Archiv für März, 2015

Von Kristian Stemmler

Ein Flugzeug stürzt ab, und ein Land dreht durch. Was sich nach dem Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in der deutschen Öffentlichkeit abgespielt hat, ist schon kein Hype mehr – das ist eine ausgewachsene Massenhysterie! Es war ein Flugzeugabsturz, Leute, nicht mehr und nicht weniger.

Zugegeben, der Absturz einer deutschen Maschine ist extrem selten. Zugegeben, die Umstände waren dramatisch. Aber wie dieses Ereignis tagelang auf allen Kanälen bis zum Äußersten ausgewalzt worden ist, das ist in keiner Weise angemessen. Vor dem Hintergrund der Weltlage, vor dem Hintergrund der kleinen und großen Katastrophen, die Tag für Tag, stündlich, minütlich auf dieser Erdkugel geschehen, ist dieses extensive Herumreiten auf diesem einen Absturz, diese tagelange Betroffenheitsbesoffenheit nur noch absurd und maßlos!

Natürlich hat der Vorgang mit medialen Mechanismen der Gegenwart zu tun. Bei derartigen Ereignissen läuft die Medienmaschinerie mittlerweile automatisch so hochtourig wie nur immer möglich. Die eigene Rolle wird nicht mehr hinterfragt. Das extreme Aufblasen des Themas, die atemlose Jagd nach Details hat eine Eigengesetzlichkeit angenommen, die jedem vernünftigen Menschen unheimlich sein sollte.

Dass die Boulevardpresse und auch Teile der „seriösen“ Medien inzwischen den Co-Piloten, der seine Kollegen und die Passagiere mit in den Tod gerissen hat, zum Monster machen, ist da nur ein Seitenaspekt. Es zeigt, wie hemmungslos und skrupellos viele Journalisten schon geworden sind.

Politisch passt die Massenhysterie ins Bild, und sie passt vor allem den Verantwortlichen ins Kalkül. Denn die ständige Stimulation der Menschen hält sie auf Trab, lenkt von dem ab, was wirklich wichtig ist. Medien und Politik regeln als Schleusenwärter der Macht den gesellschaftlichen Aufregungspegel.

Im Grunde ist das Ganze schon pathologisch und ein Psychiater könnte wohl am ehesten die mutmaßlichen Hintergründe erhellen. Es muss wohl etwas mit Gemeinschaftsgefühl zu tun haben, die Aufregung in den Medien und den so genannten sozialen Netzwerken hat irgendwie anscheinend etwas Identitätsstiftendes. Man könnte sagen, dass der Absturz von der Wertigkeit her mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im letzten Sommer zu vergleichen ist, natürlich hier mit negativen Vorzeichen.

Vermutlich ist die Aufregung auch eine Ersatzhandlung. Ist es vielleicht so, dass hier unkontrolliert Ängste ihren Weg suchen, die nicht benannt werden können und dürfen. Vor dem, was uns wirklich droht. Zündeln die Nato und die USA nicht gerade an der Grenze zu Russland? Steht nicht gerade der Nahe und der Mittlere Osten kurz vor der Explosion? Kann das Alles nicht in eine Eskalation münden, von der wir uns keine Vorstellung machen?

Der Bundespräsident, der nach dem Absturz allen Ernstes eine Reise abbrach, um in die Heimat zu eilen, hat die Zusammenhänge möglicherweise ja begriffen oder zumindest geahnt, die Kanzlerin wohl ebenso. Hier bot sich die einmalige Chance das Land vorzubereiten und zu trainieren, für die Ereignisse, die folgen werden, wenn Deutschland wieder „Verantwortung“ übernimmt. Halbmast üben, kann auf jeden Fall nicht schaden.

In wenigen Minuten war die alte Kastanie nur noch Kleinholz.

In wenigen Minuten war die alte Kastanie nur noch Kleinholz.

