Der NDR in Buchholz: „Wo bleibt die Freude?“ – Randbemerkungen zu einem Massenevent

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Von Kristian Stemmler

Der Alltag wird für viele Menschen heute nicht leichter. Druck am Arbeitsplatz, Stress in der Familie, Rundumbeschallung durch Konsum- und Medienindustrie. Da ist den Menschen natürlich jede Abwechslung prinzipiell zu gönnen. Schade ist nur, dass diese Abwechslung oft nur noch in Form von Zerstreuung und Betäubung bei so genannten Massenevents zu finden ist. Am Sonnabend gab es ein solches Event auf dem Peets Hoff in Buchholz: Die Sommertour 2015 von Hallo Niedersachen und NDR 1 Niedersachsen machte mit ihrer „Stadtwette“ Station in der Nordheide.

Wenn das Fernsehen ruft, gibt es natürlich kein Halten. Auf dem Platz zwischen Buchholz Galerie und Famila standen die Menschen von der Bühne bis zur Lindenstraße dicht an dicht, schon um 18 Uhr war kaum ein Durchkommen. Offenbar war die halbe Stadt auf den Beinen, um des Ereignisses teilhaftig zu werden. Die Polizei schätzte hinterher die Zuschauerzahl auf rund 9000. Viele hatten sich oder ihre Kinder als Pippi Langstrumpf oder andere Figuren des Kinderbuches ausstaffiert – denn das war Inhalt der (am Ende gewonnen) Stadtwette: Mehr als 250 Buchholzer sollten als Pippi-Langstrumpf-Figuren kostümiert das Pippi-Lied singen.

Ohne Frage ist es immer wieder faszinierend, was für eine Technik das Fernsehen auffährt, um seine künstliche Welt zu produzieren. Auf, neben, vor und hinter der mächtigen Bühne gab es Kameras und Kabel ohne Ende zu sehen, die Techniker des NDR liefen, zu recht von ihrer Bedeutung überzeugt, geschäftig umher, es wurde geplant, probiert, gecheckt. Die Professionalität, mit der all dies geschieht, ist sicher beeindruckend.

Nur stellt sich die Frage, für wen das alles geschieht. Denn letztlich sind die, für die das alles angeblich gemacht wird, also die (imaginierte) Stadt und deren Bewohner doch nur Staffage für die Show. Das Team rund um den Pressesprecher Heinrich Helms, das die Stadtwette bestritt, war sicher sehr motiviert, aber bestand halt aus einer überschaubaren Gruppe von Leuten, die sich auch sonst gern engagieren. Die große Masse der Zuschauer am Abend konsumierte die Show, war rein passiv.

Dass Moderator Arne-Torben Voigts, der mit seiner Kollegin Kerstin Werner, das Ganze moderierte, nicht nur einmal von Bückeburg statt von Buchholz sprach, ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Auswechselbarkeit der Kulissen. Der NDR arbeitet gern mit Lokalkolorit, gibt sich als Bewahrer von Heimat und Heimatgefühl. Aber letztlich ist das natürlich auch nur eine Täuschung, denn von dieser Heimat, dem spezifisch Lokalen, ist nicht mehr viel übrig.

Der Amok laufende Turbokapitalismus lässt nichts stehen, nichts von emotionaler Bindekraft, nichts was uns vom Konsumieren abhält, auch keine Heimat. Alles kommt in den großen Fleischwolf und nur das, was für die Zurichtung der Menschen brauchbar ist, bleibt übrig. Solche Events wie am Sonnabend in Buchholz sind letztlich nur dazu da, die Menschen zuzudröhnen, sie zu zerstreuen und abzulenken, Placebo-Gefühle zu vermitteln, auf dass sie am nächsten Tag weiter funktionieren.

So gut das alles auch gemacht war, auch die mit viel Drive neu arrangierte Neue-Deutsche-Welle-Musik mit Markus, Hubert Kah, Geier Sturzflug und Frl. Menke – im Grunde war es ein ebenso tristes wie trostloses Ereignis. „Wo bleibt die Freude?“, rief einer der Musiker auf der Bühne, und das war wohl der wahrhaftigste Satz an diesem Abend.

