Archiv für Januar, 2015

Logo Ich bin ein StarVon Kristian Stemmler

Westliche Werte sind momentan ja in aller Munde. Wir sind die Guten, wir haben Meinungsfreiheit, wir haben Pressefreiheit, wir sind zivilisiert. Mit Schaudern blicken wir in den Nahen und Mittleren Osten, wo Menschen von barbarischen Islamisten geköpft und Blogger ausgepeitscht werden. Und nun laufen diese Leute auch noch mit Kalaschnikows in unseren Hauptstädten herum und erschießen Journalisten. Da müssen wir zusammenstehen, da sind wir alle Charlie!

Aber was für eine Zivilisation meinen wir denn da verteidigen zu müssen? Darüber kann man lange philosophieren, aber nehmen wir einfach mal ein einzelnes Phänomen, das vielleicht mehr sagt als ein theoretischer Rundumschlag. Zappen wir mal zu RTL: Tag für Tag sehen derzeit in diesem Land mehr als sechs Millionen Menschen eine Sendung, bei der sich Menschen gegenseitig mit Insektenschleim einreiben, einen Cocktail aus pürierten Kakerlaken trinken und Truthahnhoden in den Mund nehmen.

Wie die meisten Leser schon erraten haben dürften, handelt es sich um die Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“, allgemein auch bekannt unter dem Namen „Dschungelcamp“. Das Konzept der Show besteht darin, dass eine Gruppe von B- oder C-Prominenten sich für zwei Wochen in einem Lager im australischen Dschungel einsperren lässt. Das Fernsehpublikum wählt nach und nach Kandidaten aus, die gehen müssen, bis einer oder eine übrig bleibt, der „Dschungelkönig“ oder die „Dschungelkönigin“.

Zuvor müssen die Kandidaten so genannte Dschungelprüfungen über sich ergehen lassen, die immer mit Insekten oder anderem als ekelhaft eingeschätzten Getier wie Schlangen oder Echsen zu tun haben. Dabei werden sie angehalten, auch Tierhoden, Würmer und ähnliches zu essen. Wer bei diesem Vorgang kotzt, hat verloren. Zwei Moderatoren stehen neben den Kandidaten und geben sarkastische Kommentare von sich, die witzig sein sollen.

An diesem widerlichen Schrott ergötzen sich also jeden Tag Millionen Deutsche, und besonders viele in der bei der Konsumgüterindustrie so beliebten Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. Und in den Medien, die sich für seriös halten, wird dieses Treiben nicht etwa kritisiert und analysiert – ganz im Gegenteil! Spiegel Online zum Beispiel oder Welt.de berichten täglich wohlwollend und augenzwinkernd über diese unsägliche Scheiße.

Ja, wir sind wirklich zivilisiert… Das Dschungelcamp ist nur ein Beispiel für ähnliche „Kulturleistungen“ im Fernsehen, im Internet und anderswo. Wie viel Chuzpe gehört angesichts solcher Entwicklungen eigentlich dazu, auf die islamische Welt als rückständig oder mittelalterlich herabzublicken?! Muss man die Gladiatorenspiele im alten Rom nicht rückblickend als niveauvoll bezeichnen, wenn man zehn Minuten Dschungelcamp gesehen hat?!

Diese Welt ist doch im Zeichen von Konsumismus und Kommerzialisierung längst kulturell implodiert. Wir brauchen wahrlich keine Islamisten, um das Abendland untergehen zu lassen – das schaffen wir schon ganz allein!

Von Kristian Stemmler

Auch wenn es Buchholz ja nicht direkt betrifft, soll hier eine Lanze für Griechenland gebrochen werden. Denn der buchholz express nimmt Anteil am überregionalen Geschehen und erlaubt es sich von Zeit zu Zeit, einen Kommentar dazu abzugeben. Wie zu erwarten war, fallen die deutschen Leitmedien mit großem Geheul über die frisch gewählte Linksregierung in Athen her und beweisen damit aufs Neue, wie gleichgerichtet die deutschen Medien in ihrer großen Mehrheit schon sind.

