Archiv für die Kategorie ‘Analysen’

Von Kristian Stemmler

Deutschland ist wieder wer und übernimmt „mehr Verantwortung“ in der Welt, wie es uns der Rostocker Pfaffe frühzeitig gepredigt hat. Das Land wird inzwischen nicht mehr nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch in Mali und sonstwo. Angesichts dieser „Herausforderungen“ ist natürlich die deutsche NS-Vergangenheit nur im Weg. Darum kommt ein Nazi wie der Herr Höcke auch gerade recht – der Mann spricht aus, was viele denken: Lasst uns doch endlich mal in Ruhe mit diesem ganzen Scheiß, ich kann es nicht mehr hören!

Natürlich lässt es sich die offizielle Politik trotzdem nicht nehmen, ihre Erinnerungsrituale weiter durchzuziehen, wobei die von Mal zu Mal grotesker und schizophrener ausfallen. Buchholz ist da keine Ausnahme. Diesmal hat man sich offenbar komplett vergriffen. Der 27. Januar, Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, den seit seiner Einführung 1996 jedes Jahr von einer anderen Organisation oder einem anderen Verein der Nordheidestadt organisiert, wird dieses Mal von der Arge Sport umgesetzt. Und das ausgerechnet in der Otto-Koch-Kampfbahn von Buchholz 08 – benannt nach einem Mann, der im dringenden Verdacht steht, ein glühender Nazi gewesen zu sein!

Der querschläger, damals noch unter dem Namen buchholzblog, hat bereits 2012 über den Vorgang berichtet. Damals hatte ein älterer Zuhörer einer Veranstaltung in der Kirche St. Johannis beklagt, dass das Stadion von Buchholz 08 immer noch nach Otto Koch benannt ist (vorher hieß es bis 1947 übrigens Otto-Telschow-Kampfbahn nach dem berüchtigten NS-Gauleiter von Buchholz). Der Zuhörer berichtete, dass Otto Koch sein Sportlehrer gewesen sei. Als 1933 sein Vater von den Nazis verhaftet wurde, habe Koch praktisch durch ihn durch gesehen und ihn letztlich von der Schule gedrängt.

Schon nach Erscheinen des Berichts im Blog war die Reaktion gleich null. Wenn es um die NS-Vergangenheit geht, ergeht man sich zwar gern ganz allgemein in Abscheu und Entsetzen – wenn es aber um konkrete Fälle in Buchholz und dem Landkreis Harburg geht, herrscht ein Kartell des Schweigens und Vertuschens. In Buchholz und Umgebung hat es ja bekanntlich auch nie Juden gegeben, die von den Nazis verfolgt worden sind. Und dass ein Kommunist plötzlich verschwand, heißt ja gar nichts. Der ist bestimmt ausgewandert…

Besonders ekelhaft ist das Verhalten des Buchholzer Ortsverbandes der SPD. Der Autor hat in seiner Zeit als Ratsherr ein Mahnmal beantragt, auf dem namentlich zweier führender Sozialdemokraten aus Buchholz gedacht werden sollte, die von den Nazis verfolgt wurden. Statt diesen Antrag engagiert zu unterstützen, hat man sich dazu hergegeben, dieses Mahnmal so zu verwässern, dass man es ebenso gut hätte lassen können. Hervorgetan hat sich da besonders der Sozi und stellvertretende Bürgermeister Frank Piwecki.

Und das Allerbeste: Diese Leute haben sich auch noch dafür feiern lassen! Aber was soll man von einer Partei schon erwarten, die mit der Agenda 2010 das größte Verarmungsprogramm der deutschen Geschichte ins Werk gesetzt hat und eine deutsche Kriegspolitik mitträgt, die Zerstörung, Elend und Flucht in der Welt produziert. Wie man in der Linkspartei auf die Idee kommen kann, mit solchen Leuten zu koalieren, ist mir absolut schleierhaft.

Der querschläger hat sich entschieden, diesen am vergangenen Wochenende vor den Ereignissen in Berlin entstandenen Text, heute zu veröffentlichen. Er ist ein klares Kontra zu dem mit hohlen Pathos von Politikern aller Couleur jetzt vorgetragenen Behauptung, „unsere Lebensweise“ werde angegriffen, „christliche Werte“ seien in Gefahr.

