Skurriles aus dem real existierenden Turbokapitalismus: Kangatraining – Mütter schütteln öffentlich ihre Kinder durch

DSC_0701[1]
Deutscher Kinderschutzbund, bitte übernehmen! Mütter schütteln öffentlich ihre Kinder – und Konsumenten schauen zu.
Von Kristian Stemmler

Nichts ist heute bekloppt genug, als dass sich nicht noch Leute finden würden, die den Blödsinn mitmachen! Am heutigen schwülen Sonnabend konnte man sich in der Buchholzer Innenstadt von der Wahrheit dieser Sentenz überzeugen. Auf dem Peets Hoff zwischen Buchholz Galerie und Famila hopsten knapp 20 junge Frauen in Fitnesskleidung wie aufgezogen zu lauter Popmusik herum, die aus einer Box hinter ihnen über den Platz schallte – das Besondere daran: Alle hatten sie ein Baby in einer Tragehilfe vor dem Bauch oder auf dem Rücken!

Natürlich fragen Sie sich, lieber Leser, genau wie ich vorhin, was das Ganze soll. Ich hatte schnell eine Vermutung, die sich als richtig herausstellte. Kaum hatte ich pinkfarbene und weiße Luftballons gesichtet, auf denen ein Logo zu erkennen war, war mir klar, dass es sich mal wieder um einen neuen Trend handelte oder anders gesagt: um Abzocke. Ein paar Minuten Internetrecherche genügten, um herauszufinden, dass das blödsinnige Rumgehopse sich „Kangatraining“ nennt (benannt nach „Kanga“ aus Winnie Pooh).

Wie immer im real existierenden Turbokapitalismus ist das Strickmuster folgendes: Ein Mann oder eine Frau – in diesem Fall war es 2008 eine gewisse Nicole Pascher, Fitnesstrainerin aus Wien – denken sich einen peppigen Namen für eine normale oder weniger normale Aktivität aus wie hier das Tanzen mit einem Baby, lassen sich das als Markennamen registrieren, generieren mit ebenso nebulösen wie wohlklingenden Sätzen ein „Konzept“ und kurbeln die Medienmaschine an.

In diesem Fall klingt das so (wobei mit Mutter Nicole Pascher gemeint ist): „Als Mutter von 3 Kindern weiß sie aus eigener Erfahrung, dass oft keine Zeit bleibt, um für sich selber etwas zu tun. Während der Schwangerschaft mit ihrer jüngsten Tochter Pamina kam ihr die Idee ein Workout zu entwickeln, bei dem die Mama sicher und effektiv wieder schlank wird und sich ihr Baby dabei gleichzeitig entspannt.“ Workout, das klingt gut!

Und weiter: „Beim Kangatraining muss die Mama nicht warten, bis ihr Baby schläft oder hoffen, dass es während des Workouts ruhig ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die beste Zeit, um mit dem Training zu starten, ist wenn das Baby unruhig ist, vielleicht sogar müde und nicht einschlafen kann. Und das macht das Kangatraining so einzigartig.“

Einzigartig bescheuert, müsste es an dieser Stelle heißen, aber der spannendste Punkt kommt noch. Nämlich die Erklärung, warum man oder besser frau zu diesem Behufe dringend eine Trainerin benötigt – also: „Es ist uns besonders wichtig, dass alle „Kangababys“ beim Kangatraining richtig getragen werden. Daher arbeitet jede Kangatrainerin eng mit einer ausgebildeten Trageberaterin zusammen. Damit Mamas auch zuhause mit ihrem Baby trainieren können, gibt es Kangatraining seit 2010 auch auf DVD.“

Frau Pascher und ihre Trainerin wissen mit anderen Worten, wo Barthel den Most holt… Und was hat das Ganze mit Buchholz zu tun? Nun, eine gewisse Julia Schmidt bietet den Blödsinn seit einiger Zeit auch in Buchholz und Rosengarten an, „seit April auch Outdoor“ und hat sich mit ihren „Kundinnen“ präsentiert. Wetten dass im nächsten Wochenblatt ein Jubelbeitrag übers „Kangatraining“ erscheint.

Was an dem Auftritt auf dem Peets Hoff und an dem Projekt bedenklich sein könnte, außer dass es kommerzielle Ausbeutung ist? Ich habe mich gefragt, ob die wirklich sehr laute, basslastige Musik heute, die man noch Straßen weiter hörte, und das roboterhafte Gehopse der Mütter nicht eher dem Wohl des Kindes abträglich ist. Aber das interessiert ja heute ohnehin kaum noch. Hauptsache, die Kohle stimmt!

Advertisements

2 Comments

  1. Ich habe mich informiert, und ich halte das immer noch für unglaubliche Abzocke! Wenn Sie auf diesen Blödsinn hereinfallen, ist das Ihr Problem. Eigentlich sollte sich das Jugendamt damit befassen, was Sie da mir Ihren Kindern abziehen. Die auf dem Peets Hoff öffentlich zur Schau zu stellen zu einer so irrsinnig lauten Musik. Unverantwortlich!!!!

    Gefällt mir

  2. Unglaublich, wie frech und abschätzend dieser ‚gewisse‘ Redakteur Herr Kristian Stemmler über das Kangatraining herabzieht! Bitte informieren sie sich zuerst, bevor sie so einen Müll schreiben!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s