Shock and Awe in den europäischen Metropolen – und wer hat’s erfunden?

Von Kristian Stemmler

Nach den Anschlägen von Brüssel herrscht wieder derselbe Hype oder besser: dieselbe Hysterie wie nach denen von Paris. Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Schraube dieses Mal noch ein Stück weiter gedreht wird. Das emotionale Hochkochen der Diskussion, die offenbar beabsichtigte Hysterisierung der Öffentlichkeit sollte jeden aufmerksamen politischen Beobachter wachsam werden lassen und ihn zu der Frage bringen: Cui bono? Also: Wem nützt das Ganze eigentlich?

Wer die AnNotausgangschläge in der belgischen Hauptstadt ausgeführt hat, wer diese Leute beauftragt hat, wer am Ende hinter all dem steckt, ist sicher nicht ohne Belang, aber die Beantwortung dieser Fragen ist nicht wirklich notwendig, um Sinn und Ziel des Terrors zu analysieren. Was sagt es uns, wenn wir wissen, dass der IS dahinter steht. Was ist der IS? Was soll der IS?

Viel wichtiger ist es, sich die Forderungen bestimmter Politiker anzusehen, die Kommentare bestimmter Journalisten, die Statements bestimmter „Sicherheitsexperten“ in Funk und Fernsehen. Und da ergibt sich schnell, wer vom Terror an erster Stelle profitiert. Alle, die ein essenzielles Interesse an gesellschaftlicher Spaltung (Divide et impera – Teile und herrsche), am Verbreiten von Angst und Unsicherheit haben, also etwa Rechtspopulisten und ihre Freunde von ganz rechts, die Law-and-Order-Fetischisten aller Parteien und ihre Auftraggeber in den höheren Etagen.

Ohne irgendwelche Verschwörungstheorien pflegen zu wollen: Aber es liegt doch auf der Hand, dass die wirklich Herrschenden Interesse daran haben, eine Atmosphäre des Hasses und der Intoleranz zu erzeugen, in der sich der Zorn der Leute auf noch Schwächere richtet und nicht auf sie selbst, die eigentlich die Schuld an ihrer Misere tragen. Diesen Sündenbock-Mechanismus haben die Nazis ab 1933 bis zum Exzess ausgenutzt und perfektioniert. Er hat sich also bewährt.

Warum kommt mir zuletzt immer wieder der Terminus „Shock and Awe“ in den Sinn? Zuerst gehört habe ich ihn im ersten Irakkrieg, weil er dort die Strategie der USA kennzeichnete, nämlich Schrecken (Schock) und Furcht in der irakischen Bevölkerung zu verbreiten, so dass es gar nicht erst zu nennenswerten Verteidigungsmaßnahmen kommt. Der Begriff wird auch in der Politik für Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung verwendet.

Bei Wikipedia wird dazu auf den Reichstagsbrand verwiesen oder die Angriffe vom 11. September, die von der US-Regierung dazu genutzt wurden, unpopuläre Maßnahmen wie die Ausweitung der Überwachung oder den Krieg in Afghanistan durchzusetzen. Bei Wikipedia heißt es dazu wörtlich: „Der traumatisierte und hilflose Zustand der Menschen nach katastrophalen Ereignissen macht sie demnach besonders empfänglich für bestimmte propagandistische Botschaften, Feindbilder oder eine Neuausrichtung.“

Na, wenn das nicht auf die momentane Lage in Europa passt! Also, wie gesagt: Ist es wirklich so wichtig, wer die Anschläge ausgeführt oder in Auftrag gegeben hat. Sollten wir uns nicht vielmehr fragen, ob es Leute gibt, die an der Umsetzung einer solchen Strategie in europäischen Metropolen ein Interesse haben. Nein, es geht mir nicht darum, gleich wieder auf „unsere amerikanischen Freunde“ zu zeigen. Ich stelle nur Fragen…

Kann es in der momentanen Atmosphäre überraschen, dass manche Texte, die einem in diesen Tagen in die Hände fallen, in ihrer Diktion und in ihren Inhalt lebhaft an die Publizistik der NSDAP erinnern?! Und damit sind hier nicht die Ausfälle von irgendwelchen durchgeknallten Nazis in den Netzwerken gemeint – gemeint ist hier ein bestimmter Beitrag, der auf der meistgelesenen deutschen Nachrichtenplattform Bild.de erschienen ist. Und nicht von irgendjemand, sondern vom Chefredakteur von Bild.de, Julian Reichelt.

Reichelt hat unter der Überschrift „Warum wir den Kampf gegen ISIS gerade verlieren!“ einen Kommentar mit Schaum vorm Mund auf seinem Portal abgesondert, einen Kommentar, der einem die Schuhe auszieht, einen Kommentar, den faschistisch zu nennen, man sich nicht scheuen sollte. Etwas in dieser Art hätte auch in den „Stürmer“ der Nazis gepasst. An polemischer Vereinfachung, an ekelhafter Hetze und extremen politischen Forderungen ist Reichelts Text kaum zu überbieten

Ich erspare mir, den Kommentar näher zu beleuchten, will hier nur auf einen Aspekt hinweisen. Reichelt fordert allen Ernstes, junge Syrien-Rückkehrer, die nachweislich für den IS gekämpft haben, für 15 Jahre in den Knast zu stecken – mit anschließender Sicherungsverwahrung! Was machen wir denn dann mit dem amerikanischen Soldaten, der eine Drohne in eine afghanische Hochzeitsgesellschaft gelenkt hat oder den saudischen Bomberpiloten, die den Jemen in Grund und Boden gebombt haben?!

Hier der Links zu Reichelts Beitrag. Alle Leser des buchholz express mögen sich selbst ein Bild machen, was der Mann beabsichtigt:

http://www.bild.de/politik/ausland/terroranschlag-bruessel-flughafen-zaventem/warum-wir-den-kampf-gegen-isis-gerade-verlieren-45050132.bild.html

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2 Comments

  1. Ach, Herr Neb, lesen Sie doch einfach die Märchen in Ihren Qualitätsmedien. Ich habe hier lediglich darauf hingewiesen, dass die Anschläge in Paris und Brüssel offenbar Angst und Schrecken in Europa verbreiten sollen und dass es Leute gibt, die davon profitiert. Ich habe ja hier weder Staaten noch Unternehmen noch Organisationen genannt, die so etwas steuern. So etwas muss auch nicht gesteuert werden, das entwickelt sich von allein in diesem entfesselten Brachialkapitalismus. Wachen Sie doch endlich mal auf: Glauben Sie denn das unsere Raubzüge im Nahen Osten, in Afrika und anderswo folgenlos bleiben??? Wir werden sehen, wer recht behält.

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  2. Hallo Herr Stemmler,

    muss Ihnen denn ALLES als Projektionsfläche für Ihre kruden Verschwörungstheorien dienen?

    Entsetzte Grüße

    Matthias Neb

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