Von Kristian Stemmler

Jauchzet! Frohlocket! Fröhlich soll die Kasse klingeln! Der Einzelhandel jubelt. Neue Umsatzrekorde im Weihnachtsgeschäft. Die Leute kaufen wie blöd. Gib mir Flachbildschirme, gib mir Spielekonsolen, gib mir Smartphones! In Shopping Malls und Einkaufsstraßen steigt der Stresspegel. Wolken von Aggression wabern durch die lichtergeschmückten Innenstädte. Gehupe und Geschrei auf allen Zufahrtsstraßen. Bis aufs Blut wird um jeden freien Parkplatz und die Pole Position an der Kasse gekämpft. Und auf dem Weihnachtsmarkt gibt man sich nach dem Shoppen erschöpft die Kante. Glühwein bis der Arzt kommt!

Was aber hat dieses ganze Treiben wirklich mit Advent und Weihnachten zu tun? Nicht das Geringste. Man glaubt es kaum, aber wenn man der christlichen Überlieferung folgen will, ist der Advent wie das Pendant im Frühjahr, die Wochen vor Ostern, eigentlich eine Fastenzeit. Eine Zeit, die der Besinnung auf das Fest und dessen Inhalten vorbehalten sein soll, eine Zeit des Verzichts und der inneren Einkehr. Zu Bachs Zeiten als Thomaskantor in Leipzig wusste man das übrigens noch, da gab es nur am ersten Advent eine festliche Kantate, an den anderen Adventssonntagen nicht.

Wer nichts mit Religion am Hut hat, dem kann das völlig egal sein. Aber in diesem Land beschwören im Zeichen der Flüchtlingsdiskussion schließlich immer mehr „die christlichen Werte“. AfD, Pegida, CSU und CDU faseln in schöner Eintracht von „Leitkultur“, in die sich die Flüchtlinge zu integrieren hätten. Was ist denn das aber bitte für eine Leitkultur, was sollen das für Werte sein? Das Recht, in Elektronikmärkten zwischen 200 Flachbildfernsehern zu wählen? Das „1-Click-Bestellen“ im Internet? Der Laptop für 1200 Tacken auf dem Gabentisch?

Nicht nur die Einzelhandelsumsätze, auch die bürgerliche Heuchelei, Doppelmoral und Verlogenheit erreichen im Advent 2016 neue Rekordwerte. Weihnachten ist verkommen zu einer Materialschlacht ohne Gleichen, einem einzigen Gesaufe und Gefresse, um die handfeste Sprache Luthers zu benutzen. Was aber tun die großen Kirchen, die Sturm läuten und von allen Kanzeln gegen den Zinnober predigen müssten, der ihr zweitwichtigstes Hochfestes nach Ostern vollständig überlagert? Sie erheben hier und da zaghaft den Zeigefinger nach dem Motto „Treibt es aber nicht zu doll!“, nehmen den Konsumkirmes aber ansonsten nicht nur hin, sondern dienen sich vielerorts noch als Gleitmittel an.

Gemeinden in den Innenstädten öffnen ihre Kirchen, damit die geschlauchten Konsumenten verschnaufen können, bevor sie sich wieder ins Getümmel werfen. Kirchenchöre laden an verkaufsoffenen Adventssonntagen zum „Flashmob“ ins Einkaufszentrum, wo man mit dem Volk „O du fröhliche!“ singt. Und am Heiligabend freut sich die Geistlichkeit, dass mal wieder die Bude voll ist. Und da sitzen auch AfD- und Pegida-Dumpfbacken in den Kirchenbänken, diese aufrechten Verteidiger des „christlichen Ablandes“, klammern sich noch beim einfachsten Weihnachtslied an die Liederzettel und stammeln Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Man hat alles vergessen, man hat keine Ahnung von christlichen Traditionen und Inhalten, aber man ist halt Christ. Hosianna!

Noch verlogener, grotesker und verdrehter geht es kaum, sollte man meinen – aber da ist noch eine Drehung möglich. Es sind tatsächlich genau diese Leute, die die „christlichen Werte“ auf der einen Seite bis zum Erbrechen beschwören, die nicht nur zugleich alle Traditionen und Bräuche ihrer eigenen Religion mit Füßen treten – sie glauben auch noch, wie Umfragen zeigen, allen Ernstes, das Land würde vom Islam unterwandert! Paranoia hoch drei.

