Analysen

St. Pauli soll auf die Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe


 

Dieses Interview mit Julia Staron, Quartiersmanagerin auf St, Pauli erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt:

St. Pauli gehört zu den Touristenmeilen der Welt, Inbegriff von Matrosenromantik und Rotlicht. aber wie in anderen Städten zerstört der Tourismus seine eigene Grundlage: Atmosphäre und Traditionen. Sie haben mit Mitstreitern eine Initiative gestartet, das Leben im Kiez auf die Liste der Unesco für immaterielles Kulturerbe zu setzen. Ist auf St. Pauli denn noch was zu retten?

Hier stellt sich die Frage nach der Perspektive. St. Pauli ist in seiner etwa 400jährigen Geschichte als Ort zwischen den Grenzen einem ständigen Wandel unterworfen. Seeleute gibt es schon lange nicht mehr. Das Rotlicht hat in den 80er Jahren seinen massivsten Einschnitt erfahren. Auf diese Veränderung erfolgte eine der buntesten und innovativsten Entwicklung im Bereich der Klubkultur. Bei unserer Initiative kann es also gar nicht um die Bewahrung einer folkloristisch anmutenden Tradition gehen, sondern um eine Kulturforschung, um den Kern dessen, was man gemeinhin mit St. Pauli verbindet. Um ein Erforschen von Mythen, Klischees und dem tatsächlichen Gefühl, das die Menschen hier bei allen Gegensätzlichkeiten verbindet.

Was ist das für eine Liste, von der nur wenige bisher gehört haben? Darauf stehen Handwerkstechniken oder Brauchtum, zum Beispiel der rheinische Karneval und das Sternensingen.

Die Liste kennt kaum jemand, weil sie auch für die dort gewürdigten Kulturen und kulturellen Ausdrucksformen faktisch keine wirklichen Folgen hat. Viele Menschen verbinden mit dem Weltkulturerbe eben das materielle, was dann auch Rechtsfolgen wie eine Stärkung des Denkmalschutzes mit sich bringt und zudem durch die Liste der Weltkulturstätten dann auch eine touristische Stärkung nach sich zieht. Das gilt für das immaterielle Erbe nicht. Hier geht es mehr um eine Würdigung einer Besonderheit, eine innere Stärkung und Bewusstseinsmachung.

Reeperbahn, wenn ich Dich heute so anseh‘ Kulisse für’n Film, der nicht mehr läuft“, sang Udo Lindenberg schon 1989. Seitdem ist es ja erst richtig schlimm geworden, oder?

Ich weiß ja nicht. Das wird immer so in den Raum gestellt. Die Straßen sind voller als Anfang der 80er. Touristischer Ort war St. Pauli schon immer – seit vielen hundert Jahren. Es gibt aber viele St. Paulis. Es gibt das der 20er/30er Jahre, der 50er, das St. Pauli der Beatles, des Rotlichts, der Kaschemmen und Kneipen, der Theater, der Shows, den Lebensraum St. Pauli in Nord und Süd, das St. Pauli der Seeleute, der gestrauchelten Träume, der Clubkultur, der Subkultur, der Hafenstraße, des Fußballs … ach und noch so viel mehr. Darf es in dieser Vielfalt überhaupt so etwas wie eine Deutungshoheit geben?

Aber die Reeperbahn quillt doch über vor Touristen?

Ja, ein paar Dinge fühlen sich heute anders an und einige Bilder passen irgendwie nicht mehr. Es gibt eine Art Tourismus, der die Leichtigkeit wie auch Austauschbarkeit eines Strand- und Party-Urlaubs in urbane Räume trägt. Städte verkommen zu merkwürdigen Kulissen. Die tatsächliche Freiheit St. Paulis wird genutzt wie ein Kostüm bei einem Junggesellenabschied. Zudem gibt es immer mehr touristische Angebote, die gar nicht mehr aus dem Viertel kommen, sondern wo St. Pauli eben eher von Eventagenturen aufgrund seines Images und seiner Kulissen-Wirksamkeit missbraucht wird.

Auch die Investoren tun dem Kiez nicht immer gut. Südlich der Reeperbahn fühlt man sich zwischen sterilen Bürotürmen wie in einem Alptraum, oder?

Also, ich wohne im Brauquartier in einer Wohnung der Bergedorf-Bille Genossenschaft. Wunderbar bezahlbar. Man kann über die Architektur streiten – ich finde die roten Häuser ganz ok. Der Platz ist allerdings eine stadtplanerische Pleite. Die Fallwinde, die bei den tanzenden Türmen sogar noch schlimmer sind, machen ein Leben im Außenbereich und Erdgeschoss fast unmöglich. Die Nachbarschaftlichkeit hat hier aber zum Glück andere Wege gefunden.

Was bleibt von der Seele des Quartiers, haben Sie gefragt – ein starker Satz. Hat St. Pauli seine Seele nicht längst verkauft?

Niemals.

Wie sieht das weitere Verfahren aus, wie schätzen Sie Ihre Erfolgsaussichten ein?

Das ist schon ein hartes Brett; denn wir wagen uns ja durchaus an die Deutung des Kulturbegriffes der Unesco heran. Das Immaterielle Weltkulturerbe ist halt recht folkloristisch geprägt und urbane Kulturen haben es per se schon schwerer. Unser Unterfangen ist gewagt – aber nicht unmöglich. Interview: Kristian Stemmler

2 Gedanken zu “St. Pauli soll auf die Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe

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