„Willkommen auf Deutsch“: Der Landkreis Harburg und die Flüchtlinge – ein Film deckt auf und macht Mut

Willkommen auf Deutsch Plakat IIVon Kristian Stemmler

Hartmut Prahm nimmt den Zuschauer mit in sein Dorf. „In das noch beschauliche Appel“, wie er erklärt, während er die Hauptstraße entlang geht, die Kamera im Schlepptau. Fachwerkhäuser gibt es da, viel Grün, Weideland, gelbgeklinkerte, efeubewachsene Eigenheime. Niedersächsische Idylle eben. Aber diese Idylle ist gefährdet, jedenfalls wenn man Prahm glauben will. „53 ist ein Problem“, raunt er vielsagend.

So ruhig und unspektakulär beginnt der Film „Willkommen auf Deutsch“ der Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler und ihrer Firma Pier 53. Und so ruhig und unspektakulär bleibt er bis zum Schluss. Keine Nazis in Springerstiefeln, keine Fahnen schwenkenden Pegida-Anhänger, keine Politologen, die Statements von sich geben. Der Film konzentriert sich auf einzelne Menschen und ihren Alltag, geht ganz nah an sie heran und arbeitet dabei das Exemplarische heraus.

Für ihr Projekt haben Rau und Wendler den gutbürgerlichen Landkreis Harburg im Speckgürtel Hamburgs ausgesucht, stellvertretend für die insgesamt 295 deutschen Landkreise, die in Sachen Migration ja mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Fast ein Jahr lang begleiteten sie 2013 im Landkreis Flüchtlinge, Anwohner und Vertreter der Kreisverwaltung. Dabei ist ein ebenso eindrucksvoller wie mutmachender Film herausgekommen, den man mindestens zweimal sehen sollte.

Angesichts der weiter steigender Zahlen von Asylbewerbern und der aufgeregten Diskussion um die Pegida-Bewegung könnte dieser Film (bundesweiter Kinostart: 12. März) nicht aktueller sein, gerade auch wegen seiner besonderen Perspektive. „Willkommen auf Deutsch“ ist ein unaufgeregter und weiter führender Debattenbeitrag, weil er den Ursachen für die Ablehnung von Flüchtlingen auf den Grund geht und zugleich Ansätze für ihre Überwindung zeigt (geplant sind auch Vorführungen im Landkreis, so in Buchholz).

Der Film konzentriert sich auf zwei Orte, auf Appel in der Samtgemeinde Hollenstedt und auf die Gemeinde Tespe in der Elbmarsch. In Appel werden die Proteste gegen die (letztlich gescheiterte) Unterbringung von 53 Afrikanern in einem früheren Altenheim beleuchtet, die 2013 für Schlagzeilen sorgten. In Tespe begleitete das Filmteam eine tschetschenische Familie und ein Paar aus Pakistan, die in einer ehemaligen Sparkasse untergekommen sind. Diese Menschen und ihre Helfer sind die eigentlichen Hauptdarsteller des Films.

Vor allem das Gesicht von Larisa bleibt dem Zuschauer in Erinnerung. Die 21 Jahre alte Asylbewerberin ist aus Tschetschenien mit ihrer Mutter und fünf Brüdern nach Deutschland gekommen. Es geht im Film nicht um das Schicksal der Familie im Heimatland, es geht um ihren Alltag in Tespe, um ihre Sorgen und Ängste. Larisa wird gezeigt beim Staubsaugen, beim Kochen, wie sie ihren kleinen Bruder in der Badewanne wäscht.

