querschläger präsentiert:

Projektcover1

Folge 1

Von Kristian Stemmler

„An dieser Kasse bitte nicht mehr!“ Pflichtschuldig schob Hartwig Klein seinen Einkaufswagen an das Ende der anderen Schlange. Zwei Kunden standen noch vor ihm am Band. Seine Frau Karin kam aus der Tiefe des Discounters mit zwei Tüten Apfelsaft in den Händen zurück. Ihr Mann musterte sie entgeistert. „Direktsaft! Hatte ich das nicht gesagt?! Kein Konzentrat.“ – „Ist doch scheißegal!“ – „Eben nicht! Ich trinke nur Direktsaft, das müsstest du allmählich wissen.“ – Sie machte sich erneut auf den Weg zum Saftregal.

Als sie zurückkam, war Hartwig Klein damit beschäftigt, die Waren aus dem Einkaufswagen auf das Band zu hieven. Er machte das sehr systematisch, ordnete die Sache nach Art und Größe an, wie eine militärische Formation, das machte ihm Spaß.

Die Säfte und die Milch legte er nach vorn, gleich hinter die Weinflaschen, dahinter kam Aufschnitt wie Käse und Wurst, dann Joghurt, Sahnebecher, dahinter Gemüse und Obst und hinten schließlich die Chipstüten. Die Nachhut bildete der Warentrenner, der längliche Stab, der seinen potenziellen Besitz von dem des Hintermannes trennte. Auch dieser Stab wurde genau ausgerichtet.

Der Kassiererin war die Aufstellung der Produkte latz. Sie zog die Sachen mit einem Affenzahn über den Scanner, dass einem schon vom Hingucken schwindelig werden konnte. Ob wohl die Kassiererinnen von Aldi oder die von Lidl schneller sind, überlegte Hartwig Klein, kam aber nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, weil er es nur mit Mühe schaffte, die Waren, die ihm am Ende des Bandes entgegen geschoben wurden, zurück in den Wagen zu befördern.

„Na, die ist auf zack!“, dachte Hartwig Klein, „nicht wie meine Alte, die nichts gebacken kriegt.“ Er sah sie missbilligend von der Seite an, aber sie registrierte den Blick nicht. Schweigend schob Hartwig Klein den Einkaufswagen hinter seiner Frau her über den Parkplatz von Aldi, schweigend lud das Paar den Wocheneinkauf in den Van. Dieser Tagesordnungspunkt wäre erledigt.

*

Jasper trat mit voller Wucht gegen den Außenspiegel. Der Spiegel flog aber nicht, wie er es erwartet hatte, ein paar Meter weit durch die Luft, sondern gab nur kurz nach und ploppte dann zurück in seine Ausgangsstellung. Das Glas war gesprungen, ein Stück von der Plastikummantelung abgesplittert, mehr war nicht passiert. „Flexible response“, dachte Jasper.

Carl war schon ein paar Schritte weiter gegangen, und hatte nicht mitbekommen, dass sein Kumpel stehen geblieben war. Er fuhr zusammen, als es hinter ihm knallte, überblickte die Lage aber schnell. „Bist du bescheuert! Das kannst du nicht bringen“, schrie er Jasper an. „Doch kann ich“, erwiderte Jasper trotzig, „ich fühl mich jetzt besser. Scheiß-SUVs!“

„Interessanter Standpunkt“, lästerte Carl, „so ein zielloser Vandalismus bringt uns bestimmt weiter… Und du hast nachher ein Strafverfahren wegen Sachbeschädigung am Hals.“ Aber Jasper hatte keine Lust, über die Frage der Berechtigung von Gewalt gegen Sachen zu diskutieren und schüttelte nur schweigend den Kopf.

Sie hatten sich inzwischen eilig vom Tatort entfernt, weil man auch um diese Uhrzeit nicht wissen konnte, ob noch Leute unterwegs waren oder wie schnell Anwohner die Polizei rufen würden. Ein paar Straßen weiter bogen die Freunde in die Kneipe ihres Vertrauens ab, beschlossen den Abend mit zwei bis drei kühlen Astra und verloren über den Vorfall kein Wort mehr.

*

Am nächsten Morgen saß Jasper mit leichten Kopfschmerzen in einem vandalismusresistenten Schalensitz mit einer Wartemarke und der „Einladung“ des Jobcenters in der Hand. „Vorladung sollte es heißen“, dachte er.

Spaßeshalber las er sich die „Rechtsfolgenbelehrung“ durch, die kleingedruckt auf der Rückseite stand: „Bei einer Verletzung der Meldepflicht wird das Arbeitslosengeld II um 10% der für Sie maßgebenden Regelleistung zur Sicherung des Lebensunterhalts nach § 20 SGB II abgesenkt. Ein eventuell bezogener Zuschlag nach § 24 SGB II (Zuschlag nach Bezug von Arbeitslosengeld) entfällt für den Zeitraum der Minderung.“

Gut zu wissen. Noch besser fand Jasper den Hinweis auf einem anderen Schreiben des Jobcenters, das er aus der Klarsichthülle herauskramte. Er hatte die Passage vor einiger Zeit dick angestrichen und guckte sie sich jetzt noch einmal an, um nicht zu vergessen, wo er hier eigentlich war.

