Meuthen, ebenso wie der unter Neu-Rechten beliebten Seite „Lügenpresse“.

In passender Gesellschaft befanden sich die Demonstrierenden mit dem Neonazi Danny Belucis, Mitglied der Kameradschaft «Sektion Nordland», sowie dem NPD Anhänger Sven Mazurek. Beide nehmen regelmäßig an neonazistischen Demonstrationen teil, wie beispielsweise dem «Tag der deutschen Zukunft» oder den «Merkel muss weg» Veranstaltungen, die seit März 2016 in Berlin stattfinden.

Einer der Hauptakteure vom vergangenen Montag, Thomas „Togger“ Gardlo ist die Schnittstelle zwischen dem eher bürgerlich geprägten Teil und den Neonazis, die am Montag auf der Straße waren. Als Türsteher bei verschiedenen Veranstaltungen, häufig im gehobeneren Umfeld, knüpfte er zahlreiche Kontakte in bürgerliche Kreise. Zudem trainiert Gardlo Mitglieder der «Identitären Bewegung» (IB) und Burschenschaftler für den sogenannten Straßenkampf. Bei Veranstaltungen wie dem IB-Stammtisch übernimmt Gardlo auch Schutzaufgaben.

Bereits in der Vergangenheit gelangte Gardlo in die Schlagzeilen, als 2002 aufgedeckt wurde, dass er und sein Bruder, zwei bekannte Neonazis, Personenschützer von Ronald Schill waren. Beide engagierten sich im Umfeld der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) und später bei der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP). Auch sind die Brüder mit Wehrsport und paramilitärischen Übungen in Deutschland und dem Ausland in Verbindung zu bringen. Zudem ist Gardlo wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz vorbestraft. Bei einem Boxkampf 2007 wurde er bei einer öffentlichen Massenschlägerei außerhalb des Rings auffällig. Als Sicherheitsangestellte beleidigten er und seine Kollegen den Boxpromoter Ahmet Ö. rassistisch und provozierten ihn. Aktuell wirbt die Seite „Date4sports.com“ mit der „Türsteher-Legende Togger“ für Outdoor-Bootcamps.

Gardlo, der sich gerne als „Retter“ und „Beschützer“ inszeniert, rief im Rahmen des «G20» in Hamburg am 7. Juli 2017 dazu auf sich in Winterhude vor der Bar «Harms & Schacht» zu versammeln, um den Stadtdteil vor vermeintlichen Randalierern zu schützen. Im Zuge dessen wurden Fotos von vermeintlichen Linken mit der Aussage: „Finden und am Gänsemarkt fesseln und steinigen“ verbreitet. Anwesend war unter anderem auch Eric Eder – IBler, Burschenschaftler und Schützling Gardlos.

Ebenfalls in Winterhude, als auch am Montag bei der Demonstration am Jungfernstieg, war der Hamburger Faschist Claus Döring. Dieser pflegt guten Kontakt zu Burschenschaftlern der «Hamburger Burschenschaft Germania» und zahlreichen Neonazis bundesweit. Ebenso ist er gut bekannt mit Stefan Lüdtke, dem Hamburger Regionalleiter der IB. Der frühere Landesschriftführer der rechten Partei «Die Freiheit», gehörte kurze Zeit zum faschistischen Flügel der AfD, bis er als „Hooligan“ in die Schlagzeilen gelangte. Er nahm an dem Aufmarsch der «Hooligans gegen Salafisten» 2014 in Köln teil und feierte danach in sozialen Medien die Übergriffe des rechten Mobs.

Am besagten Montag schloss sich ebenso eine handvoll Neonazis an, die bereits in den 80er Jahren, beispielsweise bei der rechten HSV Fangruppe «Hamburger Löwen» aktiv waren und bis heute mit Thomas Gardlo bekannt sind. Vergangenen Jahres nahmen die rechten Schläger am sogenannten «Gangs united» Treffen auf der Hamburger Reeperbahn teil, um jahrzehntealte Gangstreitigkeiten zu begraben, in alten Heldengeschichten zu schwelgen und neue Bande zu knüpfen. Damals wie heute basiert ihr Agieren auf chauvinistischen Denkmustern und einem martialischen Männlichkeitsbild – das zentrale ideologische Bindeglied des Zusammenschlusses.

