Archiv für November, 2015

Von Kristian Stemmler

Im politischen Leben dieses Landes genießen gute Nachrichten eher Seltenheitswert. Umso erfreulicher ist das Ergebnis des Hamburger Referendums zur Bewerbung für die olympischen Spiele. Trotz medialen Dauerfeuers für die Bewerbung hat die Hamburger Bevölkerung in ihrer Mehrheit die Nerven behalten und den Olympiaprofiteuren die Flamme ausgeblasen. Als Hamburger bekenne ich heute: Ich bin stolz auf diese Stadt!

Das Ergebnis überrascht vor allem deshalb, weil die Eliten und ihre Troubadoure bei den Medien viel Geld ausgegeben haben, um den Leuten einzureden, die Spiele wären ein Gewinn für die Allgemeinheit. Offenbar erkennen immer mehr, was die Mächtigen meinen, wenn sie „Wir“ sagen oder „Wir alle“: Sich selbst und andere Pfeffersäcke, die Dollarzeichen in den Augen haben und den Hals nie vollkriegen.

Und warum sollten die Hamburger, vor allem die in den ärmeren Stadtteilen, einem Mann Glauben schenken, der als Bundesarbeitsminister die Agenda 2010 mit verantwortet hat, nämlich Olaf Scholz, wenn er behauptet, Olympia sei ein Gewinn für alle Hamburger. Ein Kollege schreibt in der taz: „Die Erfahrungen der Vergangenheit haben viele Menschen das Misstrauen gelehrt, wenn mit der Ausrichtung olympischer Spiele rosige Zukunftsversprechen verknüpft werden. Gewonnen hat meist nur der IOC.

Jetzt ist das Geheule der Olympiafans und ihrer Lohnschreiber in den Redaktionen natürlich groß. Wir Deutschen seien zu mutlos, jammert Spiegel Online, die „Bild“ spricht von einer „Olympia-Blamage“. Insgeheim wird das Entsetzen bei den Eliten groß sein, dass das Wahlvieh sich offenbar nicht mehr so einfach lenken lässt, dass mediale Kampagnen an ihre Grenzen stoßen. Man wird sicher seine Lehren aus dem Debakel ziehen – zum Beispiel, dass man demokratische Mitbestimmungsmechanismen abbauen muss…

Auch für die Stichwortgeber im Landkreis Harburg ist das Votum der Hamburger eine herbe Niederlage. Vom Landrat bis zur Sparkasse hatten alle wesentlichen Verantwortungsträger im Verein mit ihrem Mitteilungsblatt, dem Wochenblatt, so getan, als sei es völlig selbstverständlich, dass man für Olympia 2024 in Hamburg zu sein habe. Gegenargumente kamen im Grunde nicht vor. Jetzt wird man dem Leser zu erklären haben, warum dann plötzlich so viel Hamburger gegen die Spiele sind.

Buchholz (be) – In der Nacht zum Sonnabend, gegen 1.05 Uhr, ist im Buchholzer Ortsteil Sprötze ein 17 Jahre alter Asylbewerber von mehreren Personen zusammengeschlagen worden. Das teilte die Polizeiinspektion Harburg mit. Die Täter seien vor Eintreffen der Polizei geflüchtet. „Aufgrund von Sprachbarrieren“ habe der Grund der Auseinandersetzung nicht abschließend geklärt werden können. Es könnte sich also auch um einen Überfall von Rassisten/Neonazis gehandelt haben. Hinweise bitte an die Polizei Buchholz unter Tel. 04181-2850.