Die Politik wird sie in diesem Wahn sicher weiter bestärken. Denn sie braucht „den Flüchtling“, „den Muslimen“ als Bedrohung „unserer Werte“. Und vor allem zur Vollverschleierung der Kräfte, die uns alle tatsächlich bedrohen. Wenn irgendetwas dieses Land fest im Griff hat, wenn irgendetwas die Bindung an Bleibendes, überlieferte Bräuche und Traditionen, seien sie christlicher oder anderer Herkunft, platt macht – dann ist das der Konsum, der Kommerz, die turbokapitalistische „Ordnung“, die alles durch den Fleischwolf dreht, und nur verwertet, was sich für die Zurichtung der Menschen zu Konsumjunkies verwenden lässt. Denn nur das verspricht Profit. Frohes Fest!

Von Kristian Stemmler

Als George Orwell in seinem Buch „1984“ die Möglichkeiten menschlicher Manipulation durch Sprache in Begriffe goss, kannte er Frank-Walter Steinmeier noch nicht. Sonst hätte er vielleicht noch etwas mehr übertrieben. Unser künftiger Bundespräsident ist ein Meister des doublethink, des duckspeack und vor allem des delstop. Diese als Verbrechenstop übersetzte Methode dient dazu, so genannte „Gedankenverbrechen“ zu vermeiden, indem man den Gedankenstrom automatisch umlenkt, wenn er regierungskritische, ungute Themen berührt (mehr dazu bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neusprech“).

Dass ein Mann mit solchen Talenten einer der beliebtesten Politiker in Deutschland ist, versteht sich von selbst, einer seiner Vorgänger, der Neusprech mindestens ebenso gut beherrschte, war ja auch sehr beliebt, der Fischer, Joschka. Der Herr Steinmeier jedenfalls beehrt jetzt meine Heimatstadt mit seinem Besuch, taucht mit 56 Amtskollegen anderer Länder zum Ministerratstreffen der OSZE an der Elbe auf. OSZE steht bekanntlich für: Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Auch das ist Neusprech und ein Riesenlacher, denn wohin uns diese Organisation und ihr Vorgänger die KSZE gebracht haben, sehen wir ja. Der Nahe Osten steht in Flammen, die NATO ist an die russische Grenze herangerückt, die Bundeswehr agiert in Litauen und die Kriegsgefahr ist in den vergangenen Jahrzehnten noch nie so groß gewesen wie heute. Kein Wunder also, dass eine monströse Maschinerie angeworfen werden muss, um Steinmeier und die 56 Räuber zu beschützen. Denn nicht alle fallen auf seine von den Mainstreammedien vervielfachten Lügen herein.

Einer seiner Jünger, der Transatlantiker Niels Annen von der SPD, hat das gestern bereits zu spüren bekommen. Gegen die Fassade des Wohnhauses in Eimsbüttel, in dem der feine Herr wohnt, flogen Beutel mit roter Farbe. Wer die Aufrüstungs- und Kriegspolitik der Bundesregierung so fleißig unterstützt und mit gestaltet, muss damit rechnen, auch mal markiert zu werden.

Aber das ist nur eine Aktion von hoffentlich vielen. Das Problem für Hamburg und alle Hamburger ist doch dieses: Der kleine König Olaf Scholz und sein ihm in Nibelungentreue ergebener Senat stellen die stolze Hansestadt zur Verfügung, um Polizei, Bundeswehr und anderen Behörden die Möglichkeiten der Aufstandsbekämpfung austesten zu lassen. Der Einsatz zum OSZE-Treffen ist ja nur eine Generalprobe für den G-20-Gipfel im Juli, und jener Einsatz eine Generalprobe für das, was an Aufständen noch kommen mag…

Warum hat Hamburgs Polizei denn als erste in Deutschland einen Panzer namens „Survivor“, warum probiert es als erstes jetzt eine neue Software aus? Warum wird ein Mann zum Leiter der beider Gipfeleinsätze gemacht, Hartmut Dudde, der dafür berüchtigt ist, bei Demonstrationen auf Härte und Eskalation statt Deeskalation zu setzen, der nach einer eigentlich schon beendeten NPD-Demo anordnet, dem Lautsprecherwagen der Nazis einen Weg durch die Gegendemo zu bahnen, obwohl ein anderer Weg frei gewesen ist – was zu den offenbar einkalkulierten Auseinandersetzungen führt?

