„Reiche Hackfressen und kleinbürgerliche Deppen“ – eine Nachbemerkung

Veröffentlicht: 2015-07-30 in Analysen, Überregionales, Hintergründe, Politik
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139Von Kristian Stemmler

Schon in der Antike war es durchaus üblich, den Überbringer einer schlechten Nachricht einen Kopf kürzer zu machen und nicht etwa den Verursacher. Nach diesem Prinzip wird auch heute noch gern verfahren, vor allem wenn man sich die Laune nicht verderben lassen will. Das war wohl der Grund dafür, dass ein Satz, der vor kurzem in diesem Blog geäußert wurde, ein wenig Aufregung verursacht hat. Daher folgt hier zu diesem Thema eine kleine Nachbemerkung.

Der inkriminierte Satz lautete: „Der Buchholzer Ortsteil Holm-Seppensen ist nicht unbedingt ein sozialer Brennpunkt, sondern eher Rückzugsort für reiche Hackfressen und kleinbürgerliche Deppen, die den Schuss nicht gehört haben.“ Immerhin sorgte diese Formulierung erst mal für erheblich mehr Zugriffe auf den Blog. Aber nicht jeder Leser war amüsiert. Es gab entrüstete Kommentare, wobei die Entrüstung offenbar bei manchem den Blick trübte.

So polemisch sich dieser Satz liest, ist er natürlich keineswegs eine pauschale Beleidigung aller Bürger von Holm-Seppensen. Das Wörtchen „eher“ impliziert nämlich, dass ich keineswegs alle Bewohner dieses Ortsteils für reiche Hackfressen oder kleinbürgerliche Deppen (oder Beides) halte. Es kann sich im Prinzip jeder, der dort wohnt, aussuchen, ob er die Zuschreibung für zutreffend für die eigene Person hält…

Bemerkenswert an diesem Vorgang ist aus meiner Sicht aber vor allem eins: Es ist also ein Skandal, wenn man die (bürgerliche) Etikette verletzt, verbal aus der Reihe tanzt, ausfallend wird.

Aber es ist offensichtlich kein Skandal, wie in diesem Land eine kleine Schicht Begüterter auf Kosten der Allgemeinheit einen obszönen Luxus zelebriert. Es ist kein Skandal, wie sich eine immer mehr verrohende Mittelschicht in ihre Doppelhaushälften und Handtuchgrundstücksiedlungen zurückzieht und sich einen Teufel darum schert, wie das Leben eines Hilfsarbeiters am Packtisch eines Logistikkonzerns oder einer von ALG II lebenden alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern aussieht. Es ist auch kein Skandal, dass die Rücksichtlosigkeit, das allgemeine Mobben und Intrigieren in dieser Gesellschaft immer schlimmer werden.

Diese Gesellschaft ist doch längst aus den Fugen geraten, das ist doch überall mit den Händen zu greifen. Man gehe nur einmal in einen Supermarkt im Hamburger Stadtteil Volksdorf und fahre gleich anschließend von dort in einen Lidl in Billstedt oder Neugraben. Man schaue sich die Leute an diesen Orten und ihr Verhalten an und man wird auch an diesem Beispiel erkennen, wie sehr diese Gesellschaft bereits in Schichten zerfallen ist, die geradezu hermetisch voneinander getrennt sind.

Man kann erkennen, wie weit das Leben der saturierten Herrschaften in Volksdorf entfernt ist vom Leben der Menschen in den abgehängten Vierteln – und vor allem wie herzlich egal den Meisten dort deren Schicksal ist. Sie reden von ihren Klamotten, ihren dicken Autos, ihren Häusern, ihren Geldanlagen, ihrem nächsten Karibikurlaub. Das ist ihr Horizont. Was auf der Welt sonst passiert, interessiert sie nicht wirklich Ihre Meinung dazu beziehen sie aus der „Welt“ oder der FAZ, Blätter, die die Welt aus der Herrenmenschen-Perspektive beurteilen.

Moralisch, spirituell und emotional ist dieses Land schon längst auf einer der untersten denkbaren Stufen angelangt, aber die breite Masse will nichts davon wissen. So lange man shoppen, fressen, saufen und fernsehen kann, macht man mit und die Augen und Ohren zu. Dass der siegreiche Turbokapitalismus und alltägliche Konsumfaschismus diese Gesellschaft längst auf den Hund gebracht haben, dass Kriege und Krisen überall auf der Welt eskalieren und die zunehmenden Flüchtlingsströme nur Ausdruck davon sind – wer will das wirklich wissen?!