„So brutal Saddam Hussein war – ihn nur zu eliminieren, war falsch. Das Gleiche gilt für Gaddafi und Libyen, das heute ein failed state ist. Die große historische Lektion lautet, dass es eine strategisch unglaublich schlechte Entscheidung war, in den Irak einzumarschieren. Die Geschichte sollte und wird über diese Entscheidung kein mildes Urteil fällen.“

Michael Flynn (56) im Spiegel. Flynn war zuletzt Chef des Militärgeheimdienstes DIA, von 2004 bis 2007 war er in Afghanistan und dem Irak stationiert; als Kommandeur der US-Spezialkräfte jagte er im Irak den Top-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi, einen der Vorgänger des heutigen Chefs des „Islamischen Staats“, Abu Bakr al-Baghdadi

DSC_2739Von Kristian Stemmler

Seit Montag gibt es kein Halten mehr. Aus einer gewissen Rücksichtnahme auf alte Traditionen heraus wird die Weihnachtsmaschinerie vor dem Totensonntag immerhin noch mit gebremstem Schaum hochgefahren. Aber spätestens am Montag danach wird Gas gegeben. Weihnachtsmärkte allerorten, Lichterketten in jedem Garten, Glühwein, rote Mützen und Weihnachtsbacken auf allen Kanälen. Es wird daher manchen überraschen, aber: Die Adventszeit hat noch gar nicht begonnen!

Wie ich in meinem kleinen Essay zum Ewigkeitssonntag bereits geschrieben habe, hat der Konsumismus längst den Platz des Christentums als Leitkultur hierzulande eingenommen. Das Wissen um christliche Traditionen und Rituale ist daher nur noch rudimentär vorhanden. Man kann ja schon froh sein, wenn die Leute noch halbwegs die Frage beantworten können, was Ostern gefeiert wird. Aber tiefer gehende Kenntnisse über die christlichen Grundlagen unserer Kultur sind nicht zu erwarten.

Es hat sich längst eingebrannt, dass die Woche mit dem Montag beginnt, ist dies doch der erste Tag der Arbeitswoche. Das ist inzwischen gar in einer internationalen Norm fixiert. Aber folgen wir alter christlich-jüdischer Überlieferung, und das tun wir ja, wenn wir Advent und Weihnachten feiern, müssen wir konstatieren: Die Woche beginnt mit dem Sonntag. Dieser Haltung neigt jedenfalls der Autor zu, in Kenntnis der jahrhundertelangen Diskussion um dieses Thema. Der Montag als Wochenanfang ist ein Tribut an die moderne Arbeitswelt und daher strikt abzulehnen.

Die Woche wird auch nach wie vor am Sonnabend eingeläutet, meist um 18 Uhr. Diese schöne Tradition hängt damit zusammen dass nach jüdischer Praxis die Tage von 18 bis 18 Uhr dauern. Dies wurde von den Christen in Teilen übernommen, so dass die erste Vesper, das erste Stundengebet, des Sonntags nach wie vor am Sonnabend um 18 Uhr beginnt. Selbst wenn man nicht gleich zum Beten eilt, so kann uns das Läuten am Sonnabend doch, sofern wir es noch wahr nehmen, daran erinnern, dass es im Leben nicht nur ums Arbeiten und Konsumieren geht.

Die Adventszeit beginnt also am 1. Advent, und wenn man das denn so annehmen mag, an dessen Vorabend, nämlich dem kommenden Sonnabend um 18 Uhr. Advent heißt übrigens soviel wie Ankunft und bezieht sich darauf, dass die Christen in den Tagen vor Weihnachten die Feier der Geburt Jesu erwarten. Die Adventszeit ist nach christlicher Tradition eigentlich, wie die Zeit vor Ostern, eine Fastenzeit, also eine Zeit des bewussten Verzichts und des Innehaltens.