Dass man sich für die Messehallen direkt neben Karo- und Schanzenviertel als Austragungsort beider Gipfel entschieden hat, ist nicht irgendwie halb versehentlich passiert, das ist eine bewusste Provokation. Hier soll etwas durchgefochten werden, hier wollen „starke Männer“, „harte Hunde“ der linken Szene zeigen, wo der Hammer hängt, hier soll ein Exempel statuiert werden: Ihr habt keine Chance gegen uns!

Damit dürfen sie nicht durchkommen. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!

Wurfsendung für einen Rassisten: Jörg Meuthen, einer von zwei Bundessprechern der AfD, bekommt sein Fett weg.

Wurfsendung für einen Rassisten: Jörg Meuthen, einer von zwei Bundessprechern der AfD, bekommt sein Fett weg.

Von Kristian Stemmler

Jetzt ist das Geheule bei den etablierten Parteien wieder groß und die Devise lautet: Haltet den Dieb! Das gute Abschneiden der protofaschistischen Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern kann nach den Umfragen der vergangenen Wochen keinen mehr schockieren, erschüttert die politische Szene aber nicht nur in dem kleinen Bundesland weiterhin nachhaltig. Und natürlich gibt man sich bei den bürgerlichen Parteien wieder gegenseitig die Schuld am Aufkommen der Schmuddelkinder, die sich selbst für Saubermänner halten. Man selbst hat nichts damit zu tun.

Darum hier noch mal fürs Stammbuch: CDU/CSU, SPD und Grüne haben die Bedingungen für die aktuelle Entwicklung mit ihrer neoliberalen Politik überhaupt erst gesetzt. Das Erstarken der Faschisten und Protofaschisten in diesem Land ist systemimmanent, die logische Folge einer Politik, die nach innen für eine Vertiefung der sozialen Spaltung sorgt (Hartz IV etc.) und nach außen zur Zunahme von Kriegen und Krisen weltweit (Kosovo, Afghanistan, Syrien etc.) beiträgt und damit die große Zahl von Flüchtlingen überhaupt erst verursacht. Wer das nicht klar benennt, hat gegen die AfD von Anfang an verloren!

Dass AfD, Pegida & Co. überhaupt so groß werden konnten, daran haben die Mainstreammedien einen erheblichen Anteil. Die rechten Dumpfbacken dürfen bei Talkshows wie „Brei mit Illner“ oder wie die heißt ihren gefährlichen Blödsinn vor einem Millionenpublikum verbreiten, bis heute wird noch die absurdeste Äußerung von AfD-Funktionären zu einem Skandal aufgeblasen. Und die bürgerlichen Parteien und leider auch immer öfter Teile der Linkspartei reagieren auf das Erstarken der AfD, indem sie ihr hinterherlaufen.

Darum ist es ebenso wichtig wie erfreulich, dass sich linke Gruppen vor allem der Antifa zunehmend um die AfD kümmern und es dabei nicht bei verbalem Angriffen belassen. Sie machen damit eine Arbeit, die bürgerliche Parteien und Medien nicht mehr tun wollen: Sie tun das, was man mit Rassisten tun muss – sie stigmatisieren! Wenn eine gefrorene Torte oder ein Beutel Farbe dazu notwendig ist, dann ist das so. In einer Gesellschaft, in der Demokratie nur noch als Fassade existiert, schließt Widerstand Militanz ein.

Im übrigen muss die außerparlamentarische Linke hier auch ein Versagen von Polizei, Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaften ausbügeln. Wenn es wirklich nach dem Buchstaben und Geist der Gesetze gehen würde, müssten sie gegen die Nazis von Kameradschaften, Pegida und AfD vorgehen – aber das geschieht nicht, weil Volksverhetzung heutzutage ein Kavaliersdelikt geworden ist.