„Sollten Sie unvollständige oder falsche Angaben machen oder Änderungen nicht oder nicht unverzüglich mitteilen“, so war da zu lesen, „müssen Sie eventuell zu Unrecht erhaltene Leistungen erstatten und erfüllen möglicherweise eine Ordnungswidrigkeiten- oder Straftatbestand. Leistungsmissbrauch wird mit modernen Methoden der elektronischen Datenverarbeitung – auch in Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Trägern – aufgedeckt und mit Nachdruck verfolgt, um die Gemeinschaft der Steuerzahler zu schützen.“

Die Formulierung „Gemeinschaft der Steuerzahler“ haute Jasper immer noch aus den Socken. In einem auf den ersten Blick so nüchtern, juristisch, technisch auftretenden Text kam da plötzlich aus dem Nichts eine Wendung mit einem verräterisch aggressiven Unterton um die Ecke: Pass bloß auf, Gesindel! Ihr gehört nicht dazu und wir werden alles tun, um Euch für Euren liederlichen Lebenswandel zur Rechenschaft zu ziehen.

Jasper musterte den Security-Mann, der mit stoischem Gesichtsausdruck am Übergang von der Wartezone zum Bereich stand, in dem die Sachbearbeiter von Stellwänden getrennt die Kunden bearbeiteten. „Warum nehmen sie für diese Jobs immer die dumpfesten Typen“, fragte Jasper sich, suchte aber nicht weiter nach der Antwort. „Was geht es mich an.“

Die Nummer 17 erschien auf der Leuchttafel. Jasper machte sich auf den Weg zu Platz 3.

*

Hartwig Klein war außer sich. „Karin, kannst du eigentlich gar nichts richtig“, schrie er durch die aufgeräumte Doppelhaushälfte. Karin kam aus dem ersten Geschoss herbeigeeilt, wobei sie fast die Treppe heruntergefallen war. Ihr Mann stand zitternd vor Wut vor dem mannshohen Ficus im Wohnzimmer und deutete mit dem Finger auf die Blätter der Pflanze. „Da, da und da! Siehst du das denn nicht?! Da ist doch überall noch Staub drauf. Er wischte mit dem Finger über zwei, drei Blätter und hielt ihn den bestäubten Finger triumphierend vor die Nase.

Karin wusste, dass es wenig Sinn gemacht hätte, ihrem Mann zu widersprechen. Darum sagte sie nur: „Mein Gott, dann habe ich die halt vorhin übersehen. Ich mach’s gleich weg.“

„Aber zügig bitte. Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass der Staub die Poren verklebt. Dann kann die Pflanze nicht mehr atmen und geht irgendwann ein.“

Sie nickte, ging in die Küche und kam mit einem Putzlappen zurück. Unter den wachsamen Augen ihres Mannes, der regungslos vor dem Ficus stehen geblieben war, wischte sie den Staub von den noch verschmutzten Blättern. Er war noch nicht ganz zufrieden, deutete auf ein einzelnes Blatt. „Da, das hast du übersehen.“

Als auch dieses letzte Blatt vom Staube befreit war, erst da war Hartwig Klein zufrieden und ging in die Küche, um sich für seinen anstrengenden Einsatz zur Rettung seines Ficus‘ mit einem Kaffee zu belohnen.

*

Hartwig Klein war ein veritables Arschloch, wie sie draußen zu Hunderten, zu Tausenden, zu Hunderttausenden herumlaufen. Sie kennen bestimmt auch eines. Sie können sie beim Discounter an der Kasse ebenso treffen wie im Elektronikmarkt vor den Plasmafernsehern, wo sie mit scharfem Blick die Unterschiede der Modelle herausarbeiten, beim Stadtfest am Caipirinha-Stand oder auf den Rängen eines Fußballstadions. Sie sind die Lautesten im Restaurant und auf Elternabenden, drängeln sich beim Bäcker gern mal vor und wissen alles besser.

Aber nicht immer sind sie so leicht zu erkennen. Es gibt auch die andere Sorte Arschloch, die sich in der Öffentlichkeit zu benehmen weiß. Diese Sorte ist eigentlich noch unangenehmer.

Hartwig Klein gehörte zu dieser zweiten Sorte. Sie würden ihn bestimmt für einen netten Kerl halten, so auf den ersten Blick. Wie die meisten dieser Sorte funktionierte er an seinem Arbeitsplatz, brachte die Kohle nach Haus, um sich und seine Familie zu versorgen, verstand es, sich als Erfolgsmensch zu verkaufen, beherrschte den Small Talk mit Hans und Franz, bewohnte eine Doppelhaushälfte auf einem 500-Quadratmeter-Grundstück, fuhr einen Van in Silbermetallic, mähte regelmäßig den Rasen und hatte Streit mit einem Nachbarn wegen der Grundstücksgrenze.

Ein Grenzstein war nicht auffindbar und Hartwig Klein wusste genau, dass es nur der Nachbar gewesen sein konnte, der ihn hatte verschwinden lassen. Die Neuvermessung des Grundstücks würde ihn ein halbes Vermögen kosten. Aber die Grenzen mussten klar gezogen werden, wo leben wir denn?!

Genau genommen war Hartwig Klein ein armes Würstchen, er hing am Rockzipfel seiner Mutter, und das mit über 50, und seinen Vater fürchtete er mehr als den lieben Gott. Aber das fiel ihm selbst nie auf und seinem Umfeld ebenso wenig.

Wir könnten uns ein Ei drauf backen, aber die Arschlöcher sind obenauf und das jeden Tag mehr. Die Bedingungen für Arschlöcher sind so gut wie ein warmer Sommerregen für Pilze. Sie fühlen sich wie Fische im Wasser. Sie laufen frei herum, während ihre Opfer beim Therapeuten auf der Couch liegen oder gleich in der Klapse verschwinden, wo die Ärzte dann umfangreich rätseln, wo die Depressionen, Schizophrenien, Psychosen und was es sonst noch so gibt bloß herkommen.

Die Angehörigen kommen zu Besuch und zucken die Schultern. „Wir verstehen es ja auch nicht, als Kind war sie immer so lieb und pflegeleicht.“

(Fortsetzung folgt)

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