Die Mutter ist im Krankenhaus, weil die Sorge um die Zukunft sie krank gemacht hat. „Wir haben Post bekommen, in der stand, dass wir abgeschoben werden sollen“, erklärt Larisa. Die Familie ist über Polen nach Deutschland gereist, nach EU-Recht müsste sie dorthin abgeschoben werden, denn zuständig ist immer das Land der Erstaufnahme. Sie hätten immer Angst davor, dass das passiert, sagt die junge Frau: „Es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst.“

Von Tespe geht es wieder zurück nach Appel. Hartmut Prahm, Mitgründer der Bürgerinitiative gegen die Unterbringung der 53 Asylbewerber, sitzt mit dem Bürgermeister des Dorfes, Reinhard Kolkmann (SPD) in dessen Büro, mit am Tisch sind noch zwei Mütter aus dem Dorf. Man ist sich einig, dass die Unterbringung von 53 Flüchtlingen im Dorf „nicht sozialverträglich“ wäre. Mütter fürchteten, ihre jugendlichen Töchter dann abends nicht mehr auf die Straße lassen zu können, heißt es da.

Ähnliches ist Ende Oktober 2013 auf einer Informationsveranstaltung im „Deutschen Haus“ in Appel zu hören, auf der es um die geplante Unterkunft für Asylbewerber geht. Mehr als 200 Bürger haben sich versammelt, meist gut situierte Mittelschichtler, die Stimmung ist aggressiv und feindselig. Natürlich wissen die Leute, was man in der Öffentlichkeit sagen darf und was nicht. Die rhetorische Linie wird auch in den Statements von Prahm und seinen Mitstreitern deutlich: Man habe ja nichts gegen Ausländer, aber müssen es gleich so viele sein?!

Reinhard Kolkmann steht im Film exemplarisch für diejenigen Kommunalpolitiker, die dem Volk oder was sie dafür halten nach dem Munde reden statt aufzuklären und gegenzuhalten. So benutzt er ohne jede Einordnung den NS-Begriff „Überfremdung“ und sagt Sätze wie: „Es gibt immer dann keine Vorbehalte gegen Ausländer, wenn ich sie kenne, wenn ich mit den Kindern vielleicht Kontakt habe oder so. Aber wenn 53 Schwarzafrikaner nach Appel kommen, gibt es garantiert große Vorbehalte.“

Im Film bleiben all diese Äußerungen wie alle anderen unkommentiert, aber Rau und Wendler haben dazu nach den Dreharbeiten klar Stellung bezogen. Zu Recht fragen sie: „Wie passt es zusammen, dass Menschen beteuern, sie hätten nichts gegen Ausländer, kurz darauf aber Bürgerinitiativen gründen, weil sie angesichts eines neuen Asylbewerberheims um die körperliche Unversehrtheit ihrer Töchter oder den Marktwert ihrer Eigenheime fürchten?“

Reiner Kaminski steht für eine andere Haltung. Im Film ist der Fachbereichleiter Soziales der Kreisverwaltung in Winsen so etwas wie ein verbindendes Element. Er ist beim Landkreis unter anderem für die Unterbringung der Asylbewerber zuständig und stellt sich an den dafür vorgesehenen Standorten, gemeinsam mit dem Pressesprecher des Landkreises, Johannes Freudewald, den Anwohnern. Ein Job, für den man ein dickes Fell braucht.

Dass für ihn die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge mehr ist als eine lästige Pflicht, macht Kaminski gleich zu Beginn des Films deutlich. Er plädiert für den Aufbau einer „Willkommenskultur“ und nimmt klar Partei für die Asylbewerber. „Wir nehmen Menschen aus Notlagen auf, die einiges auf sich genommen haben, ihr Leben zu retten“, sagt er. „Und von daher stehe ich auch persönlich voll dahinter, dass unsere Gesellschaft diese Menschen auch positiv aufnimmt.“

Wie das funktionieren kann, dafür liefert „Willkommen auf Deutsch“ einige Beispiele. Der Film nimmt den Zuschauer mit zu einem „Internationalen Café“ in einer Kirchengemeinde in Winsen, wo die Asylbewerber sich untereinander austauschen können, aber auch deutsche Ansprechpartner kennen lernen. Vorgestellt werden auch engagierte Helfer der Flüchtlinge wie die Rentnerin Ingeborg Neupert, die sich mit großer Tatkraft um die tscheschenische Familie in Tespe kümmert.