Davon kann natürlich heute keine Rede mehr sein, weil der Advent inzwischen eher für die meisten Menschen hierzulande die stressigste Zeit des Jahres ist. Zugleich aber eine Zeit der Völlerei, in der man säuft und frisst, bis der Arzt kommt, um einmal ein wenig wie Luther zu formulieren. Das wird dann zu Weihnachten nahtlos fortgesetzt, wobei für die Masse der Bevölkerung dieses Fest spätestens am 27. Dezember beendet ist – und man sich auf den nächsten Anlass zum Saufen und Fressen vorbereitet…

Es gibt also keinerlei Gefühl und Bewusstsein mehr dafür, dass der Advent eine Zeit des Verzichts und der stillen Nachdenklichkeit, aber auch der Vorfreude und Vorbereitung ist, das am 25. Dezember stattfindende Weihnachten (Heiligabend ist ja nur der Vorabend von Weihnachten) und die nachfolgenden Tage aber eine Zeit der Erfüllung, der überschäumenden Freude sind. Auch dass die Weihnachtszeit bis Epiphanias, also dem 6. Januar, dauert, mancherorts gar bis zum 2. Februar, Mariä Lichtmess, interessiert kaum noch.

Generell ist jedes Verständnis für die Notwendigkeit von Rhythmus, von Wechsel verloren gegangen. Der Konsumismus macht aus unserer Kultur einen einförmigen ungenießbaren Brei. Das Negative lässt sich nicht vermarkten und wird aus dem Bewusstsein verbannt. Kaum jemand begreift noch, dass uns im Leben letztlich die „Grenzsituationen“, wie sie der Philosoph Karl Jaspers definierte, weiterbringen. Jaspers bezeichnete mit diesem Begriff Situationen, in denen der Mensch endgültig, unausweichlich und unüberschauar an die Grenzen seines Seins stößt. Es ist das angstvolle Erleben von Leid, Schuld, Schicksal, Kampf, Unzuverlässigkeit der Welt, Tod und das (kontingente) „In-Situation-Sein selber“.

Aus diesen Grenzsituationen gibt es nur dann eine Befreiung, so Karl Jaspers, wenn der Mensch sie annimmt und ganz bejaht. Dann ist die Erfahrung von Transzendenz möglich. Dazu sei ein Sprung erforderlich heraus aus der Verzweiflung und hin zum Selbstsein und zur Freiheit. Der Philosoph schrieb: „Der Ursprung in den Grenzsituationen bringt den Grundantrieb, im Scheitern den Weg zum Sein zu gewinnen.“

Karl Jaspers lieferte auch vor Jahrzehnten eine treffende Beschreibung der größten Gefahr unserer Zeit: „Aber wir dürfen erst recht nicht die Chiffer (das Symbol) der Wirklichkeit für leibhaftige Realität halten wie die Dinge, die wir fassen, mit denen wir hantieren und die wir verzehren. Das Objekt als solches für eigentliches Sein zu halten, das ist das Wesen aller Dogmatik, und die Symbole als materielle Leibhaftigkeit für real zu halten, ist insbesondere das Wesen des Aberglaubens. Denn Aberglaube ist Fesselung an das Objekt, Glaube ist Gründung im Umgreifenden.“

Und auch das schrieb Jaspers: „Wir haben nur eine Wirklichkeit, hier und jetzt. Was wir durch unser Ausweichen versäumen, kehrt nie wieder, aber wenn wir uns vergeuden, auch dann verlieren wir das Sein. Jeder Tag ist kostbar: ein Augenblick kann alles sein. Wir werden schuldig an unserer Aufgabe, wenn wir aufgehen in Vergangenheit oder Zukunft. Nur durch gegenwärtige Wirklichkeit ist das Zeitlose zugänglich, nur durch Ergreifen der Zeit kommen wir dahin, wo alle Zeit getilgt ist.“

Zum Beitrag über die Umtriebe des Christus Centrum Tostedt und der Friedenskirche Buchholz erhielt der buchholz express einen Leserbrief, der bereits vor einiger Zeit in Teilen im Nordheide Wochenblatt erschien. Er befasst sich mit dem Auftritt von Reinhard Bonnke beim Jubiläum des CCT. Da das Wochenblatt den Brief nicht in voller Länge brachte, holt der buchholz express dieses jetzt nach. Hier die Zuschrift:

Nun ist es also so weit: der selbsternannte „Mähdrescher Gottes“, der sein Wesen seit Jahren vor allem in Afrika treibt, beehrt Tostedt mit seiner Anwesenheit, aus Anlass des Jubiläums der (Pfingst-) Gemeinde der Freien Christen, halleluja!