Wer sich den entsprechenden Paragraphen 130 im Strafgesetzbuch genau ansieht, kann eigentlich nur einen Schluss ziehen: Die Alternative für Deutschland müsste verboten werden. So lautet der Gesetzestext:

„Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder

2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“

Wenn man das wörtlich nimmt, müssten etliche Funktionäre der AfD längst vorbestraft sein oder im Knast sitzen. Stattdessen werden sie ins Fernsehen eingeladen und hofiert. Dass Medien und Behörden gegen die Rechten nicht entschieden vorgehen, aber Linke zugleich dämonisieren, hat nur einen Grund: Nazis und ihr Umfeld sind für die Herrschenden nützliche Idioten und keine echte Gefahr für die bestehende „Ordnung“ – ganz im Gegensatz zu linken Bewegungen.

Vor allem stellen Rechte das Eigentum nicht in Frage, während das für echte Linke eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Wer sich aber an dieser heiligen Kuh des Systems vergreift, kann keinerlei Gnade erwarten!

Von Kristian Stemmler

Die Alternative für Deutschland (AfD) lässt im niedersächsischen Kommunalwahlkampf die Maske fallen. Was die islamophobe und flüchtlingsfeindliche Partei derzeit im Landkreis Harburg plakatiert, kann nicht mehr als rechtspopulistisch bezeichnet werden, sondern erinnert schon an die Propaganda der Nazis. So zeigt ein Plakat unter der Überschrift „Kann alles weg!“ die Logos der bürgerlichen Parteien von CDU bis Linkspartei. Noch derber ist ein in Buchholz aufgehängtes Plakat, das mit der üblen Parole „Wir helfen Röhse über den Jordan“ dem Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU) droht.

Man muss sich schon mit der Buchholzer Kommunalpolitik beschäftigt haben, um zu erkennen, dass es sich hier um ein Wortspiel handeln soll, das auf die so genannte Jordanfläche am Rathaus Bezug nimmt. Dort entstehen gerade drei Wohnblocks, in denen anerkannte Asylbewerber unterkommen sollen. Nächste Woche ist Richtfest. Die Buchholzer AfD hat den Protest gegen das Projekt ganz oben auf ihre Agenda gesetzt, übrigens in trauter Eintracht mit den Nazis von Aktionsgruppe (AG) Nordheide um Kader Denny Reitzenstein.

Mittlerweile sind offenbar die meisten der Plakate mit dem Jordan-Spruch aus Buchholz verschwunden oder von Unbekannten bearbeitet worden. Ob das für Einsicht der AfD-Verantwortlichen spricht oder Gegner der Partei sich dieses Plakat besonders vorgenommen haben, ist unklar. Der Buchholzer Bürgermeister will derzeit jedenfalls nichts in der Sache unternehmen, wie Stadtsprecher Heinrich Helms dem querschläger bestätigte. Wie schon bei der AG Nordheide, die Röhse vor einigen Monaten in ähnlicher Weise attackierte, will Röhse den Vorgang offenbar nicht unnötig hochspielen.

Für die nächste Ratsperiode lässt der Stil der AfD Schlimmes befürchten. Nach der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung zu urteilen, wird die Partei bei der Kommunalwahl gut abschneiden und im Buchholzer Rat mit drei oder vier Mitgliedern sitzen. Pech für die Buchholzer AfD, dass einer davon Hans-Wilhelm Stehnken sein wird, der nach einem Streit mit dem Kreisvorstand (der querschläger berichtet), besonders mit dem Pressesprecher Hans-Jürgen Bletz, seinen Austritt aus der Partei angekündigt hat.

Nach Auskunft der Stadt haben der Streit und sein angekündigter Austritt keinen Einfluss auf die bereits genehmigten Wahllisten. Stehnken steht im Wahlbereich 2 für die AfD auf Platz eins, wird also mit Sicherheit in den Rat einziehen und zwar auf dem Ticket der AfD. Sollte er sich mit der Partei nicht mehr einigen, wovon auszugehen ist, seinen Platz auf der Liste nicht räumen und auch in keine andere Partei mehr eintreten (resp. aufgenommen werden), würde er als Parteiloser im Rat sitzen.