Albrecht Müller hat auf den Nachdenkseiten dazu einen ausführlichen Beitrag geschrieben, der im Grunde schon alles sagt. Daher hier nur der Link: http://www.nachdenkseiten.de/?p=24809#more-24809

Und Kollege Rainer Rupp stellt in der jungen welt zutreffend fest: „Tsipras hat den Großeuropäern in Berlin und den Eurokraten in Brüssel deutliche Zeichen geschickt. Er scheint nicht bereit kleinbeizugeben. Für das neoliberale EU-Projekt ist das eine ernste Gefahr. Denn ihm waren bisher alle Regierungen und die Eliten aller Mitgliedsländer verpflichtet. Den Spitzen der Gesellschaft garantierte es die eigenen Vermögen und Karrieren. Vor mehr als einem Jahrzehnt aber wurde klar, dass trotz wachsender Wirtschaftsleistung immer weniger Wohlstand von oben zu den Unteren durchsickert.“

Und weiter: „Fest steht, dass Tsipras und Varoufakis eine große Gefahr für die neoliberalen Großeuropäer sind. Denn das griechische Beispiel könnte Schule machen und andere, gleichgesinnte Kräfte – insbesondere in Spanien und Italien – an die Macht bringen.“

Schon zum Abschluss des vergangenen Jahres habe ich ja der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Griechen die Troika abwählen und damit auch Merkels verdammte Austeritätspolitik. Darum kann man nur hoffen, dass Tsipras und seine Leute so weitermachen und sich von der EU nicht in Bockshorn jagen lassen. Weiter so, Griechenland!

Buchholz (kst) – In Bremen beginnt heute der Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD). Die aufstrebende rechtspopulistische Partei hat in den vergangenen Wochen vor allem durch personelle Querelen auf sich aufmerksam gemacht. Die gibt es offenbar nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in den lokalen Gliederungen. Jedenfalls ist der Vorsitzende des Stadtverbandes Buchholz der AfD, Manfred Wiehe, schon nach kurzer Zeit von seinem Amt zurückgetreten.

Das Interesse daran, diesen Vorgang öffentlich zu machen, scheint eher gering zu sein. Man muss schon auf der Seite des Stadtverbandes, auf der die Meldung von der Wahl des neuen Vorstandes des Stadtverbandes steht, ganz nach unten scrollen, um von dem Rücktritt zu erfahren. Dort steht unter der Überschrift „Ihre Ansprechpartner aus dem Vorstand: Manfred Wiehe (erster Vorsitzende, zurückgetreten).“ Über die Gründe ist nichts vermerkt.

Natürlich wäre es auch denkbar, dass Wiehe aus gesundheitlichen oder anderen privaten Gründen sein Amt aufgegeben hat. Es fällt aber auf, dass er seine Mandate immer nur recht kurz wahrnimmt. Als Nachrücker für die CDU im März 2013 in den Stadtrat eingezogen, legte er dieses Mandat bereits gut eineinhalb Jahre später wieder nieder und wechselte zur AfD. Dort wurde er am 14. November 2014 bei der Gründung des Stadtverbandes zu dessen erstem Vorsitzenden gewählt, war also nur sehr kurz im Amt. Sein Stellvertreter ist Norbert Castagna.

Wer sachdienliche Hinweise zu dem Vorgang machen kann, kann dies gern in der Kommentarspalte tun oder eine Mail an buchholzexpress@gmx.de schicken.

Tostedt (kst) – Unter der Überschrift „Nein zum Bau von Containerdorf! Ortseingang mit bitteren Nachgeschmack für die Gemeinde Tostedt“ haben Gegner der geplanten Unterkunft für Asylbewerber an der Todtglüsinger Straße versucht, eine Petition ins Internet einzustellen. Nicht der grammatikalische Fehler in der Überschrift und die Unbeholfenheit des nachfolgenden Textes haben das Vorhaben verhindert, sondern der Inhalt der Erklärung. Die Administratoren der Website „openPetition“, auf der jedermann Petitionen einstellen kann, sperrten die Erklärung.

Der Standort sei nicht gut gewählt, argumentieren die Verfasser der Petition. Das Containerdorf werde den Ortseingang unattraktiv machen, Familien und Anwohner würden sich nach seiner Eröffnung unsicher machen, die Immobilienpreise würden sinken. Dann sei das Ganze undemokratisch beschlossen worden und führe zu „provozierter Wut“ am „Brennpunkt von Tostedt“.

