Der Großeineinsatz in Inzmühlen: Seminarteilnehmer nahmen Partydroge 2C-E – Polizei leitet Strafverfahren ein

Veröffentlicht: 2015-09-05 in Überregionales, Hintergründe, Lokales
Schlagwörter:, , ,

Von Kristian Stemmler

Ist da jemand übers Ziel hinausgeschossen? Das Rätselraten über die Ursache der Vergiftungen, die am Freitag zu einem Großeinsatz von Feuerwehr, Deutschem Roten Kreuz und Johanniter Unfallhilfe in Handeloh-Inzumühlen gesorgt hat, ist beendet. Die 29 Teilnehmer eines Seminars in der „Tanzheimat Inzmühlen“, nach Medienberichten Heilpraktiker und Homoöpathen, haben offenbar mit dem seit Dezember 2014 verbotenenen Psychedelikum 2C-E experimentiert, in Szenekreisen, also etwa bei Ravern, als „Aquarust“ bekannt. Möglicherweise kam es zu einer versehentlichen Überdosierung.

Die Polizei erklärte am Sonnabend, dass sie und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die 29 Teilnehmer des Seminars, sie sind 24 bis 56 Jahre alt, wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz eingeleitet hat. Sie werden verdächtigt, die Substanz eingenommen und damit den Großeinsatz ausgelöst zu haben. Vernehmungen waren bis Sonnabend nachmittag aber nicht möglich. Hinweise darauf, dass die Betroffenen zur Einnahme der Droge gezwungen worden seien, gebe es bisher nicht. Die Vorgänge in Inzmühlen sorgten heute für eine bundesweite Berichterstattung von Bild.de über Spiegel online bis hin zu süddeutschen Zeitungen.

Am Freitagnachmittag waren, wie der blog berichtete, rund 150 Rettungskräfte aus drei Landkreisen mit 15 Rettungswagen, einem Rettungshubschrauber und weiteren Fahrzeugen nach Inzmühlen beordert worden. Als die Retter eintrafen, torkelten Seminarteilnehmer durch den Garten. Sie litten unter Krämpfen, Schmerzen, Luftnot, Herzrasen und Wahnvorstellungen, seien kaum ansprechbar gewesen. Lebensgefährlich vergiftet war aber keine der Personen.

Die Betreiberin des Tagungszentrums distanzierte sich heute auf ihrer Homepage von den Vorfällen. „Mitteilung zum Vorfall am 4. September 2015 in der Tanzheimat Inzmühlen“, heißt es da, und weiter: „Die Tanzheimat Inzmühlen ist Vermieterin der Tagungsräume der betreffenden Veranstaltung. Veranstalter war eine externe Gruppe, an die die Räume vermietet wurden. Wir grenzen uns deutlich von den Veranstaltern der Tagung und ihren Handlungen vor Ort ab.“ Ob das juristisch haltbar ist, muss sich zeigen.

2C-E ist die Abkürzung für 2,5-Dimethoxy-4-ethylphenethylamin. Es gehört strukturell zur Gruppe der Phenylethylamine, sowie zur Stoffgruppe der 2Cs. Es wurde erstmals von dem US-amerikanischen Chemiker und Pharmakologen russischer Abstammung Alexander Shulgin (1925-2014) synthetisiert. Laut Wikipedia ist Shulgin bekannt für seine jahrzehntelange Arbeit in der systematischen Entwicklung von synthetischen Halluzinogenen. Mehr als 300 Substanzen habe er synthetisiert und im Selbstversuch mit seiner Frau Ann Shulgin getestet (Wer sein Foto bei Wikipedia sieht, kommt zu dem Schluss, dass er zu viel getestet hat…).

Die Wirkung von 2C-E ist offenbar vergleichbar mit LSD. Der Erfahrungsbericht eines Users aus dem Internet: „Mein erster 2C-E Trip war für mich schon der absolute Wahnsinn, weil ich nie angenommen hätte das man die Welt so wahr nehmen kann ich war da meist nur am Staunen, jedes Bild jedes Muster wurde zu einen Film, weil alles in Bewegung ist, es wurden Lichter wahrgenommen wo es nie welche gab. Die Welt sah so aus das man ständig den Mund aufreißen musste und sich dachte, Krass!!“

Shulgin selbst schrieb: „25mg: Nach Minuten war ich ängstlich und schweißnass. Jede Person hat seine eigene Art der toxischen Psychose, meine beginnt immer mit Stimmen in meinem Kopf, die zu mir sprechen, über alle meine schlimmsten Ängste, ein Haufen Warnungen und tiefe Ängste. 20 Min. später verging dieses komplexe Chaos, so schnell wie es gekommen war. Mit niederen Dosen war 2C-E ein wirklich erfreulicher Ästhetiksteigerer. Aber es hat wirklich eine steile Dosis/Reaktionskurve.“

Bei Wikipedia heißt es zu den Nebenwirkungen: „Wie viele andere psychoaktive Substanzen birgt auch 2C-E die Gefahr der Auslösung einer substanzinduzierten Psychose. 2C-E ist eine Forschungschemikalie, die keine therapeutische Anwendung findet, da derzeit nicht genügend über Nebenwirkungen, langfristige Schäden, Suchtpotential, usw. bekannt ist.“ Der Vorfall vom gestrigen Freitag in Inzmühlen war übrigens heute schon in den Wikipedia-Beitrag über 2C-E eingearbeitet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s