In der Mittelschicht gibt man sich noch weithin einen moralischen Anstrich. Man tut ja was für die Flüchtlinge oder gegen die Klimaerwärmung. Man nimmt doch auch mal das Fahrrad für den Weg zur Arbeit und isst kein Fleisch aus Massentierhaltung. Man ist ja aufgeklärt und kritisch. Da hat man doch auch das Recht, einmal im Jahr eine Fernreise zu machen. Da muss man doch kein schlechtes Gewissen haben.

Niemandem ist das Recht auf persönliches Wohlergehen oder Glück abzusprechen – aber nicht auf Kosten anderer. Wer sich am Kampf „Jeder gegen jeden“ beteiligt, wer die allgemeine Verlogenheit mitmacht oder sie sogar forciert statt sich dagegen zu stellen, der macht sich mitschuldig an den Verwüstungen der Zukunft. Und die werden keineswegs nur die Kinder von Hartz-IV-Empfängern betreffen, sondern alle!

Schon jetzt ist an den Verrücktheiten, Absurditäten und Perversitäten, die uns die Medien täglich frei Haus liefern, im Grunde gut zu erkennen, dass diese Welt sowohl was die materielle Ebene angeht wie auch auf der spirituell-geistigen Ebene auf eine Katastrophe zusteuert. Die Manipulation durch die Mainstreammedien wird gleichzeitig immer subtiler und umfassender, und immer weniger Menschen begreifen, was um sie herum vor sich geht. Es entsteht ein Abgrund, der nicht zu überbrücken ist, eine allgemeine Schizophrenie ungeahnten Ausmaßes, die wiederum ihrerseits neue Verrücktheiten generiert.

Darum ein Rat an alle, die dennoch ihre fünf Sinne halbwegs beisammen haben: Kopf einziehen und wachsam bleiben!

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Kommentare
  1. DA scheine ich ja einen Nerv getroffen zu haben… Die Anzeigen werden von WordPress eingeblendet, dafür kriege ich keinen Cent, die seh ich noch nicht mal. Ich betreibe diesen Blog rein ehrenamtlich, ohne irgendetwas zu verdienen. Die Beiträge zur Familie Schule sind ganz normale Lokalberichterstattung, wie ich sie beim Hamburger Abendblatt gelernt habe. Dann lesen Sie die Bild mal gründlicher, das ist ein himmelweiter unterschied.

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  2. AKL sagt:

    Ach so, ja….weil es bei Ihnen ja immer darum geht, das Sie andere beschimpfen dürfen, wenn die nicht ganz so ticken, wie sie sich das wünschen. Deshalb wird aus einem Zitat ein „Fussmattenspruch“ (sie haben ja ein großes Haus, wenn der Spruch auf die Matte passt…) und aus jemanden, der im falschen Viertel/Stadteil wohnt eine „Hackfresse“ (scheint ja grad Ihr Lieblingsschimpfwort zu sein…siehe Schäuble). Und soll ich „wachsen“ oder „wachen“? Das verstehe ich nämlich auch nicht. Ebenso wie die „Bonner Republik“ mit dem Vorbild? Wieso gibt es in der „Berliner Republik“ keine Vorbilder? Lassen Sie mal, ich will gar keine Antwort.
    Ach ja, damit sie was zu lästern haben, ich konnte leider nicht früher antworten, weil ich im Urlaub war. Das ist wahrscheinlich auch Grund genug, mich zu diffamieren und unflätig zu beschimpfen. Weil ich neben der Familienarbeit, der Kinder, den Ehrenämtern und meinem ganz persönlichen Kampf gegen Intoleranz und Ignoranz auch noch mal am Strand liegen und ein Buch lesen mag….darf ich ja nicht, wenn es nach Ihnen geht, Weil Sie ja der einzige zu sein scheinen, der dies System durchschaut hat und deshalb so herzlich undemokratisch maulen, schimpfen, schreiben darf. Aber, wie gesagt, hoffentlich handeln sie ja besser! Bei ihren Artikeln zum Thema der verschwunden Familie jedenfalls haben sie exakt das gleiche Niveau, wie dieses Blatt mit den großen Buchstaben, aber natürlich dürfen Sie das, weil Sie auf der richtigen Seite sitzen. Ich schlage vor, sie packen noch ein paar nackte Frauen in Ihren Blogg, dann erhöhen sich noch die Klickzahlen….ach, ich vergaß, haben sie ja schon, diese netten Anzeigen über der Kommentarspalte…Finanzierungsratgeber, Diättipps. Anti-Krebsmittel aus der Natur und Lebenstipps…probieren sie das doch mal aus, wo sie schon Werbung machen dafür….Vielen Dank für Ihre Systemkritik!
    Ich verabschiede mich hiermit, mfg!

