Die Tat von Köln – Seehofer & Co. tragen eine Mitschuld durch das Anheizen der Flüchtlingshysterie

Von Kristian Stemmler

Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, dass es zu einer Gewalttat wie dem Anschlag auf die Oberbürgermeisterkandidatin in Köln kommen würde. Seit Wochen erzeugen vor allem maßgebliche Politiker der bürgerlichen Parteien Seite an Seite mit Rechtspopulisten und Nazis eine hysterische Stimmung in Sachen Flüchtlingen, die auf psychisch labile Menschen genau die Wirkung haben kann, die sie bei dem Attentäter offenbar hatte – eine Art Tunnelblick zu erzeugen, den pathologischen Glauben, für die Rettung des Landes ein Fanal setzen zu müssen.

Darum tragen mittelbar für die Tat von Köln Politiker wie der üble Hetzer aus Bayern, Horst Seehofer, und Innenminister Thomas de Maizière genauso Verantwortung wie die Nazis, mit denen der Mann offenbar Kontakt hatte. Seehofer hat an vorderster Front daran gearbeitet, den Menschen im Lande einzuimpfen, das Abendland sei durch einfallende Horden von Flüchtlingen bedroht. Aber auch de Maizière und viele andere haben zuletzt das Bild der meisten Deutschen bestätigt, man sei nicht mehr in der Lage, das Problem in den Griff zu bekommen.

Unter den herrschenden Bedingungen war es von vornherein klar, dass die aufgesetzte „Refugees-welcome“-Kampagne insgesamt erfolglos sein würde. So wie die Medien und der Diskurs in dieser Gesellschaft funktionieren, haben echte Aufklärung und objektive Information keine Chance, rechte Hetzer wie Seehofer, Söder, Scheuer dagegen ideale Bedingungen. Vor allem auch weil weite Kreise der Bevölkerung nach wie vor nur allzugern bereit sind, auf Flüchtlinge und andere Minderheiten einzudreschen.

Die ganze Diskussion über Flüchtlinge läuft in die falsche Richtung. Man hätte den Menschen von Anfang an nicht nur sagen müssen, dass es die Pflicht der EU und damit auch ihrer Führungsmacht ist, die Flüchtlinge aufzunehmen, sondern auch, dass selbst eine Zahl von einer Million Flüchtlingen in Deutschland angesichts der Größe und des Reichtums des Landes nicht übermäßig viel – gemessen an der Zahl der Flüchtlinge, die arme Länder in den Kriegs- und Krisenregionen aufnehmen.

Laut Jahresbericht des UNHCR für 2014 hat etwa der kleine Libanon in dem Jahr rund 1,15 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Deutschland nahm in dieser Zeit etwa 41.000 Syrer auf, schon damals unter lautem Gestöhne. Aus Afghanistan flohen in 2014 rund 2,6 Millionen Menschen, die so gut wie alle in Pakistan und Iran blieben. Die rund 1,25 Millionen Flüchtlinge aus dem Sudan und Südsan wurden zum größten Teil von Äthiopien, Uganda, Sudan und Kenia aufgenommen.

Allein diese wenigen Zahlen zeigen, wie hysterisch und unsachlich die Debatte in Deutschland ist. Die große Zahl von Flüchtlingen wird nur deshalb immer mehr zum Problem, weil die Bundesregierung nicht dafür tut, drohende Konflikte zu entschärfen, etwa durch die vorgeschlagene höhere Belastung von Vermögenden. Wie Sarah Wagenknecht zu Recht im Bundestag festgestellt hat, werden die entstehenden Lasten vor allem auf die Menschen abgewälzt, die ohnehin wenig haben.

Das Geraune der Rechten von einem drohenden Bürgerkrieg könnte sich so in einem gewissen Sinne bewahrheiten. Das wiederum wäre eine prima Vorlage für alle Law-and-Order-Politiker die Daumenschrauben weiter anzuziehen. Leute wie der Chef der rechtslastigen Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, der jetzt im Ernst den Bau eines Zauns an der Grenze zu Österreich forderte, bekommen zunehmend Oberwasser.

Advertisements

4 Comments

  1. „Diese Meute an Leuten“ welche Ihnen „Angst um unser Verständnis von Frieden und Demokratie in näherer Zukunft“ machen, sind bezogen auf die Gesamtbevölkerung glücklicherweise nicht wirklich relevant. Dass manche Menschen in ihren sozialen Netzwerken Deutschland kurz vor Aufstand und Bürgerkrieg sehen, liegt am Facebook Algorithmus. Wer am liebsten Katzenbilder anklickt, mag und teilt, bekommt früher oder später nur noch solche vorgesetzt. Leuten, die in Einwanderung eine Gefahr für die Volksgesundheit sehen, serviert der Algorithmus zunehmend die Ergüsse Gleichdenkender, die sich gegenseitig hochschaukeln in ihrem Wahn. Wobei der Begriff „-denker“ diskutabel wäre. Wahn vor allem deshalb, weil die grösste Angst bei denen herrscht, bei denen am wenigsten los ist. http://www.moscheesuche.de/moschee/stadt/Dresden/10333 Man braucht nicht mal die Finger einer Hand, um die Moscheen zu zählen. Um mit Pegida zu sympathisieren, darf man also eigentlich kaum bis drei zählen können.

    Jeder Brandstifter, Böllerwerfer und Schlagetot wird in seinem Tun bestärkt durch die ganzen „Das Boot ist voll“, „Asylanten vergewaltigen unsere Frauen“, „Die haben alle Smartphones“, „Die haben mehr Geld als ein deutscher Rentner“ Parolen. Und nicht wenige werden vom Denken (naja, wie gesagt, so ganz richtig gewählt ist der Begriff nicht) zum Handeln gebracht, wenn der Chor stark genug anschwillt. Um sich einreden zu lassen, dass Zuwanderung „unsere“ Kultur, gar Existenz bedroht, darf man einen gewissen Mindest-IQ nicht überschreiten, und/oder kann nicht so ganz geistig gesund sein. Dürfte beides auf den Kölner Attentäter zutreffen. Zu glauben, der sei in seinem Handeln NICHT vom Getöse der „skeptischen Bürger“ beeinflusst und bestärkt worden, zeugt bestenfalls von grenzenloser Ahnungslosigkeit. Wenn sie also wirklich kein Troll sind, fängt das richtige Wort eben doch mit „Tro“ an, dann folgen ebenfalls zwei Konsonanten, und es hört mit „el“ auf.Nein, nicht „Trommel“…

    Gefällt mir

  2. Mir fehlen die Worte über diesen Bericht. Das ist und bleibt ein ein Einzelfall, niemand anderes trägt die Schuld als der geistig verwirrte Täter. War klar, dass das ein gefundenes Fressen gegen Andersdenkende ist. Man kann diesen Bewegungen nicht immer den schwarzen Peter zuschieben. Immer dieses Abgrenzen und beschimpfen als Demokratiefern und intolerant in den Medien… Unsere Regierung sucht keinen Dialog, daher wird sich die allgemeine Stimmung im Land erst bei der nächsten Bundestagswahl zeigen. Wer auch immer die Strippen zieht, sollte schnell die Kurve kriegen und diese Meute an Leuten besänftigen. Es kann doch nicht so schwer sein.

    Wenn wir nicht jetzt vernünftig handeln, habe ich Angst um unser Verständnis von Frieden und Demokratie in näherer Zukunft. Und vielleicht wähle ich nächstes Mal nicht die Union, um zu zeigen, dass „Mutti Teresa“ mich enttäuscht hat…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s