„Die Petition wurde wegen Nichtbeachtung der Nutzungsbedingungen gesperrt“, heißt es auf derselben Seite. Zum Grund der Sperrung heißt es: „Beleidigende, herabwürdigende und diskriminerende Petitionen werden beendet und gelöscht. Dies umfasst die Beleidigung, Herabwürdigung und Diskriminierung von Einzelpersonen oder Personengruppen, die nach einer oder mehreren der folgenden Kriterien Gruppen zugeordnet werden oder sich selbst zuordnen: Geschlecht, religiöse Zugehörigkeit, Glaube, Herkunft, Kulturkreis, Aussehen, Behinderung, Familienstand, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder Sprache.“

Und weiter: „Der Petitionstext nimmt Gleichsetzungen von Asylsuchenden mit Gefahr, Bedrohung und Gewalt vor. Auch die befürchtete Unruhe und „provozierte Wut“ der Anwohner/innen wird den noch nicht eingezogenen Asylsuchenden angelastet. Derartige Aussagen stellen Diffamierungen dar und verstoßen gegen unsere Nutzungsbedingungen.“ Tja, dumm gelaufen!

Willkommen auf Deutsch Plakat IIVon Kristian Stemmler

Hartmut Prahm nimmt den Zuschauer mit in sein Dorf. „In das noch beschauliche Appel“, wie er erklärt, während er die Hauptstraße entlang geht, die Kamera im Schlepptau. Fachwerkhäuser gibt es da, viel Grün, Weideland, gelbgeklinkerte, efeubewachsene Eigenheime. Niedersächsische Idylle eben. Aber diese Idylle ist gefährdet, jedenfalls wenn man Prahm glauben will. „53 ist ein Problem“, raunt er vielsagend.

So ruhig und unspektakulär beginnt der Film „Willkommen auf Deutsch“ der Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler und ihrer Firma Pier 53. Und so ruhig und unspektakulär bleibt er bis zum Schluss. Keine Nazis in Springerstiefeln, keine Fahnen schwenkenden Pegida-Anhänger, keine Politologen, die Statements von sich geben. Der Film konzentriert sich auf einzelne Menschen und ihren Alltag, geht ganz nah an sie heran und arbeitet dabei das Exemplarische heraus.

Für ihr Projekt haben Rau und Wendler den gutbürgerlichen Landkreis Harburg im Speckgürtel Hamburgs ausgesucht, stellvertretend für die insgesamt 295 deutschen Landkreise, die in Sachen Migration ja mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Fast ein Jahr lang begleiteten sie 2013 im Landkreis Flüchtlinge, Anwohner und Vertreter der Kreisverwaltung. Dabei ist ein ebenso eindrucksvoller wie mutmachender Film herausgekommen, den man mindestens zweimal sehen sollte.

Angesichts der weiter steigender Zahlen von Asylbewerbern und der aufgeregten Diskussion um die Pegida-Bewegung könnte dieser Film (bundesweiter Kinostart: 12. März) nicht aktueller sein, gerade auch wegen seiner besonderen Perspektive. „Willkommen auf Deutsch“ ist ein unaufgeregter und weiter führender Debattenbeitrag, weil er den Ursachen für die Ablehnung von Flüchtlingen auf den Grund geht und zugleich Ansätze für ihre Überwindung zeigt (geplant sind auch Vorführungen im Landkreis, so in Buchholz).

Der Film konzentriert sich auf zwei Orte, auf Appel in der Samtgemeinde Hollenstedt und auf die Gemeinde Tespe in der Elbmarsch. In Appel werden die Proteste gegen die (letztlich gescheiterte) Unterbringung von 53 Afrikanern in einem früheren Altenheim beleuchtet, die 2013 für Schlagzeilen sorgten. In Tespe begleitete das Filmteam eine tschetschenische Familie und ein Paar aus Pakistan, die in einer ehemaligen Sparkasse untergekommen sind. Diese Menschen und ihre Helfer sind die eigentlichen Hauptdarsteller des Films.