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  3. Fußmattensprüche werden uns sicher weiterbringen… Wachsen Sie mal auf!! Wer hat denn gesagt, dass ich auf Veränderung aus bin. Erst mal muss man doch die Lage analysieren. Und wenn die Analyse ergibt, dass Veränderungen (momentan) kaum möglich sind, dann ist das auch ein Ergebnis. Wichtig ist eine ehrliche Analyse. Vorbild sein – Leben Sie noch in der „Bonner Republik“??

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  4. AKLinde@arcor.com sagt:

    Tja, schlimm…Absicht wars also und kein ausrutscher?!? was soll denn dieses beschimpfen bewirken? veränderung bei besitzenden? bei audifahrerinnen und sylturlaubern? oder ist es eher dampfablassen eines vermeintlich sozialen autors, der aber seine Wut nicht packen kann? gilt den die toleranz nicht für die besitzenden? ich bin so froh, das ich mir mal was leisten kann…endlich…warum bin ich deshalb ein hackfresse…und was ist das überhaupt? greifen hier vielleicht abgrenzungsmechanimen nicht mehr? vorbild sein, vor allem als ratsherr, wäre hier besser angeraten….
    Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
    Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
    Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

    aus dem Talmud

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  5. Hallo Christian, ich weiß, dass Du es gut meinst, aber meine Formulierung war kein Ausrutscher, der mir leid tut. Es war eine bewusst polemische Formulierung, die im Kern auf den sozialen Skandal dieser Gesellschaft hinweist. Gruß Kristian

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  6. hans-christian keunecke sagt:

    Hallo Kristian !

    Ich finde Du reitest Dich immer mehr in ein negatives Journalistenimage hinein!? Warum ?
    Einmal versuchst Du Deine unglückliche Formulierung nach einiger Zeit zu erklären und zweitens
    erkennt jeder, trotz Deiner SPITZFINDIGEN FORMULIERUNGSAUSREDE, dass Du alle Bewohner von Holm Seppensen mit “ Reichen Hackfressen und Kleinbürgerlichen Deppen “ meinst!!?? Ich find diese Art von FRUSTKRITIK für einen erfahrenen Journalisten mehr als unglücklich.
    Kristian, ich als Holm Seppenser schlage vor Du erklärst nicht Deine „Ausrutscher “ sondern , gibst in Deinem Blog zu, das es ein Ausrutscher war der Dir Leid tut.
    Mich wundert,das die Holm Seppenser den Spruch „Reiche Hackfresse und Kleinbürgerliche Deppen “ in Deinem Blog nicht ausgiebig kritisiert haben.!!!??? Trauen sie sich nicht?

    Selbstverständlich hat der Ortsrat keine „Glanzentscheidung“ getroffen, wenn er den Hindenburgweg
    –Hindenburg ermöglichte mit das Dritte Reich/Kriegsverbrecher— nicht umbenennt. !!!??? Vorallendingen wenn alle Parteien und Gruppierungen gegen die Umbenennung gestimmt haben.sollten!

    Wie wohl der Stadtrat entscheidet !?

    Gruß Christian

    Nachfolgend ein Veranstaltungshinweis. Deine Einwilligung vorausgesetzt. Danke!

    ________________________________________________________________________________

    H A M B U R G E R F O R U M

    FÜR VÖLKERVERSTÄNDIGUNG UND WELTWEITE ABRÜSTUNG e.V
    unterstützt von der
    FRIDENSGRUPPE IN DER NORDHEIDE A U F R U F Z U M

    H I R O S H I M A — T A G 2 0 1 5

    V O R 70 J A H R E N : U S — A T O M B O M B E N

    A U F H I R O S H I M A U N D N A G A S K I

    KUNDGEBUNG: DONNERSTAG, 6. AUGUST 2015, 17.00 Uhr,

    AM “ KRIEGSKLOTZ“ (S–Bahn Dammtor/U–Bahn Stephansplatz)

    Am 6.August 1945 warf ein US–B omber die erste Atombombe über Hiroshima ab. Eine riesiege
    Explosions –und Hitzewelle verwandelte die Hafenstadt in eine lodernde Hölle. Ungefähr 80 Prozent der Stadt wurden sofort zerstört. Drei Tage später fiel eine zweite Bombe auf Nagasaki. Durch beide Bombenabwürfe wurden insgesamt 200 000Menschen getötet und über 100 000 ver wundet. Zu den Opfern gehörten auch viele Zwangsarbeiter aus Korea und China. In den Jahrzehnten danach
    und bis heute gab es unzählige Opfer infolge der Verstrahlungen. Zum Zeitpunkt dieser beispiellosen Kriegsverbrechen war die Kapitulation Japans ohnehin klar. Ziel der US-Führung war nicht die Beschleunigung der Kapitulation, sondern eine Demonstration ihrer Macht.

    ________________________________________________________________________________

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