Archiv für die Kategorie ‘Gesellschaft und Biographie’

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Von Kristian Stemmler

Sicher. Es gibt immer noch schöne Stellen in Hamburg. Aber alles in allem fällt mir zu Hamburg heute nur noch Eines sein – mit Verlaub: Hamburg, du kotzt mich an! Was haben sie aus dir gemacht!

Eigentlich ist die Stadt überhaupt nur noch da erträglich, wo das große Geld mangels Renditeaussichten nicht seine unappetitliche Pranke draufgelegt hat. Also in den Vierteln, die sich gar nicht oder nur leicht entwickelt haben. Also Stadtteile, deren Bewohner eher „einkommensschwach“ sind, wie man das heute nennt: Barmbek-Süd, Jenfeld, Eißendorf, Wilhelmsburg oder Billstedt.

Schön sind die nicht unbedingt, aber dafür authentisch. Wer in diesen Vierteln in den Lidl geht, der sieht Leute deren Gesichter vom Leben gezeichnet sind – auf ihre Kosten lebt der große Rest. Und der lebt gut. In Eimsbüttel und Eppendorf, an der Sternschanze und in Volksdorf.

Die Quartiere, in denen das reiche Pack sich ausgebreitet hat, kann man sowieso vergessen, die sind verloren, also Harvestehude, Blankenese, Ohlstedt und Rissen. Der Protz der Villen, das Durchgestylte der Gärten, das bornierte Gehabe der Einwohner ist obszön und abstoßend.

Diese Viertel sind nur noch für komplette Planierung geeignet. Umgraben und Kartoffelfelder drauf anlegen, die natürlich von den ehemaligen Bewohnern bestellt werden müssen. Dann hat man da wenigstens eine Monokultur, die fruchtbar ist.

Aber es gibt auch noch Quartiere, die noch nicht ganz verloren sind, aber schon die Hitliste des Ekels anführen. Quartiere, die bei politisch denkenden und fühlenden Menschen nichts als Brechreiz auslösen sollten, genau die, auf die Standortpolitiker vom Schlage König Olafs am stolzesten sind. All die schon gentrifizierten oder noch im Prozess der Gentrifizierung befindlichen Viertel: Ottensen, Sternschanze, Eimsbüttel in Teilen, Altona in Teilen, St. Georg.

Eimsbüttel galt als Hochburg der Kommunisten, das „rote Eimsbüttel“. Was ist daraus geworden? Chichi-Läden an jeder zweite Ecke mit irgendwelchem Krempel, den kein Mensch braucht, Tierarztpraxen nur für Katzen, „Brasilian Waxing“ und Läden für Babboe-Lastenräder, Gefährte für vierstellige Beträge. Mit denen kutschiert die Familie des Hipsters seinen Nachwuchs herum.

Aber nicht nur auf den Straßen Eimsbüttels laufen Typen herum, die ich als „die neuen Herrenmenschen“ bezeichnen würde. Ihnen gehört die Welt, sie sind die Sieger. Das Schicksal der Marginalisierten geht ihnen im Großen und Ganzen am Arsch vorbei. Vor sich selbst und anderen gibt man sich aber durchaus liberal und sozial. Die leergetrunkene Flasche Beck’s stellt man selbstverständlich neben den Mülleimer, um den Flaschensammlern die Arbeit zu erleichtern.

Im Schanzenviertel laufen fast dieselben Leute rum, wobei die Durchmischung dort noch größer ist, also auch ne Menge „Normalos“ und andere unterwegs sind. Aber die Ladenzeilen sind schon so gut wie durchgentrifiziert. Man sieht den üblichen Krempel (siehe oben), die Läden haben lustige Namen, und alternative Kneipen und türkische Gemüseläden werden nur noch für den exotischen Flair benötigt.

Ganz schlimm ist St. Georg. Hier hat zwar noch so etwas wie eine (linke) Stadtteilarbeit überlebt, aber das Angebot und das Publikum sind unterirdisch, etwa an der Langen Reihe. Am Ende dieser einst so bunten Straße stehen heute statt „1000 Töpfe“ Schickimicki-Bars wie das „Neumann’s“ und „Peter Pane“, ein Burgergrill fürs gehobene Publikum. Schräg gegenüber ist ein neuer Edeka-Markt, dem man gesehen haben muss! Einen so luxuriösen Supermarkt habe ich persönlich noch nicht erlebt.