Weiter beteiligten sich am Montag drei Männer, die bisher im Zusammenhang mit der AfD aufgefallen sind. Ein Mann beispielsweise ist als die „rechte Hand“ des (Ex) AfD Mitglieds Ludwig Flocken bekannt. Er nahm an einer „Hooligan“ Demonstration in Magdeburg 2016 teil, zu der er unter anderem mit dem norddeutschen Neonazi-Kader Thomas Wulff anreiste. Ein weiterer anwesender AfD Anhänger tauchte mit dem Kreise um Flocken im Rahmen einer rassistischen Mobiliserung unter dem Namen «Bünt» gegen die Eröffnung einer Unterkunft für Geflüchtete auf.

Bundesweit versammelt sich die neue, völkische Protestbewegung seit Anfang 2016 regelmäßig unter der Parole „Merkel muss weg“ in Berlin. Was NPD & AfD in Metropolregionen zuvor weniger gelang, schaffen offensichtlich neue Strukturen aus unorganisierten Einzelpersonen. In Berlin kann mit der zentralen Klammer „Merkel muss weg“ spektrenübergreifend eine heterogene Masse von hunderten, teils tausenden Menschen mobilisiert werden. Immer wieder reisen auch zahlreiche Neonazis aus Norddeutschland zu diesen Demonstrationen organisiert an.

Dass in der Großstadt Hamburg jede Woche eine rechte Demonstration stattfindet, würde vielen Rechten bundesweit gefallen. So mobilisieren die entsprechenden Hetzseiten «PI-News», «Philosophia Perennis» und «Pegida» bundesweit zu der nächsten Veranstaltung nach Hamburg.

Für diesen Montag ist mit einem größeren Zulauf, sowie mit einer weiteren Vernetzung des rechten Spektrums zu rechnen.

Von Kristian Stemmler

Morgen Kinder, wird’s was geben. Und übermorgen, und überübermorgen sowieso. Denn die Regale sind bis zum Bersten gefüllt. Mit Smartphones und Konsolen, Stabmixern und wunderbaren Herrendüften, elektrischen Schallzahnbürsten und Kaffeevollautomaten. Oder diesmal was aus Platin? Scheißegal, Hauptsache der Rubel rollt. Von Black Friday bis White Christmas ist Shoppen angesagt, Leute! Hopphopp, runter vom Sofa!

Manche nennen diese Tage tatsächlich immer noch Advent oder Vorweihnachtszeit, aber das ist natürlich dummes Zeug. Die Wochen vor dem 24. Dezember sind nur noch Eines: eine Konsumorgie ohne Ende, ein Flächenbombardement des Einzelhandels, Amazon Festspiele, Shoppingschlachten. Alle Innenstädte zugepflastert mit Tannenbäumen und blinkenden Sternen, überall Christbaumkugeln, rote Schleifchen, aus Kaufhausboxen rieselt „Driving home for Christmas“. Ein Terror, dem keiner entkommt.

Nie tritt die Verlogenheit und Doppelmoral dieser Gesellschaft deutlicher zu Tage als in dieser Zeit. Das Gedröhne von den christlichen Werten, von „unserer Art zu leben“, das Politiker gebetsmühlenartig nach jedem Anschlag absondern, entpuppt sich als bodenloser Schwindel. Es gibt nichts mehr zu verteidigen. Wie alles Brauchtum sonst ist auch Weihnachten restlos entkernt, eine leere Hülle, nur noch Anlass fürs Kaufen, Saufen und Fressen, für Parkplatzschlägereien und Familiendramen.

Mit dem Ursprung und Sinn des Festes hat das alles nicht mehr das Geringste zu tun. Man muss ja mit dem ganzen Zinnober, überhaupt mit Religion, nicht unbedingt was anfangen können – aber dass das Christentum eine lange Tradition hat und dass dem Kirchenjahr eine innere Logik inne wohnt, lässt sich kaum leugnen. In der Abfolge der Feste ist ein Wechsel von Zeiten der Erwartung mit Zeiten der Erfüllung erkennbar, ein durchaus raffiniert konstruierter und auf die Jahreszeiten abgestimmter Rhythmus.

Der Advent zum Beispiel ist im Ursprung, wie die Wochen vor Ostern, eine Fastenzeit, die der inneren Einkehr und Besinnung dienen soll und der mit der Weihnachtzeit Tage der Feier und Freude folgen. Mit dem 1. Advent beginnt das Kirchenjahr, das eine Woche zuvor mit dem Totensonntag, den die Protestanten auch Ewigkeitssonntag nennen, seinen Abschluss findet. Die zweite Bezeichnung verweist darauf, dass es an diesem Tag nicht nur um Totengedenken geht, sondern auch um das von Christen geglaubte „Ende der Zeit“.

