Gedenken, ja – aber bitte nicht so konkret! Gedenkstein für NS-Opfer auf dem Buchholzer Marktplatz wird eingeweiht

Veröffentlicht: 2016-01-08 in Hintergründe, Lokales, Politik
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An dieser Stelle wird die Gedenkstätte für NS-Opfer errichtet.

An dieser Stelle wird die Gedenkstätte für NS-Opfer errichtet.

Von Kristian Stemmler

Die Jagd ist eröffnet! Die Hysterie über die Ereignisse von Köln steigert sich von Tag zu Tag. Es muss leider angenommen werden, dass sie eine neue Qualität der Hetze gegen Flüchtlinge hervorbringt – und noch mehr und schlimmere Anschläge auf deren Unterkünfte. Schon gründen sich erste „Bürgerwehren“, um „unsere Frauen“ zu schützen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, dass Flüchtlinge durch die Straßen gejagt werden und es dabei Todesopfer gibt.

Angesichts dieser aktuellen Entwicklung wirkt es seltsam unzeitgemäß, wenn auf die Zeit vor mehr als 70 Jahren zurückgeschaut und an die Opfer des NS-Regimes erinnert wird. Doch gerade jetzt, wo die Gefahr einer neuerlichen Zerrüttung der Demokratie in Deutschland und in Europa so groß ist wie nie zuvor nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ist diese Besinnung wichtig.

Darum ist auch das bevorstehende Ereignis im Buchholzer Zentrum von hoher symbolischer Bedeutung: Neben dem „Kriegerdenkmal“ wird am 27. Januar, also am offiziellen Gedenktag für die Opfer des deutschen Faschismus, eine Gedenkstätte für die NS-Opfer eingeweiht. Damit wird ein Projekt vollendet, das vor genau zwei Jahren initiiert wurde, allerdings nicht ganz so, wie es ursprünglich gedacht war.

Um 17 Uhr soll die Einweihung beginnen, wobei die dazu herausgegebene Pressemitteilung der Stadt nicht vermerkt, wer von städtischer Seite daran teilnimmt und ob es Ansprachen geben wird. Die neue Gedenkstätte wird sich auf der Grünfläche in der Mitte des Marktplatzes befinden, gegenüber dem scheußlichen Stein, der 1923 vom späteren NS-Gauleiter Otto Telschow eingeweiht wurde, und die Aufschrift „Den gefallenen Helden“ trägt.

Das von Amelung geschaffene Mahnmal hat, so die Pressemitteilung, die Anmutung von Gefängnisgittern, die aussehen, als wären sie von der Kraft verzweifelter Ausbruchsversuche verbogen worden. In die Lücken zwischen den Stäben sind teilweise Bronzeplatten mit den Namen jender Opfergruppen eingelassen, die unter dem NS-Regime besonders verfolgt worden sind, also Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten und Zwangsarbeiter.

Dass die Verwaltung den 27. Januar, also den offiziellen Gedenktag für die Opfer des deutschen Faschismus, ausgewählt hat, war sicher angebracht. Leider nutzt sie das aber auch, um die Einweihung zu verstecken – zumindest in der Pressemitteilung. Schon in der Überschrift kein Wort von der Gedenkstätte. Sie lautet: „Jugend unterm Hakenkreuz – Integrierte Gesamtschule Buchholz richtet für die Stadt Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus aus“.

Die ersten beiden Absätze beschäftigten sich nur mit der offiziellen Veranstaltung zum 27. Januar, die in diesem Jahr von der Integrierten Gesamtschule am Buenser Weg ausgerichtet wird (18 Uhr). Natürlich ist das eine sinnvolle und wichtige Veranstaltung. Die Schüler und ihre Lehrer habe sich in der Vorbereitung mit dem Leben von Kinder und Jugendlichen in der NS-Zeit beschäftigt, in der IGS wird es dazu eine Ausstellung, einen Vortrag und eine Diskussion geben.

Nur gibt es derartige Veranstaltungen am 27. Januar in Buchholz seit 1996. Das Besondere in diesem Jahr aber ist die Einweihung der Gedenkstätte auf dem Marktplatz und diese Nachricht hätte natürlich nach vorn und in die Überschrift gehört. Die Pressemitteilung zeigt erneut, wie ungeliebt das Projekt nach wie vor bei der Verwaltung und bei den Buchholzer Parteien ist, von Ausnahmen abgesehen.

Natürlich findet sich in der Pressemitteilung auch kein Wort davon, dass es der Autor dieser Zeilen war, der das Projekt im Januar 2014 in seiner Funktion als parteiloses Mitglied des Stadtrats mit einem Antrag im Rat initiiert hat. Auch das Nordheide Wochenblatt wird diese Tatsache sicher wieder verschweigen, da ich dort als persona non grata gelte. Dort gelten Leute wie FDP-Zampano Arno Reglitzky als „Macher“, die Buchholz voranbringen. Der hat ja auch eine Art Gedenkstätte geschaffen, ein Mahnmal für Vetternwirtschaft und Verschwendung, den Kletterturm am Holzweg…

Es versteht sich von selbst, dass alle Versuche abgeblockt worden sind, in der Gedenkstätte für die NS-Opfer lokale Bezüge unterzubringen. Die Nazis sind über Buchholz damals bekanntlich wie Außerirdische gekommen und nach 1945 waren auch keine mehr hier. Daher musste mein Antrag, in der Gedenkstätte an Buchholzer Opfer der Nazis wie den Kommunisten Ernst Neuhaus zu erinnern, auch unbedingt verwässert werden.

