Die Bornierten und Beschränkten – eine (leicht verspätete) Aschermittwochspredigt

Von Kristian Stemmler

Aschermittwoch ist alles vorbei? Ich lach mich tot. Da fängt doch alles erst richtig an. Wir geben Gas, wir wollen Spaß! Die Jahreszeit ist uns egal. Ostereier im Januar, Lebkuchen im Spätsommer, Karneval das ganze Jahr, wunderbar! Wir feiern durch bis morgen früh!

Fastenzeit, was soll das denn sein! Wir sind doch keine Katholiken, selbst wenn wir in der Kirche sind, wir sind Konsumisten mit Herz und Hand. Verzicht ist das reinste Konjunkturgift und widerspricht der ersten Kundenpflicht: Kauft, was das Zeug hält! Also, Leute, nicht schlapp machen, fresst, sauft, feiert, konsumiert, als ob es kein Morgen gäbe!

Am Aschermittwoch war ich mal wieder im Alstertal Einkaufszentrum (AEZ), das vermutlich edelste von allen edlen Hamburger Einkaufszentren. Wie es da glänzt und leuchtet und glitzert, es ist eine Pracht! Und Klamotten gibt es da, vom Feinsten, sage ich Euch! Boss und Hollister und Barbour und Aigner und so weiter und so fort. Die allerheiligsten Marken!

Und die Leute, die da in den breiten Gängen herumflanieren, sie sind so elegant und distinguiert, das ist ein Wahnsinn. Pensionäre im Pelz mit eingefrorener Herrenmenschenmimik und geliftete Blondinen mit den leersten Gesichtszügen, die man sich vorstellen kann. Es ist wirklich kaum zu glauben!

In der Mitte der Gänge sind gastronomische Inseln, wo diese Leute sich zu einem Latte niederlassen, um die anderen zu beobachten und abzuschätzen. Da reden sie über das, was sie beschäftigt, also die anderen Reichen, die Eigentumswohnung, die sie sich kaufen wollen, eine Ledertasche, die sie unbedingt haben müssen, oder wie der Sohn sich bei seinem Auslandssemester macht. All soetwas.

Gehen Sie ruhig mal ins AEZ und schauen Sie sich das aus der Nähe an! Soviel Selbstzufriedenheit, Borniertheit und Beschränktheit haben Sie bestimmt noch nie auf einem Haufen gesehen. Die Gedanken dieser Leute, wenn man da von Gedanken sprechen kann, kreisen ausschließlich um ihre kleine Scheißluxuswelt. Von dem, was in dieser Gesellschaft weiter unten so abgeht, wissen die nichts – und wollen das auch gar nicht.

Sie haben wohl von weitem mal davon gehört, dass es Menschen gibt, die von einer Leistung leben müssen, die im Volksmund „Hartz IV“ genannt wird, aber das interessiert sie nicht wirklich. Wenn man bei Tom Tailor im AEZ steht, ist der Lidl in Billstedt so weit weg wie der Mars von der Erde – und die da beim Lidl einkaufen sind im Grunde so etwas wie verdammte Außerirdische.

Dass die Lidl-Kunden aus Billstedt im Grunde für den Luxus im AEZ büßen müssen, dass der Lidl also quasi die Kehrseite von Tom Tailor ist, auf diese Idee würden die Flaneure vom AEZ sicher nie kommen.

