Die Anschläge von Paris – War da was in Ankara und warum darf Erdogan den Terroristenschreck geben?

Veröffentlicht: 2015-11-16 in Analysen, Überregionales, Hintergründe, Kommentare, Politik
Schlagwörter:, , , , , ,
Eben hingen die Flaggen vor dem Buchholzer Rathaus noch wegen Helmut Schmidt auf halbmast - jetzt wegen der Anschläge in Paris. Die Trikolore kam dazu.

Eben hingen die Flaggen vor dem Buchholzer Rathaus noch wegen Helmut Schmidt auf halbmast – jetzt wegen der Anschläge in Paris. Die Trikolore kam dazu.

Von Kristian Stemmler

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Diese süffisanten Sätze von Johann Wolfgang von Goethe aus seinem Faust werfen ein Schlaglicht auf die Hysterie, die nach den Anschlägen von Paris hochgefahren wurde. So lange es Tote an der Peripherie gibt, regt man sich hierzulande kurz auf, nach einigen Tagen ist das Ganze aber schon weitgehend vergessen. Wer denkt heute in Deutschland noch an den Terroranschlag von Ankara, bei dem es auch über 100 Tote gegeben hat? Der ist tatsächlich mal gerade einen Monat her!

Das zeigt das ganze Ausmaß der Doppelmoral in diesen Fragen. Sicher, es regt Menschen halt mehr auf, wenn solche Mordtaten in ihrer, wenn auch wohl nur gedachten Nähe geschehen. Aber warum ist dem deutschen Durchschnittsbürger ein Konzertsaal in Paris näher als der Platz einer Demonstration in Ankara? Der momentane Hype und die daraus resultierende Terrorangst haben etwas höchst Irrationales. Die Wahrscheinlichkeit, hierzulande Opfer eines Anschlags zu werden, ist sicherlich geringer als die, überfahren oder von einem Dachziegel erschlagen zu werden.

Es würde sicher zu weit gehen, den Medienhype dieser Tage als gesteuert zu bezeichnen. Nicht von der Hand zu weisen ist aber, dass der allgemeine Erregungszustand von „Falken“ und Hetzern genutzt wird, um die Demokratie zu destabilisieren und einen Rechtsruck ins Bild zu setzen. Man lese zum Beispiel den länglichen Kommentar, zu dem sich Springer-Chef Mathias Döpfner in seiner Tageszeitung „Die Welt“ aufgeschwungen hat.

Döpfner bedient darin das rechtspopulistische Klischee vom verweichlichten Westen, der von einem beinharten Islamismus, von Russen und Chinesen vor sich her getrieben wird. Er hetzt auf die übelste Weise gegen den Islam, stellt Flüchtlingskrise und Terrorwelle in einen unmittelbaren Zusammenhang und spricht von einem Kulturkampf. Das ist ein Rückgriff auf den von Samuel Huntington geprägten Begriff „The Clash of Civilization“, dem „Kampf der Kulturen“.

Huntingtons Buch beruht auf der Hypothese, dass es im 21. Jahrhundert zu Konflikten zwischen verschiedenen Kulturräumen, insbesondere der westlichen Zivilisation mit dem chinesischen und dem islamischen Kulturraum kommen könnte. Diese Hypothese dient der Verschleierung der amerikanischen Weltmachtgelüste, Verschleierung geostrategischer Interessen des Westens, der Tatsache, dass das Eingreifen der USA und der Verbündeten in Afghanistan, dem Irak, Libyen und Syrien den Terrorismus überhaupt erst groß gemacht hat.

Meine Kollegin Susann Witt-Stahl schrieb vor einigen Tagen in der jungen welt: „Das Gerede über den Islam-Faschismus, das Rechtspopulisten und Necons, wie Henryk M. Broder und Mathias Döpfner vom Springer-Konzern, ventiliert haben, ist massenkompatibel geworden und mit Pegida in der Gosse angekommen. Dort stehen Nazis und NATO-patriotische Gutbürger, die sich auf die jüdisch-christliche Tradition des Abendlandes berufen, einträchtig zusammen.“

Wie verlogen die westliche Politik ist, zeigt allein der Umstand, dass die Türkei, die den Islamischen Staat mit groß gemacht hat, an allen Ecken und Ende hofiert wird. Die deutsche Bundeskanzlerin hat den türkischen Präsidenten Erdogan im Wahlkampf besucht, nur um ihm Zugeständnisse in der Flüchtlingsfrage zu entlocken, und hat damit zum Wahlsieg der AKP beigetragen. Jetzt konnte Erdogan den G20-Gipfel in Antalya nutzen, um sich im Lichte der Großen der Welt zu sonnen. Es ist nur noch pervers, dass ausgerechnet Erdogan als Gastgeber auf dieser Bühne über den Terrorismus fabulieren darf – wo er einer der größten Terroristen der Region ist.

Es ist wichtig, weiterhin auf solche Zusammenhänge hinzuweisen. Aber in dem kollektiven Erregungszustand, den der momentane Medienhype hervorruft, und vor dem Hintergrund der Anfälligkeit der Öffentlichkeit für Vereinfachungen dürfte das wenig bis nichts ausrichten. Es ist absehbar, dass die Anschläge von Paris einen enormen Schub für den Rechtspopulismus in Europa bedeuten. Man achte auf die Umfragewerte der AfD. Und die nächste Ministerpräsidentin von Frankreich könnte Marie Le Pen heißen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s