Vom Versagen der Kirchen in unserer Zeit – ein Zwischenruf zum Pfingstfest

Veröffentlicht: 2016-05-15 in Analysen, Überregionales, Hintergründe, Kommentare, Widerstand
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Von Kristian Stemmler

Rot ist die liturgische Farbe des Pfingstfestes. „Feurige Zungen“ hätten über den Köpfen der Anhänger Jesu getanzt, die sich zum jüdischen Schawuot, das unter anderem mit Erntedank zu tun hat, nach Aussage der Apostelgeschichte in Jerusalem versammelt hatten. Die Flammen symbolisieren hier den Heiligen Geist, der die Menge erfasst habe, sie seien so be-geistert gewesen, Feuer und Flamme für den neuen Glauben, dass sie sich aufmachten die erste von vielen Gemeinden zu gründen.

Soweit die alte Geschichte. Aber wie sieht es heute aus in und mit den Kirchen, die dieses Ereignis und damit das aus Schawuot hervorgegangene Pfingstfest gern als ihren Geburtstag begehen? Wo ist da noch Begeisterung zu spüren? Wo sind da noch Feuer und Flamme? Sehen wir nicht nur noch ein Häuflein Asche vor uns, in dem ganz tief unten ein wenig Glut ums Überleben kämpft?

Ja, gut, diakonisch, karitativ sind die beiden Amtskirchen noch präsent, kümmern sich um Obdachlose, Kranke, Alte, wobei das oft auch mehr wie ein professionell gemanagter Geschäftszweig wirkt. Politisch setzt man sich vor allem für die Flüchtlinge ein, was aller Ehren wert ist und wichtig angesichts der Hetze in weiten Teilen der Bevölkerung. Aber das reicht alles eben nicht.

Tatsächlich verfehlen die Kirchen ihre Aufgabe grandios und verraten ihre Botschaft nachhaltig. Sie schweigen weithin zum Skandal der sich immer mehr vertiefenden sozialen Spaltung in diesem Land und lassen ein System weithin gewähren, das alles abräumt, attackiert, zerstört, was wertvoll, tragend und heilig ist: Traditionen, Bräuche, das Bewusstsein von Geschichte, Heimat, Zugehörigkeit, zuletzt die menschlichen Bindungen, die Familie

Der Gefängnispsychologe und Buchautor Götz Eisenberg beschrieb diesen Prozess so:

„Die deregulierten Individuen sollen moralischen und psychischen Ballast abwerfen und sich in flexible und beschleunigsungsfähige Nomaden verwandeln, die jedwede Form der Bindung an Orte, Menschen und die eigene lebensgeschichtliche Vergangenheit und Prägung abgestreift haben. Die noch verwertbaren und für die Reproduktion des Kapitals benötigten Menschen werden dynamisiert und über Konsum- und Statusprämien ans System gebunden; über die anderen, die Entbehrlichen und Herausgefallenen, wird mehr und mehr der Polizeistaat kommen.“

Wo bitte stellen sich die Kirchen wirklich ernsthaft diesen Entwicklungen entgegen, ja, wo begreifen sie sie überhaupt? Man hat sich eingerichtet in dieser Gesellschaft. Wenn die Menschen zu Weihnachten in die Kirchen strömen, ist man stolz und froh: Da seht Ihr, dass die Kirchen doch noch ihre Bedeutung haben.

Ignoranter geht es nicht! Gerade der gesellschaftliche Umgang mit den Hochfesten ist ein eklatantes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus und Konsumismus alle Bastionen schleifen und alles für ihre Zwecke zurichten. Weihnachten ist nur noch Anlass für den größten Konsumrummel des Jahres, Ostern ein reines Sauf- und Fressfest. Wer sich darüber freut, dass zu diesen Festen mehr Leute in der Kirche sitzen, hat den Schuss nicht gehört.

Es ist traurig, aber wahr: Von diesen Kirchen sind wirklich wichtige Impulse für eine gesellschaftliche Erneuerung nicht zu erwarten. Feuer und Flamme sind woanders zu suchen. Vielleicht eines Tages bei einer neu politisierten Jugend, der es gelingt, die Waffen der Manipulation, die auf sie gerichtet sind, umzudrehen und gegen das System zu wenden. Das wäre ein Funke für kollektive Begeisterung wie damals zu Schawuot in Jerusalem!

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