Die Werte verteidigen? Aber welche denn? Ein Leitartikel zum Ewigkeitssonntag

cropped-063.jpgVon Kristian Stemmler

Fragen Sie mal jemanden auf der Straße, was er mit dem Totensonntag verbindet, oder fragen Sie sich selbst? Die Antwort dürfte sein, dass das irgendetwas mit den Toten sei, wie ja der Name schon sagt, mit dem Gedenken an die Verstorbenen, dass man da auf den Friedhof geht oder so. Die meisten können nichts damit anfangen. Totensonntag, wie das schon klingt?!

Dass der Totensonntag auch Ewigkeitssonntag heißt, dass mit ihm das Kirchenjahr endet, dass es um viel mehr geht als das Gedenken an die Verstorbenen – das weißt kaum noch jemand und es interessiert auch nicht weiter. Nach den Anschlägen von Paris wird überall mit großem Pathos verkündet, es gehe um die Verteidigung unserer Werte. Aber das ist tatsächlich nicht mehr als ein Pfeifen im Walde.

Was ist denn bitte da noch zu verteidigen?? Wir haben doch längst alles preisgegeben, was uns überliefert wurde. Unsere Traditionen und Rituale, unsere christlichen Prägungen, unsere über die Jahrhunderte entstandenen Strukturen und Rhythmen. Diese Gesellschaft gehorcht nur noch den Direktiven des Konsums. Alles wird durch den Fleischwolf gedreht und was widerständig und nicht verwertbar ist, ausgeschieden und auf den Müll geworfen.

Auch jede Transzendenz ist verloren gegangen. Darum wird auch ein Datum wie der Ewigkeitssonntag nicht im geringsten mehr begriffen. Natürlich ist es schwer zu glauben, dass Jesus Christus am „Ende der Zeit“ zurückkehrt um „die Lebenden und die Toten zu richten“. Aber das ist ja nur ein prächtiges Bild dafür, dass wir uns eines Tages dafür verantworten müssen, was wir auf Erden getan oder unterlassen haben.

Und dabei geht es nicht um sittliche Verfehlungen, Verstöße gegen gesellschaftlich gesetzte Regeln, wie uns lange weisgemacht wurde. Es geht um Gerechtigkeit. Es geht, wie es im Matthäus-Evangelium heißt, darum: „Was ihr getan habt dem Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Und weiter: „Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“

Um wen geht es hier also? Heute würde man sagen, um die Marginalisierten, die Underdogs, die Ausgegrenzten der Gesellschaft: um Junkies, Alkis, Obdachlose, Flüchtlinge, Knackis, die Patienten in den Psychiatrien, die Mobbingopfer an den Arbeitsplätzen, die geschlagenen Kinder. Wer für die heute wirklich da ist, der wird morgen, wie es in der Bibel heißt, „zur Rechten“ des Königs sein und er wird zu ihnen sagen: „Kommt hier, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“

All denen, die nur an sich und an den eigenen Profit denken, die den Kopf einziehen, die sich gemein machen mit den Unterdrückern, die sich nicht an die Seite der Marginalisierten stellen, gilt dagegen die scharfe Drohung „Geht weg von mir, ihr Verfluchten“.

Wer unsere „Werte“ wirklich verteidigen will, muss aufstehen gegen den Konsumfaschismus und den Kapitalismus unserer Tage. Das ist der wahre Terror! Der bringt uns an den Rand eines neuen, des vermutlich dann letzten Weltkriegs.

In diesen Tagen wird ein Lied von Andreas Bourani und dem Rapper Sido im Radio rauf und runter gespielt, dass sich beim ersten Anhören nach einer neuen Hymne Bouranis anhört, aber man sollte genau hinhören. Tatsächlich ist es eine ebenso knallharte wie ehrliche Gesellschaftskritik, eine verzweifelte Zustandsbeschreibung.

Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut

Wir laufen rum mit der Schnauze voll, die Köpfe sind leer
Sitzen im Dreck bis zum Hals, haben Löcher im Herz
Ertränken Sorgen und Probleme in ’nem Becher voll Wein
Mit einem Lächeln aus Stein, uns fällt nichts Besseres ein
Wir ham‘ morgen schon vergessen, wer wir gestern noch war’n
Ham‘ uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n
Lassen alles steh’n und liegen für mehr Asche und Staub
Wir woll’n alle, dass es passt, doch wir passen nich‘ auf
Die Stimme der Vernunft is‘ längst verstummt, wir hör’n sie nich‘ mehr
Denn manchmal ham‘ wir das Gefühl, wir gehör’n hier nich‘ her
Es gibt kein vor und kein zurück mehr, nur noch unten und oben
Einer von hundert Millionen, ein kleiner Punkt über’m Boden

Ich heb‘ ab!

Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut
Ich seh‘ die Welt von oben, der Rest verblasst im Blau
Ich hab‘ Zeit und Raum verloren, hier oben, wie ein Astronaut

Im Dunkel der Nacht

Hier oben ist alles so friedlich, doch da unten geht’s ab
Wir alle tragen dazu bei, doch brechen unter der Last
Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst
Wir bauen immer höher, bis es ins Unendliche geht
Fast 8 Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt
Von hier oben macht es alles plötzlich gar nichts mehr aus
Von hier sieht man keine Grenzen und die Farbe der Haut
Dieser ganze Lärm und nichts verstummt, ich hör‘ euch nich‘ mehr
Langsam hab‘ ich das Gefühl ich gehöre hier her
Es gibt kein vor und kein zurück mehr, nur noch unten und oben
Einer von hundert Millionen, ein kleiner Punkt über’m Boden

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3 Comments

  1. Die Bibel als Maßstab für Werte? War das nicht die Religion, die auf dem Prinzip Strafe basiert? Wenn Du nicht das tust, was Gott will, wirst Du bestraft!
    Wie kann man da die Bibel als Referenz nehmen? Die mit den Kreuzügen, um den ‚Ungläubigen zu erklären, dass man eine friedliche Religiion ist?
    Nein, die einzig friedliche Religion ist der Bhuddismus. Wenn jemand Werte setzten darf, dann die Bhuddisten. Aber ich bin Heide.
    Meine Werte setze ich mir selbst, sie sind unabhängig von irgendwelchen Großindustriellen, die lediglich Ihre Produkte absetzten wollen, scheißegal, wie es den Menschen geht. Und ich behaupte, der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung ist ebenso wenig beeinflusst vom Kapital. Sie können verfolgen, wie einzelne fertig gemacht werden. Traurig, ja. Aber vergessen Sie nicht, dass es noch andere gradlinige Menschen gibt. Jemand ist Junkie, Alki, obdachlos, so what? Wieviele sind das?Soll jeder einzelne sich verantwortlich fühlen?

    Wo ich gerade dabei bin: Kapital!
    Wo wären wir eigentlich, wenn jeder ab sofort den Konsum verweigert?
    Was passiert mit Menschen in Asien, die einen Unfall haben? Ohne Kreditkarte werden Sie liegen gelassen.
    Deutschland ist ein Paradies in der Welt, man kann es auch schlecht reden.
    Die Werte schlechthin hat es noch nie gegeben, das ist ein Mythos. Fragen Sie alte Menschen. Sie werden sagen, dfas früher alles besser war. Das war schon bei Aristoteles der Fall, der sich über den Verfall der Sitten beklagte!!
    Wollen Sie die Sitten von 1924 einfrieren und für alle Zeit gültig erklären? Oder von 1957, oder 1820, oder 1579?

    Gefällt mir

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