Realitätsverlust und rechte Hetze – Ratsmitglied Hans-Wilhelm Stehnken dreht frei

Von Kristian Stemmler

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Dies scheint das unausgesprochene Motto eines Mitglied des Buchholzer Stadtrates zu sein, das offenbar alles übertrifft, was es in diesem Gremium bisher an Auffälligkeiten und Skandalträchtigkeit gegeben hat. Wer den Autor dieser Zeilen für einen „bunten Vogel“ gehalten hat, sollte sich korrigieren angesichts der Nummer, die der parteilose Ratsherr Hans-Wilhelm Stehnken gebracht hat. In manchem erinnert der Mann an das legendäre Kreistagsmitglied Erich Romann.

Wie der Ex-Pirat Romann scheint auch Stehnken immer mehr in eine Scheinwelt abzudriften, in der nur seine eigene Realität gilt. Diesen Mann als Querulanten zu bezeichnen, ist noch leicht untertrieben. Wer es schafft, sich nicht nur in der CDU mit jedem anzulegen, sondern auch in der protofaschistischen AfD in Rekordzeit mit allen über Kreuz zu liegen, der ist schon was ganz Besonderes. Denn zur AfD gehören Querulantentum und notorisches Intrigieren eigentlich dazu wie der SUV zum Profilneurotiker.

Immerhin hat Stehnken es geschafft, auf AfD-Ticket in den Stadtrat einzuziehen, mit der er jetzt das ideale Forum gefunden hat, um seine unübersehbare Eitelkeit zu pflegen. Zuletzt hat er allerdings dabei etwas überzogen. Wie die Abenblatt-Beilage Harburger Rundschau vor kurzem berichtete, wurde der 65-Jährige von Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU) ins Rathaus zitiert. Am Gespräch nahmen auch der Ratsvorsitzende Peter Noetzel (CDU) und sein Stellvertreter Joachim Zinnecker (Grüne) teil. Ein Vorgang, der wie Röhse zitiert wird, einmalig in der Buchholzer Ratsgeschichte sein dürfte.

Was war passiert? Stehnken hatte auf seiner neuen Homepage, die er in seiner eingangs erwähnten Bescheidenheit stehnken-news.com benannt hat, angeblich satirisch gemeinte Beiträge eingestellt. Darin bezeichnete er SPD-Fraktionschef Wolfgang Niesler als „skurril-seltsame, beinahe geheimnisvolle Kreatur“, die wie aus der Zeit gefallen wirke und deshalb aufs Abstellgleis gehöre.

Gabriele Wenker, Fraktionschefin der Grünen, attestierte er, für diese Aufgabe „in keiner Weise geeignet“ zu sein. Ihre Redebeiträge seien „einfältig, trist und mitunter unverschämt“. Garniert gewesen seien die Texte, so das Abendblatt, mit „äußerst freizügigen Aktfotos“ und dem Slogan, Provinzpolitik könne durchaus „geil sein“. Stehnken habe geschrieben, er könne sich aber auch Wenker-Fotos im Bikini oder reizvoller Unterwäsche vorstellen.

Was daran Satire oder gar lustig sein soll, ist in der Tat schwer zu erkennen. Jedenfalls gelang es Röhse, Noetzel und Zinnecker den Ex-Afdler so zu bearbeiten, dass er widerrief, die inkriminierten Formulierungen und Bilder von der Website entfernte und sich schriftlich bei Niesler und Wenker entschuldigte. Aber damit ist die Sache keineswegs erledigt, wie man sich denken kann, wenn man die „Karriere“ des Herrn Stehnken auch nur von Ferne verfolgt hat.

Denn mit Datum vom gestrigen Dienstag hat er ein mit „Rücknahme der Entschuldigung“ betiteltes Schreiben an Wenker und Niesler formuliert und auf der Homepage eingestellt, in dem er behauptet, von „mehreren“ anderen Ratsmitgliedern sei ihm mitgeteilt worden, seine Beiträge seien als Satire verstanden worden. Dies seien „im übrigen zulässige Stilmittel“. Bürgermeister und der Ratsvorstand hätten ihm „einen abweichenden Sachverhalt dargestellt“. „Moralisierend“ sei auf ihn eingewirkt worden, er habe „unbegründete Schuldgefühle“ entwickelt – daher nehme er die Entschuldigung zurück.

Dem Mann ist offenbar nicht mehr zu helfen. Das zeigt auch seine, immerhin von einer Werbeagentur designte Homepage. Schon die Startseite ist von unüberbietbarer, aber unfreiwilliger Komik, denn dort bezeichnet sich Stehnken allen Ernstes als „Der Rebell“, was das Hamburger Abendblatt übrigens dämlicherweise in der Zeile übernommen hat. Tja, liebe Kollegen, da hättet Ihr Euch die Homepage vielleicht etwas genauer anschauen müssen.

Wer nämlich die etwas weiter hinten zu findenden Texte liest, stellt schnell fest, dass der Wirtschaftsingenieur alles andere ist als ein Rebell, sondern ein übler Rechtspopulist und Hetzer, der sich offenbar mit den Spießgesellen von der AfD nur aus persönlichen und nicht aus inhaltlichen Gründen zerstritten hat. Wir treffen da auf die weit in die bürgerliche Mitte reichende, krankhafte Islamophobie. „Islamisten, Salafisten und Dschihadisten“, das sei „das Mega-Problem“, das der Rechtsstaat nicht in den Griff bekommt.

Leider zeigt sich immer wieder aufs Neue, dass es den Strippenziehern des Systems nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelungen ist, einen neuen „Erbfeind“ zu kreieren. Die geringe Intelligenz vieler Mittelschichtler oder deren verbissene Entschlossenheit, den Platz an der Futterkrippe zu verteidigen, haben dazu beigetragen, dass „der Islamist“ heute als die Bedrohung schlechthin gilt.

Macht mal die Augen auf, Leute, guckt mal in den Spiegel! Diese von Euch getragene „Zivilisation“ trägt den Wahnsinn und die Krankheit in sich. Das Krebsgeschwür heißt Kapitalismus oder Gier, nennt es, wie Ihr wollt.

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