Soweit, so schlecht! Dass einkommensstarke Bevölkerungskreise ärmere Schichten aus innerstädtischen und innenstadtnahen Lagen verdrängen und Letztere immer weiter an die Peripherie abgedrängt werden, an den Rand (im doppelten Sinn), das ist nichts Neues. Ein viel untersuchter, viel beschriebener, viel kritisierter Prozess. Aber alle Studien, alle Kritik haben überhaupt nichts geändert, dieser zerstörerische Prozess hat sich in Großstädten eher noch beschleunigt – das muss man sich immer wieder bewusst machen!

Die niedlichen Chichi-Läden in Eimsbüttel und anderswo sind nur eine kitschige Fassade, die brutale Spaltungsprozesse verdeckt. Was diese soziale Spaltung, die sich immer mehr vertieft, wirklich bedeutet, kann man in Vierteln wie Billstedt, Wilhelmsburg und Jenfeld fast physisch erfahren. Die Gesichter der Leute im Lidl in diesen Vierteln, sie sind gezeichnet von den Anstrengungen des Alltags, von Mühe und Depression.

Aber so depressiv die Atmosphäre in diesen Discountern auch sein mag – ich fühl mich da hundertmal wohler als in den Einkaufsstraßen von Volksdorf und Eppendorf. Die Verlogenheit und Borniertheit in diesen Vierteln der Wohlhabenden ist unerträglich und ekelhaft. Hier führen die Profiteure der turbokapitalistischen Beschleunigungsprozesse ihre Markenjacken spazieren – leider oft viel zu ungestört.

Advertisements

DSC_9907

Übrigens: Der Rat für Gedenktage hat diese Woche zur „Woche der Verlogenheit“ erklärt. Die bürgerliche Gesellschaft macht auf besinnliche Adventszeit – tatsächlich geht es um nichts weniger als christliche Werte. Advent und Weihnachten sind nur noch eine einzige Materialschlacht, für die Mehrheit die stressigste Zeit des Jahres, ein einziges Gesaufe und Geschlemme! Weiß noch jemand, dass der Advent in christlicher Überlieferung eine Fastenzeit ist?

Aber dann lass uns doch einfach was spenden, als Ablass für unsere Sünden. Dann ist das Gewissen wieder so rein wie der Schnee, der zu Weihnachten nicht fällt…

bosch-2

Aussschnitt aus dem Bild „Das Jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch

Von Kristian Stemmler

Fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung geht laut einer neuen Umfrage davon aus, dass unsere Kultur vom Islam unterwandert wird. Diese Paranoia ist echt zum Schreien komisch – vor allem, weil es da gar nichts mehr zu unterwandern gibt! Welche Kultur soll das denn sein?? Die christliche? Dreimal laut gelacht!

Ja, das zweitwichtigste Hochfest des Christentums steht bevor. Aber da geht es doch schon los. Wer von den ganzen Herrschaften, die „unsere christliche Kultur“ gegen den Ansturm der islamistischen Horden verteidigen wollen, kann mit diesem und ähnlichen Begriffen noch was anfangen?! Wer außer ein paar notorischen Gottesdienstbesuchern kann noch ein Vaterunser und das Glaubensbekenntnis fehlerfrei aufsagen, von den zehn Geboten ganz zu schweigen?!

Das ganze Gewese ist doch absurd bis zum Gehtnichtmehr! Die CSU faselt von „Leitkultur“ und schreibt auf ihr Grundsatzprogramm schlicht „Die Ordnung“. Wo lebt Ihr eigentlich, Leute?! Was soll denn das für eine Leitkultur sein: das Grundrecht, jeden verkaufsoffenen Sonntag, den der Herr werden lässt, in den nächstgelegenen Elektronikmarkt zu laufen und unter 200 Flachbildfernsehern wählen zu können? Oder das Recht, sich nach dem Shoppen auf dem Weihnachtsmarkt die Kante zu geben, bis der Arzt kommt?

Überhaupt Weihnachtsmarkt. Klar, dass die schon in dieser Woche anfangen müssen, denn man hat ja lange genug gewartet und sich das Geseiere über Totengedenken etc. pp. anhören müssen. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten davon ausgehen, dass die Adventszeit in dieser Woche begonnen hat, sicher auch die meisten AfD-Mitglieder, die ja bekanntlich besonders energische Vorkämpfer des Christentums sind.