Vor allem das Gesicht von Larisa bleibt dem Zuschauer in Erinnerung. Die 21 Jahre alte Asylbewerberin ist aus Tschetschenien mit ihrer Mutter und fünf Brüdern nach Deutschland gekommen. Es geht im Film nicht um das Schicksal der Familie im Heimatland, es geht um ihren Alltag in Tespe, um ihre Sorgen und Ängste. Larisa wird gezeigt beim Staubsaugen, beim Kochen, wie sie ihren kleinen Bruder in der Badewanne wäscht.

Die Mutter ist im Krankenhaus, weil die Sorge um die Zukunft sie krank gemacht hat. „Wir haben Post bekommen, in der stand, dass wir abgeschoben werden sollen“, erklärt Larisa. Die Familie ist über Polen nach Deutschland gereist, nach EU-Recht müsste sie dorthin abgeschoben werden, denn zuständig ist immer das Land der Erstaufnahme. Sie hätten immer Angst davor, dass das passiert, sagt die junge Frau: „Es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst.“

Von Tespe geht es wieder zurück nach Appel. Hartmut Prahm, Mitgründer der Bürgerinitiative gegen die Unterbringung der 53 Asylbewerber, sitzt mit dem Bürgermeister des Dorfes, Reinhard Kolkmann (SPD) in dessen Büro, mit am Tisch sind noch zwei Mütter aus dem Dorf. Man ist sich einig, dass die Unterbringung von 53 Flüchtlingen im Dorf „nicht sozialverträglich“ wäre. Mütter fürchteten, ihre jugendlichen Töchter dann abends nicht mehr auf die Straße lassen zu können, heißt es da.

Ähnliches ist Ende Oktober 2013 auf einer Informationsveranstaltung im „Deutschen Haus“ in Appel zu hören, auf der es um die geplante Unterkunft für Asylbewerber geht. Mehr als 200 Bürger haben sich versammelt, meist gut situierte Mittelschichtler, die Stimmung ist aggressiv und feindselig. Natürlich wissen die Leute, was man in der Öffentlichkeit sagen darf und was nicht. Die rhetorische Linie wird auch in den Statements von Prahm und seinen Mitstreitern deutlich: Man habe ja nichts gegen Ausländer, aber müssen es gleich so viele sein?!

Reinhard Kolkmann steht im Film exemplarisch für diejenigen Kommunalpolitiker, die dem Volk oder was sie dafür halten nach dem Munde reden statt aufzuklären und gegenzuhalten. So benutzt er ohne jede Einordnung den NS-Begriff „Überfremdung“ und sagt Sätze wie: „Es gibt immer dann keine Vorbehalte gegen Ausländer, wenn ich sie kenne, wenn ich mit den Kindern vielleicht Kontakt habe oder so. Aber wenn 53 Schwarzafrikaner nach Appel kommen, gibt es garantiert große Vorbehalte.“

Im Film bleiben all diese Äußerungen wie alle anderen unkommentiert, aber Rau und Wendler haben dazu nach den Dreharbeiten klar Stellung bezogen. Zu Recht fragen sie: „Wie passt es zusammen, dass Menschen beteuern, sie hätten nichts gegen Ausländer, kurz darauf aber Bürgerinitiativen gründen, weil sie angesichts eines neuen Asylbewerberheims um die körperliche Unversehrtheit ihrer Töchter oder den Marktwert ihrer Eigenheime fürchten?“

Reiner Kaminski steht für eine andere Haltung. Im Film ist der Fachbereichleiter Soziales der Kreisverwaltung in Winsen so etwas wie ein verbindendes Element. Er ist beim Landkreis unter anderem für die Unterbringung der Asylbewerber zuständig und stellt sich an den dafür vorgesehenen Standorten, gemeinsam mit dem Pressesprecher des Landkreises, Johannes Freudewald, den Anwohnern. Ein Job, für den man ein dickes Fell braucht.