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5 Comments

  1. So mal als Kommentar auf den Sven : Es geht in meinen Augen nicht darum, auf Konsum zu verzichten, weil es ja Ärmere gibt, die sich das nicht leisten können. Schließlich hängen ja auch am Konsum (Achtung : vorsichtig ausdrücken) auch Arbeitsplätze. Nein, man kann darauf verzichten bei Amazon zu bestellen, die beuten Menschen aus. Man kann auf Burger King verzichten – abgesehen davon, dass es dort scheiße schmeckt – die beuten auch aus (Absolut pervers : Die treten aus dem Arbeitgeberverband (!) aus, um Tarifverträge aushebeln zu können). Ich persönlich kaufe auch keine Wiesenhofprodukte – nicht weil sie Werder sponsern (auch schon schlimm genug – sondern weil sie Tiere quälen. Ich habe zwar ein Auto – aber kein Porsche Cayenne, sondern eine Kleinwagen und fahre aber mit den Öffis zur Arbeit.
    Und man kann Partein wählen, die sich mehr für soziale Gerechtigkeit einsetzen, welche das ist bleibt jedem selbst zu bestimmen, Parteinen mit einem C oder einerm F oder einem A am Anfang gehören eindeutig nicht dazu. Die SPD tut sei Jahren auch das absolute Gegenteil (zumindestens im Bund)
    Das ist alles sicherlich nicht allumfassend und ich maße mir auch nicht an immer das Richtige zu tun, genug schon gar nicht … aber Kleinvieh macht auch Mist.
    Und man muss ja nicht immer nur an die Ärmeren oder sozial Schwachen denken … aber ab und zu schadet es auch nicht !

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  2. Moin,

    es sind natürlich Tatsachen,
    ABER: soll ich jetzt bei jedem Urlaub, den ich plane, an alle Menschen denken, die sich das nicht leisten können?
    Soll ich bei jedem Kino-/Theaterbesuch o.ä. daran denken, dass es Leute gibt, die sich so etwas nicht leisten können?
    Wenn es danach geht, dürfte man am besten nichts mehr machen, was Geld kostet; dann fahren wir alle in die Bünser Heide und gehen spazieren. Ach nee, da muss man ja auch erstmal hinkommen und das kostet wieder was… Und wehe, jemand fotografiert da; kostet auch. Mal mehr mal weniger.

    Ich bin unheimlich dankbar, dass ich mir viele Sachen leisten kann und bin unendlich froh, dass (bis dato) keine Umstände in mein Leben getreten sind, die meinen Konsum groß beeinträchtigen. Hier und auch an anderen Stellen habe ich aber mehr und mehr das Gefühl, dafür angegriffen zu werden…
    Und so traurig das mit der Armut ist, nicht jeder, der gerne konsumiert, gehört so verunglimpft. Meine Frau und ich arbeiten beide dafür, wie auch viele tausende Andere auch…
    Übrigens: ich habe nicht geerbt, im Lotto gewonnen oder sonstiges.

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  3. Hallo Christian alias Buchholz Express !

    Zu Deiner „Aschermittwochspredigt“ passen folgende Zeilen aus einem Artikel in der JUNGEN WELT vom 20 Februar 2015 die ich hier auszugsweise darbringen möchte.

    Titel : ASOZIALE REPUBLIK DEUTSCHLAND

    W o h l f a h r t s v e r b a n d: Neuer Rekord bei Armut trotz sinkender Erwerbslosigkeit und
    exorbitant wachsenden Reichtums (Von Jana Frielinghaus)

    Zitat Anfang:

    Der Hauptgeschäftsführer des Paratätischen Gesamtverbandes Ulrich Schneider stellt den Bericht über die Armutsentwicklung in Deutschland vor.
    Im Report wird ein sprunghafter Anstieg des Anteils von Menschen unter der Armutsgrenze konstatiert. Er sei so hoch wie noch nie in den letzten 20 Jahren.
    Was macht Armut in einem der reichsten Länder der Erde, bei uns , aus?? Es sei das dauerhaft ausgeschlossensein eines wachsenden Anteils besonders junger Menschen von jeglicher gesellschaftlicher teilhabe, betonte Schneider, gerade in Familien Langzeiterwerbsloser. Was die einkommensschwächsten 20 Prozent der Haushalte zur Ver-
    fügung haben, reicht eben nur fürs überleben, nicht für Kino, Schwimmbad, Eisdiele, nicht
    für Reisen, Instrumentalunterricht—und zunehmen auch nicht mehr für eine angemessene medizinische Versorgung.
    Schneider weist darauf hin, im Gegensatz zum letzten Armutsbericht der Bundesregierung, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich eben nicht zu schließen beginnt.
    Konkret steigt und steigt die Zahl der finanziell und materiell Benachteiligten, obwohl die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren boomte,die registrierte Erwerbslosigkeit sich veringerte. Zugleich erreichte das Vermögen eines kleinen Prozentsatzes Begüterter immer neue Dimensionen.
    12,5 Millionen Menschen müssen also mit Mitteln auskommen , die weniger al 6o Prozent
    des „gewichteten durchschnittlichen Einkommens“ausmachen. Für Singles sind das 890,-Euro, für eine vierköpfige Familie 1870.- Euro monatlich. Dies entspricht etwa dem
    was an Hartz-IV- Leistungen inklusive der Wohnkosten gezahlt wird.

