Der buchholz express verabschiedet sich – Vorwort zu einem neuen Projekt

Veröffentlicht: 2015-05-31 in Überregionales
Schlagwörter:,

Von Kristian Stemmler

Der Wind dreht sich. Der Ton wird rauer. An allen Ecken und Enden ist mit Händen zu greifen, dass wir in einen Strudel gerissen werden, dass grundstürzende Ereignisse und Prozesse bevorstehen oder schon im Gange sind, von deren Ausmaßen wir uns keinen Begriff machen. Wenn die Zeichen nicht täuschen, stehten wir vor einem Zivilisationsbruch, einer Barbarisierung ungeheuren Ausmaßes – oder sind sogar schon mittendrin.

Es ist sicher kein Zufall, dass es ein Gefängnispsychologe war, der schon vor Jahren in sonst kaum erreichter analytischer Tiefe diese Prozesse und Phänomene gesehen, vorausgeahnt, ihre Ausprägung und ihre Wurzeln beschrieben hat: Götz Eisenberg, der im Gießener Erwachsenenvollzug gearbeitet und Bücher geschrieben hat.

Schon im Jahr 2000 konstatiert Eisenberg in seinem Buch „Amok – Kinder der Kälte“, wir seien gegenwärtig „Zeugen des Auseinanderfallens der Gesellschaft in vergleichültigte, kalte Selbstverwertungsnomaden einerseits und das völlig Abstrakte einer Weltgesellschaft andererseits“. Der Psychologe erläutert: „Die immer weniger in wirkliche, an Personen gebundene Kommunikations- und Bearbeitungsprozesse eingehenden Antriebspotenziale der Subjekte gefährden den Fortbestand der Zivilisation, die ja als Bändigung des Archaischen zu fassen wäre.“

Man habe es nach Robert Kurz mit der „Durchsetzungsgeschichte“ des Kapitalismus zu tun, das eben nicht als fertig ausgebildetes System auf die Bühne getreten sei. Diese Produktionsweise werde vielmehr „erst heute zum totalen Weltverhältnis“.

Was das für uns alle bedeutet, analysiert Eisenberg ebenso nüchtern wie schonungslos. Er schreibt: „Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus. Sexuelle und aggressive Triebe halten sich immer weniger an Regeln, die Macht des Unbewussten wird gestärkt und bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben.“

Und: „Der vorherrschende Umgang mit den Dingen greift auf die menschlichen Beziehungen über, und die Kinder lernen heute beizeiten, dass es keinen Sinn hat, ihr Herz an irgend etwas oder irgend jemand zu hängen.“

Das ist eine schwer zu ertragende, aber notwendige Zustandsbeschreibung, ebenso wie diese Feststellung Eisenbergs: „Wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen Fremdzwängen und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will, worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet.“

Eisenberg bleibt dabei aber nicht stehen, sondern ergreift klar Partei. „Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als loser, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als winner begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll.“

Und weiter: „Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt von Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken. Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jeder Art von moralischem Darwinismus“.

Eisenberg schließt: „Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen Friedens und der hedonistischen Spaßkulur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat… Die Hölle des neoliberalen Zeitalters erschließt sich uns als das Zugleich der verschiedenen, sich miteinander verschränkenden Ebenen von sozialer und psychischer Desintegrtion.“

Es ist auch eineinhalb Jahrzehnte nach Erscheinen dieser Analyse im Grunde kaum möglich, ihre Tragweite zu begreifen, noch weniger die Folgen der beschriebenen Phänomene und Prozesse jetzt schon durchzubuchstabieren. Aber es führt kein Weg daran vorbei, es zumindest zu versuchen, wenn man, wie der Autor dieses Vorwortes, von der Wahrheit der Eisenbergschen Analyse zutiefst überzeugt ist.

Dann aber führt auch kein Weg daran vorbei, alle intellektuellen und sprachlichen Mittel dafür einzusetzen, das Gesehene und als wahr Erkannte zu beschreiben und anderen mitzuteilen, dem Diktum von Hugo von Hofmannsthal folgend: „Wuchs dir die Sprache im Mund, so wuchs in die Hand dir die Kette. Zieh nun das Weltall zu dir! Ziehe! Sonst wirst du geschleift.“

Geradezu elektrisierend hat da auf den Autor dieses Vorworts ein Appell des Politologen Ingar Solty und des Schriftstellers Enno Stahl gewirkt. Solty und Stahl hatten Mitte April zu einer Konferenz „Richtige Literatur im Falschen“ nach Berlin eingeladen, um ihr Konzept für eine Literatur zu diskutieren, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wid. In der Tageszeitung junge welt war danach zu lesen, eine „Gruppe 15“ schicke sich an, in die Fußstapfen der „Gruppe 47“ zu treten. Hier bahnt sich offenbar etwas an.