Aber will man von den konsumverblödeten Abendlandverteidigern aus den Reihen von CDU, CSU, AfD & Co. wirklich erwarten, dass sie all das wissen?! Statt den Rummel anzuprangern, kämpfen sie gegen eine „Islamisierung“, entfachen einen Shitstorm nach dem anderen im Internet. Etwa weil die schleswig-holsteinische Kleinstadt Elmshorn ihren Weihnachtsmarkt in „Lichtermarkt“ umbenannt hat, übrigens vor Jahren und ohne irgendwelchen religiösen Beweggründe.

Wie weit muss man in ein Paralleluniversum abgedriftet sein, um nicht zu sehen, dass es allein der Kapitalismus ist, der alles platt macht. Alles was an Traditionen, Ritualen und Bräuchen, ob religiösen Ursprungs oder nicht, noch vorhanden ist, alles, was irgendwie noch Halt geben könnte. Haltlose Menschen sind die besten Konsumenten.

Der Winsener Anzeiger vom heutigen Freitag berichtet über einen Auftritt von Sabine Zunker bei „Stern TV“. Zunker ist eine Tochter von Sylvia Schulze, die mit ihrer jüngeren Tochter Miriam, im Juli 2015 verschwand – als „Fall Schulze“ machte der Vorgang bundesweit Schlagzeilen. In der Sendung räumte Michael Düker, Leiter der damals eingerichteten Sonderkommission, ein, dass die Leichen im Seppensener Mühlenteich, wo sie vermutet wurden, nicht unbedingt hätten gefunden werden müssen, da dort ein tiefer Morast vorherrscht. Aus diesem Anlass veröffentlicht die Redaktion des medienlotse-Blogs, die sich schon damals fragte, warum der Teich nicht trocken gelegt wurde, die Reportage von der Suche im Mühlenteich. Die Auskunft der Polizei damals übrigens: Das Wasser des gesamten Teichs abzulassen sei sehr aufwendig, alte, lange ungenutzte Wehre könnten brechen, was zu Überschwemmungen führen könnte. Der medienlotse meint wie der Winsener Anzeige: Versucht es!

Von Kristian Stemmler

Eine Entenmutter verlässt mit ihren Küken das schützende Schilf, über dem Seppenser Mühlenteich steigt Dunst auf. Eigentlich ist es an diesem regnerischen Abend ganz idyllisch an dieser ruhigen Ecke von Holm-Seppensen. Oder besser gesagt: Es wäre idyllisch, wenn da nicht die vielen Polizisten wären, die vielen Kamerateams und Reporter. Sie sind gekommen wegen einer sensationeller Wende im Fall Schulze, der seit Wochen bundesweit für Schlagzeilen sorgt: Der Fall der Ende Juli verschwundenen Familie aus Drage hat Buchholz erreicht.

Noch wagt es niemand ganz offen auszusprechen, natürlich auch nicht Jan Krüger, Pressesprecher der Polizeiinspektion Harburg, der quasi von Amts wegen zu vorsichtigen Statements verpflichtet ist. Aber folgende Hypothese wird immer wahrscheinlich: Familienvater Marco Schulze (41) ist möglicherweise mit seiner Frau Sylvia (43) und der gemeinsamen Tochter Miriam (12) unter einem Vorwand nach Holm-Seppensen gekommen, hat sie am Ufer des Seppenser Mühlenteichs getötet und die Leichen in dem Gewässer verschwinden lassen.

Vieles spricht für ein solches Szenario. Aber an diesem Montagnachmittag steht erst einmal die Suche nach Mutter und Tochter im Mittelpunkt. Vier Polizeitaucher aus Braunschweig sind nach Buchholz gekommen und suchen seit etwa 16 Uhr den Mühlenteich ab. Zwei Beamte fahren mit einem Schlauchboot das gesamte Ufer ab und suchen dort nach den vermissten Frauen. Insgesamt hat die Polizei rund 35 Beamte im Einsatz.