So wird jetzt weder an Ernst Neuhaus und andere Buchholzer Opfer erinnert noch an die Tausende, die in Güterzügen, den so genannten „KZ-Zügen“, auf der Strecke der Heidebahn durch Buchholz transportiert wurden. Jetzt werden nur pauschal Opfergruppen aufgerufen, was natürlich besser ist als gar keine Gedenkstätte, aber auch nicht wirklich hilfreich. Peinlich ist das Ganze vor allem auch für die Buchholzer SPD, da sich unter den namentlich bekannten NS-Opfern aus Buchholz Friedrich Bode befindet, damals SPD-Ortsvereinsvorsitzender.

Hier sei noch einmal an die namentlich bekannten NS-Opfer aus Buchholz erinnert:

Die Kommunisten Ernst Neuhaus und Erich Hasselfeld verschwanden „spurlos“, was mit Sicherheit bedeutet, dass sie deportiert und ermordet wurden. Anton Tietjen, der die SPD in Buchholz mit aufbaute, wurde von den Nazis schikaniert und zermürbt, seine Familie ins Elend gebracht. Sein Parteigenosse Friedrich Bode, Ortsvereinsvorsitzender der SPD, war im September 1933 eine Woche im Gewahrsam der Gestapo. Dort wurde er vermutlich eingeschüchtert und gefoltert. Er verlor seine Arbeit und lebte mit seiner Frau in materieller Not.

Die Halbjüdin Paula E, wurde von Otto Telschow gezwungen, ihren Lebensmittelladen zu schließen. Sie wurde in Buchholz als „Volksschädling“ beschimpft, von Geschäftsleuten nicht bedient und vom Zahnarzt nicht behandelt. Als Werkssanitäterin in einem Rüstungsbetrieb musste sie gefährlichste Arbeiten übernehmen. Die sechste Person, die aufgeführt werden sollte, ist ein namenloses Mädchen aus dem Bereich Neue Straße, die im Rahmen des Euthanasie-Programms der Nazis abgeholt und vermutlich ermordet wurde.

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Kommentare
  1. hans-christian keunecke sagt:

    Buchholzer!
    Danke für den Hinweis. Kein Problem. Dann wird eben mit dem jetzigen Besitzern verhandelt oder eine entsprechende Tafel vor dem Bahnhof, mit den Info`s zu den Transporten aus der NS–Zeit auf der Heidebahn errichtet. Ein großer Feldstein mit Tafel würde es auch tun !
    Dieser Aufwand ist nichts was den Buchholzer Haushalt in den Ruin treibt!!
    Abrunden würde das ganze eine kurz gehaltene, übersichtliche Broschüre die interessierte Menschen über diese
    “ Buchholzer Zeiten “ ( NS– Transporte auf der Heidebahn, Nazi-Zeit in Buchholz) bei der Verwaltung, in der Bücherei und im Touristbüro, kostenlos erhalten könnten.
    Also es liegt an den “ Machern “ in Politik und Verwaltung in Buchholz.

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  2. Buchholzer sagt:

    Der Bahnhof ist inzwischen in privater Hand.

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  3. hans-christian keunecke sagt:

    Hallo Kristian ! Hallo Leute !
    Kristian, auch wenn Du mit Deiner Kritik in einigen Punkten Recht hast finde ich es gut, dass es zu diesem Erinnerungsstein neben dem sogenannten „Heldendenkmal“ kommt, wo man an die Menschen erinnert ,die leider sinnlos in den Tod geschickt wurden!!??

    Was mir aus Deinem Bericht nicht eindeutig hervor geht, ist die Information ob an dem
    neuen Denkmal für NS-Opfer eine Tafel mit kurzer Schilderung der Buchholzer NS-Zeit und
    die Geschichte der Heidebahn und ihrer Transportaufgabe in dieser Zeit vorhanden ist ??
    Evt. kannst Du da noch einmal drauf eingehen.

    Sollte das nicht der Fall sein, wäre nach meiner Ansicht der Bahnhof Buchholz der richtige Ort um am Bahnhofsgebäude auf einer Tafel auf die Transporte der Heidebahn in der NS-Zeit hinzuweisen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Bahn gegen die Aufarbeitung ihrer NS- Geschichte wehrt. Immerhin haben sich auch internationale Jugendliche eines Workshops in der “ antifaschistischen Bildungsstätte Heideruh “ mit dem Thema NS-Vergangenheit der Heidebahn befasst. Eine Mahnwache am Bahnhof Buchholz,und mit anschließender Demo zum Standort des Heldendenkmals und zukünftigen
    Denkmals für NS–Opfer, sowie eine Rede der ehemaligen KZ-Insassin Esther BEJARANO
    (ehemalige KZ-Insassin) rundeten die Mahnwache ab. Frau BEJARANO sprach sich für
    Erinnerungsorte aus.

    Ich finde es jedenfalls positiv ,dass die Buchholzer Ratsmehrheit und alle die diesen Antrag Unterstützt haben, den Mumm hatten sich der Buchholzer NS-Geschichte zu stellen. Auch wenn die CDU rund 10 000.,- Euro für zu teuer für den Gedenkstein hielt.

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