    Der Anstieg ist laut Report fast flächendeckend. Einen leichten Rückgang der Armutsquote
    konnten–ausgehend von einem ohnehin hohen Prozentsatz–lediglich Brandenburg und sachsen–Anhalt verzeichnen . KLARER VERLIERER IM LÄNDERVERGLEICH IST HAMBURG ( liegt da nicht auch das AEZ).
    Der Anteil von Menschen mit Niedrigeinkommen stieg ggü 2012 um 2,1 Punkte auf knapp 17 Prozent, womit die Hansestadt Hamburg erstmals einen Wert über den Bundesdurchschnitt verzeichnete. Das Bürgertum an Elbe und Alster dürftr es kaum stören
    Die Hartz IV Partei SPD konnte am 15 Februarihre absolute Mehrheit in der Bürgerschaft fast halten–und wird mit den Grünen ihre Politik fortsetzen, deren Ziel die Verriengerung sozialer Gegensätze nie war. Auffällig beim Wahlergebnis: Auch in Hamburg ist die Partei der Nichtwähler mit 43,4 Prozent der Wahlberechtigten längst mit Abstand die Größte.
    Die Sozialdemokraten repräsentieren also trotz ihrer 45/7 ProzentStimmenanteil exakt ein Viertel der Bürger. Das Ergebnis zeigt einmalmehr, das nahezu die Hälfte der Menschen im Landkeinerlei Erwartungen mehr an die Vertreter der sogenannten repräsentativen Demokratie hat.

    Wer das höchste Armutsrisiko trägt ist hinlänglich bekannt, der Bericht wiederholt es: Erwerbs
    lose (59 Prozent), Alleinerziehende( (43 Prozent) und menschen ohne oder mit niedrigem
    Bildungsabschluß. Eine weitere Risikogruppe wird von Jahr zu Jahr größer; die der Rentner.
    Denn bekanntlich wird insbesondere unter Neurentnern der Anteil von menschen mit „gebrochenen Erwerbsbiographiren“ und vorangegangenen Beschäftigten im boomenden Niedriglohnsektor immer größer. Noch, so Ulrich Schneider,sei die Armutsquote
    unter Ruheständlern mit 15,2 Prozent vergleichsweise „moderat“. Allerdings sei sie gegen-
    über 2006 bereits um 50 Prozent angestiegen, im Durchschnitt aller Bevölkerungsgruppen
    nur um 11 Prozent. Unausweichlich werde die Statistik für 2014 und erst recht für 2015 hier
    eine weitere “ exorbitante“ Erhöhung verzeichnen.

    Der Wohlfahrtsverband fordert angesichts dessen ein Bündel von Ad–hoc– Maßnahmen das nach Angaben von Schneider insgesamt 14,5 Milliarden Euro Kosten wird.

    Eine Erhöhung der SPITZENSTEUERSÄTZE und die Einführung einer VERMÖGENSSTEUER dürfte deshalb nicht länger ein tabu sein, sagte Schneider.

    Akut sei die Anhebung der Hartz IV Regelsätze von derzeit 399 auf 485 Euro und die der AlTERSGRUNDSICHERUNG auf 530 Euro monatlich monatlich geboten.

    Zudem b rauche es einen MASTERPLAN um aleinerziehende Mütter aus der Armutsfalle
    zu holen und ihnen das Nachholen schulischer und beruflicher Abschlüsse zu ermöglichen.

    Zitat: Ende

    Kristian, solange die SPD sich an die CDU mit Arbeitnehmerfeindliche Politik verkauft siehe
    auch TTIP usw. wird sie keine Wähler bekommen und Du Dein „Aschermittwochdeprie“ haben“

    Gruß Christian

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