Solty und Stahl beschreiben die aktuelle Misere des deutschsprachigen Romans, „der aufgehört hat zu träumen“. Und weiter: „Wenn er nicht ohnehin dem Eskapismus frönt, sondern sich überhaupt einmal der scheinbar unbezwingbaren Stabilität kapitalistischer Vergesellschaftsformen widmet, dann verdoppelt er allzu oft deren totalen Herrschaftsanspruch, indem er – etwa als Literatur des Abstiegs und der Abgestiegenen – zwar durch schonunglose Offenlegung dessen, was ist, das kritische Bewusstsein mit der Kraft der Negation befreit, zugleich aber die Gefangenschaft erneuert durch die Verhüllung dessen, was sein könnte. Dabei: Wer könnte träumen und die Rezipientinnen und Rezipienten mitträumen lassen, wenn nicht sie, die Literatur?“

Folgerichtig fragen Solty und Stahl weiter: „Wie also könnte Literatur zu den gesellschaftlichen Kämpfen der heutigen Zeit mittragen?“ und beantworten die Frage selbst: „Zunächst einmal einfach dadurch, dass sie die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht länger ausblendet. Dass sie sich statt mit rein persönlichen Befindlichkeiten, mit Liebe, Unterhaltung, rein historisierenden Stoffen eher mit brennenden aktuellen Fragen und Figuren befasst“.

Das ist ebenso treffend wie ermutigend formuliert. Es müssten, so heißt es im Text weiter, „neue ästhetische Formen entwickelt werden, die sich dazu eignen, die Veränderungen des Kapitalismus seit der neoliberalen Wende und in der Krise analytisch und mit sozialpsychologischem Gespür in ihrer Verdichtung im Einzelexemplar und seinen Verstrickungsverhältnissen zu entlarven“.

Und weiter: „Die sozialen und ökonomischen Dissonanzen müssen sich in der Literatur niederschlagen, die monströse Asymmetrie des Lebens, Momente der Schönheit neben Ausbrüchen atavistischer Grausamkeit, die Verstrickungen des einzelnen im großen Ganzen, gerade wenn er oder sie sich herauszuhalten sucht. Die Literatur muss sagen, was Sache ist, muss dokumentieren, nachhaltig aufbewahren und damit anklagen, welche Verheerungen sich ereignet haben und wer die Verursacher sind.“

Und schließlich: „Damit nicht genug muss die Literatur Menschen zeigen, die dagegen angehen, die das alles nicht mehr mit sich machen lassen, die ihre Würde bewahren und sich dem scheinbar Unaufhaltsamen entgegenstellen, die ihre persönlichen Fluchtwege finden und damit Beispiele geben mögen für viele andere. Solche, die das Spiel nicht mehr mitspielen, die … vorziehen, es nicht zu tun – in aller Höflichkeit und mit gelassener Bescheidenheit. Die statt dessen etwas ganz anderes anfangen oder gar nichts mehr tun, die, grinsend wie Idioten, aus dem Laufrad heraustreten, das da heißt Arbeiten! Kaufen! Sterben! oder gar die Existenz des Laufrads schlichtweg leugnen. Die ihr Geld nicht in Aktien anlegen, von der neuesten Mode keine Ahnung haben und Einkaufsstraßen meiden. Und auch immer wieder Menschen, die ihre eigene Kraft erkennen, wenn sie sich auf den schwierigen Weg machen, sich zusammenzuschließen, die aufhören zu fliehen und anfangen, gemeinsam zu kämpfen.“

Das Alles ist wunderbar gesagt! Und es trifft sich mit den Überlegungen und Ideen, die den Autor dieses Vorworts schon seit langem intensiv und immer wieder beschäftigen und nicht loslassen, in geradezu unheimlicher Weise. Darum fühlt er sich ermutig und aufgefordert, den Versuch zu wagen, einen Text zu schreiben, der den Forderungen des Solty-Stahl-Konzeptes zumindest nahe kommt.

Vom morgigen Montag an erscheint in diesem Blog dieser Text in loser Folge in Form eines Romanprojekts. Ob der Text am Ende wirklich ein Roman wird, sei dahin gestellt, denn eigentlich müssen neue Gattungsbegriffe für das gefunden werden, was der kritische Leser heute braucht. Texte, die nicht zerstreuen, sondern fokussieren, nicht ablenken, sondern hinführen, nicht verschleiern, sondern aufdecken, nicht unterhalten, sondern erfreuen – nämlich durch die Wucht ihrer Sprache, die Exaktheit der Beobachtung, das Treffende und Enthüllende der Schilderung, das Mutmachende und Befreiende ihrer Utopien.

Der Autor dieses Vorworts ist zutiefst davon überzeugt, dass Beobachtungen im alltäglichen Leben mehr über gesellschaftliche Umbrüche aussagen können als die Betrachtung der großen Politik oder das Debattieren theoretischer Diagnosen. Die Wiedergabe der Hohlheit einer TV-Kochshow, der Blick auf einen von schwarzen, weißem und silbermetallicfarbenen Blech dominierten deutschen Parkplatz, das Einfangen der postmodernen Kälte zeitgenössischer Architektur, das Sezieren des Verhaltens eines Kunden im Elektronikmarkt lassen mehr von den aktuellen Verheerungen erahnen als das Studium von zehn Tageszeitungen oder kluge Diskussionen über gesellschaftliche Zustände und Veränderungen.