Buchholz (be) – Mit welcher Dreistigkeit sich manche Hauseigentümer und Hausverwaltungen über geschriebene Gesetze in Fragen des Baumschutzes hinwegsetzen, zeigt ein Fall an der Hamburger Straße. Auf einem Grundstück vor einem Mehrfamilienhaus in Höhe Berliner Straße ist jetzt eine mehr als zehn Meter hohe, alte Kastanie abgesägt worden – ohne die hierfür notwendige Genehmigung der Stadt, wie die Buchholzer Verwaltung dem buchholz express bestätigt hat. Ein krasser Fall von Baumfrevel!

„Die Kastanie war ein großer, kräftiger Baum. Im Sommer hat sie herrlich geblüht, es war ein wunderschöner Anblick“, sagt ein Bewohner des Mehrfamilienhauses. Auf seine Anfrage bei der Hausverwaltung, warum die Kastanie gefällt worden ist und ob es eine Genehmigung gab, habe er keine Antwort erhalten. „Da hat wohl jemand ein schlechtes Gewissen“, vermutet der Mann. Er geht davon aus, dass es banale Gründe waren, den Baum zu beseitigen, zum Beispiel dass er Räume verschattet hat oder man sich die Laubbeseitigung ersparen wollte.

„Ich finde es vor allem traurig, wie die Rücksichtslosigkeit immer mehr zunimmt, wenn es um eigene Interessen geht“, sagt der Bewohner. „Man sieht es ja täglich im Straßenverkehr oder an der Supermarktkasse. Jeder sieht zu, wo er bleibt und wie er sich durchsetzen kann. Und wer sich für andere einsetzt, wird auch noch als Sozialromantiker verhöhnt.“ Auf die Verantwortlichen für die Fällung kommt jetzt übrigens ein Bußgeld zu.

Ein paar 100 Meter vom Haus des Mannes entfernt, kreischen derzeit ebenfalls die Motorsägen. An der Schaftrift und Buenser Weg hat es schon einen empfindlichen Kahlschlag gegeben, in dem Wald zwischen Schaftrift und Nordring soll es noch weitere Fällungen geben. Bei dem Gelände handelt es sich um Privateigentum, für die Durchforstung hat die Forstbehörde grünes Licht gegeben. Die Stadt ist vor allem über den Kahlschlag am Buenser Weg nicht erfreut, sah aber keine Eingriffsmöglichkeit, weil die Maßnahme rechtens gewesen sei.

Bei den »Blockupy«-Protesten gegen die Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main brannten Autos, Polizisten wurden verletzt, und es gab in Flammen stehende Barrikaden. Was anderswo in Europa Alltag ist, wird in Deutschland zum Skandal, der die gesamte reformistische Linke zu eiligen und beherzten Unterwürfigkeitsgesten animiert, ganz so, als hätte jemand »DDR« gesagt. Nachgedacht darüber, was Gewalt und Gewaltfreiheit bedeuten, wird dabei nicht. Man überlegt nicht, was richtig ist, sondern sagt, was von einem erwartet wird. Von wem aber eigentlich? Von den Hartz-IV- und Kriegsparteien, von den Euromaidan-Fanboy-Medien, die den Antifaschismus der Kiewer Revolutionsromantik opferten und über Nazisymbole hinwegsahen, oder von den Polizeigewerkschaften?

Es war Naomi Klein, die noch auf der Blockupy-Kundgebung am Frankfurter Römer sagte, sie weigere sich, mit denen, die den Planeten in Brand setzen, über verbrannte Autos zu diskutieren. Sie erntete viel Applaus, denn sie hatte recht. Die erste Regel muss sein: Hören wir auf, uns aus Konformität vom Gegner diktieren zu lassen, was wir zu sagen und wie wir zu denken haben. Denn nur dann können wir das eigentlich Interessante tun: Diskutieren und überlegen wir unter uns, mit unseren Genossinnen und Genossen, ob militante Akte sinnvoll sind oder nicht – und wenn ja, unter welchen Bedingungen.  (aus „junge welt“)

Willkommen auf Deutsch PlakatBuchholz (be) – Der buchholz express hat über diese engagierte Dokumentation bereits ausführlich berichtet. Der Film „Willkommen auf Deutsch“ der Hamburger Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler, der in diesen Tagen in deutschen Kinos anläuft, soll am kommenden Sonntag, 29. März, um 11.30 Uhr im Movieplexx gezeigt werden. Zu der Matinee lädt das „Bündnis für Flüchtlinge Buchholz“ ein, das sich um die Asylbewerber der Stadt kümmert.