Dass für ihn die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge mehr ist als eine lästige Pflicht, macht Kaminski gleich zu Beginn des Films deutlich. Er plädiert für den Aufbau einer „Willkommenskultur“ und nimmt klar Partei für die Asylbewerber. „Wir nehmen Menschen aus Notlagen auf, die einiges auf sich genommen haben, ihr Leben zu retten“, sagt er. „Und von daher stehe ich auch persönlich voll dahinter, dass unsere Gesellschaft diese Menschen auch positiv aufnimmt.“

Wie das funktionieren kann, dafür liefert „Willkommen auf Deutsch“ einige Beispiele. Der Film nimmt den Zuschauer mit zu einem „Internationalen Café“ in einer Kirchengemeinde in Winsen, wo die Asylbewerber sich untereinander austauschen können, aber auch deutsche Ansprechpartner kennen lernen. Vorgestellt werden auch engagierte Helfer der Flüchtlinge wie die Rentnerin Ingeborg Neupert, die sich mit großer Tatkraft um die tscheschenische Familie in Tespe kümmert.

Den Dokumentarfilmern ist das Kunststück gelungen, mit ihrem Film ein klares Statement für eine offene Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland abzuliefern, ohne dass sie in den 89 Minuten einen einzigen Kommentar abgeben. Sie schaffen das vor allem mit der Wahl der Perspektive, mit der Auswahl der Szenen und dem Schnitt und mit einer sehr eindringlichen Bildersprache. Dass der Film hervorragend fotografiert ist, ist mehr als ein formaler Pluspunkt, weil die Ästhetik sich immer in den Dienst der Botschaft stellt.

„Willkommen auf Deutsch“ hat große Momente. So die Szene, in der das pakistanische Paar auf der Bank einer Bushaltestelle sitzt und der Mann in seiner Sprache ein Lied über das Leid singt. Oder die Szene, in der Hartmut Prahm in seinem Wohnzimmer steht und über die schönen großen Bäume im Garten spricht, die dazu beigetragen hätten, dass er nach Appel zieht. Oder das Statement von Evelin Schätzle, sie habe im Zweiten Weltkrieg selbst Flucht und Vertreibung und die Ablehnung der Einheimischen erlebt, darum helfe sie der tschetschenischen Familie in Tespe.

Erst im Kontrast wird vieles deutlich. Etwa wenn der feindseligen Atmosphäre in Appel die Offenheit der Helfer gegenübergestellt wird. Es wird deutlich, wie irrational, ja schäbig und beschämend die abweisende Haltung der Anwohner in Appel ist, die sich genauso ja in vielen anderen Orten findet. Die Flüchtlinge im Film kommen mit wenig Ansprüchen und großen Hoffnungen nach Deutschland, sie wirken wehrlos und bescheiden. Sie freuen sich über spartanische Unterkünfte in einem Container oder einer Pension, aus denen die meisten Deutschen nach einer Nacht flüchten würden.

Seit zehn Jahren befassen sich Rau und Wendler mit dem Thema Flucht und Migration, ihr Film „Wadim“ erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde auf Festivals im In- und Ausland gezeigt. Für ihre Filme begleitete das Duo immer wieder Flüchtlinge, die unter „erschütternden Umständen“ in Deutschland leben. Die öffentliche Reaktion darauf sei von Empörung und Empathie geprägt gewesen, aber geändert habe sich wenig. Darum habe man für „Willkommen auf Deutsch“ die Perspektive geändert, auch die deutschen Nachbarn einbezogen.

In begleitenden Statements stellen die Filmer ihr Projekt in einen größeren Kontext. Weltweit seien derzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Vertreibung, erklärt Hauke Wendler. Das seien die höchsten Zahlen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In Deutschland lande nur ein Bruchteil dieser Flüchtlinge, 2014 gab es rund 200.000 neue Asylbewerber. Wendler: „Das muss ein Land wie Deutschland bewältigen können.“

Und Rau ergänzt: „Ich glaube, es wäre utopisch davon auszugehen, dass jeder der 82 Millionen Deutschen, sich wahnsinnig freut, wenn fremde Kulturen, fremdes Essen und fremde Sprachen in der Nachbarschaft einziehen. Das kann man nicht erwarten.“ Aber, und das hätten die Dreharbeiten zum Film ganz klar gezeigt: „Da wo Kontakte entstehen zwischen Asylbewerbern und den deutschen Anwohnern, da erledigen sich viele Vorurteile von selbst. Die Probleme entstehen immer da, wo nicht geredet wird.”