Den Dokumentarfilmern ist das Kunststück gelungen, mit ihrem Film ein klares Statement für eine offene Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland abzuliefern, ohne dass sie in den 89 Minuten einen einzigen Kommentar abgeben. Sie schaffen das vor allem mit der Wahl der Perspektive, mit der Auswahl der Szenen und dem Schnitt und mit einer sehr eindringlichen Bildersprache. Dass der Film hervorragend fotografiert ist, ist mehr als ein formaler Pluspunkt, weil die Ästhetik sich immer in den Dienst der Botschaft stellt.

„Willkommen auf Deutsch“ hat große Momente. So die Szene, in der das pakistanische Paar auf der Bank einer Bushaltestelle sitzt und der Mann in seiner Sprache ein Lied über das Leid singt. Oder die Szene, in der Hartmut Prahm in seinem Wohnzimmer steht und über die schönen großen Bäume im Garten spricht, die dazu beigetragen hätten, dass er nach Appel zieht. Oder das Statement von Evelin Schätzle, sie habe im Zweiten Weltkrieg selbst Flucht und Vertreibung und die Ablehnung der Einheimischen erlebt, darum helfe sie der tschetschenischen Familie in Tespe.

Erst im Kontrast wird vieles deutlich. Etwa wenn der feindseligen Atmosphäre in Appel die Offenheit der Helfer gegenübergestellt wird. Es wird deutlich, wie irrational, ja schäbig und beschämend die abweisende Haltung der Anwohner in Appel ist, die sich genauso ja in vielen anderen Orten findet. Die Flüchtlinge im Film kommen mit wenig Ansprüchen und großen Hoffnungen nach Deutschland, sie wirken wehrlos und bescheiden. Sie freuen sich über spartanische Unterkünfte in einem Container oder einer Pension, aus denen die meisten Deutschen nach einer Nacht flüchten würden.

Seit zehn Jahren befassen sich Rau und Wendler mit dem Thema Flucht und Migration, ihr Film „Wadim“ erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde auf Festivals im In- und Ausland gezeigt. Für ihre Filme begleitete das Duo immer wieder Flüchtlinge, die unter „erschütternden Umständen“ in Deutschland leben. Die öffentliche Reaktion darauf sei von Empörung und Empathie geprägt gewesen, aber geändert habe sich wenig. Darum habe man für „Willkommen auf Deutsch“ die Perspektive geändert, auch die deutschen Nachbarn einbezogen.

In begleitenden Statements stellen die Filmer ihr Projekt in einen größeren Kontext. Weltweit seien derzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Vertreibung, erklärt Hauke Wendler. Das seien die höchsten Zahlen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In Deutschland lande nur ein Bruchteil dieser Flüchtlinge, 2014 gab es rund 200.000 neue Asylbewerber. Wendler: „Das muss ein Land wie Deutschland bewältigen können.“

Und Rau ergänzt: „Ich glaube, es wäre utopisch davon auszugehen, dass jeder der 82 Millionen Deutschen, sich wahnsinnig freut, wenn fremde Kulturen, fremdes Essen und fremde Sprachen in der Nachbarschaft einziehen. Das kann man nicht erwarten.“ Aber, und das hätten die Dreharbeiten zum Film ganz klar gezeigt: „Da wo Kontakte entstehen zwischen Asylbewerbern und den deutschen Anwohnern, da erledigen sich viele Vorurteile von selbst. Die Probleme entstehen immer da, wo nicht geredet wird.”

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1 Comment

  1. Wie gemütlich es wir uns doch gemacht haben in dieser Nische hier. Ganz vergessen haben wir wie es einem geht wenn man alles verloren hat, oder ?

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