Fressen und Saufen bis der Arzt kommt – ein Zwischenruf zum Beginn der Adventszeit

DSC_2739Von Kristian Stemmler

Seit Montag gibt es kein Halten mehr. Aus einer gewissen Rücksichtnahme auf alte Traditionen heraus wird die Weihnachtsmaschinerie vor dem Totensonntag immerhin noch mit gebremstem Schaum hochgefahren. Aber spätestens am Montag danach wird Gas gegeben. Weihnachtsmärkte allerorten, Lichterketten in jedem Garten, Glühwein, rote Mützen und Weihnachtsbacken auf allen Kanälen. Es wird daher manchen überraschen, aber: Die Adventszeit hat noch gar nicht begonnen!

Wie ich in meinem kleinen Essay zum Ewigkeitssonntag bereits geschrieben habe, hat der Konsumismus längst den Platz des Christentums als Leitkultur hierzulande eingenommen. Das Wissen um christliche Traditionen und Rituale ist daher nur noch rudimentär vorhanden. Man kann ja schon froh sein, wenn die Leute noch halbwegs die Frage beantworten können, was Ostern gefeiert wird. Aber tiefer gehende Kenntnisse über die christlichen Grundlagen unserer Kultur sind nicht zu erwarten.

Es hat sich längst eingebrannt, dass die Woche mit dem Montag beginnt, ist dies doch der erste Tag der Arbeitswoche. Das ist inzwischen gar in einer internationalen Norm fixiert. Aber folgen wir alter christlich-jüdischer Überlieferung, und das tun wir ja, wenn wir Advent und Weihnachten feiern, müssen wir konstatieren: Die Woche beginnt mit dem Sonntag. Dieser Haltung neigt jedenfalls der Autor zu, in Kenntnis der jahrhundertelangen Diskussion um dieses Thema. Der Montag als Wochenanfang ist ein Tribut an die moderne Arbeitswelt und daher strikt abzulehnen.

Die Woche wird auch nach wie vor am Sonnabend eingeläutet, meist um 18 Uhr. Diese schöne Tradition hängt damit zusammen dass nach jüdischer Praxis die Tage von 18 bis 18 Uhr dauern. Dies wurde von den Christen in Teilen übernommen, so dass die erste Vesper, das erste Stundengebet, des Sonntags nach wie vor am Sonnabend um 18 Uhr beginnt. Selbst wenn man nicht gleich zum Beten eilt, so kann uns das Läuten am Sonnabend doch, sofern wir es noch wahr nehmen, daran erinnern, dass es im Leben nicht nur ums Arbeiten und Konsumieren geht.

Die Adventszeit beginnt also am 1. Advent, und wenn man das denn so annehmen mag, an dessen Vorabend, nämlich dem kommenden Sonnabend um 18 Uhr. Advent heißt übrigens soviel wie Ankunft und bezieht sich darauf, dass die Christen in den Tagen vor Weihnachten die Feier der Geburt Jesu erwarten. Die Adventszeit ist nach christlicher Tradition eigentlich, wie die Zeit vor Ostern, eine Fastenzeit, also eine Zeit des bewussten Verzichts und des Innehaltens.

Davon kann natürlich heute keine Rede mehr sein, weil der Advent inzwischen eher für die meisten Menschen hierzulande die stressigste Zeit des Jahres ist. Zugleich aber eine Zeit der Völlerei, in der man säuft und frisst, bis der Arzt kommt, um einmal ein wenig wie Luther zu formulieren. Das wird dann zu Weihnachten nahtlos fortgesetzt, wobei für die Masse der Bevölkerung dieses Fest spätestens am 27. Dezember beendet ist – und man sich auf den nächsten Anlass zum Saufen und Fressen vorbereitet…

Es gibt also keinerlei Gefühl und Bewusstsein mehr dafür, dass der Advent eine Zeit des Verzichts und der stillen Nachdenklichkeit, aber auch der Vorfreude und Vorbereitung ist, das am 25. Dezember stattfindende Weihnachten (Heiligabend ist ja nur der Vorabend von Weihnachten) und die nachfolgenden Tage aber eine Zeit der Erfüllung, der überschäumenden Freude sind. Auch dass die Weihnachtszeit bis Epiphanias, also dem 6. Januar, dauert, mancherorts gar bis zum 2. Februar, Mariä Lichtmess, interessiert kaum noch.

Generell ist jedes Verständnis für die Notwendigkeit von Rhythmus, von Wechsel verloren gegangen. Der Konsumismus macht aus unserer Kultur einen einförmigen ungenießbaren Brei. Das Negative lässt sich nicht vermarkten und wird aus dem Bewusstsein verbannt. Kaum jemand begreift noch, dass uns im Leben letztlich die „Grenzsituationen“, wie sie der Philosoph Karl Jaspers definierte, weiterbringen. Jaspers bezeichnete mit diesem Begriff Situationen, in denen der Mensch endgültig, unausweichlich und unüberschauar an die Grenzen seines Seins stößt. Es ist das angstvolle Erleben von Leid, Schuld, Schicksal, Kampf, Unzuverlässigkeit der Welt, Tod und das (kontingente) „In-Situation-Sein selber“.

