++ Buchholzer Behördenärger ++ Brief eines ungehaltenen Antragstellers an das Jobcenter

DSC_0710Seit Jahresanfang gibt es im buchholz express eine neue Rubrik: der „Buchholzer Behördenärger“. In dieser unregelmäßig erscheinenden Rubrik sollen Betroffene zu Wort kommen, die Probleme mit Behörden oder anderen Institutionen haben. Die Redaktion geht der Sache im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach und berichtet, natürlich das Einverständnis der Betroffenen vorausgesetzt, auch gern anonymisiert, über den Fall (bitte melden Sie sich bei Bedarf unter buchholzexpress@gmx.de).

Im ersten Beitrag der Rubrik gibt der buchholz express heute einen offenen Brief eines Buchholzers wieder, der einen Antrag auf ALG II beim Jobcenter gestellt hat und daraufhin ein Schreiben des Jobcenters erhalten hat. Die Antwort des Antragstellers auf dieses Schreibens spricht für sich selbst:

Sehr geehrtes Jobcenter des Landkreises Harburg,

Sie haben mir am 10. Februar 2015 einen Brief geschrieben. Ich würde Sie gern, wie ich es gewohnt bin, namentlich ansprechen, aber Sie haben Ihren Brief nicht mit Namen unterschrieben, sondern nur mit „Jobcenter des Landkreises Harburg“ und der Bemerkung „Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift gültig“. Auch im Kopf des Briefes ist kein Name einer Person zu finden.

Ich kann das gut verstehen, Es ist ja bekannt, dass der Kontakt mit ALG-II-Empfängern nicht ganz ungefährlich ist und sogar ansteckend sein kann. Kaum hat man einem ALG-II-Empfänger die Hand gegeben, ist man schon selbst einer. Oder ist der Grund dafür, dass Sie Ihren Namen nicht nennen, eher in dem Umstand zu sehen, dass Sie sich für Ihr Verhalten schämen?

Dafür gibt es nun wirklich keinen Grund. Denn ich war es ja schließlich, der die Dreistigkeit besessen hat, Leistungen zur Sicherung meines Lebensunterhaltes nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch zu beantragen. Da ist es natürlich zu verstehen, dass Sie alles über mich wissen wollen. Der Staat zahlt selbstverständlich nur für einen kompletten Striptease, das ist mir völlig klar. Man muss schon was bieten, wenn man den großzügigen Regelsatz bekommen will.

Darum ist es nur normal, dass Sie von mir wissen wollen, ob das Wasser in meiner Wohnung in einem Durchlauferhitzer erhitzt wird und eine schriftliche Bestätigung des Vermieters fordern. Das ist doch überhaupt kein Problem. Gerne liefere ich Ihnen auch Nachweise über die aktuelle Höhe der Betriebskostenvorauszahlungen, Verdienstabrechnungen der letzten Monate, monatliche Einnahme-Überschüss-Rechnungen und die ausgefüllte Anlage EKS.

Was noch? Ja, klar: „vollständige Kontoauszüge für ALLE Girokonten, PayPal-Konten, Kreditkarten, Sparbücher, Tagesgeldkonten o. ä.“ Mit „o. ä.“ meinen Sie sicher meine vielen Konten in der Schweiz, oder?

Ach ja, dann möchten Sie auch noch die Zulassungsbescheinigung Teil 1 des Fahrzeugs sehen. Dabei habe ich gar kein Auto, sondern fahre nur gelegentlich bei meiner Partnerin im Auto mit. Aber das sind Nebensächlichkeiten, Sie kriegen die Bescheinigung. Keine Angst!

Ich kann Ihnen das alles besorgen, gar kein Problem! Sie haben mir ja ganze zehn Tage Zeit dafür gelassen, nachdem Sie sechs Wochen lang auf meinen Antrag nicht reagiert haben. Wahrscheinlich haben Sie sehr viel zu tun. Es gibt ja wohl immer mehr von uns, die wir uns in der sozialen Hängematten lümmeln wollen.

Viel Erfolg wünsche ich Ihnen auch bei Ihren weiteren Recherchen meine Person betreffend. Wie Sie mir mitteilen, haben Sie da einige Möglichkeiten:

„Zur Klärung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse Ihrer Bedarfsgemeinschaft kann nach § 93 Abs. 8 und 9 der Abgabenordnung (AO) anlassbezogen jederzeit – auch nach Zugang des Bewilligungsbescheids – für jedes Mitglied der Bedarfsgemeinschaft ein Abrufersuchen gegenüber dem Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) gestellt.“

Das ist doch ein Wort!

Viel Verständnis habe ich auch für Ihren Hinweis, ich hätte darauf zu achten, dass ich „vollständige und richtige Angaben“ mache, denn: „Leistungsmissbrauch wird mit modernen Methoden der elektronischen Datenverarbeitung – auch in Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Trägern – aufgedeckt und mit Nachdruck verfolgt, um die Gemeinschaft der Steuerzahler zu schützen.“

Na, das ist doch sonnenklar, dass die „Gemeinschaft der Steuerzahler“, der Leistungsträger, der fleißigen Leute, vor uns arbeitsscheuem Gesindel geschützt werden muss. Die arbeiten ja tagtäglich schwer, und wir liegen nur auf dem Sofa mit dem Dosenbier in der Hand und ziehen uns „Frauentausch“ auf RTL II rein. Also, da erwarte ich fast von Ihnen, dass Sie mir drohen!

Wenn Sie denn die ganzen angeforderten Unterlagen von mir erhalten haben, dann wissen Sie ja schon einiges von mir. Aber ehrlich gesagt, halte ich das nicht für ausreichend und möchte Ihnen darum freiwillig anbieten, noch weitere Informationen/Unterlagen zu meiner Person zu liefern. Ich denke da etwa an folgendes:

  • Schuhgröße
  • Body-Mass-Index
  • Vorerkrankungen
  • Fingerabdrücke
  • Leberwerte
  • Schufa
  • polizeiliches Führungszeugnis
  • sexuelle Vorlieben
  • DNA-Sequenz
  • Ahnentafel zum Abstammungsnachweis über fünf Generationen
  • Lebensberechtigungsbescheinigung

Sollten ich noch irgendetwas vergessen haben, sagen Sie gern bescheid. Ich möchte wirklich alles dafür tun, dass die „Gemeinschaft der Steuerzahler“ geschützt wird. Nicht dass sich ein hart arbeitender Versicherungsangestellter nachher den Tauchurlaub auf den Malediven nicht mehr leisten kann, weil Sie mein überflüssiges Dasein subventionieren. Gott behüte!

Mit freundlichen Grüßen

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