Die Massenhysterie nach dem Absturz – ein Land übt halbmast

Von Kristian Stemmler

Ein Flugzeug stürzt ab, und ein Land dreht durch. Was sich nach dem Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in der deutschen Öffentlichkeit abgespielt hat, ist schon kein Hype mehr – das ist eine ausgewachsene Massenhysterie! Es war ein Flugzeugabsturz, Leute, nicht mehr und nicht weniger.

Zugegeben, der Absturz einer deutschen Maschine ist extrem selten. Zugegeben, die Umstände waren dramatisch. Aber wie dieses Ereignis tagelang auf allen Kanälen bis zum Äußersten ausgewalzt worden ist, das ist in keiner Weise angemessen. Vor dem Hintergrund der Weltlage, vor dem Hintergrund der kleinen und großen Katastrophen, die Tag für Tag, stündlich, minütlich auf dieser Erdkugel geschehen, ist dieses extensive Herumreiten auf diesem einen Absturz, diese tagelange Betroffenheitsbesoffenheit nur noch absurd und maßlos!

Natürlich hat der Vorgang mit medialen Mechanismen der Gegenwart zu tun. Bei derartigen Ereignissen läuft die Medienmaschinerie mittlerweile automatisch so hochtourig wie nur immer möglich. Die eigene Rolle wird nicht mehr hinterfragt. Das extreme Aufblasen des Themas, die atemlose Jagd nach Details hat eine Eigengesetzlichkeit angenommen, die jedem vernünftigen Menschen unheimlich sein sollte.

Dass die Boulevardpresse und auch Teile der „seriösen“ Medien inzwischen den Co-Piloten, der seine Kollegen und die Passagiere mit in den Tod gerissen hat, zum Monster machen, ist da nur ein Seitenaspekt. Es zeigt, wie hemmungslos und skrupellos viele Journalisten schon geworden sind.

Politisch passt die Massenhysterie ins Bild, und sie passt vor allem den Verantwortlichen ins Kalkül. Denn die ständige Stimulation der Menschen hält sie auf Trab, lenkt von dem ab, was wirklich wichtig ist. Medien und Politik regeln als Schleusenwärter der Macht den gesellschaftlichen Aufregungspegel.

Im Grunde ist das Ganze schon pathologisch und ein Psychiater könnte wohl am ehesten die mutmaßlichen Hintergründe erhellen. Es muss wohl etwas mit Gemeinschaftsgefühl zu tun haben, die Aufregung in den Medien und den so genannten sozialen Netzwerken hat irgendwie anscheinend etwas Identitätsstiftendes. Man könnte sagen, dass der Absturz von der Wertigkeit her mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im letzten Sommer zu vergleichen ist, natürlich hier mit negativen Vorzeichen.

Vermutlich ist die Aufregung auch eine Ersatzhandlung. Ist es vielleicht so, dass hier unkontrolliert Ängste ihren Weg suchen, die nicht benannt werden können und dürfen. Vor dem, was uns wirklich droht. Zündeln die Nato und die USA nicht gerade an der Grenze zu Russland? Steht nicht gerade der Nahe und der Mittlere Osten kurz vor der Explosion? Kann das Alles nicht in eine Eskalation münden, von der wir uns keine Vorstellung machen?

Der Bundespräsident, der nach dem Absturz allen Ernstes eine Reise abbrach, um in die Heimat zu eilen, hat die Zusammenhänge möglicherweise ja begriffen oder zumindest geahnt, die Kanzlerin wohl ebenso. Hier bot sich die einmalige Chance das Land vorzubereiten und zu trainieren, für die Ereignisse, die folgen werden, wenn Deutschland wieder „Verantwortung“ übernimmt. Halbmast üben, kann auf jeden Fall nicht schaden.

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