Aus diesen Grenzsituationen gibt es nur dann eine Befreiung, so Karl Jaspers, wenn der Mensch sie annimmt und ganz bejaht. Dann ist die Erfahrung von Transzendenz möglich. Dazu sei ein Sprung erforderlich heraus aus der Verzweiflung und hin zum Selbstsein und zur Freiheit. Der Philosoph schrieb: „Der Ursprung in den Grenzsituationen bringt den Grundantrieb, im Scheitern den Weg zum Sein zu gewinnen.“

Karl Jaspers lieferte auch vor Jahrzehnten eine treffende Beschreibung der größten Gefahr unserer Zeit: „Aber wir dürfen erst recht nicht die Chiffer (das Symbol) der Wirklichkeit für leibhaftige Realität halten wie die Dinge, die wir fassen, mit denen wir hantieren und die wir verzehren. Das Objekt als solches für eigentliches Sein zu halten, das ist das Wesen aller Dogmatik, und die Symbole als materielle Leibhaftigkeit für real zu halten, ist insbesondere das Wesen des Aberglaubens. Denn Aberglaube ist Fesselung an das Objekt, Glaube ist Gründung im Umgreifenden.“

Und auch das schrieb Jaspers: „Wir haben nur eine Wirklichkeit, hier und jetzt. Was wir durch unser Ausweichen versäumen, kehrt nie wieder, aber wenn wir uns vergeuden, auch dann verlieren wir das Sein. Jeder Tag ist kostbar: ein Augenblick kann alles sein. Wir werden schuldig an unserer Aufgabe, wenn wir aufgehen in Vergangenheit oder Zukunft. Nur durch gegenwärtige Wirklichkeit ist das Zeitlose zugänglich, nur durch Ergreifen der Zeit kommen wir dahin, wo alle Zeit getilgt ist.“

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3 Comments

  1. Ich esse oder trinke nicht mehr und nicht weniger…
    An den Adventssonntagen brennen die Kerzen auf dem Adventskranz beim Frühstück… das wars…. Det ganze übrige Tamtam um Advent und Weihnachten geht mir am A… vorbei

    Gefällt mir

  2. Hallo Buchholz Express ! Hallo Kristian !
    Im Groben hast >Du mit Deiner Kritik wohl in vielen Bereichen Recht !!
    Aber ich glaube auch dass es viele Menschen gibt, die die Weihnachtszeit sinn-
    voll verbringen und durchaus auch die religiösen /philosophischen Aspekte die Du
    einforderst berücksichtigen und das „SCHENKEN UND FEIERN “ mit der Familie normal und sinnvoll gestalten. Ich find verallgemeinern ist sachlich unrichtig.

    Ein zur Zeit wichtigeres Thema finde ich aber den TRIEB DEUTSCHER BUNDESPOLITIKER, sich wieder an einem sinnlosen , nichts bewirkenden KRIEG gegen den Terrorismus
    zu beteiligen. Ein Krieg in dem Soldaten in kauf nehmen müssen das massenweise Zivilbevölkerung getötet wird!! Man muß sich die Frage stellen ob die Zivilisten ermordet werden !!??????
    Nachfolgend ein lesenswerter Artikel !!??

    A B G E S C H R I E B E N
    Zitat Anfang:

    Hierzu veröffentlichte der Historiker GÖTZ ALY am 24.11.15 in der “ Berliner
    Zeitung “
    und am 25.11.15 in der “ JUngen Welt “ NACHTGEDANKEN ZUM TERRORISMUS.

    –Deutschland stellte im 20. Jahrhundert die effektivsten und Massenmörder.
    (…) Aber kann man überhaupt aus den Massenmorden an Juden und Geisteskranken, aus dem Terror der Wehrmachtssoldaten, Polizisten, SS-Männer
    und Staatsbeamten lernen?—
    Durchaus. (….) Wir, die Mitteleuropäer, marschieren nicht an der Spitze der
    Zivilisation. An den Deutschen Verbrechen beteiligten sich Hunderttausende Männer mit christlich vorgeprägtem Gewissen und aus allen Schichten der Bevölkerung. Millionen nahmen das Morden beifällig zur Kenntnis. Fast alle führten vorher und nachher ein untadeliges Leben.. Empörung herrscht derzeit,
    dass sich der IS–Terrorist Abaaoud lachend filmen ließ, als er vier Leichen hinter seinem Auto herzog.
    Ekelhaft ,gewiss. Aber Deutsche fertigten von ihren Massenmorden Tausende Schnappschüsse an, schickten sie per Feldpost nach Hause. (…)
    Was ist das Abaaoud –Video gemessen an der Wannsee–Konferenz ( …)
    Der Antisemitismus war zwar eine notwendige, jedoch keine zureichende Trieb-
    kraft für den Holocaust. Die wesentlichen Voraussetzungen schuf die enthemmende Wucht des Krieges. (…) Den Damaligen Krieg hatte alleine Deutschland vom Zaun gebrochen
    Die jetzigen Bürgerkriege in Syrien, Libyen Mali, Afghanistan und im Irak sind wesentlich von NATO–VERBÜNDETEN mitverursacht oder gefördert worden.
    Ihr Eigreifen zerstörte gesellschaftlich und staatlich einigermaßen geregeltes Leben— provozierte Terror, unterband ihn nicht. (…) Zu dem wurden die kriegerischen Interventionen mit der Überheblichkeit vermeintlich besserer
    Menschen geführt. Es kann durch auch verbrecherisch sein, andere Menschen mit Hilfe von Bomben, zu Demokratie und Freiheit westlichen Musters zwingen zu wollen.
    Daraus müßte man lernen—- in Paris , London, Berlin und Washington. (…..)

    Zitat Ende:

    Sind wir , ist die Nato, ist der Westen und natürlich auch Russland ,Türkey lernfähig beim Durchsetzen ihrer geopolitischen Interessen ??? Hat Götz Aly recht ??
    Kristian , Leute äußert Euch einmal !!??
    Christian Keunecke

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