Im Anschluss an die Vorführung des Films wollen Mitglieder des Bündnisses – Ute Schui, Wilfried Bolte und Heinrich Helms –, dazu der Pressesprecher des Landkreises Harburg, Johannes Freudewald, sowie die stellvertretenden Bürgermeister von Buchholz, Sigrid Spieker (CDU) und Frank Piwecki (SPD), mit dem Publikum über den Film und die Situation der Flüchtlinge in Buchholz diskutieren. Karten kosten 7,50 Euro.

„Wir freuen uns sehr, dass Carsten Reck den Film in sein Programm aufgenommen hat“, sagt Ute Schui vom Bündnis für Flüchtlinge, „und uns sein Kino für eine Diskussion zur Verfügung stellt.“ Im April läuft der Film auch im Abendprogramm des Movieplexx. Eine ausführliche Besprechung des Streifens ist unter folgendem Link zu finden: https://buchholzblog.wordpress.com/2015/01/27/willkommen-auf-deutsch-der-landkreis-harburg-und-die-fluchtlinge-ein-film-deckt-auf-und-macht-mut/

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Von Kristian Stemmler

Lag es daran, dass er am Vortag die gelb-rote Karte gesehen hatte, oder daran, dass der Hamburger SV danach noch das Heimspiel gegen Hertha BSC verlor und darum dem Abstieg wieder einen Schritt näher gekommen ist? Der Andrang zur Autogrammstunde des HSV-Bundesligaspielers Cléber Reis am Sonnabendnachmittag bei Mc Donald’s in Dibbersen hielt sich jedenfalls in Grenzen. Großzügig geschätzt hatten sich vielleicht 80 bis 90 Fans in dem Schnellimbiss versammelt, um sich eine Signatur des brasilianischen Verteidigers abzuholen.

Immerhin war der Laden aber vollbesetzt, als Cléber mit einem Bekannten oder Verwandten, der offensichtlich für ihn dolmetschte, in Dibbersen erschien. Ganz Eifrige fingen ihn schon vor der Tür ab, wo er die ersten Autogramme gab. Als der Star den Raum betrat, erhob sich sogleich aufgeregtes Gemurmel. Cléber und sein Begleiter postierten sich an einem Stehtisch gleich am Eingang, auf dem bereits ein Stapel Autogrammkarten für ihn bereit lag.

Während ein Teil der Kundschaft noch den Rest vom Cheeseburger oder Big Mäc verdrückte, standen die ersten Steppkes im HSV-Trikot schon mit ihren Müttern oder Vätern an. Stoisch erfüllte der 24 Jahre alte HSVer jeden Wunsch, ob es nun ein Autogramm auf dem Trikot, der Vereinsfahne oder auf einer blauen Christbaumkugel sein sollte. Natürlich stand er auch, wie heute üblich, für Selfies mit seinen Fans zur Verfügung.

Nach gut 20 Minuten flaute die Nachfrage schon ab und Cléber konnte sich entspannen. Ob er noch einen Burger zu sich genommen hat, ist nicht bekannt. Während des Schreibens der Autogramme nahm er, wie es sich für einen Bundesligaprofi gehört, nur ein Wasser zu sich. Von dem Honorar, das er für seinen Auftritt bekommen hat, dürfte der Fußballer sich aber vermutlich auch den Besuch eines etwas höherwertigen Restaurants leisten können…

Screenshot proTostedt SperrungTostedt (kst) – Dumm gelaufen! Nachdem vor kurzem schon eine Petition im Internet gegen die neue Unterkunft für Asylbewerber an der Todtglüsinger Straße in Tostedt gesperrt worden ist, hat dieses Schicksal nun auch den neuen rechten Blog proTostedt ereilt. Wer den Blog im Internet aufrufen will, stößt nur noch auf eine Sperrseite mit dem Text: „Dieser Blog wurde gesperrt. Der Inhalt dieses Blogs verstößt gegen die Logr.org Richtlinien und wurde deshalb gesperrt. Grund: Illegale Inhalte.“