Herr Bonnke (den ich einmal selbst während einer seiner Auftritte in frankophonen Westafrika erleben konnte, als er seine eher schlichte Botschaft in dürftigem Englisch –Französisch kann er wohl nicht- vor allem dank eines eloquenten und rhetorisch präsenten Übersetzers unter das staunende Volk brachte) heilt bei seinen Auftritten –nach eigenen Angaben – unheilbar Kranke zu Dutzenden.

Das haben allerdings die zahlreichen anderen Wanderprediger, die in Afrika, Brasilien und sonstwo unterwegs sind, auch in ihrem Repertoire, das gehört dort sozusagen zum Standard. Bonnke allerdings schießt trotzdem den Vogel ab, denn er hat – so behauptet er – 2001 in Nigeria einen Toten zum Leben erweckt. Lazarus 2.0 sozusagen. Da aber keine seiner Wunderheilungen und auch die Toten-Erweckung jemals objektiv bestätigt worden sind, steht Herr Bonnke bis auf weiteres im Scharlatan-Verdacht.

Was nun seinen Auftritt in Tostedt angeht, so ist zu erwarten, dass angesichts der anscheinend zunehmenden Dichte von Geistheilern, Schamanen, Handauflegern und anderen esotherischen Dienstleistern im Landkreis, wie sie sich alle paar Wochen im „Wochenblatt“ anbieten, der Wunderheiler und Toten-Erwecker Bonnke über seine Anhängerschaft bei den sog. Freien Christen hinaus auf eine interessierte wundergläubige Öffentlichkeit treffen dürfte.

Vielleicht sollte man da angesichts des bevorstehenden Bonnke-Show in Tostedt die Bibelstelle Mt 7,15-16 ins Gedächtnis rufen: „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Bernd Leber, Tostedt

Auf ihn warten Herausforderungen: Thorsten Treybig.

Auf ihn warten Herausforderungen: Thorsten Treybig.

Von Kristian Stemmler

Personalwechsel in der Verwaltung des Landkreises Harburg: Der Lüneburger Thorsten Treybig hat die Abteilung Jugend und Familie übernommen und löst Barbara Stiels ab, die zum Jahresende in den Ruhestand geht. Damit hat Treybig eine Herkulesaufgabe auf sich genommen, wie er offenbar auch selbst erkannt hat. „Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe, die mit einer hohen Verantwortung und vielfältigen Herausforderungen verbunden ist“, sagte Treybig zum Start im Winsener Kreishaus, wie die Pressestelle des Landkreises mitteilt.

Mit der Abteilung Jugend und Familie übernimmt der 53 Jahre alte Diplom-Sozialpädagoge, der vor kurzem noch seinen Masterabschluss in „Sozialmanagement“ machte, einen Bereich, der in besonderem Maße Verantwortung trägt, aber dabei auch in besonderem Maße in der Gefahr ist, seine Macht zu missbrauchen. Treybigs Abteilung fungiert im Landkreis als Jugendamt, hat also die rechtlichen Möglichkeiten, direkt in Familien einzugreifen, etwa indem sie Eltern Kinder entzieht.

Vor dem Hintergrund spektakulärer Todesfälle von vernachlässigten oder misshandelten Kindern in den vergangenen Jahren tendieren Jugendämter in Deutschland immer mehr dazu, Inobhutnahmen von Kindern zu forcieren und zu zementieren. Die Denke, die dahinter steht: Wenn das Kind bei einer Pflegefamilie oder einer Einrichtung untergebracht ist, die dem Jugendamt bekannt sind, geht man kein Risiko. Zugleich fehlt oft Personal und Zeit, um Fälle angemessen zu bearbeiten.