Leider ist das aber ein Irrtum. Die Woche beginnt nach christlichem Verständnis mit dem Sonntag, so dass die laufende Woche zum Totensonntag gehört, der auch Ewigkeitssonntag genannt wird. Die Adventszeit beginnt mit dem ersten Advent und der ist am kommenden Sonntag. Wer will, kann den Advent auch am Sonnabend um 18 Uhr einläuten, denn kirchlicher Überlieferung zufolge, beginnt der Sonntag schon dann.

Übrigens endet genau dann auch das alte Kirchenjahr und das neue beginnt. Und noch was: Der Advent ist vom Ursprung her eine Fastenzeit, in der man sich besinnen und auf das Fest Jesu Geburt vorbereiten sollte. Ja, da staunt der Leser! Dieser verdammte, alles verschlingende Konsumismus hat diese Zeit in ihr Gegenteil verkehrt: in die stressigste Zeit des Jahres mit unmäßiger Fresserei und Sauferei. Süßer die Kassen nie klingeln!

Könnte man vielleicht mal drüber nachdenken. Noch ist Zeit, denn wir haben ja noch die Woche des Ewigkeitssonntag. Ein Thema dieses Sonntags ist das Ende der Zeit, das Jüngste Gericht. Klingt ungewohnt für unsere heutigen Ohren. Etwas frei übersetzt, geht es da um den Umstand, dass wir alle uns eines Tages für das verantworten müssen, was wir auf Erden getan oder unterlassen haben. Interessiert heute eigentlich keinen mehr, da es aus der Mode gekommen ist, an eine höhere Gerechtigkeit zu glauben.

Ich möchte am Ende dieses Beitrags dennoch einmal ganz altmodisch eine Warnung an alle richten, die glauben, sie kämen so davon. Eure ganze Bosheit, Eure Lügerei und Heuchelei, Eure Winkelzüge im Verborgenen werden ans Tageslicht kommen. In der barocken Sprache der damaligen Zeit heißt es in einer Bach-Kantate:

Die Redlichkeit

Ist eine von den Gottesgaben.

Dass sie bei unsrer Zeit
So wenig Menschen haben,
Das macht, sie bitten Gott nicht drum.
Denn von Natur geht unsers Herzens Dichten
Mit lauter Bösem um;
Soll’s seinen Weg auf etwas Gutes richten,
So muss es Gott durch seinen Geist regieren
Und auf der Bahn der Tugend führen.
Verlangst du Gott zum Freunde,
So mache dir den Nächsten nicht zum Feinde
Durch Falschheit, Trug und List!
Ein Christ
Soll sich der Taubenart bestreben
Und ohne Falsch und Tücke leben.
Mach aus dir selbst ein solches Bild,
Wie du den Nächsten haben willt!

Song des Tages

Veröffentlicht: 2016-08-11 in Gesellschaft und Biographie

Aus gegebenem Anlass

Veröffentlicht: 2016-08-07 in Gesellschaft und Biographie
Schlagwörter:

Logo AfD

Das Logo der protofaschistischen AfD

„Zurückbleiben bitte!“ In den U-Bahn-Schächten der Stadt ist es auch an heißen Tagen schön kühl. Für alle, die es sich nicht leisten können, im Sommer auf die Malediven oder an die Adria zu fliegen resp. zu fahren, also der passende Aufenthaltsort. Underdogs in der U-Bahn, das ist ja außerdem auch sprachlich adäquat.

Noch sind die Gilettefressen der Mittelschicht im Hamburger ÖPNV aber präsent, denn die Sommerferien sind noch etwas hin. Im südlichen Rückzugsraum, von dem man die Großstadt prima ins Visier nehmen kann, haben sie dagegen schon begonnen.

Da ticken die Uhren gleich langsamer, im Zentrum der Kleinstadt laufen zwar immer noch dieselben Honks wie jeden Tag ziellos durch die Gegend, dafür ist der Metronom zum Hauptbahnhof nicht mehr so voll. Immerhin.

Im Sommer drehen ja viele durch. „Lag’s am Wetter?“ , fragen Journalisten da schon mal. Das Achterbahnwetter am Beginn der vergangenen Woche scheint jedenfalls einigen Hamburgern aufs Gemüt geschlagen zu haben, etwa Torsten Voß.