Interessant ist übrigens, wer für die AfD in Buchholz so am Start ist. Man schaue sich die Herrschaften mal an (http://www.afd-harburg.de/die-kandidaten-fuer-den-stadtrat-buchholz/). Sie sind typische Beispiel für das in weiten Teilen verrohende Bürgertum, ein Zollbeamter, ein Key Account Manager, eine Studentin, ein Vermögensberater, um nur einige zu nennen. Dieser Vermögensberater namens Frank Borgwardt ist übrigens für die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) tätig, ein übles sektenartiges Finanzunternehmen, dass sich mit dem Schmieren hochrangiger Politiker der Union und FDP hervorgetan hat.

Solche Leute braucht das Land.

Von Kristian Stemmler

In bürgerlichen Parteien liegt der Anteil schwieriger Charaktere allgemein schon über dem Bundesdurchschnitt. Rechtspopulistische, rechtsextremistische oder protofaschistische Parteien aber sind geradezu ein Sammelbecken von Querulanten und Profilneurotikern. Es ist daher kein Wunder, dass es zum Beispiel bei der Alternative für Deutschland (AfD) oft zugeht wie bei Mcbeth und das auf allen Ebenen vom Bund bis zur Kommune. Was Meuthen und Petry können, das kann der Kreisverband Landkreis Harburg der islamophoben und flüchtlingsfeindlichen Partei erst recht!

Und wie bei der AfD offenbar üblich, werden gleich die ganz großen Geschütze aufgefahren. Dem querschläger liegt eine „Schutzschrift“ des Kreisverbandes vor – unterschrieben vom Kreisvorsitzenden Jens Krause und einem der stellvertretenden Vorsitzenden, dem für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Hans-Jürgen Bletz -, in der massive Vorwürfe gegen das Buchholzer Mitglied Hans-Wilhelm Stehnken erhoben werden. Hintergrund der „Messerstecherei“: Stehnken, der sich früher bereits bei der CDU als Querulant betätigt hat, hat sich offenbar in einer Pressemitteilung als Pressesprecher ausgegeben und ist damit Bletz ins Gehege gekommen.

Eine Schutzschrift ist eigentlich ein juristisches Institut, ein Schriftsatz an ein Gericht, der beispielsweise verhindern soll, dass im einstweiligen Verfügungsverfahren ein Beschluss ohne mündliche Verhandlung erfolgt. Im vorliegenden Fall geht es Krause und Bletz darum klarzustellen,

dass man mit dem Herrn Stehnken, der übrigens auf einem aussichtsreichen Platz bei der kommenden Kommunalwahl am 11. September für den Buchholzer Stadtrat kandidiert, nichts mehr zu tun haben will. Stehnken sei zwar noch Mitglied im Kreisverband Harburg, habe aber keinerlei Legitimation für die AfD zu sprechen. Gegen ihn liefen disziplinarische Verfahren mit dem Ziel, „ihn umgehend aus der AfD auszuschließen“.

„Alle unsere umfangreichen Bemühungen, Herrn Hans-Wilhelm Stehnken in die innerparteilichen, demokratischen Abläufe zu integrieren, sind leider ergebnislos verlaufen“, heißt es wörtlich in der Schutzschrift. Das legt nahe, dass es beim Kreisverband der AfD mächtig gekracht hat. Stehnken tut heute im Hamburger Abendblatt allerdings so, als habe er lediglich den Fehler gemacht, sich auf einer Pressemitteilung als Pressesprecher auszugeben, diesen Zusatz habe er nach der Intervention von Bletz bei der nächsten Mitteilung nicht mehr verwendet.

Natürlich versäumt es Stehnken, der sich ausweislich seiner Homepage für einen totalen Überflieger und Durchblicker hält, nicht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Das Abendblatt zitiert ihn mit der Bemerkung, „im Hinblick auf meine Fähigkeit, Texte wirkungsvoll zu formulieren“ sei bei einer Gesprächsrunde von Kandidaten angeregt worden, ihn zum Pressesprecher des AfD-Stadtverbandes Buchholz zu wählen.