Warum aber sollte Marco Schulze seine Familie nach Holm-Seppensen gebracht haben, eine Dreiviertelstunde Autofahrt von Drage entfernt? „ Die Familie hatte einen Bezug in die Region. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, erklärt Jan Krüger, der Sprecher der Polizeiinspektion Harburg. Schon in der ersten Woche nach dem Verschwinden gab es dazu einen anonymen Hinweis an die Polizei. Nachdem über den Fall Schulze in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy…ungelöst“ berichtet wurde, meldete sich die Zeugin erneut und sagte aus, sie kenne die Familie Schulze und habe sie am 22. Juli auf einem Wanderweg in Holm-Seppensen gesehen.

Da klingelten bei den Ermittlern natürlich die Alarmglocken. Denn am 23. Juli, also einen Tag später, war Marco Schulze das letzte Mal gesehen worden. Er wurde am 31. Juli in Lauenburg tot aus der Elbe gezogen. Mit einem Betonklotz, den er am Körper festgebunden hatte, war Schulze von einer Elbbrücke ins Wasser gesprungen. Der Fund seiner Leiche sorgte bei aller Tragik für erste Klarheit: Wie vermutet, hatte sich ein Familiendrama abgespielt. Doch Mutter und Tochter blieben verschwunden.

„Aktenzeichen xy…ungelöst“ sorgte offenbar für einen neuen Schub in dem Fall. Nach dem Hinweis der Zeugin setzte die Polizei in Holm-Seppensen erfolgreich einen Mantrailer-Hund ein, also einen Spürhund, der Spuren lebender Menschen verfolgt. Er nahm an der Stelle, an der die Zeugin die Familie gesehen hatte, die Witterung auf und führte die Polizei an das Nordostufer des Seppenser Mühlenteichs. Das war der Startschuss für den Einsatz der Polizeitaucher, der heute nachmittag begann.

Natürlich waren auch die Medien sofort zur Stelle, da der Fall Schulze immer noch die Öffentlichkeit im ganzen Land beschäftigt. Am Südwestufer des Mühlenteichs, unweit der verfallenen Mühle hatten Krüger und ein Team einen kleinen Platz für die Presse freigehalten, wo ein halbes Dutzend Kamerateams, Reporter von Rundfunk und Presse ihr Zelt aufschlugen. RTL kam gar mit einem Übertragungswagen an den idyllischen Mühlenteich. Auch das NDR Fernsehen berichtete live.

Jan Krüger stand wie in den vergangenen Wochen wieder geduldig Rede und Antwort. Seit Wochen ist er auf allen Kanälen zu sehen. Auf die Frage, wie viele Interviews er zum Fall Schulze inzwischen gegeben hat, zuckt er nur die Schultern. Über mögliche persönliche Hintergründen des Familiendramas will oder kann er nichts Konkretes sagen. Seine Äußerungen lassen allerdings den Schluss zu, dass es wohl keinen ganz eindeutigen Auslöser gab wie in anderen Fällen.

Ob sich die Hintergründe des Dramas also jemals aufgeklärt werden bzw. ob das überhaupt in die Öffentlichkeit gehört, muss offen bleiben. Nach dem Stand der Dinge leben aber Sylvia und Miriam Schulze nicht mehr. Dass Marco Schulze einen Tag vor seinem Verschwinden mit ihnen am Ufer des Seppenser Mühlenteichs gewesen ist, lässt kaum einen anderen Schluss zu. Am Abend sollte der Einsatz der Taucher abgebrochen werden, um gegebenenfalls am Dienstag fortgesetzt zu werden – dann wird es vielleicht schon endgültige Klarheit geben.

Dass der parteilose Buchholzer Ratsherr Hans-Wilhelm Stehnken nicht alle Latten am Zaun hat, sollte in der Nordheidestadt allmählich bekannt sein. Da sich aber offenbar immer noch kein Veterinär gefunden hat, der ihn für unzurechnungsfähig erklärt, kann der Quartalsquerulant, der es geschafft hat, sogar in der intrigenverwöhnten AfD rauszufliegen, sich in Reichsbürgermanier weiter in der Kommunalpolitik austoben.

Jetzt sind die Pferde offenbar völlig mit ihm durchgegangen. Laut Hamburger Abendblatt vom 2. November fordert Stehnken die schnellstmögliche Aufstellung einer Buchholzer Bürgerwehr. Seine groteske Begründung: „Die aktuellen Beschädigungen und Zerstörungen von Autos haben ein erschreckendes Ausmaß angenommen.“ Er gehe davon aus, „dass es eine ausreichende Anzahl von Mitbürgern gibt, die nach vereinbarten Regeln Streife gehen und damit für Sicherheit und Abschreckung sorgen“.