Wenn dann noch häufige Wechsel von Sachbearbeitern dazu kommen, sind Fehlentscheidungen programmiert. Nach Informationen des buchholz express hat es etwa in der Außenstelle Buchholz der Abteilung Jugend und Familie in den vergangenen Jahren etliche derartige personelle Wechsel gegeben. Eine Betroffene: „Ich habe in den letzten Jahren mit der Abteilung Umgang der Außenstelle zu tun. Da wechselten die Sachbearbeiterinnen so oft, dass ich gar nicht hinterher kam.“

In der Abteilung Jugend und Familie sind unter der Leitung von Thorsten Treybig insgesamt rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig, unter anderem in den Bereichen wirtschaftliche Jugendhilfe, Kreisjugendpflege sowie im Sozialen Dienst und in der Jugendgerichtshilfe. Darüber hinaus kooperiert die Abteilung mit einem Netzwerk an freien Trägern der Jugend- und Familienhilfe.

Zu den aktuellen Herausforderungen des neuen Amtsleiters zählt nach Angaben der Pressestelle des Landkreises unter anderem die Umsetzung des neuen Gesetzes zur Betreuung und Versorgung ausländischer Kinder und Jugendlicher, die als unbegleitete Flüchtlinge dezentral im Rahmen der Jugendhilfe betreut werden müssen. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese große Aufgabe gemeinsam mit unserem gut etablierten Verbundnetzwerk an Freien Trägern im Landkreis Harburg bewältigen können“, sagte Treybig.

Treybigs Vorgängerin Barbara Stiels war beim Landkreis seit 1983 tätig ist und leitete seit 2003 das Jugendamt. Thorsten Treybig arbeitete in seiner Heimatstadt Lüneburg in unterschiedlichen Funktionen, zuletzt als Teamleiter im Allgemeinen Sozialdienst (ASD) des Jugendamtes der Hansestadt. Er hat drei Kinder, zwei von ihnen sind bereits erwachsen.

cropped-063.jpgVon Kristian Stemmler

Fragen Sie mal jemanden auf der Straße, was er mit dem Totensonntag verbindet, oder fragen Sie sich selbst? Die Antwort dürfte sein, dass das irgendetwas mit den Toten sei, wie ja der Name schon sagt, mit dem Gedenken an die Verstorbenen, dass man da auf den Friedhof geht oder so. Die meisten können nichts damit anfangen. Totensonntag, wie das schon klingt?!

Dass der Totensonntag auch Ewigkeitssonntag heißt, dass mit ihm das Kirchenjahr endet, dass es um viel mehr geht als das Gedenken an die Verstorbenen – das weißt kaum noch jemand und es interessiert auch nicht weiter. Nach den Anschlägen von Paris wird überall mit großem Pathos verkündet, es gehe um die Verteidigung unserer Werte. Aber das ist tatsächlich nicht mehr als ein Pfeifen im Walde.

Was ist denn bitte da noch zu verteidigen?? Wir haben doch längst alles preisgegeben, was uns überliefert wurde. Unsere Traditionen und Rituale, unsere christlichen Prägungen, unsere über die Jahrhunderte entstandenen Strukturen und Rhythmen. Diese Gesellschaft gehorcht nur noch den Direktiven des Konsums. Alles wird durch den Fleischwolf gedreht und was widerständig und nicht verwertbar ist, ausgeschieden und auf den Müll geworfen.

Auch jede Transzendenz ist verloren gegangen. Darum wird auch ein Datum wie der Ewigkeitssonntag nicht im geringsten mehr begriffen. Natürlich ist es schwer zu glauben, dass Jesus Christus am „Ende der Zeit“ zurückkehrt um „die Lebenden und die Toten zu richten“. Aber das ist ja nur ein prächtiges Bild dafür, dass wir uns eines Tages dafür verantworten müssen, was wir auf Erden getan oder unterlassen haben.