Eigentlich ist der frühere Polizist ja ein Mann der Tat. Immerhin war er einst Chef des Mobilen Einsatzkommandos (MEK), das ja immer kommt, wenn es besonders brenzlig ist, und wurde 2007 vom damaligen Innensenator Udo Nagel zum Büroleiter berufen. Dieser Herr Nagel aus München war übrigens von einem gewissen Ronald B. Schill in Hamburg zum Polizeipräsidenten ernannt worden. Man nannte ihn wegen seiner tollen Aufklärungsquote auch „Mister Hundertprozent“ (also Nagel nicht Schill).

Aber zurück zu Torsten Voß. Der machte natürlich weiter Karriere, denn die Hamburger SPD legt ja bekanntlich unter Olaf Scholz Wert darauf, den schon von Henning Voscherau plakatierten Tony-Blair-Spruch „Law and order is a labour issue“ mit Leben zu füllen. Da ist ein Mann aus dem Polizeiapparat, der mit Rechtspopulisten Erfahrungen hat, genau der Richtige für den Chefsessel des so genannten Verfassungsschutzes.

Voß hat bedeutende Vorgänger, zum Beispiel den CDU-Mann Christian Lochte. Der war Hamburger Verfassungsschutzschef in einer Zeit, in der die bundesdeutschen Ermittlungsbehörden unter starker RAF-Paranoia litten. So delirierte Lochte damals, ganz ohne LSD, von „Pharaonengräbern“, die an der Hafenstraße oder sonstwo entdeckt worden seien. Aber nihil nisi bene.

Das ist Geschichte. Die Drahtzieher können sich heute bequem zurücklehnen und dabei zuschauen, wie die Leute aufeinander gehetzt werden und der Druck im Kessel steigt. Der Verfassungsschutz fungiert da momentan eher wie eine Zentrifuge, man könnte natürlich auch von Zuhälterei sprechen.

Zuhälter halten sich ja gern im Hintergrund. Andererseits lieben ihre führenden Vertreter den öffentlichen Auftritt (meist mit Sonnenbrille), und da ihnen in der Regel nichts nachzuweisen ist, gerieren sie sich dabei besonders gesetzestreu und waschen ihre Hände in Unschuld. Sie schlürfen ihre Austern im Nobelrestaurant gewissermaßen mit dem BGB und dem StGB unter dem Arm.

Torsten Voß, um endlich mal zum Kern der Geschichte zu kommen, war am Montag Stargast der Bürgerschaftsfraktion der Alternative für Deutschland (AfD) im Hamburger Rathaus und hatte bestimmt das Grundgesetz dabei.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz machte Leuten die Aufwartung, die offen Rassismus und Islamophobie vertreten und anheizen! Und das im Kaisersaal, das ist so ziemlich der prunkvollste Saal des Rathauses, Symbol hanseatischen Selbstbewusstseins. Da braucht man kein Ipecacuanha zum Kotzen!

Und jetzt kommt der Übergag: In Hamburg fand man nichts dabei. Im Hamburger Abendblatt, dem Leib- und Magenblatt des Hamburger Bürgertums, das einst einem Schill den Weg bereitete, was ja soetwas wie ein Probedurchlauf war, natürlich sowieso nicht, aber auch bei der SPD, den Grünen und der Linkspartei nicht so richtig. Die AfD mag man dort natürlich nicht, aber der Herr Voß habe sich ja immerhin diesen Rechtspopulisten gestellt, das sei doch ganz mutig…

Vielleicht muss man Journalist sein und den Abstand haben, den man im Vorland der Großstadt hat, um zu begreifen, das das nicht der Punkt ist. Hier ging es um Symbolik. Es ist völlig scheißegal, was Voß auf der Veranstaltung von sich gegeben hat – die Tatsache seines Auftrittes und die Bilder sind das Entscheidende!

Wir fassen zusammen: Die AfD wird seit Monaten auf allen Kanälen hochgeschrieben, die Talkshows von „Brei mit Illner“ bis „Anne will ja auch“ sind ganz vorn dabei, die Presse erledigt den Rest. Widerstand gegen die Protofaschisten wird kriminalisiert, die „Leitmedien“ fangen bereits an, von „Weimarer Verhältnissen“ zu schwadronieren. Der Weg zum Polizeistaat ist frei! All bases are loaded.

Man reiche mir eine Dose Brexit.

Anna Lüse