Der hier angekündigte Text, beschäftigt sich in besonderem Maße mit dem „verrohenden Bürgertum“ und seinen Opfern. In Zeiten, in denen der Kampf um einen Platz an den Futtertrögen härter wird, reicht es der Mittelschicht nicht mehr, sich in ihre Doppelhausghettos zurückzuziehen, den Rasen auf ihren Handtuchgrundstücken regelmäßig zu mähen und ihr Leben zu leben. Sie wird rabiat, sie keilt aus. Natürlich nach unten.

Zielscheibe ihrer Aggressionen sind zunehmend die Marginalisierten und Abgehängten, das Prekariat, die Hartz-IV-Empfänger, Leiharbeiter und Aufstocker. Sie sind die neue Kaste der Unberührbaren. Wer zu engen Umgang mit ihnen pflegt, steckt sich schnell an.

Die Abgehängten werden an das Sanktionsregime der Jobcenter, Jugendämter und Justizbehörden delegiert, die sie an die Kandarre nehmen, sie zugleich kontrollieren und auf Trab halten sollen. Wer Glück hat, gerät an wohlmeinende Sachbearbeiter und bekommt noch irgendwie die Kurve, der Rest, kann sehen wo er bleibt. Für viele, die den Leistungsdruck, die Jagd nach dem Erfolg, das tagtägliche Mobben und Intrigieren nicht aushalten, heißt die Endstation oft genug Knast oder Klapsmühle.

Angesichts der Lage kann eine „Gruppe 15“, so sie entsteht, nur ein Anfang sein, und mein Text mit Glück nicht mehr als ein bescheidener Beitrag zu diesem Anfang. In einem Lied des englischen Musikers Joe Jackson heißt es:

There’s a country that’s tired of war
There’s a country that’s scared inside
But the bank is open and you can draw
For guns to fight in their backyard
I could go on but what’s the use
You can’t fight them with songs
But think of this as just
Another tiny blow against the Empire
Another blow against the Evil Empire
Just another blow against the Evil Empire.

Widerstand ist zwecklos, aber sinnvoll. Wer jetzt die Hände in den Schoß legt, kann sie später nicht in Unschuld waschen – und er oder sie versündigt sich an unseren Kindern, deren Zukunft wir gerade zerstören.

Buchholz, 31. Mai 2015

Advertisements
Kommentare
  1. Erschrecker sagt:

    Mit der Analyse (wenn das Wort nicht übertreibt) unserer Zeit (was Deutschland betrifft) bin ich einverstanden, mit der Schlussfolgerung, dass eine Mittelschicht bzw. das Bürgertum hierbei eine Rolle spielt, nicht. Im Gegenteil, dieses Bürgertum gerät immer mehr unter Druck, die kleinen Unternehmen, die Selbständigen…, die Politiker erpressen die Steuern für ihre Lieblingsprojekte daraus und überziehen sie mit Bürokratie und ruinieren so viele kleine Betriebe.
    Es ist besser, die Ursache zu suchen als die Schuld. Eine Ursache ist die weltweite Kommunikation und in deren Folge die sog. Globalisierung der Wirtschaft, aber auch die Rolle des Internets in der heutigen Wirtschaft, sowie die einer unkontrollierten Finanzwirtschaft. Auf der anderen Seite erfolgt eine Rückwendung ins Atavistische wie in den islamischen Ländern, wo man die Flucht zurück ergreift. Hinzu kommen die unfähigen Eliten in den Ländern außerhalb Europas, die ihre jetzt besser informierten Menschen nicht versorgen, weshalb eine Massenflucht nach Europa eingesetzt hat. Das sind alles Ursachen, und eine Lösung ist nicht in Sicht. Das ist mit den einfachen Mitteln des 19. und 20. Jahrhunderts, also mit Gewerkschaften, Meinungsbildung durch Presse usw. nicht mehr zu lösen und auch nicht durch Literatur.
    Wenn Sie die Kraft des Glaubens und Vertrauens kennen würden, dann würden Sie vielleicht die Dinge erst mal beobachten und abwarten, wo ein Eingriff möglich ist, statt in Aktionismus zu verfallen. Der Glaube gibt Geduld und kann zunächst im Kleinen anfangen, im Nahraum, kann aber auch die Gelegenheiten im politischen Raum nutzen, gibt also diese Welt nicht einfach preis, sondern bleibt zuversichtlich, dass es uns aufgetragen ist, an einer besseren Welt mitzuwirken, ohne dies erzwingen zu wollen.
    Also viel Glück zu solchem gelassenen Handeln!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s