Buchholz (kst) – Die Polizeiinspektion Harburg hat jetzt den Steinwurf auf eine Kneipe in Buchholz bestätigt, von dem der buchholz express bereits vor einigen Tagen berichtet hatte. Und zwar hat die Polizei einen Zeugenaufruf zu dem Vorfall veröffentlicht. Potenzielle Zeugen sollen sich beim Staatsschutz melden, das ist die Abteilung der Polizei, die sich um Delikte mit politischem Hintergrund kümmern soll.

Aus der Meldung, die vom Nordheide Wochenblatt natürlich wieder einmal eins zu eins übernommen wurde, gehen die Hintergründe allerdings nicht hervor. Es heißt da lediglich, eine „bislang unbekannte Gruppe von sieben bis acht Personen“ habe sich in der Nacht zum 11. Januar vor der Musikkneipe „Empire“ an der Bremer Straße aufgehalten. Gegen 1.10 Uhr habe eine Person aus der Gruppe einen Stein gegen ein Fenster geschleudert, ein Gast sei durch Splitter leicht verletzt worden.

Laut Zeugenaussagen seien die Personen vermummt gewesen und sollen „aus der linken Szene stammen“, schreibt die Polizeiinspektion weiter. Da fragt sich der unbefangene Leser doch gleich, wie man nachts Vermummte erkennen will. Die Polizei berichtet nicht, dass von dem Vorfall zuerst auf dem Twitter-Account der Nazigruppe AG Nordheide die Rede war und es dort hieß, der Angriff habe zwei „Nationalisten“ gegolten, also Nazis, die sich mit Freunden in der Kneipe aufhielten.

Dass es sich also möglicherweise um eine Auseinandersetzung zwischen Antifa und Nazis handelte, wird hier bewusst verschwiegen. Denn merke: Nazis gibt es in Buchholz nicht, und wir wollen das Thema ja auch nicht hochschreiben! Der buchholz express meint: Ein Problem wird nicht dadurch kleiner, dass man es verschweigt. Und der Wirt vom „Empire“ sollte sich genau ansehen, wen er in seiner Kneipe so bewirtet…

Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.

Standen den Anwohnern Rede und Antwort (v. li.): Jürgen Lürtzing und Peter Dörsam von der Samtgemeinde, Reiner Kaminski und Johannes Freudewald.

Von Kristian Stemmler

Nach den Anschlägen von Paris und angesichts der Diskussion um die Pegida-Bewegung werden die Ressentiments gegen Asylbewerber vermutlich nicht weniger – auch im Landkreis Harburg. Das bedeutet für die Verwaltung des Landkreises, dass sie nicht nur mit der Unterbringung von Flüchtlingen viel Arbeit hat, sondern auch mit der Durchsetzung von Unterkünften. Und diese Arbeit, die viel Geduld und starke Nerven erfordert, wird in diesem Jahr nicht weniger.

Die Zahl der vom Landkreis aufzunehmenden Flüchtlinge wird sich nämlich voraussichtlich mehr als verdoppeln. Derzeit sind im Landkreis rund 1300 Asylbewerber untergebracht, von denen rund 120 einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Bis Ende 2015, so sagte Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises, dem buchholz express, müsse man etwa 1850 weitere Flüchtlinge aufnehmen. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurden 784 Flüchtlinge neu aufgenommen.

Wie im vergangenen Jahr wird Freudewald darum auch 2015 viel mit Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales des Landkreises, unterwegs sein, um für Akzeptanz zu werben. Um zu informieren, aufzuklären, Vorurteile und Bedenken abzubauen. Wo immer Asylbewerber untergebracht werden sollen, stellen die beiden sich schon im Vorfeld bei Informationsveranstaltungen den Anwohnern.

Am Mittwochabend traten Kaminski und Freudewald in Tostedt an. Dort soll demnächst die dritte Containeranlage für Asylbewerber im Ort aufgestellt werden, auf einer rund 6500 Quadratmeter Fläche an der Todtglüsinger Straße, in Nachbarschaft zu Feuerwehr und zum Christus Centrum Tostedt (CCT). Rund 120 Flüchtlinge sollen dort unterkommen. Die Anlage soll Anfang Mai bezugsfertig sein, neben der Anlage soll ein Bolzplatz angelegt werden.

