Der übliche Unmut: Anwohner über drittes Containerdorf für Flüchtlinge in Tostedt informiert – Landkreis nimmt 2015 rund 1850 Asylbewerber auf

Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.
Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.

Von Kristian Stemmler

Nach den Anschlägen von Paris und angesichts der Diskussion um die Pegida-Bewegung werden die Ressentiments gegen Asylbewerber vermutlich nicht weniger – auch im Landkreis Harburg. Das bedeutet für die Verwaltung des Landkreises, dass sie nicht nur mit der Unterbringung von Flüchtlingen viel Arbeit hat, sondern auch mit der Durchsetzung von Unterkünften. Und diese Arbeit, die viel Geduld und starke Nerven erfordert, wird in diesem Jahr nicht weniger.

Die Zahl der vom Landkreis aufzunehmenden Flüchtlinge wird sich nämlich voraussichtlich mehr als verdoppeln. Derzeit sind im Landkreis rund 1300 Asylbewerber untergebracht, von denen rund 120 einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Bis Ende 2015, so sagte Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises, dem buchholz express, müsse man etwa 1850 weitere Flüchtlinge aufnehmen. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurden 784 Flüchtlinge neu aufgenommen.

Wie im vergangenen Jahr wird Freudewald darum auch 2015 viel mit Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales des Landkreises, unterwegs sein, um für Akzeptanz zu werben. Um zu informieren, aufzuklären, Vorurteile und Bedenken abzubauen. Wo immer Asylbewerber untergebracht werden sollen, stellen die beiden sich schon im Vorfeld bei Informationsveranstaltungen den Anwohnern.

Am Mittwochabend traten Kaminski und Freudewald in Tostedt an. Dort soll demnächst die dritte Containeranlage für Asylbewerber im Ort aufgestellt werden, auf einer rund 6500 Quadratmeter Fläche an der Todtglüsinger Straße, in Nachbarschaft zu Feuerwehr und zum Christus Centrum Tostedt (CCT). Rund 120 Flüchtlinge sollen dort unterkommen. Die Anlage soll Anfang Mai bezugsfertig sein, neben der Anlage soll ein Bolzplatz angelegt werden.

Bei einer Veranstaltung im CCT, zu der mehr als 200 Anwohner kamen, informierten Kaminski und Freudewald gemeinsam mit dem grünen Tostedter Bürgermeister Peter Dörsam über das Vorhaben. Zu den befürchteten Protesten von Neonazis kam es nicht. Anders als vor einem Jahr, als etwa 35 Nazis eine Informationsveranstaltung im Rathaus zur Errichtung der ersten beiden Containeranlagen in Tostedt stören wollten, tauchten diesmal nur ein, zwei polizeibekannte Rechte auf. Sie wurden aber abgewiesen, da es sich um eine geschlossene Veranstaltung für die Anwohner handelte. Die Polizei war vor Ort, musste aber nicht groß eingreifen.

Proteste gab es aber dann im Saal. Wobei der Unmut sich weitgehend in derselben Weise äußerte, die Kaminski und Freudewald von vielen ähnlichen Veranstaltungen im vergangenen Jahr kennen. Da gab es die üblichen Befürchtungen, dass man auf der Straße abends nicht mehr sicher sei, wenn die Unterkunft erst eröffnet wurde, dass die Grundstückspreise sinken könnten und dergleichen mehr. Natürlich durfte auch der Hinweis nicht fehlen, dass 120 Flüchtlinge zu viel für den Standort seien.

Wie groß die Begriffsverwirrung bei manchem bereits ist, zeigte die Äußerung eines Anwohners, der über eine mögliche Gefährdung durch Islamisten in Tostedt delirierte. Die hysterische Berichterstattung in den Medien in letzten Wochen ist da sicher nicht ganz unschuldig. Andere Anwohner fühlten sich bei der Planung der Anlage übergangen, so wurde beklagt, dass die nicht früher öffentlich gemacht wurde. Dazu Freudewald: „Wir machen diese Veranstaltungen mit den Anwohnern ja auch deshalb, damit die nicht sagen: Warum erfahren wir davon aus der Zeitung?!“

„Tostedt leistet angesichts der weiter steigenden Zahl von Flüchtlingen seinen Beitrag, um den zu uns kommenden Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten geeignete Unterkünfte bereitzustellen“, sagte Dörsam. „Ich appelliere an die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde, offen auf ihre neuen Nachbarn zuzugehen.“ Der Landkreis betreibt in Tostedt mit der Firma Human Care bereits zwei Wohnanlagen für 116 Flüchtlinge am Helferichheim und am Elsterbogen.

In Tostedt sind bereits viele Menschen ehrenamtlich aktiv, die sich um die Betreuung der Flüchtlinge kümmern, Spenden sammeln und Möglichkeiten zur Begegnung schaffen. Mit dabei sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde, der katholischen Kirchengemeinde Heilig Herz Jesu und des Tostedter Forums für Zivilcourage. „Über diese ehrenamtliche Unterstützung sind wir sehr glücklich und hoffen, dass sich weitere Bürgerinnen und Bürger daran beteiligen“, betonte Dörsam.

Auch die Gemeinde des Christus Centrums wird ihren Beitrag leisten. So könnten im CCT Sprachkurse stattfinden, dort könnte auch ein Internationales Café eröffnet werden. Diese Cafés haben sich andernorts bereits als Anlaufpunkt für die Flüchtlinge bewährt. Auf Seiten der Samtgemeinde ist Ewald Wehkamp Ansprechpartner für ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer (Telefon 04182-298254). Eine Unterbringung von 120 Asylbewerbern in Containern hat den Vorteil, dass die Flüchtlinge von einem Heimleiter und Sozialarbeitern professionell betreut werden können.

Mit dem Schicksal von Flüchtlingen im Landkreis Harburg befasst sich ein Dokumentarfilm, der am 12. März unter dem Titel „Willkommen auf Deutsch“ in die Kinos kommen wird. Die Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler haben fast ein Jahr lang, Asylbewerber und Anwohner im Landkreis begleitet. Auch die Bemühungen von Kaminski und Freudewald werden in dem Film gezeigt. Der buchholz express wird in den nächsten Tagen eine ausführliche Filmkritik veröffentlichen.

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1 Comment

  1. Jeder nMensch nder durch deutsche Waffen und deutsches Geld aus seiner Heimat vertrieben wird Hat das Recht überall in Deutschland zu leben.

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