Das Erstaunliche daran ist, dass logr.org der bekannteste Bloghoster der Nazi-Szene ist. Viele lokale Kameradschaften, zum Beispiel auch die Aktionsgruppe Nordheide, haben hier ihre Blogs eingerichtet. Betrieben wird der Bloghoster vom Dortmunder Informatikstudenten und Nazi Dennis Giemsch, der für Die Rechte im Dortmunder Stadtrat sitzt. Logr.org bietet kostenlosen Webspace für Nazis aus ganz Europa an.

Dass man sich bei Logr.org an volksverhetzenden Inhalten auf proTostedt gestört hat, ist deshalb mehr als unwahrscheinlich. Dann wäre es schon eher möglich, dass das Vorgehen des Blogs als nicht opportun angesehen wird, weil er zum Beispiel falsche Behauptungen über Polizeieinsätze verbreitet hat. Jedenfalls bedeutet die Sperrung des Blogs leider nicht, dass die Agitation gegen Flüchtlinge in Tostedt aufhören wird.

DSC_0863Von Kristian Stemmler

Sondersendungen im Fernsehen, Newsticker im Internet, Bilder von brennenden Barrikaden und schwarzgekleideten Randalierern – die Reflexe der Qualitätsmedien funktionieren. Das Geschehen heute in Frankfurt wird mit den üblichen Bildern und Phrasen verhandelt, der Reporter im TV spricht von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ von einer „nie gekannten Dimension von Gewalt“, die Polizei sei so was von schockiert vom Ausmaß der Gewalt. Na sowas!

Natürlich werden auch Sprecher der Blockupy-Bewegung vor die Mikros gezerrt, auch Abgeordnete der Partei Die Linke, die sich pflichtschuldig von der Gewalt distanzieren und erklären, ihre Absicht sei es immer gewesen, friedlich zu demonstrieren. So unterwirft man sich dem herrschenden Diskurs. Die bürgerliche, systemimmanente Definition von Gewalt setzt sich wieder mal auf ganzer Linie durch – zumindest in den Medien.

Wenn Menschen durch Steinwürfe oder anderes verletzt werden, ist das sicher in keiner Weise erfreulich. Aber muss man sich angesichts der herrschenden Politik denn noch wundern, dass die Wut irgendwann mal kulminiert. Muss man sich nicht vielmehr darüber wundern, dass es so wenige Ausschreitungen dieser Art gibt – bisher!

Der Kapitalismus ist doch pure Gewalt. Die Europäische Zentralbank, die heute mit dem 185 Meter hohen Turm in Frankfurt ein martialisches Symbol der Macht eingeweiht hat, ist die mit Abstand mächtigste Behörde Europas, wie Kollege Klaus Fischer in der jungen welt konstatiert: „In der Beletage wird über Leben und Tod entschieden, über Aufstieg und Absturz, über Reichtum und Armut. In einer Welt der Märkte und der Renditen, der demokratisch verbrämten Kungelei mit dem Großkapital und der Selbstherrlichkeit privilegierten Mittelmaßes entscheidet das Geld, wohin die gesellschaftliche Reise geht.“

Die EZB, die Mächtigen in Europa stürzen Millionen vor allem in den südlichen Ländern Europas in Arbeitslosigkeit und Armut, damit die Banken und Konzerne ihre Profite machen können. Das wird in die Qualitätsmedien nicht thematisiert – aber wenn ein paar Steine fliegen und ein paar Barrikaden brennen, ist die Empörung groß. Wenn die große Politik so weitermacht, sind die Geschehnisse von Frankfurt nur ein kleiner Vorgeschmack!

PS: Hier noch ein Link zu einem weiterführenden Beitrag:

https://linksunten.indymedia.org/de/node/138142

Und noch ein Link: http://www.nachdenkseiten.de/?p=25477#more-25477