Bei einer Veranstaltung im CCT, zu der mehr als 200 Anwohner kamen, informierten Kaminski und Freudewald gemeinsam mit dem grünen Tostedter Bürgermeister Peter Dörsam über das Vorhaben. Zu den befürchteten Protesten von Neonazis kam es nicht. Anders als vor einem Jahr, als etwa 35 Nazis eine Informationsveranstaltung im Rathaus zur Errichtung der ersten beiden Containeranlagen in Tostedt stören wollten, tauchten diesmal nur ein, zwei polizeibekannte Rechte auf. Sie wurden aber abgewiesen, da es sich um eine geschlossene Veranstaltung für die Anwohner handelte. Die Polizei war vor Ort, musste aber nicht groß eingreifen.

Proteste gab es aber dann im Saal. Wobei der Unmut sich weitgehend in derselben Weise äußerte, die Kaminski und Freudewald von vielen ähnlichen Veranstaltungen im vergangenen Jahr kennen. Da gab es die üblichen Befürchtungen, dass man auf der Straße abends nicht mehr sicher sei, wenn die Unterkunft erst eröffnet wurde, dass die Grundstückspreise sinken könnten und dergleichen mehr. Natürlich durfte auch der Hinweis nicht fehlen, dass 120 Flüchtlinge zu viel für den Standort seien.

Wie groß die Begriffsverwirrung bei manchem bereits ist, zeigte die Äußerung eines Anwohners, der über eine mögliche Gefährdung durch Islamisten in Tostedt delirierte. Die hysterische Berichterstattung in den Medien in letzten Wochen ist da sicher nicht ganz unschuldig. Andere Anwohner fühlten sich bei der Planung der Anlage übergangen, so wurde beklagt, dass die nicht früher öffentlich gemacht wurde. Dazu Freudewald: „Wir machen diese Veranstaltungen mit den Anwohnern ja auch deshalb, damit die nicht sagen: Warum erfahren wir davon aus der Zeitung?!“

„Tostedt leistet angesichts der weiter steigenden Zahl von Flüchtlingen seinen Beitrag, um den zu uns kommenden Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten geeignete Unterkünfte bereitzustellen“, sagte Dörsam. „Ich appelliere an die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde, offen auf ihre neuen Nachbarn zuzugehen.“ Der Landkreis betreibt in Tostedt mit der Firma Human Care bereits zwei Wohnanlagen für 116 Flüchtlinge am Helferichheim und am Elsterbogen.

In Tostedt sind bereits viele Menschen ehrenamtlich aktiv, die sich um die Betreuung der Flüchtlinge kümmern, Spenden sammeln und Möglichkeiten zur Begegnung schaffen. Mit dabei sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Johannesgemeinde, der katholischen Kirchengemeinde Heilig Herz Jesu und des Tostedter Forums für Zivilcourage. „Über diese ehrenamtliche Unterstützung sind wir sehr glücklich und hoffen, dass sich weitere Bürgerinnen und Bürger daran beteiligen“, betonte Dörsam.

Auch die Gemeinde des Christus Centrums wird ihren Beitrag leisten. So könnten im CCT Sprachkurse stattfinden, dort könnte auch ein Internationales Café eröffnet werden. Diese Cafés haben sich andernorts bereits als Anlaufpunkt für die Flüchtlinge bewährt. Auf Seiten der Samtgemeinde ist Ewald Wehkamp Ansprechpartner für ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer (Telefon 04182-298254). Eine Unterbringung von 120 Asylbewerbern in Containern hat den Vorteil, dass die Flüchtlinge von einem Heimleiter und Sozialarbeitern professionell betreut werden können.

Mit dem Schicksal von Flüchtlingen im Landkreis Harburg befasst sich ein Dokumentarfilm, der am 12. März unter dem Titel „Willkommen auf Deutsch“ in die Kinos kommen wird. Die Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler haben fast ein Jahr lang, Asylbewerber und Anwohner im Landkreis begleitet. Auch die Bemühungen von Kaminski und Freudewald werden in dem Film gezeigt. Der buchholz express wird in den nächsten Tagen eine ausführliche Filmkritik veröffentlichen.