Zumindest mit dieser Vermutung dürfte der Mann richtig legen. Gibt es doch genug Wichtigtuer wie ihn, die nichts lieber täten, als in irgendeiner Pseudouniform als Möchtegern-Sheriff durch die Gegend zu laufen und Wildpinkler oder Alkis am Bahnhof zu falten. Ob die Buchholzer Polizei sich aber darüber freuen würde..?

Dass die Nordheidemetropole ein besonderer Kriminalitätsschwerpunkt ist, das ist der Redaktion dieses Blogs allerdings noch nicht aufgefallen. Wohnungseinbrüche hier und da, mal eine Sachbeschädigung, ein wenig Vandalismus und dergleichen – wo gibt es das heute nicht?! Angesichts des Wohlstandsgefälle erhebt sich doch eher die Frage, warum nicht viel mehr von diesen klimazerstörenden SUVs, in denen scheintote Rentner zum Shoppen fahren, zerkratzt oder gleich der segensreichen Kraft des Feuers übergeben werden.

Immer noch gilt: Ob im Osten, ob im Westen, ein Mercedes brennt am besten!

Von Kristian Stemmler

„Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon!“ übersetzte Martin Luther einst einen Satz aus dem Matthäus-Evangelium. Wobei die Betonung auf dem „und“ liegt. Der in diesen Tagen vielzitierte Reformator kannte allerdings die CDU noch nicht – und die kann beides spielend miteinander verbinden: Man gibt sich christlich und traditionsbewusst und tanzt doch beschwingten Schrittes um das goldene Kalb. Ob im fernen Berlin, wo man die Gesetze macht, die Reicher reicher werden lassen, oder hier in der Provinz, in Buchholz in der Nordheide.

Tatsächlich bahnt sich in unserer aller Kleinstadt ein Tabubruch an, der sogar die evangelische Kirche, die sonst fast jede Kommererzialisierung abnickt, Teile der kommunalen Politik und das Nordheide-Wochenblatt auf den Plan rief. Und zwar soll der alljährliche Weihnachtsmarkt auf dem Peets Hoff in diesem Jahr am 20. November beginnen, mithin zum Beginn der „stillen Woche“, noch vor dem Buß- und Bettag und dem Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt, und zwei Wochen vor dem 1. Advent.

Das Dollste an dem Vorgang: Der Vorsitzende des Vereins Buchholz Marketing, der den Weihnachtsmarkt veranstaltet, ist Jan Bauer, der auch Mitglied des Buchholzer Stadtrates ist. Und für welche Partei wohl? Genau, die mit dem Wort „Christlich“ im Namen. Vor dem Rat gab er sich zerknirscht, wie das Wochenblatt berichtet. Man habe den Schaustellern ein attraktives Angebot machen wollen und stehe schließlich in Konkurrenz zu anderen Märkten. Jetzt könne man nichts mehr ändern, so Bauer, denn die Verträge seien gemacht.

Mit anderen Worten: Uns sind christliche Werte und Traditionen so etwas von sch…egal, wenn es um die Kohle geht. Pastorin Brigitte Bittermann und Pastor Michael Wabbel von der Paulus-Gemeinde drückten es etwas vornehmer aus. Mit großem Befremden hätten sie die Vorverlegung des Weihnachtsmarktes zur Kenntnis genommen, schrieben sie in einem Brief. Es werde die Tradition durchbrochen, an den stillen Tagen Ende November Zeit und Raum zu lassen für „Lebensfragen, die sonst kaum ihren Platz finden“.

Natürlich ist es erfreulich, wenn die Kirche sich an ihren Auftrag erinnert und gegen die kommerzielle Ausbeutung ihrer Feste angeht. Aber das sind Rückzugsgefechte, vor allem weil man eben ansonsten dieses bürgerliche System voll mitträgt. Und das folgt nun mal eher Grundsätzen, wie sie in der Scientology Church gelehrt werden – „Macht Geld, mach mehr Geld!“ -, als christlichen Prämissen. Christliche Traditionen, überhaupt Traditionen zu bewahren, gleicht in dieser Gesellschaft dem Versuch, in einer Sauna Eiswürfel herzustellen.