Und dabei geht es nicht um sittliche Verfehlungen, Verstöße gegen gesellschaftlich gesetzte Regeln, wie uns lange weisgemacht wurde. Es geht um Gerechtigkeit. Es geht, wie es im Matthäus-Evangelium heißt, darum: „Was ihr getan habt dem Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Und weiter: „Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“

Um wen geht es hier also? Heute würde man sagen, um die Marginalisierten, die Underdogs, die Ausgegrenzten der Gesellschaft: um Junkies, Alkis, Obdachlose, Flüchtlinge, Knackis, die Patienten in den Psychiatrien, die Mobbingopfer an den Arbeitsplätzen, die geschlagenen Kinder. Wer für die heute wirklich da ist, der wird morgen, wie es in der Bibel heißt, „zur Rechten“ des Königs sein und er wird zu ihnen sagen: „Kommt hier, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“

All denen, die nur an sich und an den eigenen Profit denken, die den Kopf einziehen, die sich gemein machen mit den Unterdrückern, die sich nicht an die Seite der Marginalisierten stellen, gilt dagegen die scharfe Drohung „Geht weg von mir, ihr Verfluchten“.

Wer unsere „Werte“ wirklich verteidigen will, muss aufstehen gegen den Konsumfaschismus und den Kapitalismus unserer Tage. Das ist der wahre Terror! Der bringt uns an den Rand eines neuen, des vermutlich dann letzten Weltkriegs.

In diesen Tagen wird ein Lied von Andreas Bourani und dem Rapper Sido im Radio rauf und runter gespielt, dass sich beim ersten Anhören nach einer neuen Hymne Bouranis anhört, aber man sollte genau hinhören. Tatsächlich ist es eine ebenso knallharte wie ehrliche Gesellschaftskritik, eine verzweifelte Zustandsbeschreibung.

Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut

Wir laufen rum mit der Schnauze voll, die Köpfe sind leer
Sitzen im Dreck bis zum Hals, haben Löcher im Herz
Ertränken Sorgen und Probleme in ’nem Becher voll Wein
Mit einem Lächeln aus Stein, uns fällt nichts Besseres ein
Wir ham‘ morgen schon vergessen, wer wir gestern noch war’n
Ham‘ uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n
Lassen alles steh’n und liegen für mehr Asche und Staub
Wir woll’n alle, dass es passt, doch wir passen nich‘ auf
Die Stimme der Vernunft is‘ längst verstummt, wir hör’n sie nich‘ mehr
Denn manchmal ham‘ wir das Gefühl, wir gehör’n hier nich‘ her
Es gibt kein vor und kein zurück mehr, nur noch unten und oben
Einer von hundert Millionen, ein kleiner Punkt über’m Boden

Ich heb‘ ab!

Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut
Ich seh‘ die Welt von oben, der Rest verblasst im Blau
Ich hab‘ Zeit und Raum verloren, hier oben, wie ein Astronaut

Im Dunkel der Nacht

Hier oben ist alles so friedlich, doch da unten geht’s ab
Wir alle tragen dazu bei, doch brechen unter der Last
Wir hoffen auf Gott, doch ham‘ das Wunder verpasst
Wir bauen immer höher, bis es ins Unendliche geht
Fast 8 Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt
Von hier oben macht es alles plötzlich gar nichts mehr aus
Von hier sieht man keine Grenzen und die Farbe der Haut
Dieser ganze Lärm und nichts verstummt, ich hör‘ euch nich‘ mehr
Langsam hab‘ ich das Gefühl ich gehöre hier her
Es gibt kein vor und kein zurück mehr, nur noch unten und oben
Einer von hundert Millionen, ein kleiner Punkt über’m Boden