Und natürlich kriegen seine Kontrahenten auch ihr Fett weg: „Weil ich das aktivste und einfallsreichste Partei-Mitglied bin, werde ich permanent bedrängt, bedroht und sanktioniert. Mein Erfolg und meine moderne Art der Werbung ist den Kreis-Vorstandsmitgliedern Jens Krause und Hans-Jürgen Bletz offensichtlich unangenehm, weil ich damit auf deren Schwächen und Versäumnisse hinweise.“

Wie seiner Homepage zu entnehmen ist, hat Hans-Wilhelm Stehnken Offsetdrucker in Bremen gelernt, dann in Stuttgart auf Wirtschaftsingenieur studiert und arbeitet heute als „Verkäufer, Verkaufsleiter, Anzeigenleiter, Marketingleiter, Verlagsrepräsentant für verschiedene Unternehmen der Druck- und Medienbranche im Weser-Elbe-Raum“. Im Internet ist noch einiges mehr über den umtriebigen Mann zu finden (bitte googeln!). Offenbar hat er bereits bei der Verdener CDU Ärger gemacht.

„Hans-Wilhelm Stehnken ist kein Freund feinsinniger Umschreibungen, wenn er seine Gedanken in Worte fasst“, heißt es in einem Beitrag des Weser-Kuriers vom September 2011 zu einem Streit in der dortigen Union. Da hatte er eine Mail an den unterlegenen CDU-Bürgermeisterkandidaten Heinrich Klopp verschickt und öffentlich gemacht, die mit den Worten begann „Lieber Heinrich, Du warst umgehen von echten Pfeifen…“ Die CDU Verden habe nicht gekämpft, hätte keine Ideen und die falschen (oder überflüssige) Themen gehabt, habe ihn „auflaufen lassen“.

Mit einem solchen Auftreten macht man sich natürlich nicht nur Freunde – und in der AfD gerät man sicher noch schneller als in jeder anderen Partei in massive Händel. Aber der Herr Stehnken weiß da sicher, was zu tun ist. Auf seiner Homepage schreibt er:„Zur Lösung von Problemen ist es erforderlich, sich von eingefahrenen Denkmustern zu lösen und neue Wege zu gehen. Anwendbar sind Kreativitätstechniken in vielen Bereichen des Lebens, so auch in der Partei- und Vereinsarbeit. Denn nur der, der mutig neue Wege geht, erweitert seinen Horizont, ist originell und erfolgreich.“ Viel Erfolg dabei!

DSC_0155

Der Eingang der Schule am Düvelshöpen

Von Anna Lüse

Freundlich lächelt das Kollegium den Betrachter an, entspannt steht die Schülerschaft vor ihrer Schule. Mit solchen Bildern empfängt das Gymnasium Tostedt auf seiner Homepage den User. Eine gut gemachte Seite mit flotten Design, schönen Fotos, schönen Schriften, vielen Informationen. Die Homepage bietet Wissenswertes über die Schule gleich in sechs Sprachen, darunter sogar polnisch und ungarisch.

Ganz anders begrüßt die Schule am Düvelshöpen den Internetsurfer. Stümperhaft und lieblos designt mit einem schlechten Foto des Schulgebäudes im oberen Teil, darunter die blassen Wappen der Kommunen im Einzugsgebiet wie Otter, Welle, Königsmoor, links Buttons in kackbraun. Die Informationen auf der Seite sind spärlich bis nichtssagend.

Was hier auf den ersten Blick nur Äußerlichkeiten sind, das ist tatsächlich Ausdruck der tiefen Spaltung im deutschen Bildungssystem, das sich am Beispiel der drei eng beieinander liegenden Schulen von Tostedt sehr gut illustrieren lässt. Bei allen Versuchen, das Bildungssystem zu reformieren, zeigt sich hier, dass es vielerorts die gesellschaftlichen Erosions- und Entsolidarisierungsprozesse nicht bekämpft oder wenigstens abfedert, sondern sogar zementiert: Man kann ohne Übertreibung von Bildungsrassismus sprechen.

Den Gymnasiasten, die es meistens ohnehin schon besser getroffen haben, wird der rote Teppich ausgerollt, die Hauptschüler können sehen, wo sie bleiben – auch in Tostedt. Schon auf der Startseite des Gymnasiums Tostedt im Internet wird das deutlich. Da stehen rechts die Sponsoren der Schule: die TU Harburg, die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU im Landkreis Harburg, die Irene und Friedrich Vorwerk Stiftung und die Sparkasse Harburg-Buxtehude. Auf der Website der Schule am Düvelshöpen sucht man vergebens nach Unterstützern. Warum soll man auch in Hauptschüler investieren?!

