Zitat zur Lage in Frankreich (und auch anderswo)

Ein explosiv lautes Auflachen, das ist die Antwort auf all die ernsten „Fragen“, die die Aktualität aufzuwerfen beliebt. Um mit der abgedroschensten zu beginnen: Es gibt keine „Einwanderungsfrage“. Wer wächst noch da auf, wo er geboren ist? Wer wohnt da, wo er aufgewachsen ist? Wer arbeitet da, wo er wohnt? Wer lebt da, wo seine Vorfahren wohnten? Und die Kinder dieser Epoche, wessen Kinder sind sie, die des Fernsehens oder die ihrer Eltern? Die Wahrheit ist, dass wir in Massen von jeder Zugehörigkeit losgerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr sind, und dass daraus, gleichzeitig mit einer ganz neuen Bereitschaft zum Tourismus, ein unleugbares Leiden folgt. Unsere Geschichte ist die der Kolonisierungen, der Migrationen, der Kriege, der Exile, der Zerstörung aller Verwurzelungen. Es ist die Geschichte all dessen, was aus uns Fremde in dieser Welt, Gäste in unserer eigenen Familie gemacht hat. Wir wurden unserer Sprache enteignet durch den Unterricht, unserer Lieder durch die Schlagermusik, unserer Körperlichkeit durch die Massenpornografie, unserer Stadt durch die Polizei, unserer Freunde durch die Lohnarbeit. Dazu kommt, in Frankreich, die grausame, jahrhundertealte Individualisierungsarbeit einer Staatsgewalt, die ihre Subjekte vom frühesten Kindesalter an benotet, vergleicht, diszipliniert und trennt, die instinktiv die Solidaritäten, die sich ihr entziehen, zermalmt, damit nur noch die Staatsbürgerschaft überbleibt, die reine, wahnhafte Zugehörigkeit zur Republik. Der Franzose ist mehr als jeder andere der Enteignete, der Elende. Sein Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden. Seine mit Entsetzen vermischte Eifersucht auf die „Vorstädte“ drückt nur sein Ressentiment aus gegen alles, was er verloren hat. Er kommt nicht umhin, diese so genannten „Problemviertel“ zu beneiden, wo noch ein bisschen gemeinschaftliches Leben fortbesteht, einige Verbindungen zwischen den Wesen, nichtstaatliche Solidaritäten, eine informelle Ökonomie, eine Organisation, die sich noch nicht von denen abgelöst hat, die sich organisieren. Wir sind an einem solchen Punkt der Beraubung angekommen, an dem die einzige Art, sich als Franzose zu fühlen, darin besteht, auf die Immigranten zu schimpfen, auf alle, die augenscheinlicher Fremde wie ich sind. Die Immigranten haben in diesem Land eine seltsame Position der Souveränität: Wenn sie nicht da wären, würden die Franzosen vielleicht nicht mehr existieren.

aus „Der kommende Aufstand“, Unsichtbares Komitee, erschienen in Frankreich 2007

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s