Geschlossene Abteilungen, offene Fragen – wer sind die wirklich Kranken? Eine Fortsetzungsgeschichte

Veröffentlicht: 2016-05-08 in Hintergründe
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An diesem 8. Mai, der im Kalender auch als Muttertag geführt wird, startet der buchholz express eine zweite Fortsetzungsgeschichte, die sich im Gegensatz zum Roman „Scapegoats strikes back“ nicht mit politischen Hintergründen befasst, sondern mit sehr persönlichen Prozessen, die aber dennoch auch eine große gesellschaftliche Relevanz haben. Die Geschichte nimmt tatsächliche biographische Ereignisse mehrerer Personen auf und verschmilzt sie zu einem einzigen Ganzen.

Es geht dabei um die Menschen, die – oft bis an ihr Lebensende – psychisch leiden oder zugrunde gerichtet sind, weil sie von anderen ge- und beschädigt worden sind, ohne sich dagegen wehren zu können – in der Regel weil sie damals noch ein Kind waren. Das auszusprechen, ist eines der verbliebenen großen gesellschaftlichen Tabus: Die Psychiatrien des Landes sind voll von Menschen, die von den wirklich Kranken, die sich nie haben behandeln lassen, zerstört oder fast zerstört worden sind.

Ihnen, den Menschen in den Psychiatrien, ist diese Fortsetzungsgeschichte gewidmet. Ihr seid die eigentlichen Helden des Lebens!

 

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Folge 1

Der Pfleger kam jetzt zum dritten Mal in das Zimmer. „Frau Klein, ich war jetzt schon zweimal hier und habe Ihnen gesagt, dass Sie die Zähne putzen und sich anziehen sollen. Ich gebe Ihnen noch zehn Minuten, dann bin ich noch mal hier und dann sind Sie fertig! Haben wir uns verstanden?!“ Er wartete die Reaktion nicht ab, sondern verließ das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Karen hob mit Mühe den Kopf, schaute sich im Zimmer um. Das andere Bett an der gegenüberliegenden Wand war bereits leer, die Mitpatientin offenbar schon aufgestanden und nach vorn gegangen. Karen nahm alle Kraft zusammen und richtete sich in ihrem Bett auf. Es kostete sie unendliche Anstrengung, das Bett zu verlassen und die wenigen Meter bis zum kleinen Bad des Patientenzimmers zurückzulegen.

Regungslos stand sie mindestens drei Minuten am Waschbecken und starrte in den Spiegel, ohne wirklich etwas zu sehen. Mechanisch nahm sie ihre Zahnbürste aus dem Zahnputzbecher, quetschte ein wenig Zahnpasta auf die Bürste und steckte sich die Bürste dann in den Mund, um sie ein paar Mal hin- und herzubewegen. Mehr war nicht drin.

Als der Pfleger wieder das Zimmer betrat, hatte sie es tatsächlich noch geschafft, sich etwas anzuziehen, wobei sie nicht darauf geachtet hatte, ob sie die Kleidung schon getragen hatte. Der Pfleger war zufrieden, dass sie zumindest seinen Anordnungen Folge geleistet hatte. „Geht doch, Frau Klein! Dann sehe ich Sie gleich beim Frühstück.“

Für Karen hatte wieder ein Tag begonnen, ein weiterer unerträglicher Tag in einer Kette unerträglicher Tage.

*

Judith Hartmann wachte mitten in der Nacht auf. Ein Alptraum holte sie abrupt aus dem Schlaf. Wie solche Träume es an sich haben, war auch dieser völlig surreal gewesen, auch wenn vertraute Personen und Orte darin vorgekommen waren. Judith setzte sich im Bett auf und versuchte, sich zu sammeln und zu erinnern, was sie geträumt hatte.

Zuerst war sie in ihrer Wohnung gewesen, der von damals in Berlin-Kreuzberg, wo das Klo außerhalb der Wohnung lag, eine Treppe höher. Die Bilder hatten ein Gefühl großer Fremdheit bei Judith ausgelöst. Sie war durch die völlig leere Wohnung geirrt und hatte nach dem Ausgang gesucht, ohne diesen zu finden.

Unvermittelt hatte sie sich in ihrem Traum dann in einer S-Bahn wiedergefunden, die durch irgendeinen Vorort fuhr. Sie war ganz allein im Abteil, nur ihre kleine Tochter saß auf ihrem Schoß. Auch dieses Bild erschien Judith in der Erinnerung als surreal, vor allem aber mit Gefühlen intensiver Angst verbunden.

Plötzlich hatte die S-Bahn auf freier Strecke gehalten und war voller Menschen gewesen. Im selben Moment hatte sie registriert, dass ihre Tochter nicht mehr da war. Panisch bahnte sie sich einen Weg durch die Menge im Abteil, ohne ihr Kind wiederzufinden.

Im nächsten Bild stand Judith auf den Gleisen, es war Nacht, sie sah die S-Bahn davonfahren. Am Fenster des letzten Wagens erblickte sie ihre Tochter schemenhaft. Die Tochter winkte ihr zu.

*

Karen hatte das Frühstück hinter sich gebracht, sie rauchte eine Zigarette auf der Terrasse der Station und unterhielt sich mit einer Mitpatientin. Melina war 15 Jahre alt und magersüchtig. Inzwischen hatte sie schon ein wenig zugenommen, war nicht mehr das Gerippe wie bei ihrer Einlieferung. Sie musste täglich mehrfach auf die Waage, hatte einen strengen Speiseplan. Das Gespräch verlief schleppend, beide waren zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.

Nach dem Rauchen ging Karen in den Garten der Station, suchte sich einen freien Gartenstuhl. Es war noch relativ frisch, aber in der Sonne schon ganz gut auszuhalten. Karen spürte die Sonne praktisch nicht, sie musste nur irgendwie die Zeit herumbringen.

Warten, dachte sie, das ist das, was in der Psychiatrie die eigentliche Haupttätigkeit ist, wenn man da von Tätigkeit sprechen konnte. Heute Vormittag hatte sie wenigstens Programm, ein Gespräch mit dem Psychologen der Station. Der war eigentlich ganz in Ordnung, ein bisschen konfus vielleicht. Mit seiner Nickelbrille und seinen langen Haaren erinnerte er sie ein wenig an Woody Allen. Sein Humor war allerdings nicht ganz so trocken.

Kurz vor zehn ging sie die Steintreppe zum ersten Stock hinauf und setzte sich im Flur vor dem Raum des Psychologen auf einen Stuhl. Nach fünf Minuten öffnete er die Tür und bat sie herein. Sie betrat den vertrauten Raum mit einer Mischung aus Angst und Erwartung. Hinter jedem Satz, den sie sich abringen würde, konnte ein Abgrund liegen. Aber sie spürte im Innersten, dass sie dem Psychologen etwas erzählen müsse und wollte, über das, was sie quälte. Koste es, was es wolle.

(Wird fortgesetzt)

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