Auch sonst kann das Gymnasium einiges aufbieten. In der länglichen Vorstellung der Schule heißt es: „Über den eigentlichen Unterricht hinaus werden Arbeitsgemeinschaften, Projekte, Betriebspraktika, Austauschprogramme, Exkursionen und Klassenfahrten, Nachhilfestunden für Schüler u. a. angeboten.“ Na, das ist doch schon was!

Unterrichtsfächer hat man selbstverständlich in Hülle und Fülle im Angebot. „Neben den so genannten Langfächern (erhöhte Stundenzahl) Deutsch, Englisch, einer weiteren Fremdsprache wie Französisch, Latein oder Spanisch und Mathematik werden folgende Kurzfächer (verminderte Stundenzahl) unterrichtet: Kunst und Musik/Erdkunde, Geschichte, Politik, Religion, Werte und Normen / Biologie, Chemie, Physik / Sport.“

Die Schule am Düvelshöpen kann da nicht ganz mithalten. Unter dem Stichwort „Leitbild“ sind lediglich einige Allgemeinplätze abgelegt wie „Bei uns ist jeder willkommen!“ oder „Jeder wird in seiner Individualität wahrgenommen“. Weiter heißt es: „Wir geben Zeit und Raum zur Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung.“ Das ist ja großartig!

Was da an der Hauptschule so unterrichtet und angeboten wird, ist auf der Seite nicht so ohne weiteres in Erfahrung zu bringen, vermutlich gibt es darüber nichts zu sagen. Dafür erfährt der Leser, das es Projekte zur Integration und zum „sozialen Lernen“ und „Powerkurse“, in denen Defizite ausgeglichen werden sollen. Merke: Der Hauptschüler hat vor allem Defizite!

Die „besonderen Angebote“ des Gymnasiums Tostedt aufzuzählen, fehlt hier der Platz. Erwähnt seien hier nur beispielsweise Schulpartnerschaften mit Schulen aus vier Ländern, Theater-AGs und eine Kooperation mit der TU Harburg. Keine Frage, dass das Gymnasium einen Computerraum mit 33 Arbeitsplätzen und eine Medienbibliothek mit 27 Computern, die in der Pause „immer umlagert“ sind, ihr eigen nennt.

Auf der Homepage der Hauptschule findet man nichts über internationale Partnerschaften, komisch eigentlich. Aber man hat immerhin diverse Arbeitsgemeinschaften, zum Beispiel Jazzdance, Werken und Fußball, man hat eine Schulband und einen Schulgarten. Man trägt die Titel „Sportfreundliche Schule“ und „Schule ohne Rassismus“, was ja schon besser ist als nichts.

Der Eindruck von den Schulen im wirklichen Leben bestätigt den aus dem Internet in vollem Umfang. Das Gymnasium empfängt den Besucher vorn an der Straße geradezu protzig, mit hellen, großzügigen Backsteingebäuden – die Hauptschule liegt hinten irgendwo hinterm Sportplatz, flach und düster mit ihren schwarzen Holzbalken. Im Inneren sieht es auch nicht besser aus.

Während das Gymnasium schön hell ist, ist die Hauptschule innen so düster wie die Aussichten vieler ihrer Schüler. Dafür sorgen etwa die rotbraunen Fliesen in der Aula. „Aber die Cafeteria ist das Schlimmste“, berichtet ein Schüler. Alte Röhrenfernseher und Billardtische mit zerfranstem Bezug zeugen davon, dass man in diese Schule nicht unbedingt Geld investieren möchte.

Ebenso symptomatisch ist die Verpflegung der Schüler. Für die Hauptschüler gibt es von Schülern belegte Brötchen, von denen meist nach der Hälfte der Pause schon alle weg sind. Die Realschule nebenan hat eine von Eltern geführte Cafeteria, die mehrmals in der Woche mit warmen Snacks aufwartet. Und das Gymnasium hat eine hauseigene Filiale der Bäckerei-Kette Elmers und einen Snackautomaten. Noch Fragen?