Aber die Leute werden ihn falsch verstanden haben. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, in die an einem Galgen immer wieder über sie schwebende Kamera zu winken und gleichzeitig auf den großen Bildschirm an der Bühnenseite zu starren. Einmal im Leben im Fernsehen sein.

Paul Simon schrieb diesen Text:

These are the days of miracle and wonder
This is the long-distance call
The way the camera follows us in slow-mo
The way we look to us all
The way we look to a distant constellation
That’s dying in a corner of the sky
These are the days of miracle and wonder
And don’t cry, baby, don’t cry, don’t cry

(…)

It’s a turn-around jump shot
It’s everybody jump start
It’s every generation throws a hero up the pop charts
Medicine is magical and magical is art
Think of the boy in the bubble
And the baby with the baboon heart

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7 Comments

  1. Ich habe ja nicht bestritten, dass sich da bei der Vorbereitung viele engagiert haben und das die sicher auch ihren Spaß hatten. Auch am Abend selbst hatten viele sicher Spaß. Dennoch bleibe ich dabei, dass ich meine Analyse und Kritik insgesamt für richtig halte. Es ist natürlich generell die Frage, ob man nicht dem Sog des Negativen verfällt, wenn man sich zu sehr darauf fokussiert – aber andererseits wimmelt es in den Medien von Leuten, die alles, was dieses System generiert, toll finden. Und da muss es m. E. auch noch andere geben, die Tacheles reden und die Gefahren und ruinösen Tendenzen dieser Zeit beschreiben. Sicherlich ist das mit dem Panem et Circensis ein altes Thema, aber so umfassend und hermetisch wie heute ist das nie zuvor durchexerziert worden. – Dass Paul Simon „Boy in the bubble“ gesungen hat, ist mir klar, ich meine aber, dass zumindest der Text von Gabriel ist. ABer das kann ich gern noch mal checken.

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  2. Also, ich hatte meinen Spaß, auch wenn ich mit vielen anderen leider lange warten musste, bis es endlich losging. Zudem war es auch in der Vorbereitung eine tolle Geschichte, zu sehen, wie so viele Leute und Vereine (BFC, SKB, Steenbeker und Parabol-Theater) sich engagiert haben!
    Vielen Dank für die Hilfe und Unterstützung, für das Engagement von Herrn Helms, Frau Hiller und Herrn Blohm!
    Es ist herrlich, Leute zu treffen, mit Ihnen zu schnacken, gemeinsam zum Text der Lieder zu singen und Spaß zu haben an etwas, was man geschafft hat. Sicher, Pippi Langstrumpf ist politisch eher zu diskutieren („Verzogene Göre lebt von Papas erpressten Geld, lebt im dreckigen Haus mit Affe und Pferd, Vater ist Pirat und kolonisiert Inseln…), aber die Möglichkeit sich zu amüsieren ist doch bitter notwendig, wie sang schon Biermann….? „Lass dich nicht verhärten….!.
    Übrigens ist der oben genannte Text NICHT von Peter Gabriel geschrieben, sondern von Paul Simon, 1986 auf der „Graceland“ Platte erschienen. Simon ist auch der Urheber der Songs, „Sound in Silence“, 1964 geschrieben…..wir reden also über ein altes Thema… Gesellschaft, Spaß, Politik und Kommerz, geht das eigentlich? „Panem et Circensis“, der Mensch braucht auch mal Zirkus.
    Wir sehen uns auf dem Stadtfest!

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  3. Dann alles Gute! Mir ist völlig klar, dass jeder, der sich dem Zwang zum Gutfinden nicht anschließen will oder kann, kein oder kaum noch Gehör findet. Aber es tut mir leid, ich kann dem Motto „Esst mehr Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren!“ nicht anschließen. – Die Richtigkeit meiner Prognosen wird sich daran erweisen, wie sehr sich das Chaos in den kommenden Monaten und Jahren noch steigern wird.

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  4. Sie müssen den Kommentar nicht veröffentlichen. Ich bin sichtlich enttäuscht, was aus diesem Blog geworden ist. Hier wird immer wieder mit den gleichen Methoden, Floskeln und Begriffen wie „Kapitalismus“ alles schlecht geredet, was auch nur ansatzweise versucht, Unterhaltung und Kultur zu schaffen. Mir bleibt leider nichts anderes übrig, als mich von diesem Blog zu entfernen.

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