ZWISCHENRUF Das Dschungelcamp und die westlichen Werte

Logo Ich bin ein StarVon Kristian Stemmler

Westliche Werte sind momentan ja in aller Munde. Wir sind die Guten, wir haben Meinungsfreiheit, wir haben Pressefreiheit, wir sind zivilisiert. Mit Schaudern blicken wir in den Nahen und Mittleren Osten, wo Menschen von barbarischen Islamisten geköpft und Blogger ausgepeitscht werden. Und nun laufen diese Leute auch noch mit Kalaschnikows in unseren Hauptstädten herum und erschießen Journalisten. Da müssen wir zusammenstehen, da sind wir alle Charlie!

Aber was für eine Zivilisation meinen wir denn da verteidigen zu müssen? Darüber kann man lange philosophieren, aber nehmen wir einfach mal ein einzelnes Phänomen, das vielleicht mehr sagt als ein theoretischer Rundumschlag. Zappen wir mal zu RTL: Tag für Tag sehen derzeit in diesem Land mehr als sechs Millionen Menschen eine Sendung, bei der sich Menschen gegenseitig mit Insektenschleim einreiben, einen Cocktail aus pürierten Kakerlaken trinken und Truthahnhoden in den Mund nehmen.

Wie die meisten Leser schon erraten haben dürften, handelt es sich um die Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“, allgemein auch bekannt unter dem Namen „Dschungelcamp“. Das Konzept der Show besteht darin, dass eine Gruppe von B- oder C-Prominenten sich für zwei Wochen in einem Lager im australischen Dschungel einsperren lässt. Das Fernsehpublikum wählt nach und nach Kandidaten aus, die gehen müssen, bis einer oder eine übrig bleibt, der „Dschungelkönig“ oder die „Dschungelkönigin“.

Zuvor müssen die Kandidaten so genannte Dschungelprüfungen über sich ergehen lassen, die immer mit Insekten oder anderem als ekelhaft eingeschätzten Getier wie Schlangen oder Echsen zu tun haben. Dabei werden sie angehalten, auch Tierhoden, Würmer und ähnliches zu essen. Wer bei diesem Vorgang kotzt, hat verloren. Zwei Moderatoren stehen neben den Kandidaten und geben sarkastische Kommentare von sich, die witzig sein sollen.

An diesem widerlichen Schrott ergötzen sich also jeden Tag Millionen Deutsche, und besonders viele in der bei der Konsumgüterindustrie so beliebten Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. Und in den Medien, die sich für seriös halten, wird dieses Treiben nicht etwa kritisiert und analysiert – ganz im Gegenteil! Spiegel Online zum Beispiel oder Welt.de berichten täglich wohlwollend und augenzwinkernd über diese unsägliche Scheiße.

Ja, wir sind wirklich zivilisiert… Das Dschungelcamp ist nur ein Beispiel für ähnliche „Kulturleistungen“ im Fernsehen, im Internet und anderswo. Wie viel Chuzpe gehört angesichts solcher Entwicklungen eigentlich dazu, auf die islamische Welt als rückständig oder mittelalterlich herabzublicken?! Muss man die Gladiatorenspiele im alten Rom nicht rückblickend als niveauvoll bezeichnen, wenn man zehn Minuten Dschungelcamp gesehen hat?!

Diese Welt ist doch im Zeichen von Konsumismus und Kommerzialisierung längst kulturell implodiert. Wir brauchen wahrlich keine Islamisten, um das Abendland untergehen zu lassen – das schaffen wir schon ganz allein!

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