Ostern im Fleischwolf des Konsums – Gedanken zum höchsten christlichen Fest

Veröffentlicht: 2015-04-05 in Analysen, Überregionales, Hintergründe, Kommentare
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OsterdekoVon Kristian Stemmler

Eigentlich sollte der Karfreitag eher Carfreitag geschrieben werden, wie Witzbolde meinen, weil sich so mancher an diesem Tag ins Auto setzt, um über die Festtage wegzufahren. Das allerdings ist ein Witz mit ernstem Hintergrund. Denn tatsächlich ist Ostern, das höchste Fest der Christenheit, schon längst völlig heruntergekommen. Für die große Mehrheit bedeutet Ostern nur noch vier freie Tage, die ein willkommener Anlass sind, einen drauf zu machen, zu fressen und zu saufen (wie Luther es nennen würde). Mehr nicht.

Geradezu rührend muten vor diesem Hintergrund die Bemühungen von Kirchen und manchen Medien an, den Menschen zumindest die Basics östlicher Inhalte und Traditionen zu vermitteln. In Gemeindebriefen und Zeitungen wird erklärt, was an Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag nach biblischer Überlieferung geschehen ist, woher die Begriffe kommen, welche Rituale an diesen Tagen üblich sind. Das Nordheide Wochenblatt schrieb in der Osterausgabe zum Beispiel sehr ausführlich auf den Seiten eins und drei über Antependien (Altarbehänge), über liturgische Farben und ihre Bedeutung.

So ehrenwert dies alles sein mag, es ist im Grunde so unsinnig, als wolle man in einer Sauna einen Schneeball formen. Die Beobachtung, dass das Wissen um christliche Inhalte und Traditionen und das Interesse an ihnen, rapide abnimmt und dass man da was tun muss, ist sicher richtig. Aber so lange man nicht bereit ist, die Ursachen und Zusammenhänge tiefer zu analysieren, sie beim Namen zu nennen und das Übel dann auch bei der Wurzel zu packen – so lange wird man nicht wirklich etwas erreichen und diese Entwicklung nicht aufhalten können.

Dazu sind aber nicht einmal die Kirchen, die es ja nun am meisten angeht, bereit oder in der Lage. Dabei muss man doch nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, um die Lage zu erkennen. Es ist überhaupt nicht zu übersehen, was unser Leben bis ins Kleinste und immer umfassender beherrscht und durchdringt. Das ist dieser außer Rand und Band geratene Turbokapitalismus oder sollte man eher von Konsumismus sprechen. Es gibt doch keinen Ort mehr, diesem durchgeknallten System zu entkommen.

Dass dieses System zu einer sozialen Spaltung führt, dass Arm und Reich immer mehr auseinanderdriften, ist ja nur die eine, gut sichtbare Seite. Schlimmer ist im Grunde, was kulturell passiert, was das System mit unserer Zivilisation macht. Es ist eine ungeheure Verrohung, die immer mehr voranschreitet und nicht aufzuhalten zu sein scheint. Die Gesellschaft wird emotional und kulturell entkernt, so dass am Ende nur eine Hülle übrig bleibt. Und konditionierte Konsumtenten, eine ideale Kundschaft.

Um uns dahin zu bringen, wird von Medien, Werbung und Unterhaltungsindustrie alles durch den Fleischwolf gedreht, dessen sie habhaft werden können. Sprache und Musik, Mythen und Geschichten, Traditionen und Rituale, die Schönheit der Natur, die Emotionalität menschlicher Beziehungen. Und natürlich bleibt die Religion nicht verschont, sondern wird als einer der stärksten Schwungräder benutzt. Das ist das Perverse: Werbung und Konsumindustrie wissen um die Kraft der großen christlichen Feste, die aus ihrer spirituellen Tiefe rührt, und beuten sie gnadenlos aus.

Bei diesem Prozess wird natürlich nur das benutzt, was für den Verkauf zu gebrauchen ist, alles andere wird ausgespieen. Von Ostern bleibt nur das Bunte, Niedliche, Fröhliche, die Eier und die Hasen und die ersten Narzissen. Das Sperrige, Traurige, Depressive, Dunkle, die Kreuzigung als Skandalon, als Ärgernis, hat da keinen Platz. In der schönen neuen Konsumwelt will man von Dergleichen nichts mehr wissen.

Wer an den Tagen vor dem Osterfest, ebenso wie an den Tagen vor Weihnachten, in eine beliebige Innenstadt zum Einkaufen geht, wird die große Hektik registrieren, die dort immer wieder herrscht, die Gereiztheit vieler Menschen. Diese Hektik hat im Grunde wenig damit zu tun, dass vielleicht noch so viel zu erledigen ist vor dem Fest und schon gar nicht damit, dass die Geschäfte mal zwei oder drei Tage lang hintereinander dicht sind. Man kann vielmehr vermuten, dass sich hier ein tiefes Unbehagen Bahn bricht, das nicht in Worte gefasst werden kann, und sich daher um so aggressiver und destruktiver äußert.

Kurz vor den Festen lässt sich, ob man nun Christ ist oder nicht, nur mit Mühe das Gefühl unterdrücken, wie flach und hohl dieses ganze Konsumieren, dieses ständige Gefeiere und Geschlemme in Wirklichkeit ist. Angesichts der unauslotbaren Tiefe dieser christlichen Hochfeste, die einmal den Tod und einmal die Geburt zum Mittelpunkt haben, angesichts ihrer spirituellen Dimension und ihres hohen Anspruchs kann diese Gesellschaft ihre ganze Oberflächlichkeit, Doppelbödigkeit und Orientierungslosigkeit eigentlich kaum mehr übersehen. Sie will sie aber übersehen, sie lässt sich das Feiern nicht verbieten.

Wenn die Kirchen ihre Botschaft ernst nehmen würden, müssten sie angesichts dieser Entwicklung auf allen Kanzeln die Sturmglocke läuten. Sie beschränken sich aber auf den Versuch, letzte Bastionen wie den Sonntag zu halten, und machen ansonsten mehr oder weniger murrend das Spiel mit. Man bietet den Leuten eine Church light, ein spirituelles Wellnesscenter, im besten Fall einen Rückzugsraum. Die Kirchen teilen offenbar die allgemeine Verwirrung. Sie halten einen Kompass in den Händen, den sie immer weniger lesen können.

Zum Beispiel die biblischen Propheten. Wenn man die aufschlägt, könnte man manches Mal meinen, sie hätten die heutige Situation im Auge. Natürlich mutet die Sprache vielen heute altertümlich an, aber sie ist kraftvoll und direkt. Erfrischend direkt. Deshalb kann man auch zu Ostern, auch wenn die Fastenzeit vorbei ist, gut einen Propheten lesen. Das hilft vielleicht doch ab und zu, die galoppierende kulturelle Erosion und die Blindheit der Menschen zu ertragen. Also, hier ein paar Sätze Micha:

„Ach, es geht mir wie einem, der im Weinberge nachliest, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben. Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut; ein jeglicher jagt den andern, daß er ihn verderbe, und meinen, sie tun wohl daran, wenn sie Böses tun. Was der Fürst will, das spricht der Richter, daß er ihm wieder einen Dienst tun soll. Die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen, Schaden zu tun, und drehen’s wie sie wollen. Der Beste unter ihnen ist wie ein Dorn und der Redlichste wie eine Hecke. Aber wenn der Tag deiner Prediger kommen wird, wenn du heimgesucht sollst werden, da werden sie dann weder ein noch aus wissen.“

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